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Romantiker denken, Liebe sei spontan, ein Akt der Freude, der Assoziationen. Doch gibt es einen Tag im Beziehungsjahr, wo Liebe planbar und nicht spontan sei. Ein Tag, der Liebe für ganze vierundzwanzig Stunden fixiert und taxiert und schon Wochen voraus geplant sei. Gefühle werden fein säuberlich sortiert und zu Akten angelegt bis der Tag, der ganz spezielle Tag, kommt - der VALENTINSTAG!
Vorab möchte ich aber den allbekannten Dialog zwischen Cassandra und mir beschreiben, wie er sich zum Thema ‚Valentinstag' zugetragen hatte. "Sage mal, Schatzi, was hälst du eigentlich vom Valentinstag?", frage ich. Sie winkt ab: "Das ist doch alles Blödsinn. Ist doch nur Geldmacherei!" Ich erstrahle: "Das denke ich auch. Man kann doch jeden Tag sagen, dass man jemanden mag oder gar liebt. Dazu braucht man nicht diesen einen Tag!" Sie nickt mir zu und ich bin glücklich.
Leider schaut das Hier und Jetzt anders aus. Mir ist bewusst, dass heute der 14. Februar auf dem Kalender angezeigt wird und umso entspannter spaziere ich in diesen Tag hinein. Keinen Konsumstress, keinen Entwicklungswahn für romantische Geschenke oder der Frage ‚was kann ich ihr nur schenken, was unsere Beziehung und gleichzeitig einen Beziehungsinsider vertieft?' All diese Probleme scheinen mir mit Cassandra vollkommen fremd und, ich wiederhole mich, umso entspannter spaziere ich den Tag hinein. Ein Tag, den ich natürlich nutze, um Cassandra zu sehen. Es ist ein normaler Tag, keine Verpflichtungen, nichts. Pure und freie Entspannung, um die Freundin zu besuchen. Als die Sonne ihre Wiege sucht und langsam ihre Bettdecke herüberzieht, fahre ich zu Cassandras Wohnung - wie immer. Ich klingele und betrete ihre Wohnung - wie immer. Doch an der Tür erwartet mich ein seltsamer Anblick: Cassandra hat ein schwarzes, feines Abendkleid an, duftet nach Pina Colada und strahlt vollkommenen Glückes mit ihrem schönsten Lächeln mir entgegen. Ich persönlich trage eine Kordhose, ein offenes, schwarzes Hemd und dufte nach ‚mir'. Mir wird langsam bewusst - hier stimmt etwas nicht. Aber was? Das Abendkleid? Ihr Parfüm? Ihr dezentes Makeup? Vielleicht ist ja etwas Tolles passiert und das soll gefeiert werden. "Komm ´rein, Schatz", sagt sie und zerrt mich in ihre Wohnung. Kerzen verzieren ihr Wohnzimmer. Jeder Blick erhascht eine flimmernde Kerze mit einer anderen Pastellfarbe. Rosenblätter liegen auf dem Wohnzimmertisch verteilt und bilden eine Herzform beim genaueren Hinschauen. Auf dem mit zwei Tellern und zwei Weingläsern bestückte Tisch ist mit blauen Tellern und mit Servietten, die zu kleinen Schmetterlingen geformt worden sind, dekoriert.. Da hat sie sich aber große Mühe gegeben und der Anlass muss grandios sein. Aus formellen Gründen knöpfe ich mir mein Hemd zu und stecke es in meine Kordhose. Stil muss sein, denke ich und setze mich an den Wohnzimmertisch. Cassandra setzt sich mir gegenüber und schenkt uns beiden reichlich einen guten Rotwein ein. "Schatz, du weißt, ich bin glücklich mit mir", sagt Cassandra. Ich drücke ein Auge zu, bilde mit meinen Händen zwei Pistolen und schieße imaginär eine Kugel ab und sage: "Kein Thema!" "Wir sind nun seit einem dreiviertel Jahr zusammen und ich möchte mit dir diesen Tag heute feiern." Sie erhebt ihr Glas und ich frage mich, wieso es zu einem Kerzenlichtessen eigentlich nie Bier gibt. Aber - wegen des Stils - hebe ich mein Weinglas zu gleicher Höhe. "Marvin, du bist für mich ein Ritter in einer schillernd weißen Rüstung. Du bist für mich ein gefallener Engel, der mir Liebe schenkt. Du bist", sie verdrückt sich eine Träne, "mein ein und alles!" Mir wird etwas unbehaglich und mich deucht, wenn sie schon das Mittelalter anspricht, dass der Abend liebliche Liebe versprüht. Ich hingegen versprühe keine komplementäre Liebe, sondern vollkommenes Unverständnis und bekomme Panik. Versucht souverän antworte ich: "Ä-hä!" Wir stoßen an und nehmen einen Schluck. Ich persönlich nur zögernd, denn meine Unwissenheit, der schlagartig klar wird, was gerade passiert, schwankt zu Wissen um und ich bekomme einen Schock. "Du machst das wegen des Valentintages?", frage ich stotternd. Cassandra wechselt den Front und küsst mich. Das muss ein JA bedeuten. Was mache ich jetzt? Wie es ausschaut noch nichts, denn Cassandra verschwindet und betritt ihr Wohnzimmer mit einem kleinen Präsent und einem Briefumschlag. Verhalten bedanke ich mich und öffne den Briefumschlag. Ich erkenne ein Gedicht und lese mir vor: "Ich hab dich zum ersten Mal gesehn, da wollt ich mit dir gehn, als wir uns trafen, wollt ich sofort mit dir schl..." Ich breche ab. Mein germanistischer Geschmack dreht sich um dreihundertsechzig Grad und ich schaue in das glänzende Gesicht von Cassandra, die auf eine Reaktion wartet. Sie strahlt und strahlt und strahlt. "Na ja, sage ich, das Ding ist echt nett! Äh, netter Paarreim. Zwar nicht Goethe oder Schiller, aber ich würde sagen - das ist dein Stil!" Das ist nicht die Antwort, die sie hören will, aber ich bin aus der Fassung gebracht und kann einfach nicht anders reagieren. Nun, ich gebe zu, die Fassung verlor ich bei ihrem Gedicht umso mehr, aber das ist jetzt ein anderes Thema. Ich widme mich dem kleinen Präsent, das mit einer kleinen Herzchenschleife umbunden ist. Nach dem Öffnen der, wie ich erkenne, kleinen Schachtel erkenne ich ein Eau de Toilette. "Das ist... ja... Wahnsinn! Duft!" "Ich weiß, damit ich dich immer in Erinnerung halten werde - mit dem Duft!" Spontan kommt mir eine Frage in den Sinn: ist ein geschenktes Parfüm oder Eau de Toilette wie eine Duftmarke? So wie Hunde, Katzen, u.s.w. ihr Revier markieren? Wie erniedrigend! Egal, ich habe sichtlich ein Problem: kein Geschenk, keine passende, atmosphärische Kleidung, keinen Plan! Ergo: wo bekomme ich alles, was ich nun brauche? Ein Geschenk, etwas, das zur Atmosphäre beiträgt und Schokolade? Eben... die Zauberinstitution zu dieser späten Stunde heißt ‚Tanke' (Tank(e)stelle, Blaue Lagune, ...).
"Ähm, ich muss mal kurz weg. Gib mir maximal zehn Minuten, ja?" Cassandra ruft noch ein "Aber, wie?" hinterher, aber in Windeseile verschwinde ich aus der Wohnung. Zum meinem Glück liegt eine Tankstelle genau schräg gegenüber von Cassandras Wohnung. Auch wenn ich immer nächtliche, tanksüchtige Autofahrer bei ihr verhasst habe, da sie meinen Schlaf mit ihrer allzu lauten Musik störten, danke ich der Stadt für die Baugenehmigung dieser Tankstelle. Aber nur heute - morgen sieht das alles wieder anders aus, das weiß ich auf jeden Fall. Ich betrete den Eingangsraum und suche nach kleinen, für weibliche, verliebte Personen, geeignete Geschenken. "Wir schließen in zwanzig Minuten", höre ich es im Hintergrund grimmig ertönen. Ich versuche der Stimme einen Ort zuzuordnen, finde aber keinen Menschen zu der Stimme. Die Idee, dass Gott zu mir spricht, ist mir zu psycheutopisch. "Wir werden in zwanzig Minuten schließen", höre ich erneut und mein Blick fängt eine kleine, männliche Person ein, die gerade über den Tresen reicht. "Wieso?", frage ich, um Zeit zu schinden und dabei panisch weiterzusuchen. "Schau mal auf den Tacho!" "Hm?" Ich konzentriere mich gerade auf diverse Kuscheltiere, die eine Größe von sieben Zentimetern besitzen und staune über den beachtlichen Preis von acht Euro. Aber die Auswahl ist groß: Schildkröten, Rudolph, das Rentier, Hasen in schwarz und braun, Giraffen, Uranutans, Kellerasseln... Kellerasseln? Ach, doch wieder nur Schildkröten - ein Versehen. Maulwürfe, Delphine und zu guter letzt Frösche. Stofftiere sind immer gut. Sie wirken niedlich, kuschelig und ich weiß nicht, warum weiblichen Erdbewohner Kuscheltiere dermaßen positiv konditionieren - was zählt ist, dass diese Viecher immer ankommen. Gut, acht Euro ist eine Menge Holz, aber ich bin heute nicht finanziell pingelig. Denn zu einem kleinen Präsentkorb gehört mehr als ein kleiner Maulwurf, den ich schlussendlich auswähle. Vielleicht noch ein kleiner Schlüsselanhänger mit einem schlecht aus Metall geformten C. "HEEYY, wir schließen gleich!" Ich drehe mich um und taxiere den Benzindienstleistungsverkäufer. "Sie sagen es doch selbst. Sie schließen in ZWANZIG Minuten. Was ist Ihr Problem, meine Güte?" "Ich muss noch die Kasse machen", antwortet der überkundenfreundliche Mitarbeiter. "Dann fangen Sie doch schon einmal an und addieren Sie meinen Betrag einfach dazu." Seine Augen funkeln und er grummelt vor sich her. Gleichzeitig erreiche ich den Zeitschriftenständer und erkenne diverse Jugendmagazine mit pubatären Themen, Automagazine, die den neuen BMW und Mercedes anpreisen und Sexmagazine. Da ich noch 19 Minuten Zeit habe, widme ich mich der Coupé und bin wieder begeistert, was die erotische Welt bietet. "20 neue Stellungen, der wahre G-Punkt - wir kennen den Weg dorthin, die Sex-Diät". Gerade will ich mir den weisen Weg zum G-Punkt durchlesen, höre ich: "Sie haben noch ganze 17 Minuten!" Ich verdrehe die Augen und resümiere meine in der Hand haltenden Geschenke. Viel ist das nicht, und nicht umsonst sagt man bei Geschenken, dass es nicht auf die Quantität, sondern Qualität käme. Aber nur ein Maulwurf? Ich überlege, ob nicht doch die Coupé kaufen soll, da ich meine, dass Frauen selbst ihren G-Punkt nie gefunden haben und die Intention Cassandra zumindest zeigt, dass ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, um ihr Sexleben zu verbessern. Wenn DAS nicht Liebe ist!
"Das macht dann 10, 80 Euro", sagt der Miesepeter nach seinem zweimaligem Laserpiepsen, "und wenn es geht bitte bar - wegen der Kasse!" Ich ziehe meine Geldbörse und werde stutzig. Wieso sollte ich denn bar bezahlen? Nach dieser netten Kundenbetreuung entscheide ich mich für meine Scheckkarte. "Das tut mir leid, ich habe nur meine Karte mit", sage ich und denke ergänzend, "plus einen Zehneuroschein und genau 80 Cent Kleingeld." Sichtlich sackt der Tankstellenbeamte vor mir zusammen, mustert mich missmutig und holt das Kartengerät hervor. "Bitte ihre Geheimzahl! Jetzt!" "Die habe ich aber vergessen. Was machen wir denn jetzt?" "Das ist nicht ihr Ernst, oder?" "Nun, ich kann ja mal eine Nummer ausprobieren", und tippe, so dass er meine Fingerbewegungen sehen kann, die Zahlenfolge ‚1-2-3-4' ein. "Das Gerät zeigt an, dass ihre Nummer falsch ist!" "Wirklich", sage ich erstaunt, "war es doch vielleicht ‚4-3-2-1'?" Verzweiflung steigt bei meinem Gegenüber auf: "Ja, woher soll ich das denn wissen?" "Was ist denn ihr Pin-Code? Vielleicht haut der hin?", frage ich ernst. "Wie jetzt? SIE wollen MEINEN Pin-Code wissen?" "Ja!" "Nein, den bekommen Sie nicht!" "Wieso das denn?" "Es ist meiner - deswegen!" "Geizhals!" "Wie bitte?" "Saturn-Konsument. Ja ja, Geiz ist ja eben geil!" "Lieber das als sich eine Coupé zu kaufen", antwortet der Schlagfertige. "Die ist für meine Freundin!" "Natürlich", betont er sarkastisch. "Ehrlich." "A-hm", mit gleicher Betonung, "sicher, sicher! Und der Maulwurf soll den G-Punkt finden, wol?" Der Typ kontert mir einfach zu gut. So ein Mist! "Nein, sie wohnt wirklich genau schräg gegenüber". Leider zeige ich in meiner Aufregung genau auf eine Baustelle, die neu zu sein scheint, da ich sie bis gerade nie wahrgenommen habe. "Ach, in dieser schönen Villa?", fragt er spöttisch. "Was? Nein, ach mann", ich ziehe meine Geldbörse und lege passend die 10, 80 Euro auf den Tresen. Mit einem zufriedenem Lachen zwinkert mir das Böse zu und sagt: "Na, also geht doch. Ich habe auch eine braune Tüte für Sie. Damit sie nicht auf dem Weg zur Ihrer Villa von anderen Leuten seltsam angeschaut werden." Ich packe alles zusammen und bin stinksauer: "Ist ja gut jetzt!" "Ich schenke Ihnen sogar die Tüte!" "Ja-ha, es ist angekommen. Danke!" Ich verlasse den Eingangsbereich. "Nein, ernsthaft, hier", und er winkt mit einer brauen Plastiktüte hinterher. "Arschloch!"
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