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Marvin & Friends
Marvin on Mono
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„Und oben, und unten, und rechts, und links, ja, das machen Sie sehr gut. Und oben, und unten, und rechts, und links, wunderbar. Und noch mal, meine Zuschauer“, sagt ein motivierter, muskelbepackter Fitnesstrainer mit einem amerikanischen Akzent aus dem Fernseher.
„Und jetzt an die Zehen. Bleiiiben, bleiiben, bleiben und lockern“, dabei schießen seine Arme in die Höhe und er schüttelt sich überemotional.
Die anderen turnenden Damen in dieser Sendung lächeln gezwungen und fragen sich erkennbar, ob sich das Entgeld von zwanzig Euro für die Teilnahme an dieser Sendung und dieser unbewussten Anstrengung gelohnt hat.
„Nun zur nächsten Übung. Ich nenne sie zärtlich die Schraube des Schreckens.“ So nimmt der übereifrige Trainer in einem schicken, roten Strampelanzug mit der rechten Hand seinen linken, kleinen Zeh in die Hand und grinst überlegen in die Kamera. „Und wechseln, und wechseln, ja, sehr gut.“
Wie anstrengend. Das soll gut für den Körper sein?

Leider bekomme ich davon nichts mit und wache gerade auf. Das Grinsen des Amerikaners macht mich latent aggressiv und ich schalte weiter zu meinem Cartoon-Kanal.
Bugs Bunny und Duffy Duck legen sich gerade Bomben und Duffy verliert seinen Schnabel, worauf er sich beschwert und den Zeichner bittet, ihm einen neuen Schnabel zu zeichnen.
Darauf folgt aber Elmer, der Jäger, und steckt Dynamitstangen in Duffys Schnabel, der kurz darauf erneut explodiert und Duffy nun vollkommen ausrastet.
Ach, wie schön. Nur bunte Bilder. Ich gebe zu, dass auch mir die Aggressivität nicht verborgen bleibt und manche Cartoons wirklich erst ab achtzehn Jahren sein sollten.
Ich will mir gar nicht vorstellen, wie ein sechsjähriges Kleinkind dem Vater zwei Dynamitstangen in die Nase steckt, da der Vater in aller Ruhe seinen Mittagsschlaf hält, und diese anzündet. Sehr unschönes Ergebnis. Gezeichnete Gewaltverherrlichung.
Im Halbschlaf schmunzle ich über meine geliebten Looney Tunes und schaue auf meinen Wecker mit einem geknicktem Blick.
„Vierzehn Uhr dreißig?“, frage ich mich und versuche aufzustehen. Senkrecht angekommen schaue ich auf meinen Anrufbeantworter, der drei Nachrichten anzeigt.
„Wieso habe ich die nicht gehört?“ Ich denke kurz nach und mir fällt die lange Geburtstagsnacht mit Fred ein. Ich muss es mit ihm auch immer übertreiben. Egal.
Ich drücke auf eine Taste des Anrufbeantworters.
„Piieep, Sie haben drei neue Nachrichten. Erste Nachricht, empfangen um 12 Uhr 14. Piieep.
Ja, Marv, Kevin hier. Denke bitte daran, dass wir uns um 15 Uhr im GYPSY treffen, um die Technik aufzubauen und den Soundcheck zu machen. Ruf bitte zurück.“
Ich bin irritiert. Wieso Soundcheck? Wieso GYPSY?
„Piieep, nächste Nachricht, empfangen um 13 Uhr 14. Pieep. Marv? Hallo? Nimm ab, ja? ... Marv?“ Wieder Kevin. Wieso macht er Stress? Wir haben Samstag. Was macht man wohl am Wochenende? Bestimmt keinen Soundcheck.
„Piieep, nächste Nachricht, empfangen um 13 Uhr 55. Piieep. Maaarrrvvv, melde dich, meine Fresse. Hast du etwa deine Lesung heute vergessen? Nicht wirklich, oder? Mann aber auch. Ich bin auf jeden Fall ab drei Uhr im GYPSY. Bis gleich, Penner!“
Schon wieder Kevin. Irgend etwas mit Lesung. Aha, sehr interessant. Lesung eben nur.
Plötzlich knallt es hart in meinem Kopf: „Mist, die Lesung, heute?“ Schnell schaue ich auf meinen Terminkalender in der Küche und erkenne in einer kaum lesbaren Schrift ‚Lesung – Gypsy – Soundcheck 15°°’.
Wenn da bloß nicht die üblen Nachwirkungen des gestrigen Abend dazukommen würden. Ich fühle mich immer noch überfahren. Als ob ein Laster mich gerammt hätte, aber was soll’s. Da muss ich nun durch. Ist ja nur ein Soundcheck. Wenn ich Glück habe, ist meine Lesung erst morgen, obwohl ich Lesungen meistens Samstags gebe.

Ich dusche mich in aller Ruhe und ziehe mich an. Ein T-Shirt, eine Strickjacke und Turnschuhe sollten reichen. Nicht meinen Ordner mit den Lesetexten zu vergessen. Auf dem Weg besorge ich mir ein Käsebrötchen und einen Kakao. Im Gypsy angekommen und immer noch kauend, da mein Körnerbrötchen aus Gummi zu bestehen scheint, gehe ich in die Lokalität hinein.
„Guten Morgen zusammen.“
„Guten Morgen?“, fragt Sybille genervt. „Verpennt, he?“
„Na, so würde ich das nicht bezeichnen. War nur ein harter Abend, meine Liebe!“
„Du hast ja immer noch einen sitzen“, sagt Sybille schockiert.
„Wieso?“, frage ich.
„Wenn du mich schon ‚deine Liebe’ nennst.“
„Alles klar, Engelchen, wo ist Kevin?“
Sybille schaut mir nicht mehr in die Augen und zeigt in Richtung Untergeschoss.
„Danke, Bärchen!“
„Gleich schlag ich dich, Marv!“
„Wenn du darauf stehst, kein Thema. Jedem das Seine“, so verschwinde ich unter Tage und winke mit meinem Körnerbrötchen.

Unten angekommen, begrüßt mich Kevin hastig: „Ok, Marv, habe alles aufgebaut. Da der Sessel, das Mikrophon ist auf deiner Mundhöhe und der Sound kommt gut herüber.“
„Alles klar, dann kann ich ja wieder gehen. Mach’s gut. Bis morgen, Alter.“ Ich drehe mich um und gehe in Richtung Treppen.
Da pfeift mich Kevin mit einem hohen Ton zurück: „Spinnen Sie, Herr ach so toller Literat?“
„Aua, verdammt. Lass das. Soll ich das mal bei einem Soundcheck machen? Mein Gott, wie das fiept im Ohr...“
„Marvin“, und Kevin schaut mir ernst in die Augen: „Wo waren wir gestern?“
„Äh...“, ich schaue wie ein kleines, ertapptes Kind drein.
„Ja? Ich höre?“
„Bei Fred“, sage ich beschämt und ziehe meine Schulter kindlich hoch.
„Aha, und was haben wir da getan?“
„Er hatte Geburtstag und da habe ich...“
„Na, na, na“, und Kevin schwenkt mit dem Zeigefinger vor meinem Gesicht, „was haben wir getan?“
„Also, ach Mann, da war dieser Geburtstag und dann, als wir...“
„Marvin? W-a-s h-a-b-e-n w-i-r g-e-t-a-n?“ Väterliche Strenge ist wiederzuerkennen.
„Getrunken“, sage ich blickaufwärts und beklemmend.
„Wie viel?“, fragt Kevin.
Ich komme mir wirklich wie ein kleines Kind vor und antworte: „Zu viel.“
„Und was sagt man?“
„Tut mir leid! Kommt auch nicht wieder voooor!“
„Ach Marvin, du vergisst im Moment alles. Ich weiß ja, was du mit Jasmin durchmachst. Aber heute kommt die Presse. Gleich zwei Zeitungen und du bist völlig verballert. Dann kannst du doch gleich absagen und im Mitleid ertrinken.“
„Hast du schon einmal etwas von positiver Motivation gehört? Ist ja auch gut jetzt. Und hör endlich auf mich ‚Herr Literat’ zu nennen. Ich komme mir dann immer so pseudo-intellektuell vor.“
„Okay“, sagt Kevin beschwichtigend und nimmt mich in den Arm, „aber nur, wenn du dich ab jetzt zusammen reißt, okay?“
„Okay. Da du ja den Soundcheck schon gecheckt hast, kann ich dann doch nun wirklich gehen, oder?“
„Marvin?“, sagt Kevin zischend.
„Alles klar. Wo soll ich stehen? Soll ich stehen oder sitzen? Oder nur ein Mikrophon in der Hand?“ Kevin scheint besänftigt. Denn ich sitze immer, wenn ich Lesungen gebe. Ich will heute nur freundlich sein und den Tiger zu einer Hauskatze stutzen.
„Also, die Organisatorin und ich dachten heute eher an einen Stehtisch.“
„Und was soll der Sessel auf der Bühne?“
„Den haben wir nur aus Platzgründen auf die Bühne gestellt. Du sollst aber auf jeden Fall an einem Tisch lesen.“
„Äh, Kevin“, ich werde trotz nachwirkender, alkoholischer Gleichgültigkeit nervös, „ich habe noch nie, und ich betone es für dich, noch NIE an einem Tisch gelesen. Ich saß bis jetzt immer. Wieso jetzt stehen?“
Von hinten höre ich Frau Erna, die Organisatorin, mich grüßen: „Herr Literat, schön dich zu sehen.“ Sie reicht mir die Hand, mustert mich kurz und fragt Kevin: „Hat der noch einen sitzen?“
Jetzt reicht es aber. „ICH HABE KEINEN SITZEN!!! Ich bin etwas verkatert, JA, aber nicht platt. Meine Güte! Aber nette Überleitung, ich will SITZEN und nicht stehen. Das tat ich nie bei meinen Lesungen.“
Frau Erna schaut mir tief in die Augen, schaut dann Kevin an und zu mir: „Marvin, das schaut aber besser aus. So kannst du mehr auf das Publikum eingehen. Du sitzt nicht einfach passiv da, du bist aktiv.“
„Das war mir gar nicht bewusst“, sage ich verwundert, „komme ich denn dermaßen passiv herüber?“, frage zweifelnd.
„Nun“, Frau Erna holt Luft, „nicht passiv im Sinne von Nichts-Tun, aber du musst doch zugeben, dass Stehen etwas von Erhabenheit, Königlichkeit und Stolz ausdrückt.“
Ich nicke und denke nach. Sie hat da gar nicht Unrecht. Stimmt eigentlich. König Marvin und der Mob. Das Regime ‚Marvinismus’. Homo homini marvin est! Ja, das ist klasse.
„Frau Erna, gebongt. Ich werde erhaben und stolz vor der Menge stehen.“
Ich betrete mein Reich, die Bühne und sehe Kevin und Frau Erna tuscheln. Ich schnappe ein paar Wortfetzen wie „narzisstische Menschen“ und „muss man so bearbeiten“ auf.

„Marvin, sag mal was in Mikro“, sagt Kevin hinter Bühne.
„Ic... bin heu... hier, um hi... z... l..sen u..d mö...te...“
„Scheiße, Marvin, das Miro spinnt. Dabei funktionierte es doch gerade.“
Was Kevin nicht weiß ist, dass ich nur so spiele. Das Mikrophon ist vollkommen in Ordnung.
„Ehrlich“, rufe ich erstaunt nach hinten, „und was machen wir jetzt?“
„Ich stelle das Mikro etwas feiner ein. Moment... jetzt probier mal!“
„Ein... ...ei... dr... ...ier und fünf und sechs.“ Ich beginne zu lachen. „Tatsache, das Mikro musste wohl nur warm werden.“
„Arsch. Sehr witzig. Bete lieber, dass das nicht passiert, wenn die Presse kommt.“
„Bleib ruhig. Es ist nur die Presse. ICH werde erwähnt und nicht die Technik. Wenn, dann werde ICH journalistisch auseinandergefetzt.“
„Trotzdem, es soll alles tiptop sein. Also, dann lese einmal einen kleinen Ausschnitt vor. Ich höre mir das im Raum an.“
So beginne ich einen kleinen Text zu lesen und Kevin rast von einer zur anderen Ecke, um die Qualität des Tonss zu prüfen.
Beim Lesen erscheint Sybille im Raum und hält ein Tablette in der Hand. Ein kleines Bier für Kevin und für mich einen Kamillentee mit einer Aspirintablette.
„Danke, Sybille, sehr aufmerksam. Ein Kre hätte es auch getan.“
„Pöh, du hast doch nach deiner Lesung eh wieder Freibier. Dann musst du nicht jetzt schon anfangen.“
„Ich bin Künstler! Ich zehre meine Gedanken aus der Welt gewisser Elfen. Ob grün, gelb, blau oder rot-grün-kariert. Zählt das Argument?“
„Nicht wirklich. Herr Literat sollte lieber in eine Selbsthilfegruppe!“
„Hör auf, mich... ach, was soll’s.“ Ich nehme den Tee und ziele mit der Aspirintablette auf Sybilles Hinterteil. Leider treffe ich versehentlich ihren Hinterkopf.
„Du Arsch!“
„Das war keine Absicht, ehrlich, Sybillihase!“
„Oh Marvin, wenn ich nicht..., dann könnte ich dich..., aber dermaßen, dass du... ach, egal!“
„Bist du jetzt sauer“, frage ich, bekomme aber keine Antwort. Sie streckt beim Gehen nur ihren Mittelfinger mir entgegen und ich definiere diese Antwort als ein ‚Ja’.
Kevin bekommt nichts mit und ist verwundert, warum kein Ton aus den Boxen ertönt. Fummelt an den Kabeln herum, bittet mich erneut eine Textpassage zu lesen und streckt, Gott sei Dank, nur den Daumen hoch.

20:45 Uhr. Der Raum ist mit fünfzig Leuten gefüllt. Die Presse ist auch schon da.
Mein Magen verkrampft sich, Nervosität steigt auf. Alles, was locker und entspannt am Nachmittag schien, steigt zu einem hohen Potential an Lampenfieber und, ich muss es wieder sagen (ich bin nervös), Nervosität. Mein Blut blubbert und der Druck betrifft auch meine Blase. Ich renne auf die Toilette, erleichtere mich und gehe zu Sybille (oben) an die Theke.
„Sybille?“
Sie würdigt mich keines Blickes.
„Sybille, es tut mir leid. Bitte wünsch mir Glück. Vielleicht hatte ich doch noch einen sitzen.“
Sybille erkennt meine Nervosität und erkennt meine innere Zerfressenheit.
„Die Presse macht dich nervös, he?“
„Ja, Bienchen, aber wie. Ich lese heute ein ganz neues Programm und weiß nicht, wie es ankommen wird.“ Alle Probleme und Differenzen scheinen aus dem Weg geräumt zu sein, denn Sybille kommt vor der Theke hervor, nimmt mich in den Arm und sagt: „Sie packen das, Herr Literat, zieh dein Ding durch.“ (Das erinnert mich doch stark an einen gewissen Abend!)
Gestärkt und mit zweifelndem Selbstbewusstein betrete ich den Raum. In der Aufregung habe ich vergessen, dass Fred, Jenny, Sascha, Mona anwesend sind. Ich gebe ihnen die Hand und bedanke mich für ihr Kommen. Jedem einzelnen gebe ich die Hand bis ich zu ... ich kann es nicht glauben... zu Jasmin komme. Ich meine die Jasmin, die gestern auf Freds Geburtstag gewesen ist.
„Äh, hallo, du hier? Äh...“
„Wir wollten uns doch heute sehen“, sagt sie augenzwinkernd.
„Ja, äh, also, ich habe heute eine Lesung.“
„Ehrlich“, sie lacht, „ich dachte, du wärst nur der Türsteher.“
Natürlich weiß sie, dass ich heute lese.
„Die Presse ist für dich auch noch gekommen. Wie fühlt man sich da?“
Ich spiele den Mann: „Ach weißt du, das ist“, ich kann nicht männlich spielen, nicht bei ihr, „das ist ein sehr seltsames Gefühl. Ich habe ein bisschen Angst!“
„Wie süß!“ Aber ihre Stimme lässt nicht dieses ‚süß’ verlauten, wie man einen niedlichen Hund bezeichnen würde; nein, es ist dieses zutiefst menschlich gemeinte ‚süß’ mit einer großen Spur von Anteilnahme.
„Ich wünsche dir viel Erfolg, denn Glück brauchst du nicht, Tiger!“
„Wie hast du mich genannt?“
Jasmin zwinkert mir erneut zu und nickt.
Ich kann nicht beschreiben, was geschieht, aber ich gebe eine Lesung vom Feinsten. Selbstbewusst und sicher stehe ich an meinem Stehtisch, schaue den Zuhörern in die Augen, mische Standup und jede Menge Emotionen in meine vorgebrachten Texte. Jeder Blick zu Jasmin scheint mir neue Kraft zu geben. Nicht, um ihr etwas zu beweisen, im Gegenteil, ich fühle mich einfach dementsprechend. Sie ist vergleichbar mit einem Silo gefüllt mit Traubenzucker. Anpumpen und auf die steigernde Wirkung warten. Jasmin, mein Silo? Jasmin, die Zweite? Jasmin...?
Die Menge lacht und auch ich kann mir den einen oder anderen Lacher nicht verkneifen und bleibe trotzdem seriös. Ein perfektes Spiel zwischen dem Publikum und mir.

„...doch wann ist die Zeit reif? Und wann reift die Zeit für ein Ende? Ich denke, genau jetzt!“
Ich verbeuge mich und beende mein Programm.
Fred jubelt als erster, die Menge ist begeistert und klatscht wild. Ich bedanke mich, ohne Mikrophon, bei meinen Zuhörern und verbeuge mich wieder. Laut sage ich: „Ich danke Ihnen! Vielen Dank!“
Ich schaue Jasmin in die Augen und sie hält beide Daumen hoch. Kevin verschwindet hinter der Bühne, schlägt mir kurz bestätigend auf die Schulter und lässt Musik in den Raum einspielen.
Ein Journalist kommt auf mich zu: „Herr Vascandu? Haben Sie kurz Zeit?“ Ich bejahe dies und gehe mit ihm an einen Tisch, wo wir in aller Ruhe das Interview beginnen und nach zehn Minuten beenden. Ein Photograph ruft plötzlich: „Herr Vascandu?“ Ich drehe mich um und schaue in einen grellen Blitz hinein. „Danke, das Bild wird gut!“ Danke, und ich bin jetzt blind.
Ich bedanke mich beim dem Journalisten und nicke dem Photographen zum Abschied blind zu.
„Ich werde Sie im Auge behalten, Herr Vascandu“, sagt der Journalist abschließend freundlich und verabschiedet sich.
„Jetzt ‚ich habe fertig’“, denke ich mir und möchte zu Jasmin gehen, als drei Frauen auf mich zustürmen und mich um ein Autogramm bitten: „Einmal unterschreiben, bitte! Und zwar für Annelise, ja? Genau da!“ Sie zeigt auf einen freien Raum des Blattes und ich unterschreibe.
„Für mich bitte mit Annelotte“, sagt die zweite Dame und auch hier unterschreibe ich gekonnt. Die Dritte im Bunde hat sogar noch einen Flyer meiner Lesung, auf dem ich unterschreiben soll. Dieses Mal aber ohne Namen, nur meine Unterschrift.
Ich bedanke mich auch für ihr Kommen und versuche endlich in Richtung Jasmin zu steuern.
„Riesending“, sagt ein junger Mann neben mir und fasst meine Hand, „wie Sie diesen Alltag erkennen und sarkastisch beschreiben. Einfach herrlich!“ Ich bedanke mich und gehe weiter.
„Herr Vascandu? Ganz kurz? Wir haben ihre Lesungen verfolgt. Haben Sie Interesse auch für uns zu lesen?“ Ich schaue kurz zu Jasmin herüber, die ihre Schultern hochhebt und mich mit einem ‚Was-sollst-du-auch-machen’-Blick anschaut. Ich gebe meine Telefonnummer an den Herren und verabschiede mich höflichst.
Ich bin kurz davor Jasmin ansprechen zu können, da kommt mir Kevin in den Weg: „Alter, was war das denn grad? Du warst ja der Wahnsinn. Woher diese Wandlung?“
Ich packe Kevin an die Schulter, schiebe ich sanft aus meinem Weg und sage: „Wegen ihr.“
„Ah“, sagt Kevin verschmitzt, „Groupies, häh? Kein Thema. Sag, wie es war.“
„Kevin, wie viel Bier hatten wir jetzt schon?“
„Ja, öh, wie jetzt?“, fragt Kevin verdutzt.
„Was hatten wir ausgemacht, während den Lesungen?“
Kevin schaut verstohlen auf den Boden: „Nur zwei kleine Bier und dann am Ende eben egal!“
„Richtig, Großer. Wie viele waren es jetzt!“
„Also, ich war so aufgeregt und so nervös und da habe ich dann...“
„Na, na, na, was sagt man?“
„Tut mir leid. Kommt auch nicht wieder voooor!“
„Kein Thema“, sage ich, klopfe ihm lächelnd auf die Schulter und sage: „Bring gleich zwei große Bier mit. Eins für Jasmin und mich.“
„Jasmin?“
„Ist eine längere Geschichte. Danke dir!“
„Kein Thema, Herr Literat!“
„Hör auf, mich... wieso eigentlich nicht? Ist doch ein netter Titel, oder?“
„Eben. Bin kurz Bier holen und dann feiern wir richtig.“
So verschwindet Kevin zum Obergeschoss.

„Endlich bei dir, Jasmin“, sage ich erschöpft.
„Ja, endlich. Wie nennen dich hier alle? Herr Literat?“
„Ja, ab und zu kommt das Mal vor.“
„Die Lesung war echt klasse. Ich wusste ja nicht, dass Lesungen auch so sein können.“
„Danke dir. Aber dann musst du dir mal Max Goldt anhören.“
„Wen?“
„Egal. Bleibst du noch eine Weile?“
„Maaarrrvviiinn“, schreit Jenny mir ins Ohr, „das war so schön. Ach, war das toll. Wie fein. Ein kleiner Durchbruch, oder?“
„Wir wollen nicht übertreiben, ja“, sage ich bescheiden.
Sascha kommt mir entgegen und drückt mir die Hand: „Gut gemacht. Deine Rede war ja schon toll. Aber wer hätte das gedacht.“
„Danke dir.“
Plötzlich schießt Fred um die Ecke und schließt mich in seine Arme: „Mein Günther Graß des Alltages. War echt cool. Ehrlich!“
„Danke, Fred! Freut mich, dass es euch allen gefallen hat.“
Dann wirft sich Jasmin um meinen Hals und flüstert: „Wenn man dich nur so zum zweisamen Dialog bekommen kann, dann mache ich das doch gerne.“ Sie schmiegt sich an mich.
Ich schaue in ihre stahlblauen Augen und bemerke peinlicherweise, wie sich meine Biologie spontan aufrichtet.
„Ähm, Jasmin, äh, ich muss..., also...“
Sie kichert mir ins Ohr und ich sehe, wie Fred und die anderen ihre Daumen in die Höhe strecken. (Heute scheint jeder den Daumen oder irgendwelche Finger in die Höhe zu strecken.)
„Marvin, ich bin Frau genug, um diese Peinlichkeit für dich verdecken zu können.“
„Ähm, Jasmin, wenn du länger an mir hängen bleibst, wird diese Peinlichkeit aber immer größer und dann wird es aber richtig peinlich für mich.“
„Tja, Tiger, dann muss ich wohl noch länger an dir hängen bis deine Peinlichkeit verschwindet.“
„Dir ist bewusst, dass dies ein Teufelskreis ist?!“
„Jupp“, sagt sie kurz und Kevin verschwindet hinter der Bühne.
Auf einmal höre ich den Song ‚Little Wing’ von Jimmy Hendrix im Raum und wir tanzen – natürlich nur, um meine Peinlichkeit zu verbergen, versteht sich.


29 .:. Das ESEL-Prinzip <

27 .:. Vater, Morgana & Jasmin >

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