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Wir sitzen uns still gegenüber und keiner will anfangen. Ich muss sie unbedingt fragen, was das gestern auszusagen hatte. „Was sollte das gestern?“, frage ich mit mehreren Boings in meinem Bauch. „Aber, Marv ... das habe ich dir doch gestern schon versucht zu erklären!“, sagt Jasmin mit stockender Stimme. „Dann erklär es mir noch mal und vor allem auch für mich verständlich. Du kennst die bekannte Mann-Frau-Kommunikationsproblematik.“, sage ich langsam verzweifelnd. „Ich musste dich einfach küssen“, setzt Jasmin an. „Ich wollte wissen, was ich dabei fühle, bevor ich mich endgültig für Melvin entscheide und damit vielleicht einen schwerwiegenden Fehler begehe.“ „Das heißt, du hast mich benutzt?“, frage ich entsetzt. „So kannst du das jetzt aber auch nicht sagen!“ „Doch, kann ich!“ „Das ist blöd. So kann ich nicht in Ruhe mit dir reden. Eigentlich solltest du in meinem Verhalten erkennen, wie wichtig du mir noch bist.“ „Lass mich raten. Wichtig als ein sehr guter Freund!? Ich kann diesen Scheiss echt nicht mehr hören.“ „Was soll ich dir jetzt dazu sagen? Ich werde Melvin heiraten!“ Ich schüttle verständnislos den Kopf und sage: „Alles klar, dann werde ich Melvin sagen, dass DU MICH geküsst hast. Und mit Zunge, so!“, und so verschränke ich meine Arme und lehne mich zurück. Ich mag zwar keine Erpressungen, aber es ist mir zu wichtig, sie nicht an diesen Vollarsch Melvin zu verlieren. „Das kannst du gerne tun. Melvin weiß längst Bescheid. Ich habe ihm erklärt, dass ich mich erst mit meiner Vergangenheit – das bist übrigens DU – auseinandersetzen muss.“ „Das hört sich ja an, als ob ich ein psychologisches Vergangenheitsproblem wäre. Außerdem, soweit ich weiß, haben wir gar keine Vergangenheit, obwohl wir mal Handrücken gestreichelt haben.“ „Das kann jetzt nicht dein Ernst sein. Bist du wirklich der Meinung, dass zwischen uns nicht mehr war. Dann können wir das Gespräch gleich hier beenden und ich kehre ohne Wehmut zu Melvin zurück.“ „Ohne Wehmut? Hast du das von Melvin, dem Möchtegern-Germanisten?“ „Na ja, Marv, ER hat schon ein Buch herausgebracht und wer noch nicht? Na?“ Dabei schaut sie sich in der Gegend um, als ob sie einen weiteren Publizisten suchen würde. „Ja und?“, sage ich gekränkt. „Ich gebe Lesungen!“ „Immerhin verdient er mit seinem Buch Geld!“ „Als ob das so wichtig wäre. Also, ich bitte dich! Scheinbar musstest du ja trotzdem immer noch an mich denken.“ „Gerade frage ich mich auch, wieso eigentlich. Manchmal benimmst du dich wirklich schrecklich.“ „Ja, aber doch nur, weil ich dich...“, ich stocke. Soll ich wirklich meine Gefühle offenbaren? „Weil du was?“, fragt Jasmin nach. „Genau, das war immer dein Problem. Du konntest deine Gefühle noch nie offen aussprechen!“ „Äh, ja, aber...“, ich muss hier nun gestehen, dass da schon ein Funken Wahrheit drinsteckt. „Es ist doch so, wenn du und ich“, stottere ich hervor, „... also, dann kam auch schon wieder Melvin,... und jetzt dann der Kuss und so, ne?“ So, fertig, und vollkommen verständlich, würde ich sagen. „Aber, Marv ... ich hätte doch nie was mit Melvin angefangen, wenn du nur einmal gesagt hättest, was du für mich empfindest.“ „Also bin ich mal wieder der Buhmann!?“ „Ja, das siehst du ziemlich richtig! Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr auf dich zu warten.“ „Ja, Moment, du kamst doch nach unserem Abend im Park an und hattest mir erzählst mit einem unglaublich verletzenden Strahlen in den Augen, dass Melvin dich wieder zurückhaben möchte. Und jetzt das? Auf mich warten? Sehr kurze Wartezeit, würde ich sagen. Ganz toll!“ „Natürlich, aber ich hatte doch auf einen Einspruch von dir gewartet. Ich wollte, dass du um mich kämpfst, aber du hast einfach aufgegeben und für Melvin das Feld geräumt.“ Wieso muss sie andauernd Recht haben? Wieso ist man als Kerl der weiblichen Argumentationsstruktur immer ausgeliefert? „Immerhin hat er ja auch schon ein Buch herausgebracht und verdient damit Geld“, sage ich, da mir nichts Besseres einfällt. „Genau das meine ich. Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann lässt du einen dummen Spruch ab, anstatt offen auszusprechen, was du fühlst. So wirst du nie eine feste Freundin kriegen.“ „Wer redet denn hier von fest? Ich meine, so offene Beziehungen können doch auch ganz fein sein, oder?“ Sofort nach diesem Satz könnte ich mir drei Mal in den Hintern treten, wie so oft. Aber ich spiele den Unschuldigen. „Du hilfst mir gerade wirklich, mich daran zu erinnern, warum ich mich für Melvin entschieden habe. Ich möchte eine feste Beziehung, eine Familie und all diesen ganzen Kram.“ „Meinst mit ‚Kram’ Kinder?“ Oh, Marvin, lass dir ganz schnell eine Brücke einfallen. Nicht diesen Satz stehen lassen. „Oder mit ‚Kram’ offene Gefühle, äh, Romantik, eine zärtliche Zweisamkeit, etwas, das nur wir... äh... ihr hättet?“ „Genau davon habe ich geträumt, dass du mal den Romantiker in dir rauslässt. Wie gerne hätte ich einfach mal eine Nacht lang mit dir die Sterne angesehen.“ „Seit wann interessierst du dich für Astrologie?“ „Diese Frage musste ja von dir kommen. Du hast wirklich nichts verstanden, oder?“ Leider doch. Aber ich bekomme meinen emotionalen Hintern einfach nicht hoch. Ich merke ja selber, dass ich meine Gefühlslegasthenie hinter anormale Fragen verstecke. „Ich bin dir gegenüber immer unsicher. Weißt du eigentlich wie schön ich unseren Parkabend fand?“, meine ich. „Wie die Sonne strahlte, als ich am nächsten Tag zu dir kam und dann diese Nachricht von dir hörte? Das tat mir unendlich weh.“ Ich überlege. „Na ja, nicht unendlich, aber schon sehr eben, so, ... also schon ganz doll... du weißt, was ich ausdrücken möchte.“ „Oh, Marvin, warum hast du mir das denn nicht schon viel eher gesagt?“, haucht Jasmin und umarmt mich heftig. „Leider ist es dafür jetzt zu spät. Ich plane wirklich meine Zukunft mit Melvin und wir sind sehr glücklich.“ „Wie jetzt? Glücklich? Warum sitzen wir beide denn dann hier?“, frage ich, immer noch von der Umarmung verwirrt. „Ich wollte das einfach alles mal mit dir klären, damit wir in Zukunft freundschaftlich miteinander umgehen können und nicht immer diese verbalen Attacken gegen mich oder Melvin erfolgen, wenn wir uns irgendwo bei gemeinsamen Freunden treffen.“ „Und du meinst wirklich, das hat jetzt geholfen?“ „Marv, zumindest hoffe ich, dass ich dir helfen konnte, die gleichen Fehler bei deiner nächsten Freundin nicht wiederzumachen.“ Oh, wie selbstlos. Ich könnte kotzen. „Du sorgst dich um mein Liebesleben? Dann lass dir eins gesagt sein“, aber es muss jetzt raus: „Ich liebe nur Dich!“ Jasmin bekommt einen erstaunten Gesichtsausdruck, springt auf, schnappt sich ihre Handtasche und stürmt aus meiner Wohnung. „Du bist mir immer noch eine Antwort schuldig“, rufe ich verzweifelt hinterher, aber das Knallen der Wohnungstür schneidet mir das letzte Wort ab.
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