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Ich stehe, wie jeden Morgen auf und schaue auf das hübsche Wesen neben mir. Cassandra schläft noch tief und fest. Leise rücke ich den Teil meiner Decke von meinem Körper und gehe schleichend aus meinem Schlafzimmer. Noch leise die Tür schließen, denn das Duschen kann ihren Schlaf stören. Nach meiner üblichen, alltäglichen Körper- und Haarwäsche trockne ich mich ab und gehe in das Schlafzimmer zurück, um an meinen Kleiderschrank zu kommen. Ich öffne eine Tür des Schrankes und Cassandra dreht sich mit einem Guten-Morgen-Lächeln zu mir hin und fragt, wo ich hin müsse. "Ich muss heute arbeiten. Bin aber gegen Nachmittag wieder da", antworte ich und gebe ihr einen zärtlichen Abschiedskuss auf die Stirn. "Bis später, Hase!"
Glücklich verlässt ich meine Wohnung und bin auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle. Es ist schon ganz schön mit jemandem morgens aufzuwachen und sein Leben mit ihm zu teilen. Versunken in meiner kleinen Liebeswelt, gehen meine acht Arbeitsstunden wie im Nu um. Mit dem Gedanken Cassandra endlich nach acht Stunden wieder zu sehen, verkürzt sich der Fahrweg einer halben Stunden in unmögliche, mir vorkommende, Sekunden des Wartens.
Was glücklich anfängt, soll aber immer schrecklich enden, denn in meinem Heim angekommen, sehe ich Cassandra in der Wohnung herumputzen und herumflitzen. Mit offenem Mund stehe ich im Flur und zeige nur perplex auf Cassandra. Als Cassandra bemerkt, dass ich anwesend bin, steht sie mitten im Wohnzimmer und streckt ihre Arme aus, so dass ich ein imaginäres ‚Taadaa!' höre. "Hallo Marv-Schatz, ich habe Deine Wohnung aufgeräumt." Mir ist schon bewusst, dass ich in meiner Wohnung stehe - im Flur - aber ich erkenne sie nicht mehr wieder. Ich überlege kurz: der Wohnungsschlüssel passt und die Frau da, ist meine Freundin - es muss also schon mein Lebensraum sein, aber er ist so ... "Aufgeräumt", frage ich immer noch paralysiert. "Ja, Schatz, ich hatte nichts zu tun und da dachte ich, dass ich hier Ordnung in Deine Wohnung bringe." Plötzlich fängt Cassandra zu den Orten zu gehen, wo sie bestimmte Dinge in einer für sie bestimmte logische Weise sortiert hat. "Also, Deine Socken liegen nicht mehr mit Deinen Boxershorts zusammen, denn dafür habe ich Deine weißen T-Shirts ein Fach darüber einsortiert, und in diesem Fach, wo Deine Unterwäsche lag, sind nun die schwarzen T-Shirts - die mit den Aufdrucken liegen wiederum ein Fach darüber, sortiert nach Farbe und Thema." "Moment, Moment, wie kann man T-Shirts nach Themen sortieren", frage ich erstaunt. "Ach Marvin, das ist doch ganz einfach: Deine Manga-Shirts liegen natürlich neben Deinen Film-Shirts, wobei diese Shirts nach Alphabet sortiert sind, damit Du auch immer weißt, wo Du welches Shirt findest. Daneben Deine Musikbands-Shirts, die Du eigentlich mal aussortieren könntest. Die sind ja schon ganz kaputt." Ich werde stutzig: "Auf den Manga-Shirts stehen doch japanische Buchstaben. Wie kannst Du die da alphabetisch sortieren?" "Auch hier ist die Lösung", antwortet Cassandra voller Stolz, "einfach. Ich sortierte diese Shirts nach der Farbe." Da ich langsam aber sicher durch ihr System steige, sage ich: "Ich verstehe, also z.B. erst grün, dann rot, dann schwarz, und so weiter." Cassandra winkt lachend ab: "Nein, Du Dummerchen, natürlich nach der Farbenlehre und seinem Farbenkreis." Ich nicke nur noch ungläubig und wiederhole verdutzt: "Ach ja, natürlich nach der Farbenlehre. Das bietet sich ja auch direkt an." Cassandra wackelt euphorisch und zustimmend mit ihrem Kopf, als ob es das Natürlichste der Welt sei. Als sie alle Sortieralgorithmen im Schlafzimmer erklärt hat, läuft sie in die Küche und reißt den Oberschrank auf. Auch hier ist alles sauber aufgeräumt und die Gläser stehen bei den Gläsern, die Schüsseln bei den Schüsseln und die Teller bei den Tellern. "Marvin, hier war ja ein Chaos. Alles ein Durcheinander. Wie konntest Du nur so alles finden?" "Naja, da war schon eine gewisse Ordnung, aber eben meine Ordnung." Sie lässt das unbeeindruckt, indem sie kurz sagt: "Jetzt ist es auf jeden Fall besser, oder nicht?" Ich hasse dieses ‚oder, nicht?'. Man weiß ganz genau, dass eh keine Antwort drauf folgen soll. Immerhin sieht es ja schon so aus und ich werde den Teufel tun, um alles wieder in meine viel effizientere Ordnung zu re-sortieren. "Ich habe auch die Gläser sortiert", gluckst Cassandra fröhlich. "Lass mich raten, nach den Spektrumsfarben, die die Farbenlehre vorschreibt, wie sie dies oder das Glas im Sonnenlicht hervorbringt?" Cassandra lacht wieder und schüttelt besserwisserisch den Kopf: "Nein, nur nach der Größe." "Oh, das macht Sinn. Hätte ja sein können." Die nächste Station ist das Badezimmer.
Alles glänzt vor sich hin und strahlt vor Sauberkeit. Ihre Miene wird finster und ich entdecke keine Euphorie in ihren Augen. "Aber Marvin", dabei hält sie eine dramatische Pause, "Dein Klo. Also Dein Klo", sie verdreht die Augen, "so etwas kann wirklich besser aussehen." "Tut es doch jetzt. Hast Du gut gemacht, Schatz." Ich küsse sie und verlasse mein Badezimmer. Aber die Klo-Diskussion soll vorangehen, denn Cassandra pfeift mich zurück: "Kommst Du wohl wieder her?" Nicht immer diese Klo-Frau-Mann-Diskussion. Diese Diskussion seint die bekannteste, älteste und aufreibernste Diskussion zwischen den Geschlechtern zu sein. Sie fängt mit der üblichen Einleitung ein: "Es ist jetzt nicht böse gemeint, aber..." Es kommt, was kommen muss: im Stehen pinkeln, die Auswirkung der Spritzer um das Klo herum und die damit verbundene Unhygiene, sowie das Nachschaffen von neuem Toilettenpapier - ob das denn alles so schwer sein könne, etc. pp. Ich persönlich lasse mich nicht mehr auf diese ewige Diskussion ein und nicke brav bei jedem Argument, oder besser: Vorwurf. "Ihr Frauen seid eben keine Männer und könnt gewisse männliche Privilege nicht verstehen." So, gekontert - jetzt sollte sie endlich ruhig gestellt sein, dachte ich, aber sie antwortet nur kühl: "Also ist es ein männliches Privileg daneben zu pinkeln, wenn ich Dich richtig verstanden habe." Ich fasse mir in die Haare und sage laut: "Na, ich möchte Dich mal sehen, wenn Du im Stehen pinkelst. Du triffst dann auch nicht immer ins Schwarze." "Deswegen setzen wir uns Frauen auch hin." Mist, wieder eine falsche Argumentationskette. Aber auch hier nicke ich wieder ungewollt einstimmend und sage die bekannten Beziehungssätze, die man immer sagen sollte, wenn es brennzlich wird: "Ich werde mich ändern" und ein zur Schlichtung führendes "Du hast recht". Wichtig dabei, meinen Kopf leicht zu neigen und ein bisschen Reue in meinen Blick zu legen, um ihr vorzuspielen, dass ihre Argumente angeblich angekommen sind. Es funktioniert jedes Mal und ich habe meine Ruhe.
Der Aufräumzug Cassandra fährt ins Wohnzimmer ein. Ich erkenne mein Wohnzimmer, meine Höhle des Lebens, den Mittelpunkt männlicher Ordnung, kaum wieder. Es stehen Blumen, wirklich grüne Blumen, auf meiner Fensterbank und die Erde ist sogar nass. Mein zweiter Schock folgt, als ich meinen Schreibtisch sehe. Jegliche von mir eingebrachte Ordnung ist dahin. Alle Blätter, die einmal wahrlos auf dem Tisch lagen, sind säuberlich zu einem großen Haufen gestapelt. Mir entkommt ein Schrei und ich zeige zitternd auf meinen Schreibtisch: "Da..da..da.." Cassandra fällt mir um den Hals, aber ich verharre in dieser Position und sie meint: "So ist es fiel hübscher, oder nicht?" Keine Antwort, nur ein purer Schockzustand. Langsam gehe ich zu meinem Schreibtisch und zeige immer noch auf ihn: "Ab...ab...ab...aber alles weg." Ich bin fix und fertig und gehe in die Küche, um mir etwas zum Trinken einzuschenken. Verzweifelt versuche ich ein größeres Glas zu ergattern, da diese ja ganz hinten stehen und es beinahe eine Finger- und Denkakrobatik von mir abverlangt, um überhaupt ein Glas aus diesem Schrank herauszubekommen. Ich lasse es sein und trinke aus dem Wasserhahn. Genervt zwinge ich mich die positiven Seiten von Cassandras Aufräumalbtraum zu ziehen. Aber jeder Versuch schlägt fehl - ich werde stinksauer und setze mir schon ein paar Argumente zurecht, was ihr einfalle mein Reich umzugestalten.
Mit meiner perfekten Argumentationskette (mit dieser gewinne ich, da bin ich mir ganz sicher) gehe ich selbstbewusst ins Wohnzimmer zurück. Aber Cassandra beginnt nun meine Schreibtischschubladen zu ordnen und zu säubern. "Ach ja, ich muss nur noch die Schubladen putzen und dann bin ich mit allem fertig." Gerade als ich Luft hole, um mein Argumetationsmaschinengewehr scharf zu machen, erreicht Cassandra die unterste Schublade. In Millisekunden entfacht sich Panik in mir und ich bringe ein panisches "Nein!" hervor. Doch zu spät, sie bekommt den Gegenstand aus der Schublade in ihre Hände, den sie nie zu sehen bekommen soll und den ich selbst vergessen habe: Das Photo meiner Ex-Freundin.
Cassandra bewegt sich kein Stück und richtet sich mit dem Bild auf. Danach kommen schreckliche zehn Sekunden der Stille, des Nichtstuns, des der Frage ‚Wie könnte ich das noch retten?' Die Idee kommt im Nu. Locker und keiner Schuld bewusst, umarme ich Cassandra von hinten, da sie mit dem Rücken zu mir steht, und stütze meinen Kopf auf ihre Schulter. Unschuldig und neugierig frage ich: "Na, was hast Du denn da gefunden?" Cassandra reißt sich aus meinen Armen: "Marvin, was ist das?" Ich schaue auf das Photo und spiele, als ob ich angestrengt überlege. Nach einer Weile meine ich: "Das sieht wie ein Photo aus." "Und wer ist das auf dem Photo", fragt Cassandra wütend. Ich schaue in die Luft, als ob dort vielleicht irgendwelche Notlügen herumfliegen, nach denen ich nur zu greifen brauche. Aber keine Chance, ich bin auf mich angewiesen. "Oh ja, wer ist das nur?" Bloß Zeit schinden. "Marvin....", entgegnet Cassandra entzürnt. "Ach, Du meinst die Person auf dem Bild? Ja, das ist meine Schwester!" "Marv, Du bist Einzelkind!´" "Ach ehrlich? Ja, wenn das so ist. Wer ist das nur? Wer ist das nur?" Mein Plan soll nicht aufgehen, da ich leider keinen besitze. Wie soll dann ein Plan wiederum aufgehen können? Ich befinde mich in einem Ideendilemma. "Marvin", dabei schluchzt Cassandra leise vor Wut, "ist das Deine Ex-Freundin?" Klappe zu, Affe tot - erwischt. "Das könnte natürlich auch irgendwie hinkommen. Lass es mich noch einmal genauer betrachten." Ich nahm das Bild, das in einem edlen Holzrahmen eingefertigt ist, aus ihren Händen. Zumindest habe ich den bösen, bösen Gegenstand in meinen Händen.
Nach einer genaueren Musterung des Bildes, sage ich in meinen Gedanken suchend, als ob ich immer noch nicht genau wüsste, wer diese Person sein kann: "Ja, so langsam kommt die Erinnerung... ja, warte,..." - dramatische Pause gekoppelt mit einem wundervoll gespielten ‚Aha'-Effekt - "Mensch, Cassandra, die sieht ja wirklich wie meine Ex-Freundin aus. Zufälle gibt es vielleicht." Ich schüttele lachend den Kopf, schaue aber immer wieder prüfend Cassandra an. Leider entdecke ich keine positive Gesichtsbewegung. "Willst Du mich jetzt verarschen? Komme ich denn so bekloppt herüber?" Ihre Stimme wird beängstlich lauter. Ich puste durch meine Lippen hindurch und meine unsicher: "Willst Du darauf jetzt wirklich eine Antwort, oder sind das rhetorische Fragen?" "Marvin, stelle keine Gegenfragen. Ist DAS Deine EX-FREUNDIN? Eine klare Frage und ich verlange eine klare Antwort!" "Ach sooo, Du meinst die Person auf dem Bild. Ach ja, stimmt. Ich war mit den Gedanken ganz woanders." "Ich weiß auch wo, nämlich bei Deiner Ex-Freundin!" Ich schaue wieder in die Luft und bekomme dieses Grinsen, wenn man sich an schöne Zeiten erinnert und meine, in den alten Zeiten schwelgend: "Da kommen Erinnerungen hoch, Junge, Junge." "Maaarrvvviiinnnn", schreit Cassandra und reißt mich aus meinen Erinnerungen. "Ja, was denn? Ist doch wahr." Ups! Ihre Wut wandelt sich in einen hysterischen Heulkrampf. Ich hasse es, wenn sie das tut. Ich fühle mich immer so hilflos, also nehme ich das Erstbeste, was mir einfällt: "Sie war nicht so gut, wie Du!´" Cassandras Heulen wird lauter und heftiger. Es ist wohl nicht das beste Argument gewesen. Nächster Versuch: "Der Sex hat auch gar keinen Spaß gemacht, obwohl er natürlich anders war." Na, das ist auch nicht der ersehnte Treffer für die Beruhigung, denn sie dreht den Rücken zu mir. Ich nehme sie zärtlich in den Arm und versuche zu retten, was zu retten ist: "Ok, sie war vielleicht etwas schlanker als Du, aber Du bist ja auch dufte - ehrlich." Cassandra verlässt meine Arme, reißt das Bild aus meiner Hand und rennt aus dem Wohnzimmer ins Badezimmer, in dem sie sich einschließt. Ich laufe (natürlich) hinterher und will die Situation auflockern und sage durch die Tür: "Und bitte hinsetzen, ist gerade alles so schön sauber!"
Heftiges Schluchzen, das Geräusch von abreißendem Toilettenpapier immer und immer wieder hörbar. Dann der erste Kontakt von ihr: "Wie kannst Du nur?" "Es ist nur ein altes Photo, mehr nicht." "Es ist sogar eingerahmt. Von mir steht kein Photo in Deiner Wohnung." "Aus einem einfachen Grund: ich habe keines von Dir." Es wird still und ich kann Cassandra durch die Tür denken hören. Nach einer kurzen Denkpause schallt es aus dem Badezimmer zurück: "Ja und? Das ist kein Grund." Ich kann förmlich spüren, wie sie sich das Bild anschaut. Intensiver und intensiver, bis endlich ein erneuter Kontakt kommt: "Hübsch ist sie ja." "Aber nicht so hübsch, wie Du." "Sie hat schöne lange Haare.!" "Aber nicht so hübsch, wie Du." "Ihre Augen strahlen ja richtig!" "Aber nicht so hübsch, wie Du." (Jeder kommt in einen Trott herein, Verzeihung!) "Sie ist sehr schlank!" "Aber nicht so...", ich möchte nicht lügen. Realität ist eben Realität und ein Photo ist ein Abbild der Realität. Außerdem basiert eine Beziehung auf Ehrlichkeit und der absoluten Wahrheit. Ich murmele verschwommene Konsonanten und Vokale, aber Cassandra wiederholt die letzte Frage lauter und betonter: "Sie ist sehr schlank!" "Hmm-mam-kpf", sage ich klipp und klar. Die Beurteilung über meine Ex ist endlich beendet und ich höre, wie Cassandra den Badezimmerschlüssel herumdreht, um zu mir hinaus zu kommen. "Schmeiß das Photo weg, sofort." "Wieso denn? Der Rahmen ist doch so schön!" "Wenn Dir wirklich etwas an mir liegt, dann lässt Du Vergangenheit Vergangenheit bleiben und schmeißt das Bild weg."
Ich nehme das Bild und werfe es obligatorisch in meinen Papierkorb im Wohnzimmer, mit dem Hintergedanken, dass ich es mit Sicherheit wieder herausholen werde. Der Rahmen ist einfach zu schön. Dazu ein "Ich werde mich ändern" mit "Du hast recht", den Kopf leicht geneigt und Reue im Blick. Es funktioniert und ich habe endlich wieder meine Ruhe.
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