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I 'm here without you, baby, But just still low in my lonely mind. I think about you, baby, And I dream about you all the time. I'm here without you baby, But you are with me in my dreams, And tonight, girl, is only you and me. …schallt es aus den Lautsprechern. Ich sitze abseits von allen Leuten auf einem Stuhl, mitten in Freds Wohnzimmer. Meine Arme stütze ich auf meine Oberschenkel ab und schaue, mit meinen Gedanken bei Jasmin, auf den Boden. Es ist Freds Einweihungsparty zu seiner neuen Wohnung und sie ist in vollem Gange. Irgendwie reißt mich dieses Lied in eine ungewollte, spontane Lethargie. Ich entscheide dem ein Ende zu bereiten und (noch immer lethargisch) zu den anderen zu gehen. Der Treffpunkt vieler Leute ist - wie es immer zu sein scheint - die Küche. Viele Gesichter kenne ich nicht und ich habe heute auch keine Lust diesen unbekannten Gesichtern Charakter zu verleihen, indem ich mein ödes Smalltalk-Programm herunterrassele. Ich stelle mich in die diskussionsvertiefte Runde der unbekannten Art. "Ich finde ja, dass das Wachstumsabkommen seinen Sinn verloren hat." "Ganz meiner Meinung, ganz meiner Meinung. Wie soll den auch der Wachstum zu dieser Zeit einen Aufschwung erleben. Gerade den brauchen wir doch, um eine nicht-minderqualifizierte Erwerbsbevölkerung zu erreichen. Wir brauchen mehr Bildung, ergo mehr Schulen." Oh mein Gott, denke ich mir, Möchtegern-Politiker. Es ist immer der Schlag von Möchtegern-Politikern. Einfach einige Worte aus der Tagesschau aufschnappen, in einen Kochtopf werfen, gut umrühren und schauen, was herauskommt - Hauptsache ist, es klingt klug, politisch und wichtig. "Du weißt doch, was unser Bundeskanzler Rau letztens meinte. Er sagte, dass gerade die Wirtschaftspolitik nicht dazu verpflichtet sei auf Wachstum und Stabilität zu achten." Entweder muss ich gleich zur Toilette, da mir schlecht werden wird, oder ich zeige der Runde, wo der Hammer hängt. Ich entscheide mich für den Hammer. "§1 StabG", werfe ich laut ein. Alle sind schlagartig ruhig - ich sage es doch, der Hammer. Der Lauteste von allen schaut mich von unten nach oben arrogant und selbstsicher an und meint übertrieben lachend: "Ach ja? Sage das noch einmal, bitte!" Ich wiederhole: "§1 StabG." Er überlegt ganz kurz: "Ganz meiner Meinung, ganz meiner Meinung. Aber das hat damit ja jetzt gar nichts zu tun." "Doch, gerade laut §1 StabG ist das Ziel der Wirtschaftspolitik die Stabilität (für den Kenner natürlich (um ganz genau zu sein) die Preisniveaustabilität, aber das würde diesen Kleingeist sprengen), die Vollbeschäftigung, der Ausgleich der Zahlungsbilanz und das des ausgewogenen Wachstums. Was Du gerade erzählst hast, ist absoluter Blödsinn und ich möchte nicht wissen, wer das hier auch noch glaubt." Verschämt schauen alle auf den Boden, bis auf Herrn Lauthals. "Und noch was. Unser Bundeskanzler hat den Namen seiner Frau angenommen: er heißt nun Johannes Schröder." (Kommt schon, ein bisschen Spaß muss sein.) Plötzlich klopft mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich erschrecke mich, springe herum und nehme sofort die Grundstellung von Karate an. "Wwoh, wwoh, ich bin es nur, Dein Freund Fred", und steht dabei in der Kranichstellung vor mir, gefolgt von einem schrillen "Huuuaaahhhh!" Nach zwei Minuten des Kämpfens und von unserem andauerndem Lachen findet unser Krieg der Künste ein jähes Ende. Wir sind aus der Puste: "Wir sollten das Rauchen aufgeben! Ehrlich!" "Puh, (hechel) wem sagst Du das? Lass doch ab morgen aufhören - also nach meiner Party natürlich!" "Wetteinsatz?" "Klar, sagen wir zehn Euro?" "Gebongt" und so gehen Fred und ich aus der Küche, um schnaubend das Wohnzimmer zu erreichen.
Es stehen viele Leute herum. Einige unterhalten sich, manche hören nur zu und andere suchen einen Gesprächspartner. Wir kommen zu einer kleiner Gruppe. "Darf ich vorstellen, das ist mein bester Kollege Marvin!" Ein synchrones "Hallo" empfängt mich. Fred weist mich ein. "Das ist Bernd." Ich gebe Bernd die Hand und sage höflich "Hallo!" "Das ist Mona." Ich gebe Mona die Hand und sage "Hallo!" "Das ist Kevin." Ich gebe Kevin die Hand und "Hallo!" "Und das ist Gabriela." "Hallo!" Keine Reaktion - von ihr. Moment mal... "Fred, ist sie zufällig bei einer Bäckerei tätig?" "Ja genau, kennt ihr Euch?" Ich erröte: "Ähm, nur flüchtig...ähm, hallo Gabi, woher kennst Du denn Fred jetzt...also....ähm...." Keine Antwort - von ihr. "Marv, da ich ja fast ein Nachbar von Dir geworden bin, holte ich mir ein paar Brötchen, bevor ich meine Wohnung weiterrenovieren wollte, und so lernte ich Gabriela in der Bäckerei um die Ecke kennen. Wir unterhielten uns ein bisschen und ich lud sie für heute ein. Wie Du siehst, ist sie auch gekommen", Fred knipst ihr ein Auge zu, was sie lächelnd erwidert. Danach schaut sie zu mir herüber und ihre Miene wird zu Stein. "Freeed", ruft jemand aus der Küche, "wo genau ist das Baguette?" "Komme sofort", ruft Fred zurück, "na dann lasse ich Euch mal alleine", kurzer Klopfer auf meinen Rücken, so dass ich einen Stolperer in Gabis Richtung vollziehe. Als ich mich einigermaßen in die Runde integriere, geht Gabi zu der Stereoanlage und fummelt am CD-Player herum. I'm here without you, baby …schallt es wieder aus den Lautsprechern. But just still low in my lonely mind. Meine Stimmung erreicht schmerzend den Nullpunkt. I think about you, baby. Ich sitze wieder auf meinem Stuhl und denke nur noch quälend an Jasmin. Doch Gabi schaut zu mir herüber und zum ersten Mal sehe ich ihr ganzes Gesicht voller Glückseeligkeit erstrahlen. And I dream about you all the time. I'm here without you baby, But you are with me in my dreams, And tonight, girl, is only you and me. Es tut einfach nur weh, Gabriela!
Wie kann nur ein Mensch so grausam sein und wie kann man nur so wenig Fingerspitzengefühl besitzen? Gabi muss mich wohl beobachtet haben, wie ich in meiner Lethargie versunken bin , als ich bei diesem Song alleine auf dem Stuhl gesessen habe. Ich habe Gabi doch nie, wirklich nie, etwas angetan. Oder etwa doch? Wenn ja, dann was? Egal, das bedeutet Krieg. Ich gehe in die Küche, um mir eine Flasche der blonden Ambrosia zu besorgen. Auf dem Weg entgegnet mir Fred, der meine finstere Miene sofort erkennt: "Was ist denn mit Dir passiert? Lächele mal. Das soll eine Party sein und keine Beerdigung." "Wir treffen uns gleich im Wohnzimmer. Ich möchte mir nur etwas zum Trinken besorgen." Fred geht seinen Weg und ich durchsuche die Küche nach blonder Ambrosia. Herr Lauthals steht immer noch mit seinem Club der toten Pseudo-Intellektuellen in einer Runde, aber verstummt sofort als er mich sieht und nickt mir schüchtern zu. Ich nicke selbstbewusst zurück. Ich brauche einen Plan, einen kleinen Racheplan. Aber wo ist die verdammte Ambrosia? Zwischenzeitlich steckt der Club der toten Pseudo-Intellektuellen in einem neuem Gesprächthema. "Wenn man nun die Ringparabel von außen betrachtet, erkennt man deutlich, dass Nathan der Weiße um seine drei Söhne bangt, die er in den Kreuzzügen verlieren könnte." "Nathan der Weise, nicht Weiße. Wir reden hier nicht vom Herr der Ringe", meine ich, während ich bückend unter einem kleinen Tisch versuche eine Flasche zu ergattern, die in einem Kasten ruht. "Ganz meiner Meinung, ich meinte auch den Weisen. Mein Fehler, entschuldige." Ich fange meinen kleinen Vortrag an: "Abgesehen mal davon....diese Flasche will einfach nicht heraus.... Nathan erzählt nicht über seine Söhne. Sie sind.....oh mann, kommst Du da wohl gefälligst heraus....drei Charaktere, die verschiedene Lebensweisen verdeutlichen sollen.....gleich habe ich Dich....es sind nicht die Söhne Nathans, Nathan hat eine Tochter, die aber nicht in der Parabel vorkommt....." Mit einem knallenden Ruck lande ich mitten in der Runde auf dem Rücken und schaue, vom Boden aus, in die Augen der Clubmitglieder. Dabei halte ich voller Stolz meine Flasche hoch in die Luft. "Endlich", ich stehe auf und klopfe mir unsichtbaren Staub von meinen Klamotten. "Man kann die Parabel auch nicht von außen betrachten. Es ist zwar ein netter rhetorischer Versuch Deinen Satz zu strecken, aber vollkommen unnötig. Wo ist eigentlich der Flaschenöffner", frage ich die Runde und suche gleichzeitig die Arbeitsplatte in der Küche ab, "... das Drama an sich wurde zu Zeiten der Kreuzzüge geschrieben. Ah, das ist der Öffner....na, wusstet ihr das? Das ist schon Allgemeinwissen. Nicht immer alles durcheinander werfen, ja", es macht PLÖP (die Flasche war nun auf) und ich verlasse die Küche.
Immer noch keinen Racheplan. Ich brauche Rache-Entwicklungshilfe. Ideensubventionen, eine subsidiäre Agglomeration von Rachegedanken. (Der Club hat mich wohl angesteckt.) Ich gehe nachdenklich zu der Runde, bestehend aus Bernd, Mona und Kevin, zurück. Gabi hingegen durchforstet die CDs. Fred unterhält sich mit Mona, Bernd mit Kevin. Mist, fünftes Rad am Wagen. Ich entscheide mich zu Gabi zu gehen. Vielleicht inspiriert mich die pure Boshaftigkeit Gabis zu einem Racheplan. "N'Abend Gabi", sage ich. Gabi dreht sich um und zum ersten Mal kann ich sie richtig betrachten. Sie ist etwas kleiner als ich, hat eine athletische Figur, brünette, schulterlange Haare und euroasiatische Augen, die wie Diamanten glitzern. Ihr Gesicht ist einfach wunderschön, so wie ihr Name. Ich möchte meinen Augen nicht glauben. Dazu trägt sie passend eine enge schwarze Hüfthose und ein enges schwarzes Top, welche ihre diamantenhaften Augen um so mehr betonen. Ich will meinen Augen wieder nicht glauben. Gabriela scheint ein richtiger Feger zu sein. Ich kenne sie ja nur in einer roten, mit Mehl verschmutzten Schürze und einem weißen Pulli, die dem aufgestickten Namen der Bäckerei. Wie Kleidung den Menschen verändern kann. Ich bin wirklich geplättet. "Mach den Mund zu, Kleiner", sagt sie spöttisch. "Aber...aber...", stottere ich. "Na was?" "Du ....Du....äh...a-hrm... also" Jetzt noch einen Rachefeldzug? Ich kann es vergessen, ich bin ihr erlegen und habe den passenden Moment schon lange verpasst. Wo waren meine Rachegedanken, wieso erstarre ich, wieso setzt mein Gehirn aus? Ich bin nicht mehr wirklich sauer auf sie. Alles verschwindet blitzartig bei ihrem Anblick, der sehr anschaulich geworden ist. "Du bist Marv, nicht wahr?" Komm schon, komm schon. Sie fragt nur nach Deinem Namen. Den weiß ich doch. Ich bin Marvin, richtig. Aber meine Zunge will sich nicht bewegen und meine Stimmbänder scheinen zu streiken, denn ich bekomme nur ein: "Habba-habba" heraus. Gabi lächelt. Sie LÄCHELT und sie SPRICHT mit mir. Ich gebe mir eine imaginäre Ohrfeige und antworte noch etwas stotternd: "Ich ... Marvin...!" "Du kaufst immer die Käsebrötchen bei mir, nicht wahr?" Ich nicke. "Findest Du eigentlich Deine Auftritte bei mir lustig", fragt sie und schüttelt elegant subtil den Kopf, der ein "Nein" verdeutlicht. Ich schüttele verzaubert meinen Kopf in ihrem Takt mit. Gehirn an Marvin... Gehirn an Marvin...Du findest diese Auftritte lustig, lass Dich nicht einwickeln. "Und wieso machst Du das dann mit mir? Hast Du vielleicht ein Potenzproblem", wobei sie ihren Kopf nun in einem Ja-Rhythmus bewegt, den ich immer noch verzaubert imitiere. "Dachte ich es mir doch", dabei streichelt sie meine Wange und meint, bevor sie geht, "Du armer Spinner!" Gehirn an Marvin.... sie hat Dich gerade beleidigt. Gut, Du willst es nicht anders... Plötzlich durchzuckt mich ein stechender Schmerz in meinem Kopf. Ich hätte schwören können, dass es sich wie ein Gehirnschlag anfühlt. Der Schmerz reißt mich zurück in die Realität und ich begreife nach einigen Sekunden, dass Gabi mich hat auflaufen lassen. "Hey, was sollte das?" Aber Gabi verschwindet mit einem Catwalk-Gang Richtung Küche und ich stehe wie ein Trottel alleine vor der Stereoanlage. Sofort entstehen neue Rachegedanken. Was zu viel ist, ist zuviel. Ich gehe bestrebt gen Küche und sehe, wie sie bei Herrn Lauthals im Arm liegt.
Das darf nicht wahr sein. Gabi und Herr Lauthals sind ein Paar. Obwohl ich nicht in den Club eintreten werde, stelle ich mich dazu und meine zu den beiden: "Ist Geschwisterliebe nicht verboten?" Herr Lauthals schaut zuerst mich und dann zu Gabi an: "Ist das der Typ?" Gabi nickt weinerlich und verkriecht sich in seinem Arm, als ob ich sie geschlagen hätte. Diese Gabi - mit allen Wassern gewaschen. Sie scheint fast ein ebenbürtiger Gegner für mich zu sein, aber nur fast. "Hast Du meine Freundin angemacht", zischt Lauthals aggressiv. "Welche Freundin?" "Du weißt genau, wen ich meine." "Nein, ehrlich nicht." "Irgendwo ist auch Schluss, ja? Und wenn ich Dich noch einmal in ihrer Nähe sehe, dann sprechen wir uns mal unter vier Augen." "Bist Du etwa eifersüchtig?" "Was?" "Du hättest mich einfach nur fragen zu brauchen, ob ich mit Dir ausgehen möchte. Nur weil ich mit einer Frau spreche, heißt das nicht, dass Du keine Chancen bei mir hättest." "Was bitte? Wir können gerne vor die Tür gehen." "Das kannst Du auch etwas romantischer sagen. Du bist immer so platt." Lauthals geht auf mich zu und bleibt kurz vor mir stehen und ich bemerke leider, dass er einen Kopf größer als ich ist. "Sag' das noch mal!" "Ich liebe große Burschen. Du bist so männlich!" Lauthals packt mich am T-Shirtkragen und zerrt daran. "Oh, woher wusstest Du, dass ich auf die harte Tour stehe? Wo warst Du bloß mein Leben lang", lehne meinen Kopf an seine Brust und lege meine Arme um seine Hüften. Die anderen in der Runde kichern schon und Lauthals lässt von meinem Kragen ab. Jedoch bleibe ich noch an seinem Körper hängen und schmiege mich nun wie eine rollige Katze an ihm. "Du bist so schön warm! Und: JA, ich will mit Dir ausgehen, mein großer Krieger." Lauthals muss nun selber lachen: "Komm, lass mich los, bitte." Ich spüre seine Zwergfell hüpfen. "Bitte nicht jetzt...´", und ich lasse schweren Herzens los. "Du bist mir schon einer. Wenn ich mich vorstellen darf, ich heiße Ben." Wir geben uns die Hand und ich stelle mich vor: "Marvin, mein Name." Gabi schlägt Ben mit der Hand auf die Schulter und meint schnippisch: "Ihr seid so gemein!" "Ganz meiner Meinung", zitiere ich Bens Lieblingsspruch. Somit verlässt sie beleidigt die Küche und verschwindet im Wohnzimmer. Sie dreht sich noch einmal um und ich kann in ihren Augen förmlich einen Spruch lesen: "Marvin, jetzt bist Du dran!" Ich sage doch, dass Gabi nur ein fast ebenbürtiger Gegner für mich sei. In psychologischer Kriegsführung hat sie noch einiges zu lernen.
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