|
Ach, Jasmin. Dieses Gefühl vom Vermissen. Dich einfach nur anzuschauen, ja, dann springt mein Herz einen neuen Hochsprungrekord. Alle werden mir zujubeln, mich feiern, mir Rosen in mein Herzen werfen. Schöne, rote Rosen. Ich werde von der Außenwelt Liebe empfangen, die mir sanft auf die Schulter klopft und mit einem Augenzwinkern verständlich macht: "Du bist nicht mehr allein!" Ich zwinkere zurück und sage: "Wer weiß, wer weiß. Wir haben ja bis jetzt nur Handrücken gestreichelt!" "Was soll's", sagt die verliebte Stimme zu mir, "bitte nur eine Sache: verbaue es wieder nicht!" Ich schaue mein Verliebtsein böse an und es zuckt ängstlich zusammen und entschuldigt sich auf eine höfliche Art: "Naja, ich kenne Dich, sicher ist sicher!" "Danke, aber ich brauche ..." Verdammt, jetzt führe ich schon Selbstgespräche. Mit meinen verliebten Gedanken unter dem Arm, die immer wieder versuchen aus dem Käfig zu springen, überlege ich mir meine Jasmin anzurufen. Soll ich wirklich? Geküsst haben wir uns nur imaginär. Wir waren kurz davor. Bis jetzt haben wir wirklich nur die Handrücken gestreichelt. Ist man dann schon "zusammen?" (Wie ich dieses Wort hasse. Ich erinnert mich immer wieder an die ‚Grundschul-Willst-Du-mit-mir-gehen-Zettel'.)
Handrücken hin oder her, ich suche meine Eier und rufe Jasmin an. Wo sind meine Eier? Ach ja, gekocht und im Kühlschrank. Wollte ja morgen einen Nudelsalat machen. Eier müssen da unbedingt rein, also laut Mutters Rezept. Ich gehe mein Handy durch und finde Jasmins Nummer. Mein analoges Telefon bewältigt nur mühsam die einzelnen, eingetippten Nummern. Dann endlich... "Hallo?" "Ja, äh... Hallo, Marv hier, was geeeeeht?" "Ah, hallo Marv." "Hallo", sage ich nicht mehr weiterwissend und verunsichert, denn wir streichelten ja nur unsere Handrücken. "Du wiederholst Dich. Was ist denn los?", kommt es zielsicher aus dem Hörer. "Ja... äh... Hallo, Schatz, also..." "Schatz?" "Ja, ... warum denn nicht? Wir sind doch nun zusam... oder so... also...", stammele ich hervor. "Hey, wir haben bis jetzt nur unsere Handrücken gestreichelt, mehr nicht." Ich wusste es. Ich wusste es, dass genau das mir das Beziehungsgenick brechen wird. "Ja... ha ha...also..." Ich lege auf. Mein Gott, bin ich feige. Emotionale Falle. Und jetzt? Wieder anrufen und sagen, dass ein Baum auf die Telefonleitung gefallen ist? Aber wenn ich sofort wieder zurückrufe und das sagen werde, dann wird mir doch das keiner glauben. So schnell sind die von der Telefon-AG auch wieder nicht. Ich brauche etwas besseres. Etwas Kreatives. Meine Oma ist gestorben. Ich habe es gerade per SMS erfahren und bin dermaßen schockiert. Oder noch besser, meine Mutter ist gestorben und mein Vater hat mir eine SMS geschrieben. Vielleicht doch ein bisschen zu weit hergeholt. Wieso ist das immer so schwierig? Wieso muss das immer so schwierig sein? Aber, nein, die Wahrheit geht überhaupt nicht. Wer will denn schon die Wahrheit hören? Und dann ist diese, meine Wahrheit, nur reine Feigheit. Das macht mein Männerego nicht mit.
Mein Telefon klingelt. "Professor Doktor Marvin, ja bitte?" "Ja, rate mal. Warum hast Du aufgelegt?" Ok, maximal zwei Sekunden habe ich Zeit, um Schlagfertigkeit darzubieten. Denk nach... "Ja, ach das war total lustig, da war dieser Baum umme Ecke und der ist doch tatsächlich genau auf meine Telefonleitung gefallen. Und dann BOOM alles kaputt und so..." Jasmin schnaubt, die Wahrheit erkennend ins Telefon, und sagt: "Und dann ist blitzschnell die Telefon-AG gekommen und hat die Leitung zusammengeschweißt?!?" Ich könnte einen Freudensprung machen: "Ja, äh... genau so war es... kennst Du das auch?" "Maaarv? Was willst Du mir eigentlich sagen?" Ich packe mir an mein Herz: "Können wir uns treffen, oder so... also wenn Du nicht willst, dann kann ich das verstehen. Denn immerhin haben wir ja nur Handrücken ge...", sage ich nervös. "Marv, Marv", Jasmin kichert, "ganz easy. Ja, lass uns treffen. Wann hast Du Zeit?" "Prrrfffff!" (Ja, entschuldigung, mehr bekomme ich nicht heraus!) "19 Uhr bei mir. Alles klar?" "Prrrffff?!" (fragend, aber zustimmend) "Gut, bis gleich! Muss Dir eh etwas Tolles erzählen." "Prrrffff!" Dieses Mal zustimmend und freudig. Jasmin legt auf.
So einfach ist das? Tolle Sache. Wer hätte das gedacht? Ich bin schon gut drauf. Alles Taktik. Pure Taktik. Das mit der Nervosität war doch nur gespielt. Hey, ich bin der MANN. Ich habe alles im Griff - so muss das sein. Ich habe die Hosen an. Ja, ja, ja!
Mit einem Torpedo in meinem Bauch komme ich bei Jasmins Wohnung an und klingele. Nach weiteren fünf Sekunden begrüßt mich ein nervtötender Öffnungston der Tür und ich betrete Jasmins Wohnung im zweiten Stock. Sie telefoniert gerade und ist deswegen auch nicht an der Tür und winkt mich wild ins Wohnzimmer. Schöne Wohnung. Immerhin bin ich zum ersten Mal bei ihr. Sehr stilvoll eingerichtet, das muss ich schon sagen. Farblich abgestimmt, aber nicht zu übertrieben. Alles ist an seinem rechten Platz. Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich meine Wohnung auch so eingerichtet. Da ich es aber nicht bin, bin ich - wie jeder Kerl - begeistert. Wird bestimmt schön sein hier mit Jasmin eine gewisse Zeit, unsere Zeit zu verweilen. DVD-Abende, Sex auf dem Sofa, Liebkosungen und Streicheln, Kraulen des Anderen... "Ja, ich liebe Dich auch. Bis morgen!" Waaaas? Der zu Liebende steht doch hier; im Flur, zwischen Küche und Wohnzimmer. Okay, für Liebe braucht man eine Weile, das weiß selbst ich, aber wen liebt sie denn? Ganz klar, das sind ihre Eltern gewesen. Die liebe ich ja auch, also meine - ihre kenne ich ja nicht.
Jasmin begrüßt mich liebend (muss ich hier wirklich sagen) und gibt mir einen Kuss auf die Wange. "Komm, setz Dich. Ach, warte, ich hole mal kurz zwei Bier aus dem Kühlschrank!" Sie ist perfekt. Sie hat Bier im Kühlschrank. "So, hier... Gib mal Dein Feuerzeug!" Plök, plök, zwei Bier sind offen. Anstoßen, in die Augen schauen (welch wunderschöne Augen) und einen Schluck des bekannten Rituals. "Du wirst es nicht glauben", fängt Jasmin an, "Du wirst nie erraten, wer das gerade war?" Natürlich weiß ich das. "Natürlich, Deine Eltern. Zu wem sagt man sonst ‚Ich liebe Dich auch'?" Ich genehmige mir einen zweiten Schluck. "Nein, nein", antwortet Jasmin, "die hatten gestern angerufen." Hhhmmm? Wer denn dann? "Das war ..." "Deine Schwester", unterbreche ich. "Nein, es war..." "Ah, dann ein Schulfreund", ergänze ich. "Nein, mensch, lass mich doch mal ausreden. Es war..." "Dein verschollener Ur-Onkel aus dem zweiten Weltkrieg?" Ich werde langsam unsicher und mir gehen die Verknüpfungspersonen aus. Jasmin schaut mich prüfend an, aber strahlt sofort über ihr ganzes Gesicht: "Es war Melvin!" "Melvin", frage ich stutzig und durchsuche meine Namensdatenbank nach einem ‚Melvin'. Keine Suchergebnisse. "Mensch, Marv, mein Melvin." "Dein Melvin?" Ich werde immer unsicherer. "Ja, ach Marv, Du weißt schon, mein Ex-Freund, na ja, jetzt wieder Freund. Er hat alle seine Fehler eingesehen. Und ich weiß, wie sich sonst sein Männerego dagegen sträubt. Er will mich. Er will mich wieder zurück." Was? Wie bitte? Ich möchte gerne in einen anderen Film. Das hier kann nur der Falsche sein. Ich kann hier nicht richtig sein. Ich möchte gerne reklamieren - dieser Film ist Mist! Leider kann man die Realität nicht reklamieren, denn Jasmin sagt weiter: "Ach Marv, ich bin so glücklich. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihm soviel bedeute." "Ja-ha", schmunzele ich gezwungen, "wer hätte das gedacht." Oh Herz, bitte reiß Dich zusammen und zerbreche nicht. Sofort schießt mir das weinende Gespräch zwischen mir und Jasmin ins Gedächtnis, als er sie seinen Eltern verleugnete. Das soll alles in Revision gegangen sein? So schnell? Ein bisschen Reue zeigen und das ist es dann? Den Trick muss ich mir für die Zukunft merken. Ich nehme einen weiteren Schluck und frage Jasmin: "Ja, aber das im Park. Was war das mit ‚Du, nur Du allein, und um Gotteswillen, nur Du allein'?" "So etwas merkst Du Dir?" "Hey, das war erst gestern", sage ich verzweifelt. "Ja, aber wer hätte gedacht, dass Melvin sich melden wird. Ich war allein und Du warst da." "DU bist zu mir gekommen. Und ich möchte betonen FREIWILLIG, es hat Dich keiner gezwungen." "Du hast mir eben leid getan." "Waaaas? Das war nur Mitleid? Alles, was Du meintest, war nur aus Mitleid? Das kannst Du mir nicht erzählen? Wir hatten dieses Knistern, dieses Etwas zwischen uns. Das kannst Du nicht verleugnen." "Ja, ich weiß, aber... ich war verzweifelt. Natürlich mag ich Dich. Du bist ein guter Freund. Melvin ist aber MEIN Freund." "Ja, jetzt erst wieder. Gestern nicht!" "Wir haben ja noch nicht einmal gefummelt. Also komm' runter." "Wir waren auch in der Öffentlichkeit. Da fummelt man nicht herum. Soll ich Dir etwa die Hose und Bluse vom Leib reißen und..." "Warum denn nicht? Marv, sei nicht sauer, aber wir haben nur unsere Handrücken gestreichelt." "Ja, ist das denn nichts? Ich streichele ja nicht von jeder den Handrücken!" "Ey, willst Du hier nun dritte Klasse Grundschule spielen, oder was? Marv, wo lebst Du denn?" "In einer romantischen Welt? Wo Zärtlichkeit, das Gefühl von Geborgenheit mehr zählt als öffentlicher Sex. Wo Zusammensein die Zeit verlangsamt, wo alles still steht und nur wir uns bewegen, wo alle Probleme der Welt nur ein Unding der Zeit sind, wo Küsse den letzten Funken der Vergänglichkeit berühren, wo wir einfach nur wir sein können." Jasmin schaut auf den Boden: "Tut mir leid, Marvin, aber das, was Du gerade beschrieben hast, fühle ich mit Melvin. Es tut mir leid. Ehrlich..." "Kann ich das Bier mitnehmen?" "Kannst Du! Es tut mir ehrlich leid."
Und so gehe ich mit meinem Bier aus Jasmins Wohnung. Das kann nur ein falscher Film sein. Witzigerweise fällt mir das Lied von ‚Fettes Brot' mit ‚Emanuela' ein. Nur, dass ich Emanuela mit Jasmin vertausche.
|
|
 |