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Marvin & Friends
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Ich schlafe, ich schlafe tief und fest. Ich schlafe wie ein Baby, wie ein Stein, wie ein Toter.
Die Decke wohlig warm, kuschelig, die perfekte Schlafposition erreicht.
Biii-bii-bipp-biii-bii-bipp-biii-bii-bipp... - nein, nicht der Wecker.
Mit geschlossenen Augen und noch halb in meiner Traumwelt versunken, versuche ich das quadratische Ungetüm zum Schweigen zu bringen. Nach ein paar Schlägen ins Leere treffe ich einen Schalter und drehe mich um.
Biii-bii-bipp-biii-bii-bipp-biii-bii-bipp... - Mist, nur ‚Snooze' erwischt.
Ich öffne meine Augen zu einem Viertel und suche die endgültige Austaste.
Geschafft, ich kann weiterschlafen.
Biii-bii-bipp-biii-bii-bipp-biii-bii-bipp... - ich schaue nicht begreifend auf meinen ausgestellten Wecker und versuche gequält diese künstliche Intelligenz meines Weckers zu verstehen.
Ich bemerke, dass mein Wecker auf dem Schreibtisch nun aktiv ist und freudig vor sich herbiiipt.
Innerlich verfluche ich den Erfinder des Weckers und erhebe mich mit einer agilen Langsamkeit aus meiner Schlafmuschel. Sieben Uhr zeigt mir der taktische Schuft an und ich drücke - immer noch fluchend - auf die heutige zweite Austaste.

Waschen, duschen, Kaffee aufsetzen und ab zum Bäcker.
Ich betrete die Bäckerei und rieche den süßen Duft frischer Brötchen.
Jedoch sitzt keiner hinter der Kasse, ich bin alleine in dem Laden und ich erkenne auch keine menschlichen Anzeichen.
Ich schaue mich um, gehe vor die Ladentür und mustere die Öffnungszeiten. Dann zähle ich an meinen Fingern die Tage ab und komme bei Mittwoch an.
Die Bäckerei hat geöffnet, aber wieso ist keiner da? Ich blicke auf das vernebelte Ladenfenster und suche nach einem Zettel mit Informationen, wie "Heute Brötchen zum halben Preis" oder "Jetzt auch Sonntags bis 12.30 Uhr geöffnet" - aber nichts.
Unsicher betrete ich wieder die Bäckerei und räuspere mich zweimal laut - kein Anzeichen.
Ich gehe wieder vor die Tür und gehe stampfend zurück, wobei ich ein "Guten Morgen" hervorrufe. Immer noch keiner da. Ich zähle nochmals die Wochentage an meinen Finger ab und komme erneut bei Mittwoch an.
Vielleicht ist ja heute ‚Tag der offenen Tür - die etwas andere Marketing-Aktion'.
Der Begriff SB-Bäcker bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung: offene Tür, die Kunden backen ihre Brötchen selber und können - wie bei einer Spende - den Rechnungsbetrag ihrem Empfinden nach abschätzen.
Ich manifestiere diese Idee und packe mir drei Brötchen in die Tüte.
Sicherheitshalber rufe ich aber noch: "Ich habe mir drei Brötchen genommen und gehe jetzt wieder."
Währenddessen lasse ich ein paar Cents auf die Rückgeldablage fallen und sammle diese flink wieder ein. (Es hätte ja jemand in der Zwischenzeit mein Kleingeld klauen können. Wer weiß, die Welt ist eben schlecht.)

In der Küche esse ich ruhig meine Brötchen mit einem warmen Kaffee und schaue auf meinen Kalender. Der Kalender zeigt den Monat Januar an und ich frage mich, warum es draußen so warm ist.
War nicht letztens noch ‚Tanz in den Mai' - Moment, dann war da noch Himmelfahrt und letztens war doch der Anfang der Europameisterschaft, die aber jetzt schon vorbei ist.
Mampfend gehe ich zum Kalender und blättere auf Juli, der mit lauter Notizen vollgekritzelt ist. Jedoch immer mit der gleichen Notiz: Lernphase.
Ich lasse alle Monatsblätter auf Januar zurückfallen und setze mich beruhigt an meinen Küchentisch.
Langsam, aber sicher, drehen sich meine verrosteten Gedächtniszahnräder und mir wird mit ungewohnter Gelassenheit klar, dass ich irgendetwas zu tun haben sollte.
Moment...wir haben Juli, kombiniert mit der Notiz Lernphase - ratta-ratta.
Gehen wir mit Logik heran: für was lernen? Ich komme einfach nicht darauf.
Plötzlich erfüllt Panik meinen ganzen Körper. Es läuft mir eiskalt den Rücken herunter, da ich bis gerade noch im Januar lebte.
Schlagartig bleibt mir ein Brotkrümel im Hals stecken: LERNEN, Klausuren...aber wann?
Ich suche hastig die Klausurtermine aus einem Ordner heraus und als ich die Termine sehe, wird mir schlecht, denn die erste Klausur steht in einer Woche an.

Zweiter Akt, zwei Stunden später.
Chaos, es existiert ein pures Papierchaos um meinem Schreibtisch herum.
Überall liegen Zettel, offene Bücher, hier und dort vereinzelte Schmierblätter.
Konzentriert hocke ich über einen Essay mit dem Thema ‚Dynaxität als Gegentrend zu Adam Smith'.
Der Titel sagt mir genau soviel, wie der Inhalt des Aufsatzes, nämlich gar nichts.
Wieso müssen solche Schriften mit Fremdwörtern zugebombt werden? Im Endeffekt kann man sie doch eh nachschlagen. Ich halte diesen Fremdwörtereinwurf nur als pure Verwirrungstaktik, denn sonst wäre so ein Aufsatz wieder zu einfach. Es soll bloß nicht jeder den Inhalt verstehen. Wo kommen wir denn hin?
Als ich endlich mit der ersten Seite fertig bin, wird mir bewusst, dass ich wirklich nichts verstanden habe.
Ich lehne mich zurück und halte meine dröhnenden Kopf, an dem meine Vene im Dreivierteltakt schlägt.
Da mich mein Gewissen prügelt, setze ich mich wieder über die erste Seite des schönen Aufsatzes.
Immer noch zweiter Akt, vier Stunden später.
Es klingelt das Telefon und eine Frauenstimme meldet sich:
"Hallo Tiger!"
"Äh....hallo, Cassandra?"
"Ja, genau, Deine Freundin, falls Du das vergessen hast."
"Ach, weißt Du, ich lerne gerade. Passiert mal."
"Wie dem auch sei, wann kommst Du heute denn zu mir?"
Blitzartig versuche ich mich an die heutigen Termine zu erinnern, aber mal ehrlich, wie kann ich das schaffen, wenn ich bis gerade dachte, es sei noch Januar.
"Ja", frage ich vorsichtig, in der Hoffnung, dass sie mir alles Nennenswerte erzählt.
Doch leider Fehlanzeige, denn sie fragt einfach nur zurück: "Ja, wann genau nun?"
Ich habe keine Ahnung, was sie will und ich versuche mich von der Dynaxität auf dieses Gespräch zu konzentrieren: "Ja, wann, das ist hier eine sehr gut gestellte Frage, denn diese Frage verweist auf ein koordiniertes Handeln, welches ja gerade in der Vergangenheit verfestigt wurde." Vielleicht funktioniert es ja!?
"Marvin, komme zum Punkt.... Du hast es vergessen, oder?"
"Nein, nein, ich bin nur... ist es nicht ein warmer Winter?" Mist, mir fällt auch nie etwas Passendes ein.
Ich höre nur ein tiefes Atmen und danach eine halbe Minute Stille. Das ist nie ein gutes Zeichen, aber in dieser Zeit kann ich wenigstens weiterlesen.
"Dann komme ICH eben vorbei."
"Ähm... lieber nicht", sage ich leise.
"Wie bitte?" Es war wohl zu leise.
"Lieber nicht!"
Tiefes Atmen und Stille.
"Warum das denn jetzt? Was ist los", rennt es verbal aus der Telefonleitung.
"Nein, nein, nicht so, wie Du denkst, ich muss noch heute sehr viel lernen."
"Gut, dann komme ich eben später als geplant."
"Nein, auch das lieber nicht", murmele ich in meine freie Hand.
"Wie bitte?"
"Ähm...ja, Kommen oder Nicht-Kommen, das ist hier die Frage, ob edles Gemüt..."
"Marv....."
"'tschludigung!"

Dritter Akt, erste Szene.
Wenn sich Menschen etwas in den Kopf setzen, kann man sie kaum davon abhalten.
Gut, ich gebe zu, dass meine Argumentation nicht sehr durchschlagsfähig gewesen ist.
Cassandra wird nun gegen 21 Uhr vorbeikommen - so habe ich es aus dem Telefonat herausgehört.
Ich nutze die Zeit, um weiterzulernen.
Nach drei weiteren Stunden klingelt es an meiner Tür. Mit diversen Zetteln in der Hand öffne ich die Tür und gehe zu meinem Schreibtisch zurück.
"Hallo? Jemand da?"
"Die Tür hat sich ja nicht von alleine geöffnet", antworte ich ohne aufzublicken.
Cassandra betretet meine Wohnung und bleibt vor meinem Wohnzimmer schockiert stehen.
"Was ist denn hier passiert?"
Ich blicke nun auf und erkenne eine verschwommene Person in der Ferne. Sie hat Ähnlichkeit mit einer Person, die ich kenne.
"Du hättest ja aufräumen können - wenigstens nur ein bisschen. So kann man doch nicht leben!"
"Es sind nur Blätter und Bücher und keine Ratten." Ich erkenne die Person - Cassandra.
"Oh, hallo, Cassandra, schon hier?"
"Wen hast Du denn erwartet? Fred?"
"Er hätte wenigstens keinen Stress gemacht", zische ich leise heraus.
"Wie bitte?"
"Selten so gelacht...", erwidere ich laut.
Cassandra setzt sich auf meine Couch und beobachtet mich. Ich schiele ab und zu in ihre Richtung und höre ständig ein "Ach ja" und "A-hm".
Manchmal können Freundinnen wie Haustiere sein. Man muss sich stetig um sie kümmern. Gott sei Dank muss ich sie nicht füttern.
Nach weiteren fünf ‚A-hm's und ‚Ach ja's, die in einem zehn sekündigen Abstand kommen, drehe ich mich gen Couch und frage, was los sei.
"Jetzt bin ich schon da und Du lernst einfach weiter", und legt ihren Dackelblick auf.
"Ich versuchte es Dir am Telefon klarzumachen, aber DU wolltest unbedingt vorbeizukommen."
"Ach, jetzt bin ich also schuld?"
"Genau, Du hast es erfasst. Du bist gut, Mädchen."
Ich glaube, dass das "Du bist gut, Mädchen" etwas zuviel des Guten war, denn sie steht rasend auf und sagt mit dem Zeigefinger auf mich deutend:
"ICH will ja nur unsere Beziehung intakt halten und wenn Du glaubst, dass..." Ich schalte ab, nicke bedeutend nach jedem Punkt und Komma und erwähne an gewissen Stellen ein "Oh", "Ja" und "Ach so". Nebenbei lässt mich die Dynaxität immer noch nicht los und ich denke über den Essay nach.
"...dann bin ich hier falsch", sprudelt der letzte Satz aus Cassandra heraus.
Ich klinke mich wieder ein und springe begeistert von meinem Stuhl: "Ich hab's!"
Cassandra schaut mich ungläubig an und fragt zornig: "Hast Du vielleicht irgendetwas von dem, was ich Dir gerade erzählt habe, aufgenommen?"
Ich winke ab und ziehe sie zu meinen Schmierblättern, die auf dem Schreibtisch liegen.
"Hier schau mal, wenn die unsichtbare Hand des Marktes..." und so erzähle ich ihr meine ganzen Gedanken und Theorien.
Jegliche Versuche mir deutlich zu machen, dass sie nicht interessiert sei, gleiten von mir ab.
Ich halte meinen Vortrag konstant weiter und suche das Buch mit den Theorien dazu, die mich bestätigen. In meinem feurigen Vortrag schlage ich ein Buch auf und suche die Slutzky-Gleichung heraus. Mit dem Buch setze ich mich auf die Couch und blättere herum.
"Marv, lasse es bitte sein. Sonst gehe ich wieder!"
Das rüttelt mich wach: "Oh...nein, ähm, bleibe doch ein bisschen hier."
Cassandra schaut zum ersten Mal zufrieden und setzt sich auf meinen Schoss und küsst mich.
Es tut mir wirklich leid, aber diese Regel, beim Küssen die Augen zu schließen, konnte ich beim besten Willen nicht einhalten. Immerzu blättere ich in dem Buch herum und schlage hinten die Stichwortsuche auf. Mit 35 Prozent beim Beschäftigen von Cassandra und den restlichen 65 Prozent finde ich die Slutzky-Gleichung auf Seite 367.
Cassandra löst sich von mir und schaut mich verliebt an. Genauso verliebt schaue ich auf meine gefundene Gleichung.
"Ich bin so glücklich", sagt Cassandra und umarmt mich herzlich.
"Ich auch" und streichele Seite 367.


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