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Am Anfang jeder Beziehung scheint der Himmel auf Erden zu sein.
Die Blumen scheinen nach Jasmin zu duften, obwohl es nur Tulpen sind, der Himmel ist noch nie so hellblau gewesen, trotz Regenwetter und der Busfahrer der Linie 482 ist noch nie so nett, wie zuvor.
Alles scheint einem positiv ins Gesicht zu strahlen.
Doch, was wir alle ab und zu vergessen, ist die Beziehungskrisenbombe. (Von anerkannten Wissenschaftlern auch BK-Bombe genannt.)
Sie tickt seit dem Beginn einer Beziehung und wartet genüsslich zum schicksalhaften Explodieren, die eine Beziehung gleich in die ewigen Jadggründe hinunterreißt.

Sie zu beschreiben ist einfach:
Nehmen wir an, dass diese Bombe als Zünder eine Uhrfläche habe und bei zwölf Uhr explodiert.
Jedes negative Ereignis ist ein weiterer Minutenschlag - Sekundenschlag dann, wenn eine Beziehung gut verläuft.
Wie dem auch sei, ob nun Minuten oder Sekunden, denn irgendwann wird diese Uhr zwölf Uhr schlagen - und das ist es; endgültig.

Auch zwischen Cassandra und mir tickt diese natürliche BK-Bombe und sie muss irgendwann explodiert sein, denn ich habe nichts davon mitbekommen.
(Die BK-Bombe detoniert übrigens kaum hörbar und lässt andere Menschen davon unberührt. Diese Detonation ist introvertiert und sehr schüchtern.)

Alles ist im Lot: ich fühle mich pudelwohl, meine Wohnung ist geputzt, mein Leben geordnet.
Im Hulla-Hupp-Lauf beschreite ich die Strasse vor mir und gehe zu Cassandra.
Nach einem Bus und zwei weiteren Straßenbahnen stehe ich vor ihrer Haustür.
Pfeifend drücke ich auf die Klingel und nach einer gewissen Verzögerung wird mir die Tür geöffnet.
Ich springe jede einzelne Treppe an und begrüße jede einzelne Stufe mit Namen, die ich gerade erfinde.
Ich gebe gerne zu, Cassandra wohnte im dritten Stock und viele Stufen bekamen den gleichen Namen.
Wie immer steht Cassandra an der Wohnungstür und ich begrüße sie mit einem Kuss, der aber nur auf ihre Wange abrutscht.
Schnellen Schrittes geht sie in ihr Wohnzimmer und ich dackele hinterher. Vorher aber noch einen Abstecher auf ihr WC.
Nach der menschlichen Erlösung betrete ich ihr Wohnzimmer und sehe viele benutzte, zusammengeknüllte Taschentücher auf ihrem Wohnzimmertisch liegen - neben ihr auf der Couch ihre Mutter. Beide schauen mich mit rotunterlaufenen und verweinten Augen an.
Ich setze mich den beiden gegenüber und frage: "Wer ist denn gestorben?"
Cassandras Mutter steht auf, legt ihre Hand auf meine Schulter und sagt: "Bleib' stark, ich mochte Dich ehrlich gut leiden" und verschwindet in der Küche.
Ich schaut sie verdutzt an und antworte: "Ich mag Sie auch. Danke."

Cassandra holt erneut zum Ziehen eines Taschentuches aus und putzt laut ihre Nase.
Danach lehnt sie sich zurück und schaut mich lange und intensiv an.
Ich werde nervös und frage: "Schönes Wetter, oder?"
"Marvin, wir müssen uns aussprechen."
Meine Alarmglocken läuten, denn wenn ich eines aus meinem ‚Wir-Machen-Schluss'-Vokabularheft gelernt habe, neben ‚wir müssen reden', ‚ich glaube, wir sollten reden' oder ‚Es wäre besser, wenn wir...', dann dieser Satz, der auch in diesem Heftchen steht.
"Du bist zu einem Ja-Sager", fängt sie an, "geworden. Ich schlucke meinen Ärger einfach herunter und heule mich zuhause aus, da Du ja nie eine Meinung hast."
"Ja, aber ich bin einfach immer nur unentschlossen. Du kennst doch meine Unkreativität. Du hast eben immer Vorschläge und warum sollte ich die denn nicht annehmen?"
"Es ist ja nicht nur das", und sie holt sich wieder ein neues Taschentusch, "Du lässt Dich nie auf Diskussionen über die ewige Liebe ein."
"Ja, was denn? Wer kann denn schon sagen, ob wir diese ‚ewige Liebe' sind?"
"Du magst noch nicht einmal meine Gedichte über meine Gefühle Dir gegenüber, die ich Dir schrieb."
"Sie sind eben nett."
"Siehst Du, Du tust es schon wieder, indem Du sie nur als nett betitelst. Du bist überhaupt nicht feinfühlig, wenn Dir jemand seine Gefühle zeigt."
"Doch schon. Aber in einem Gedicht? Ich meine ja nur, dieser ewige Paarreim, kein Tonus, noch nicht einmal annähernd etwas von einem Jambus, oder ähnlichem. So etwas ist dann eben nur nett. Ich verlange ja kein literarisches Meisterwerk, aber ein Sonett dürfte es doch sein."
"Genau das ist es, Du hast kein Fingerspitzengefühl." Ich schaue auf meine Finger und drücke darauf.
"Doch - aua!"
"Selbst wenn wir einen romantischen Film im Kino schauten, konntest Du es jedes Mal nicht verstehen, wenn ich am Ende weinen muss. Danach gingst Du einen Trinken und benahmst Dich total daneben."
"Bei dem Film ‚Titanic' kann man sich auch nur betrinken. Du hattest geweint, da Leonardo Di Caprio gestorben sei, und ich vergewisserte Dir immer wieder, dass es nur ein Film sei und er bestimmt noch lebe. DU wolltest mir nicht zuhören und nicht anders herum. Meine Güte, er spielte sogar in ‚Catch Me If You Can' mit. Er lebt also immer noch."
"Du verstehst einfach nicht, dass..."
"Nein, DU verstehst nicht", und meine Stimme wird ärgerlicher, "wir Männer kommen zum ersten Mal in Eure Wohnung hinein und sehen überall diese Sixpack-Männer an Euren Wänden hängen. Übergrosse Collagen von männlichen Schauspielern, wie Tom Cruise, Keanu Reeves oder Leonardo Di Caprio. Was sollen wir davon halten? Wir schauen an uns herab und erkennen, dass wir nur ein Onepack oder gar kein ‚Pack' besitzen. Und beschweren wir uns? Nein, wir lassen das einfach über uns ergehen, ohne irgendein Wort zu sagen."
Cassandra lässt das völlig kalt und führt ihre Vorwurfsliste weiter fort:
"Du merkst auch keine Veränderungen an mir, ob es nun ein neues Parfüm ist oder, wenn ich etwas abgenommen habe. Dafür kannst Du aber anderen Frauen nachschauen und mir sagen, wie sexy die aussehen. Weißt Du, wie weh das tut?"
"Okay, erstens, Du riechst immer gut und Du gefällst mir so wie Du bist. Was willst Du denn mehr? Weißt Du etwa, welches ‚Parfüm' ich benutze und wann ich es genau benutze? Ich glaube nicht."
Ich lehnte mich mit meinen perfekt platzierten Argumenten zurück und schaute Cassandra arrogant und fordernd an.
"Ja, ich weiß das."
"Jetzt echt", frage ich ungläubig.
"Am Wochenende benutzt Du immer ‚Chef Hell Blue' und an den Wochentagen ‚No. 2'."
"Du mogelst doch nur. Bestimmt hast Du in meinem Badezimmerschrank geschaut."
"Nein, Marvin, Du hattest mich eben interessiert, Dein ganzes Wesen, Deine Person, einfach alles an Dir wollte ich wissen."
"Ähm", sage ich vorsichtig und strecke meinen Zeigerfinger in die Höhe, "Du sprichst in der Vergangenheitsform und betonst zugleich noch die Verben in der Vergangenheitsform."
"Ich weiß, Marvin!"
"Oh", antworte ich überrascht, überlege kurz und meine: " Toll, ganz toll, verlangst Du nun, dass ich in eine Parfümerie gehen soll und jegliche Dufte schnuppern soll, damit ich weiß, wann Du was und warum genau als neuen Duft trägst. Nach dem Motto: ‚Oh Schatz, heute ist das Wetter unbeständig und die Blüten schauen traurig in den Himmel - nehme doch lieber ‚Middle Sun Of Autumn''?"
"Zum Beispiel. Wäre das zuviel verlangt?" Bitte lasse ein Klavier auf mich fallen, aber mein Selbstmordgedanke wird von Cassandras Schluchzen und den folgenden Worten unterbrochen:
"Und unser Heiligabend bei meinen Eltern", dabei schluchzt sie laut und Tränen laufen ihr über ihr Gesicht, "wie konntest Du nur?"
Ich erinnere mich nur noch dunkel an diesen Abend und finde keine Verteidigung für mein Verhalten, außer: "Es war nur ein Baby!"
Cassandra schluchzt eine Oktave höher und ich setze mich aus Mitleid neben sie, aber sie zuckt sich mit ihren Schultern aus meinen Armen.
"Marvin, Du hast Dich maßlos betrunken und dann auch noch meine Cousine angegraben!"
"Hey, ich dachte, sie wäre Deine Schwester gewesen."
"Marvin, ich bin IMMER noch ein Einzelkind", sie nimmt Abstand von meiner Person und schaut mich ernst, aber verweint an und ich meine:
"Zählt vielleicht das Argument, dass ich Deine Familie eben sehr ins Herz geschlossen habe?"
"Nein! Ausserdem hast Du mir zu oft versprochen, dass es besser werden wird. Dein Verhalten, einfach alles an Dir."
"Moooo-ment, Du hast mich so kennen gelernt. Wieso jetzt dieser Wandel."
"Das kann ich Dir genau sagen. Weißt Du", dabei putzt sie sich ihre Nase, "es ist so: wenn ich bei Dir bin, dann ist die Welt in Ordnung, irgendwie immer noch rosa. Aber zuhause holt mich manchmal alles wieder ein. Ich glaube, ich habe einfach nur furchtbare Angst Dich zu verlieren und genau das wandele ich in Wut um; auf manche Dinge, die Du tust oder sagst."
"Na siehst Du, da haben wir doch den Grund. So etwas kann ja nur von einer Hobbypsychologin namens ‚beste Freundin' kommen. ", sage ich besserwisserisch ohne den Sinn erkannt zu haben. Zu viel querdenken für mich.
"Aber Marvin, ich habe schon lange keine Gefühle mir für Dich. Das Rosane ist verflogen und meine Enttäuschung über Dich wurde immer größer." Tränen rinnen stecknadelgroß über ihre Wangen und schluchzend sagt sie die drei beendenden Worte, mit einer starken Betonung auf meinen Namen: "Es ist aus, Marvin."

Das alles ist zu hoch für mich. Tausend negative Argumente (tick!) und Charakterzüge (tick! tick!) lasse ich noch über mich ergehen. Nachvollziehen kann ich keines - keines von beiden.
Die BK-Bombe tickt und tickt und sie explodiert. Kein Wunder, dass ich so überrascht wirke, wenn Frauen die Beziehung plötzlich beenden, da - wie oben erwähnt - die Bombe kaum hörbar explodiert.

Ich schaue Cassandra mit offenem Mund an und mir bleibt von dem ganzen Gespräch nur dieses ‚Es ist aus' im Kopf hängen. Nicht zu vergessen das "..., Marvin", damit ich auch ganz genau weiß, dass ich gemeint bin.
Darauf bin nun wirklich nicht vorbeireitet. Ich stehe auf und gehe in die Küche und sehe ihre Mutter, wie sie an einer Zigarette zieht.
Traurig und verständnisvoll schaut sie mich an und ich frage sie nach einer Zigarette.
Sie steht auf und kommt auf mich zu. Sie nimmt mich in den Arm und sagt schluchzend: "Es tut mir so leid."
"Naja", sage ich, ihre Schulter im Mund habend, "andere Mütter haben auch noch schöne Töchter."
Abrupt lässt sie mich los und schaut mich verärgert an.
"Ähm, ich sollte gehen, oder?"


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