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Marvin & Friends
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Freunde sind das Auffangnetz des Lebens. Hat man ein Problem, so sind sie es, die (fast) immer für Rat und zukünftige Tat zur Seite stehen.
Das habe ich gedacht, denn seit ein paar Monaten treffe ich kaum noch einen meiner sogenannten Freunde. Tom verbringt hundert Prozent seiner Zeit mit Eva und Fred schwebt mit Mona im siebten Himmel. Angerufen werde ich nur noch, um mir kleine Argwohnweiten des jeweiligen Partners anzuhören, aber natürlich, das dürfe ich nie vergessen, sorgt man sich auch um mein Wohl. Der Meldegrund scheint trotz allem immer derselbe zu sein: sie oder er will dies und das nicht und sowieso kann er oder sie dies und das überhaupt nicht verstehen. Man hätte schon ständig darüber gesprochen, aber eine Veränderung sei nie in Sicht. Wenn das so weitergehe, dann werden Konsequenzen gezogen, aber vom Feinsten. Denn dann würde sie oder er sich aber wundern, und so weiter, und so fort.
Schlussendlich - innerhalb eines Tages - ist der Streit zum reinen Wein in das Beziehungsglas eingegossen worden und die Sonne scheint wie nie zuvor im Pärchenland.
Ich habe es wirklich satt. Mit der Zeit habe ich sogar überlegt meine Telefonnummer in eine 0180-Nummer umändern zu lassen und mich als Beziehungsproblemberater selbständig zu machen. Dann müssten die Anrufer wenigstens für das gequälte Zuhören meiner Person zahlen.
Aber ich verwerfe den Gedanken wieder und ziehe meinen Telefonstecker aus der Telefondose.
Heute möchte ich nicht beziehungstechnisch massakriert werden.

In diesem Moment rüttelt und schüttelt sich mein Handy - eine SMS. Ich klatsche mir die rechte Hand vor den Kopf und verfluche die Allgegenwärtigkeit der Erreichbarkeit.
Ich lese: "Hatten gerade versucht Dich anzurufen. Bist wohl nicht da. Wir, Tom, Fred, Mona, Sascha und Jenny, wollen in eine Cocktailbar gehen. Kommst mit?" Eine SMS von Eva.
Ich lese die SMS erneut durch und verharre bei ‚Fred' in Kombination mit ‚Jenny'. Wie soll das denn hinhauen? Zwei Erzfeinde an einem Tisch? Fred und Jenny? Das kann doch nicht gut gehen.
Ich gehe zu meinem Telefon und wähle Freds Nummer. Aber die Leitung ist tot. Ich kratze mir den Kopf und tippe erneut seine Nummer. Ach man, jetzt ist mein Telefon auch noch defekt. Mein Handy zu benutzen, ist mir zu teuer und zu einer Telefonzelle zu laufen, passt mir heute gar nicht. Abgesehen mal davon, dass ich keine Telefonkarte besitze und mein Kleingeld gestern verloren habe.
Ich schreibe Eva eine SMS zurück: "Weiß noch nicht. Nur Pärchen und ICH. Keine Lust! Schönen Abend noch - Marv" und auf ‚Senden' drücken.
Kurz danach, ich komme kaum dazu mich um mein kaputtes Telefon zu kümmern, vibriert mein Handy schon wieder. "Verflucht sei diese Technik", und damit meine ich mein Telefon und meine mobile, jedoch kostspielige Telefonzelle.
"Komm schon, Marv. Du verkriechst Dich schon eine ganze Weile. Zieh Dich an und komm vorbei. LOS!" Wieder Eva.
Ich schaue auf mein zerstörtes Telefon und überlege kurz. Verkriechen kann man meinen Zustand nicht unbedingt nennen. Es ist eher ein Verstecken vor Pärchen.
Aber ich bin Single genug, um mich dieser Zirkusshow zu stellen und außerdem habe ich alle schon lange nicht mehr live gesehen. Immer das möglichst Positive aus dem Negativen ziehen.
Ich gehe zu meinem Kleiderschrank und ziehe mich um: graues Hemd, Jeans, Gel in die Haare und ab. Ich überprüfe schnell meine Wohnung und verfluche noch einmal mein Telefon. Gerade als ich meine Wohnungstür abschließe, überkommt mich ein Geistesblitz: "Das Telefonkabel, aber natürlich, das hat bestimmt einen Bruch!"
Diese technische Erkenntnis erfreut mich den Weg zu Eva. Gemütlich überquere ich die Strassen und die Abendsonne strahlt mir freudig ins Herz.
"Ist doch wieder ganz schön draußen zu sein", denke ich innerlich schmunzelnd. Ich schließe kurz die Augen und strecke, wie eine Gottesanbeterin, mein Gesicht Richtung Sonne und kleine Sonnenstrahlen tanzen zart auf meinen blassen Pigmenten.
Mit jedem weiteren Schritt verliere ich meine Demotivation und - ja - mit jedem weiteren Schritt freue ich mich sogar auf die ‚üblichen Verdächtigen', also Tom, Eva, Sascha, Jenny, Fred und Mona. Ich glaube, ich werde mich heute bei Mona entschuldigen, für das, was ich ihr letztens angetan habe. Mein Verhalten ist ihr gegenüber nicht fair gewesen. Ich finde mein emotionales Gleichgewicht und überlege über das, was ich gerade überlegte. Soviel Einsichtigkeit? Von mir? Heute muss es wirklich ein guter Abend werden.
So stehen die Zeichen.

"Ja, bitte", dröhnt es fragend aus dem Haustürensprecher.
"Marv, hier!" Sofort begrüßt mich ein türöffnendes Brummen.
Ich betrete nach ewigem Stufentreppen und einem stechenden Schmerz in der Lunge Evas Wohnung.
Nur in einem langen Badehandtuch eingewickelt, begrüßt mich Eva mit dem Worten: "Hi, muss nur kurz duschen. Fühl' Dich wie zuhause. Tom holt uns circa in einer Stunde ab." Weg ist sie und ich höre harte Wasserstrahlen auf sanfte Haut platschen.
Ich gehe ins Wohnzimmer und setze mich auf die Couch. Vor mir sehe ich ein großes Billy-Regal von IKEA. (Wer hat denn schon keinen Billy?) Dort erkenne ich drei Photoalben mit der vertikalen Aufschrift ‚Urlaub in Griechenland'. Tom ist nicht da und so überlege ich, ob ich mir in der Zwischenzeit nicht noch einmal alle Bikiniphotos anschauen soll. Bei dem Gedanken fühle ich mich aber wie ein latenter Spanner und streife durch Evas kleine Küche. "Nett, nett", denke ich, streife wie ein Panther weiter. Ich entdecke Ingo in der Küche. (Ingo = IKEA-Küchentisch) in hellblau.
"Du kannst Dir ruhig ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen. Für mich auch eins, bitte. Bin gleich da", schallt es hinter der geschlossenen Badezimmertür.
Ich öffne den Kühlschrank und nehme zwei Flaschen Bier heraus. Ich taste mich nach einem Feuerzeug ab, öffne die beiden Flaschen mit diesem und kehre ins Wohnzimmer zurück.
Die Badezimmertür öffnet sich und Eva erscheint in ihrem Badetuch. Ich schaue aus dem Fenster, um einviertel ihrer Nacktheit zu übersehen. Ich empfinde solche Gesten als höflich und nicht als bieder. Gentleman pur.
"Ach, das tat gut", höre ich Eva neben mir sagen.
Ich drehe mich um und Eva steht plötzlich vor mir, in ihrem Badetuch - halb trocken, halb durchnässt.
"Ähäh, ähäh, ... Du... ähäh..." Kleine, glitzernde Perlen aus Wasser schmücken ihr Dekolleté, das Tuch eng um den Körper gebunden, die langen, nassen Haare liegen sanft auf ihren Schultern und eine lange Strähne ziert ihr süßes Gesicht. "Mit ihr muss Tom aber echt Spaß haben - heißer Feger!"
"Stooop, Herr Marvin Vascandu", schreit meine Vernunft und die Stimme erinnert mich ein bisschen an Eddie Murphy, "was machen Sie da?"
"Keine Ahnung, ich begutachte nur?"
"Das nennen Sie begutachten? Kleine Perlen, süßes Gesicht? Heißer Feger? Sie beginnen gerade Eva positiv zu konditionieren." Wieso muss Herr Vernunft ständig hochgestochen sprechen?
"Kondi-was?"
"Auch egal. Es ist Eva. Toms Freundin, die Freundin Deines besten Freundes! Capice?"
"Ja", antworte ich Herrn Verstand genervt.
"Marv, alles klar", fragt Eva und setzt sich neben mich.
"Hatte einen kleinen Aussetzer."
"Das habe ich gemerkt, Du hast die ganze Zeit auf mein Dekolleté gestarrt."
"Naja, also ein Starren war es bestimmt nicht."
"Wie nennst Du denn sonst so einen Gesichtsausdruck", und sie äfft mich nach. Wenn ich wirklich so ausgesehen habe, ist es wirklich ein Starren gewesen- wie unangenehm.
"Was gibt es denn Neues bei Dir", fragt mich Eva und nimmt einen kräftigen Schluck, den sie mit einem durstlöschenden "Ahhh!" beendet.
"Mein Telefon ist im Eimer. Dumme Sache. Gestern ging es noch."
"Sehr weltbewegend. Und sonst?"
Ich versuche irgendeinen besonderen, erzählwürdigen Moment, den ich vielleicht erlebt haben könnte, in meinem Kurzzeitgedächtnis zu suchen, werde aber nicht fündig.
"Nix!"
"Nix?"
"Nix", sage ich.
"Hm!"
"That's life", und langsam wird es wieder unangenehm. Es liegt aber mehr an der Tatsache, dass Eva mittlerweile halbnackt neben mir sitzt. Schlimmer, mir wird bewusst, dass sie ja vollkommen nackt unter diesem Badetuch ist und das wirft mich erneut aus der Bahn der Gradlinigkeit. Kaum einer duscht in seinen eigenen vier Wänden in Badehose oder Badeanzug.
Nun gut, am FKK-Stand hätte ich damit keine Probleme, da ist es normal. Da muss man auch nackt herumliegen, -sitzen, was weiß ich alles. Aber in der eigenen Wohnung, mit Besuch? So gut kennen wir uns nun auch wieder nicht. Ich fühle mich wie jemand, der mit Badehose und T-Shirt einen FKK-Strand besucht. Vielleicht sollte ich mich auch bis auf meine Boxershorts entblößen oder ganz nackt und nur ein großes Badetuch umwickeln.
"Hast Du noch ein Badetuch?"
"Wie? Für was das denn", fragt Eva verständlich verstört.
"Ach, nur so eine Idee!"

Wie es meistens der Fall ist, gewinnt die Vernunft den Boxkampf mit der Seele durch einen Knock-out. Aber etwas hat sich bezüglich Eva in meinem Inneren geändert und das ist meinem Verstand bewusst geworden.
Endlich hat sich Eva umgezogen und sie sitzt wieder neben mir.
"Warum ich mich gemeldet habe. Es ist so, wir haben, glaube ich, eine Frau für Dich gefunden."
Ich werde kreidebleich. Eva merkt das.
"Marv, (wwoh), ruhig. Keine Sorge, sie ist eine ganz Nette, ehrlich."
"Wieder verkuppeln? Habt ihr Pärchen nichts anderes zu tun? Trefft ihr Pärchen Euch denn nur, um alleinlebende Singles zu verkuppeln? Es gibt doch soviel Leid auf dieser Welt. Warum beschäftigt ihr Euch nicht einmal mit diesem Thema. Findet Lösungen für den Welthunger, für die Arbeitslosigkeit oder den wirtschaftlichen Wachstum, aber lasst die armen Singles daraus. Besonders mich."
"Wir machen uns eben nur Sorgen. Jeder brauch doch was für das Herz. Auch Du!"
Ich merke, wie eine Aggressionswelle in mir hochsteigen möchte. Das Kreidebleich weicht einem Feuerrot.
"Ich glaube, ich habe etwas Falsches gemacht", merkt Eva, meine Aggression sichtlich spürend.
"Wenn ich Dich nicht so mögen würde, wäre ich schon aufgestanden und gegangen." Ich versuche mich zu beherrschen - es ist sehr schwierig. Also bleibe ich lieber ruhig und zünde mir eine Zigarette an. Dabei schüttele ich den Kopf und bringe ein "Unfassbar" hervor.
"Ja, aber, ... wir alle haben uns nur Sorgen gemacht."
"Auf wem ist der Mist wieder gewachsen? Jenny?"
"Äh, also, bevor ich Dir sage, wer die Idee hatte, musst Du mir versprechen, Dich nicht aufzuregen."
"Ich wusste es, ich wusste es, es konnte nur Jennys Idee sein. Diese kleine 23-jährige mit dem Gehirn einer zwölfjährigen. Stimmt es, stimmt es", frage ich zornig.
Eva nickt nur eingeschüchtert. Ironischerweise beruhigt es mich, dass ich im Recht bin.
"Also", beginne ich ruhig, "habt ihr Jenny nur zugestimmt."
"Naja", Eva wirkt nun beunruhigter, "wir alle fanden die Idee nicht schlecht."
Der Wutkessel kocht: "Ohh mann, das kann doch nicht wahr sein!" Ich springe auf und gehe in die Küche. Nicht um ein weiteres Bier zu besorgen, sondern um ein bisschen Bewegungstherapie zu absolvieren.
Im Wohnzimmer setze ich mich wieder und frage: "Okay, okay, wer soll es denn sein?"
Eva ist nun kurz und bündig: "Fiona, eine Arbeitskollegin von mir."
Fiona? Naja, wenigstens klingt der Name schön.
Plötzlich durchzuckt mich ein diabolischer Plan und ich grinse ad hoc vor mich hin.
"Was ist denn jetzt los", fragt Eva.
"Ach nichts. Ich habe es mir überlegt. Ich glaube, dass der Abend ganz lustig werden kann. Wie gut kennst Du denn diese Fiona?"
"Wir machten die gleiche Ausbildung. Warum?"
"Nur so, nur so." Der Plan ist echt gut, der in meinem Kopf zur Perfektion reift. "Wann will uns Tom noch einmal abholen?"

Die Cocktailbar ist ein netter Spaziergang von einer halben Stunde gewesen. Tom und ich haben viel gelacht und alte Zeiten aufleben lassen.
An der Bar angekommen, erkennen wir auch schon Fred, Mona, Sascha und Jenny, die mich liebevoll in den Arm nimmt. Sascha nickt mir nur zu. Fred umarme ich und Mona gebe ich die Hand, ziehe sie schnell an mich heran und sage: "Tut mir leid, wegen letztens."
Mona lächelt mir zu und flüstert mir ins Ohr: "Marv, alles vergessen. Ehrlich!" Ich bedanke mich herzlich und nehme sie in den Arm. Fred schaut mich an und ich knipse ihm ein Auge zu, was soviel bedeutet wie: "Tut mir alles sehr leid!" Fred lächelt zurück und zwinkert mir gleichermaßen zu.
Wie schön, wenn alles verziehen wird.
Wir gehen hinein und setzen uns an einen großen, runden Tisch und da alle von meinem Blinddate wissen, wird auch der letzte Platz neben mir frei gelassen.
"Wo ist Fiona", frage ich mit unverholender Vorfreude und meine Augen blitzen.
Eva zückt ihr Handy aus der Tasche und tippt herum: "Sie hat mir gerade geschrieben. Sie ist in fünfzehn Minuten da!"
"Ach, wie schön", sage ich vorfreudig.
Fred stört meine Vorfreude und fragt vorsichtig: "Du freust Dich auf dieses Date?", er blickt Eva an, "weiß er es schon, dass wir," und Eva nickt Fred zu. "Was ist denn los? Du hasst doch Verkuppeln, besonders wenn es von Jenny ausgeht." Fred schaut Jenny an: "Nichts für Ungut, Jenny!"
Jenny lacht aber nur.
Ich lache mit Jenny, Sascha beginnt zu lachen und ich steigere mein Lachen aus vollem Herzen. Dann Fred, Tom, Eva, alle lachen. Ich lache so laut und lange bis ich meine Bauchmuskeln spüre. Ihr armen Unwissenden, lacht nur. Lacht, lacht, lacht.
Mit Tränen in den Augen zitiere ich Fred nach draußen.
"Haben wir gelacht", meint Fred und wischt sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln, "ist wieder schön mit Dir und allen anderen zusammenzusein. Auch wenn wir Streit hatten, Marv, ich habe Dich wirklich vermisst."
Meine Lachtränen verwandeln sich in Glückseeligkeitstränen und ich umarme Fred spontan.
"Hey, für was war das denn?"
"Nur so, mein Freund. Bin gerade etwas sentimental geworden."
"Also, wir stehen ja nicht umsonst hier vor der Tür. Was los?"
"Kennst Du noch unsere Nummer mit den Berufen?"
Fred grinst hämisch und antwortet: "Nein, Du willst, ... wir beide und Fiona in der Mitte?"
Ich nicke nur.
"Marv, obwohl ich aus moralischen Gründen davon abraten sollte, bin ich gerne dabei. Ich wusste doch, dass Du etwas im Schilde führst! Gib mir fünf." Klatsch, zwei Männer, ein Plan.

Man hätte die Zeit stoppen können, denn Fiona ist wirklich genau nach fünfzehn Minuten zu uns gestoßen. Mit einer neuen Sitzordnung, so dass Fred neben ihr sitzt, kann der Abend beginnen.
Um Fiona kurz zu beschreiben: ihr Vorname ist das Beste an ihr gewesen. Sie ist ein schrecklicher Mensch. Laute, krächzende Stimme, erzählt dauernd von ihrer Arbeit und ihrem Hobby Röhrradfahren.
Doch endlich entkommt ihr Frage aus ihrem Mund, die den Plan ausführen soll. Sie fragt: "Und? Marv, was machst Du so beruflich?"
Ich beginne mit dem imaginären Drehbuch: "Fred und ich sind Geräusche-Scouts."
Fred ergänzt: "Unser letzter Auftrag war in Schottland. Wir sollten aufnehmen, wie Gras wächst."
Fiona schaut uns verblüfft an und fragt: "Wie? Ihr nehmt Geräusche auf? Habe ich das richtig verstanden?"
"Genau richtig", antworte ich, "wir haben eine spezielle Ausrüstung. Mikrophon, Aufnahmegerät und diverse Technik, die Dir eh nichts sagen würde."
Fiona lacht.
"Da brauchst Du gar nicht zu lachen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie hart es ist vier Tage lang auf nassem Rasen zu liegen und ‚Graswachsen' aufzunehmen. Du musst die Bässe und Höhen richtig einstellen. Wie Du weißt, wächst Gras nicht nur geradeaus nach oben, nein, es biegt und krümmt sich in jede erdenkliche Lage und das muss dann wieder neu ausgepegelt werden."
"Ihr wollt mich auf den Arm nehmen, oder? Wer will den sowas haben?"
"Diverse Unternehmen", sage ich ernst. "Du kennst doch bestimmt Dokumentationen, in den gezeigt wird, wie Gras wächst, oder? Zum Beispiel bei der Sendung mit der Maus wurde vor einiger Zeit gezeigt, wie Gras wächst. Tja, und den Sound dazu, den haben die von uns."
"Genau", sagt Fred, "ich weiß noch unser Auftrag auf Hawaii."
Bei dem Wort ‚Hawaii' werden alle am Tisch ruhig und Jenny fragt lachend: "Hawaii? Ihr und Hawaii?"
Fred ignoriert Jenny (schön, dass er noch der Alte ist) und fährt fort: "Auf Hawai sollten wir aufnehmen, wie sich Muscheln an Land bewegen. Mann, war das eine Arbeit, das ganze Meeresrauschen herauszufiltern, oder Marv?"
"Aber hallo, ich möchte kaum daran erinnert werden. Aber die Hawaianer sind schon ein nettes Volk. So mit ‚hulla-hulla' und so. Wie im Film!"
Mona und Eva schauen uns beide wütend an und rufen: "Hört endlich auf. Jetzt bleibt doch endlich bei der Wahrheit."
Fred lässt das vollkommen kalt: "Okay, eine andere Kultur haben die da hinten schon. Jeden Tag ‚hulla-hulla' ist nicht immer."
Fiona schaut zu Eva herüber, aber sie zuckt nur mit den Schultern.
"Der nächste Auftrag", füge ich hinzu, "ist auf den karibischen Inseln. Fred, sage mal, hast Du noch Dein altes Surfbrett? Ich glaube, wir brauchen das, um den Wellenschaum aufzunehmen."
"Aber natürlich, mein Guter. Muss ich nur noch einwachsen. Wann war der Flug gleich noch?"
"Flug", entkommt es Fiona fassungslos.
"Naja, wir wollten erst mit dem Fahrrad hin, aber leider darf man ja erst ab 60 km/h auf die Autobahn. Außerdem bezahlt der Auftraggeber eh alles. Warum dann nicht fliegen?"
"Fred, wir müssen gleich miteinander reden", faucht Mona Fred ins Gesicht.
"Stimmt, Schatz, Du wusstest gar nichts von meinem nächsten Auftrag. Aber wir sind ja auch gestern erst aus den Malediven gelandet."
Mona verlässt wütend die Bar und Eva folgt ihr. Jenny, die Mitläuferin, gleich hinterher.
Ich beuge mich hinter Fiona Fred zu: "Aufhören?"
"Ach quatsch, lass' sie ruhig einmal ausspinnen. Mache Dir keine Sorgen!"
Auch Tom erkennt die Situation und verlässt uns drei.
Fiona fühlt sich endlich in unserer Runde nicht ernst genommen und auch sie verschwindet mit den anderen Mädels, schafft es aber ein höfliches: "Äh, tschüss dann. War eine Freude Euch kennen gelernt zu haben."
Sascha, der die ganze Zeit keine Regung gezeigt hat, schaut uns empört an und sagt beim Aufstehen und Verlassen des Tisches: "Ihr seid doch wirkliche Mistkerle!"
"Aber nette", entgegnet Fred und lässt seinem angestauten Lachen endlich Luft.
"Komm, Sascha, zieh' Leine. Dein Frauenverein ist schon draußen. Ab, ab!"
Sascha knallt seinen Stuhl an den Tisch und ich rufe noch: "Ordnung muss sein, wol?"

Fred schaut mich mit lachenden, verweinten Augen an und auch meine besitzen den bekannten wässrigen Vorhang.
"Wie in alten Zeiten, oder?"
"Wie in alten Zeiten, Fred!"
Ein Kellner kommt an unserem Tisch und wir bestellen gleichzeitig: "Ein Bier, bitte!"
Die synchrone Aussage löst einen weiteren Lachprozess bei uns beiden aus.
Mit unseren Bieren stoßen wir an: "Dann mal Prost, auf die karibischen Inseln!"
"Und, was gibt es sonst Neues bei Dir", fragt Fred.
"Ich glaube, mein Telefon ist kaputt!"


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