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Ich habe mir heute ein Tagebuch gekauft. Ich habe nämlich einmal von Sybille gehört, dass ein Tagebuch die negativen Emotionen in einer gewissen Schreibweise verschlingen und für ewig verschließen würde. Nun, ich sitze vor einem leeren, frisch gekauften Buch. Auf dem Umschlag des Buches steht in großen, kursiven und verschnörkelten Buchstaben ‚Tagebuch'. Ich meine ja nur, sicher ist sicher. Immerhin weiß ich nun, dass dieses Buch wirklich als Tagebuch tauglich ist und nicht für tägliche Einkäufe produziert wurde, denn sonst stehe dort eben ‚tägliche Einkäufe'. Ich nehme einen Kugelschreiber in meine Hand und überlege, was ich in mein Tagebuch schreiben könnte. Okay, mir ist kalt. Schreiben wir doch einfach, dass mir kalt ist. Sofort denke ich an Emotionen, die in ein Tagebuch gehören und versuche ‚mir ist kalt' in Emotionen niederzuschreiben. Aber was kann man für ‚kalt' schreiben, oder eher verwenden? Ich lehne mich zurück und denke an die Göthe'sche Farbenlehre: kalt ist die Farbe blau. Also schreibe ich: "Ich bin blau." Moment, wenn ich das nun in zehn Jahren lese und mich gar nicht mehr an den heutigen Tag erinnern kann, werde ich doch denken, dass ich betrunken gewesen bin. Das ist doch kein schöner Anfang für ein Tagebuch. Es soll immerhin seriös herüberkommen. Nicht, dass ich es verkaufen möchte - obwohl, wenn ich an gewisse Biographien denke, die auf dem Büchermarkt sind. Nein, nein und nochmals nein. Ich möchte hier immerhin meine persönliche, intime Gefühlswelt niederlegen. Und ‚ich bin blau' ist einfach der absolut falsche Anfang. Ich überlege weiter und zünde mir eine Zigarette an. Ich hätte nie gedacht, dass das Tagebuchschreiben so schwierig sein kann. Hm, grün ist die Hoffnung, aber mir ist im Moment nur kalt - rot steht für die Liebe, aber ich bin nicht verliebt, mir ist immer noch kalt. Vielleicht sollte ich meinen ersten und wichtigen Tagebucheintrag als eine Art Parabel schreiben. Immerhin kam Kafka mit dieser Schiene sehr weit. Gut, er musste erst sterben, bis er dafür gerühmt wurde. Aber ein Tagebuch soll ja etwas Persönliches sein, was niemand lesen wird. Ist doch auch irgendwie Unsinn. Da schreibt man etwas und keiner wird es jemals lesen. Egal, mir ist jetzt kalt. Ich könnte doch eigentlich die Heizung anstellen, aber dann wäre mir nicht mehr kalt und mein Tagebucheintrag wäre verfälscht. Man soll doch bei Tagebucheinträgen immer ehrlich sein. Ich stehe auf, drehe meine Heizung auf und schreibe: "Mir ist kalt in meinem Zimmer, aber die Wärme wird mich schneller einholen, als mir lieb ist." ‚Schneller, als mir lieb ist'? Wie pathetisch. Warum soll es denn nicht warm werden? So eine Blasenentzündung soll tierisch unangenehm sein. Ich könnte über mein Singleleben schreiben. Aber selbst das ist dermaßen öde, dass es mich selber langweilt. Wahrscheinlich habe ich innerhalb eines Satzes mit dem Thema abgeschlossen. Außerdem ist es immer dasselbe. Ich werde herumheulen, beklage mich und ändere eh nichts an der Situation. Das muss ich mir nicht auch noch schriftlich vor die Nase halten. Ach, lieber nicht.
Ich rufe aus purer Verzweifelung bei Sybille an. Von ihr habe ich ja den Tipp mit dem Tagebuch. "Sybille Schulz", höre ich. "Hallo, Marv hier. Du, das mit dem Tagebuch haut nicht hin." "Wie? Haut nicht hin?" "Ich weiß nicht, was ich schreiben soll", sage ich verzweifelt. "Ja, kennst Du denn nicht die Regeln", fragt Sybille schockiert. "Was für Regeln", frage ich zurück. "Was? Du kennst nicht die Regeln, wie man ein Tagebuch führt", und Sybilles Stimme scheint schockierter als zuvor. "Seit wann braucht man für Tagebücher Regeln? Ich dachte, man schreibt einfach das hin, was man denkt, fühlt, und so weiter." Sybille lacht und ich höre einen arroganten Zutscher ihrer Zunge, die gegen ihren Gaumen knallt: "Ttzz, also Marv, so führen vielleicht Teenies ihre Tagebücher - ich bitte Dich." "Ja, und ich bitte Dich mir zu helfen. Was für Regeln denn nu?" "Weißt Du, ich hatte extra einen Volkshochschulkurs dafür besucht. Tagebuchschreiben ist nämlich eine Wissenschaft für sich." Aha! Ich schaue ungläubig auf meinen Telefonhörer und frage bewusst langsam: "Volkshochschulkurs?" "Ja." "Für so etwas gibst Du Geld aus?" "Ja." "Na gut, Sachen gibt es. Hast Du wenigstens ein Zertifikat für diesen Kurs erhalten", und ich zutsche erheblich mit meiner Zunge zurück - ttzz! "Ein Diplom, bitte. Ja, habe ich. Ich war eine der Besten in meinem Kurs." Beschämend schnallt meine Zunge zu ihrer üblichen Ausgangsposition zurück. "Warte einen Moment, ich suche eben die Unterlagen dazu", und ich höre das Ablegen des Hörers auf eine harte Fläche. Im Hintergrund erhöre ich typische Suchgeräusche von Sybille, sowie vereinzelte Fluche, wo nun die verflixten Unterlagen seien, sie hätten doch immer dort gelegen. Die ganz normalen Selbstgespräche beim Suchen. Es knarrt in der Leitung und ein "So, hier ich habe sie" folgt von Sybille. "Na, dann schieß' mal los", sage ich genervt. Das Ende der Leitung scheint plötzlich tot zu sein. "Hallo? Sybille?" "Jetzt pass' mal auf", antwortet Sybille endlich, merkbar angesäuert, "wir können das alles auch lassen. Mir ist das egal. Ich habe mein VHS-Diplom im Tagebuchschreiben. Wir können das auch gerne hier sofort beenden. Du hast mich angerufen. Ich habe bestimmt etwas Besseres zu tun, als..." "Ist ja gut. Ist ja gut. Was hättest Du denn Besseres zu tun? Ich meine, wenn Du schon zu solchen Kursen gehst? Da muss man doch eine Menge Zeit haben, oder." Tuut, tuut, tuut. Oh je, und jetzt? Ich rufe erneut an, jedoch wird nur der Hörer abgenommen, aber Sybille meldet sich nicht. "Es tut mir leid, Sybillihase!" Immer noch nichts. "Es tut mir leid, dass ich Dein Diplom nicht ernst genommen habe. Es steckte bestimmt eine Menge Fleiß, und so weiter, in diesem Abschluss." "So war es auch. Na gut, schwamm' drüber. Also," ich höre das Rauschen von Blättern, "die Geschichte des Tagebuches. Schon in der Antike hatten..." "Ähm, Sybille, könnten wir diesen Teil überspringen?" Stille. "Bitte nicht wieder auflegen. Mache ruhig weiter." Und so liest mir Sybille in Ruhe die umfassende Entstehungsgeschichte des Tagebuches vor. In der Zwischenzeit gehe ich in meine Küche und rufe aus ihr ab und zu ein "Oh, ehrlich" oder ein "Aha". Ich nehme wieder den Hörer und bemerke, dass Sybille erst im achtzehnten Jahrhundert angekommen ist und so verlasse ich wieder die Telefonstation und erledige ein paar Liegestütze. Bei jedem Aufstemmen rufe ich ein "Hm". (Neuer Liegestützerekord, ganze 25 Stück.) Außer Atem beantworte ich ihre telefonische Frage: "Bist Du noch da?" "Äh... puh, ja, äh, meine Güte, ganze 25." "Wie bitte", schallt es ärgerlich aus dem Telefon. "Ich meine, äh, ganze 25 Minuten und die waren wirklich sehr aufschlussreich." "Ach so, dachte schon!" Sollte ich nun sagen ‚Nicht denken, nur sagen'? Ich glaube nicht. Ein Tuten ist wirklich nicht sehr kommunikativ. "Ach, Sybillchen, ich höre Dir doch immer gerne zu und es war sehr, sehr aufschlussreich. Aber kommen wir nun zum Kernpunkt der Sache, ja?" "Nicht so schnell. Du musst es spüren, Du musst Dein Tagebuch spüren. Streichele es ein bisschen. Baue eine emotionale Verbindung mit dem Buch auf. Es ist ein Teil von Dir." "Streicheln? Ein Teil von mir?" "Ja, nehme es an Dich und streichele es. Sprich zu ihm. Gib ihm das Gefühl geliebt zu werden." Ich schaue auf den aufgeklappten - und ich muss betonen - toten Gegenstand. Mit einer gewissen Zier nehme ich das Buch in meine Hände und reibe es an meine rechte Wange. Wie albern. "Wie albern!" "Maaaaarv!" "Ist ja gut. Ich streichele ja schon mein Tagebuch. Mein Gott." Wie gut, dass mir keiner zuschaut. "So, fertig und jetzt!" "Jetzt sprich zu dem Buch." "Das ist nicht Dein Ernst, oder?" "Doch." "Mist." "Maaarv....?" "Ist ja gut, ich mache es ja, aber Du musst weghören. Immerhin ist es ein persönliches Gespräch." "Marv, Du bist auf dem richtigen Weg." Ja, Dankeschön, ich glaube aber nicht. Ich lege den Hörer hin und schaue auf mein Tagebuch. Leider interessiert es das Buch kaum und ignoriert mich vollkommen. Das Miststück. Egal, ich schaue mein Buch an und sage: "Na, öfters hier?" Aber ‚Buch' gibt mir einen Korb. Keine Reaktion. "Also, mein Name ist Marvin und ich möchte, dass wir uns vertrauen können. Kannst Du Dir eine längere Beziehung zwischen uns vorstellen?" Wenn das Buch nun Schultern hätte, könnte ich mir vorstellen, dass es mit diesen zuckt. "Sybille? Habe mit meinem Buch ein längeres Gespräch geführt, aber ich bekomme keine Antwort. Ist das richtig so?" "Aber natürlich, seit wann können Bücher denn reden?" Ich komme mir jetzt wirklich bekloppt vor. "Wunderbar, Marv, die Basis ist vorhanden. Kommen wir nun zu dem Punkt, warum das Tagebuchschreiben gut für die Seele ist." Und so beginnt Sybille erneut einen weiteren Vortag, indem mir erzählt wird, dass Depressionen durch das Aufschreiben von Emotionen verhindert werden sollen. Wichtig sei auch, immer ehrlich zu sich zu sein. Ich wache aus dem zuhörenden Koma auf und bemerke, dass ich das schon wusste. Ich bin jetzt wirklich ein bisschen stolz auf mich. "Durch die Kanalisierung des eigenen Ichs in eine reflektierte Welt werden negative Erfahrungen zu positiven Erfahrungen", liest mir Sybille monoton vor. Ich könnte vielleicht mein Zimmer putzen. Ach ja, und einkaufen könnte ich auch. Ein bisschen Obst, ein Kasten Wasser, einmal Toast, ach, lieber zwei Mal Toast, zwei Liter Milch, ... "Marv, noch da?" "Aber natürlich, ich hänge an Deinen Lippen, wenn ich sie sehen könnte. Erzähle bitte weiter, ich denke gerade darüber nach." "Sehr schön", und Sybille erzählt und liest und erzählt und liest weiter. Muss man eigentlich seine Personalien auf die erste Seite schreiben? Aber ich traue mich erst gar nicht Sybille diese Fragen zu stellen. Also höre ich gemusst gespannt zu. Nach weiteren 25 Minuten reicht es mir und ich lege einfach auf. Egal, was Sybille nun denken mag. Aber wer hätte gedacht, dass das Führen eines Tagebuches schwieriger ist, als man denkt. Ich streiche mit einem dicken, schwarzen Filzstift das Wort ‚Tagebuch' auf der Buchvorderseite durch und schreibe ‚tägliche Einkäufe' darunter.
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