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Man hängt ja doch noch an seinen Kindeserinnerungen. Besonders, wenn sie einen bis in das heutige Alter prägen. So kommt es, dass ich schon als Kleinkind mit Mädchen in Kontakt trete, die erstens älter und zweitens zur Familie gehören. Eher indirekt zur Familie. Ich hätte sie schon heiraten können, also... wenn sie und ich... Sie ist das Patenkind meiner Mutter. Sie heißt Sabrina und ist zwei Jahre älter als ich. Ich möchte nun gerne ein paar Schwänke aus dieser Zeit erzählen:
Ich lernte sie schon mit circa vier Jahren kennen. Oder anders: mit vier Jahren fing mein Gehirn an sich Sabrina einzubrennen. Dieses Phänomen war eine Leichtigkeit für sie. Ich stellte schon eine These als Vierjähriger auf, dass Mütter, die nur ein Kind besaßen, sich aus einem Grund treffen, um die neuesten Stricktipps aus dem Blättchen "Ich bin jetzt auch Mutter" auszutauschen und ihre Kinder in ein verlassenes Zimmer zu stecken, mit dem Gedanken: "Ist es nicht schön, wie sich die beiden verstehen?" Wenn ich es kurz ausdrücken sollte, könnte ich sagen, dass Sabrina für mich, wie eine Schwester war, die ich nie wollte. So kam es an einem Tag, dass meine Mutter und ich wieder zu Sabrina fuhren; es war wohl eine neue Ausgabe von "Ich bin jetzt auch Mutter" auf dem Markt. Anschnallend fuhr ich nichtsahnend auf dem Rücksitz eines alten Renault R5 zu Sabrina. Als wir ankamen, begrüßten sich die Mütter und steckten uns zwei in ein Zimmer, in ihr Zimmer. Meine Traumata sollten sich von da an ändern, denn nach Sabrina war der Schwarze Mann nur noch ein Kaninchen zum Mittagessen. Sabrina war mal wieder total gut drauf und spann sich wundervolle Spiele für sich und mich aus. Mit ihrer diplomatischen Art fragte sich mich: "Marvin, ich WILL jetzt Schule spielen! Du bist ein Schüler und ich die Lehrerin!" Ich sah mich in ihrem Zimmer um... und tatsächlich: sie hatte so etwas wie ein Schulzimmer aufgebaut. Ich setzte mich selbstverständlich nicht sofort an meinen imaginären Schultisch. Das Problem war, dass sie wohl schon Lehrerin spielte, ich aber den Startschuss noch nicht mitbekam, denn sofort schrie sie: "Marvin, auf Deinen Platz! Die anderen sitzen auch schon!" Ich schaute mich um, sah aber keinen. "Ähm, Sabrina, hier ist keiner. Ich habe keine Lust!" "Wie bitte? Nenn mich nicht mit Vornamen", haut auf einen imaginären Schulschreibtisch und ich hörte ein imaginäres PLÖCK auf Holz. Die Situation entspannte sich. Sabrina stand mit dem Rücken zu mir und schrieb an eine imaginäre Tafel. Plötzlich fauchte sie: "Christian, Marvin, hört auf zu reden!" Christian zuckte vor meinem geistlichen Auge zusammen. Nach zehn Minuten kamen unsere Mütter in das Zimmer, um sich zu vergewissern, wie gut es uns gehen würde. Mitleidsselig schaute ich sie an und dankte Gott, denn eine Mutter sollte ihr Kind kennen und spürt, wie es fühlt. "Marvin ist ein fleißiger Schüler.", sagte Sabrina. Sabrinas Mutter neigte ihren Kopf zu meiner hin: "Och, schau mal, wie die beiden schön spielen! Unsere Kinder, ne?" Meine Mutter nickte vollkommenen Glücks zu. Mir fiel nur ein Wort ein: Verräter! Kaum war die Tür zu und die Mütter außer Reichweite, stemmte sich Sabrina vor der Klasse auf und sagte: "So, liebe Schüler, das war die Rektorin und Co-Rektorin. Wie ihr alle sehen konntet, waren sie sehr zufrieden. Was sagt uns das? (kurze Pause) Marvin???" Ich antwortete unbewusst: "Keine Ahnung! Aber ich will nicht mehr spielen!" Christian schaute mich entgeistert an und ein weiteres, hartes PLÖCK auf Holz ertönte. "Marvin, ab in die Ecke!" "Aber Sabr..." PLÖCK "Frau Lehrerin, hier ist keine Ecke. Oder meinst Du die Ecke mit den ganzen Kuscheltieren?" Die Lehrerin raste vor Wut. Wahrscheinlich konnte sie nicht begreifen, wie ein Schüler nur so stutzig sein konnte. "Ab in die Ecke, sagte ich", und sie zeigte wirklich auf die Ecke mit den Kuscheltieren. Naja, besser als weiterzuspielen. Ich hatte erst einmal Sendepause. Als ich dann so in der Klassenecke stand, fuhr Sabrina mit dem Unterricht fort. Es war schon peinlich hinzuschauen und so war ich doch sehr froh, dass ich mit dem Gesicht auf die Kuscheltiere starren konnte. Irgendwann, es kam mir wie eine ganze Schulstunde vor, klingelte eine Eieruhr, die Sabrina wohl vorher gestellt hatte. "So, liebe Kinder, das war es für heute. Hausaufgaben gibt es heute keine. Bis morgen!" Gott sei Dank keine Hausaufgaben, dachte ich, wahrscheinlich müsste ich die dann sogar beim nächsten Mal vorzeigen, indem ich Sabrina nur ein leeres Blatt Papier in die Hand drückte und meinte: "Mehr konnte ich nicht!" Zufrieden und erleichtert ließ ich mich auf die Kuscheltiere fallen und bewunderte Sabrinas Zimmerdecke, die mit Sternen beklebt war. Der Horror hatte sein Ende gefunden - wie schön. Das dachte ich Kindlicherweise, aber es sollte weitergehen. Denn was ich nicht ahnen konnte war, dass Sabrina von ihren Großeltern einen kleinen Einkaufladen aus Plastik geschenkt bekommen hatte. Vorhanden war eine kleine Kasse mit Spielgeld und Konsumgüter aus Pappeschächtelchen, auf denen in bunten Buchstaben "Schokolade" oder "Bananen" stand. Schnell wie der Wind baute sie alles auf und zog sich einen, für sie von der Oma zugeschnittenen, Kassiererkittel an. Man kann es ahnen, welche nächste Levelstufe mich erreichen sollte. "Marvin, Du gehst jetzt einkaufen!" Das war meine Chance zu flüchten.
"Ok!" Ich ging zur Zimmertür, doch Sabrina packte mich, schlug die Zimmertür, die ich fast zur Hälfte geöffnet hatte, mit einer gewaltigen Kraft zu und meinte laut: "Du sollst bei mir einkaufen!!!! Bähhh!" Plötzlich fing Sabrina fürchterlich an zu weinen. Weinen ist zu milde ausgedrückt. Es war wie ein jämmerliches Heulen und Klagen und riesige Tränen liefen über ihr kugelrundes Gesicht. Sie tat mir kein bisschen leid. (Ich glaube, so nennt man das Nicht-Stockh olm-Syndrom.) Leider bekamen unsere Mütter den gewaltigen Türknall mit und öffneten Sabrinas Zimmertür. Zusammengekauert und verstört rollte sich Sabrina in ihrem eigenem Mitleid, dazu eine theatralische Embryostellung, hin und her. "Was ist hier denn los?", fragte ihre Mutter streng. Sabrina schluchzte und stammelte einzelne Buchstaben zu einem Satz zusammen: "D-d-d-e-e-e-r-r-r M-m-m-m...." und wieder ein weiterer Heulkrampf. Mein Mutter schaute streng auf mich herab: "Marvin, was war los?" Bevor ich meine Gedanken sammeln konnte, kam Sabrina mir zuvor: "Der M-m-arvin, w-w-w-i-i-ll nicht mit mir spiiiiiiieeeeeeeeeelllllllleeeeeeeeeeennnnnnnnnnn!!!!!!!!!!!" Zweiter Heulkrampf. And the Oscar goes to.... Sabrina. Ich empfand zum ersten mal pure Verzweiflung. Wie sollte ich mich mit einem vierjährigen Wortschatz verteidigen. Das war ein Unding! Meine Mutter sah mich wieder streng an und ich wusste, dass ich dem Untergang nahe stand: "Marvin, sieh, was Du angerichtet hast!" "Aber Mama, ich will nicht einkaufen spielen. Das ist doof!" "Du siehst doch, dass sich Sabrina richtig Gedanken gemacht hat", sagte Sabrinas Mutter, "und ist es denn zuviel verlangt ein bisschen darauf einzugehen?" Ja, dachte ich mir, blieb aber lieber ruhig. Vielleicht sollte ich auch anfangen zu weinen. Das war es, Bingo! Also los: "Wääähhhhh, Sabrina will immer nur ihre Sachen spielen. Ich darf nie aussuchen!" "Och, komm her, Schatz", sagte meine Mutter und nahm mich liebevoll in den Arm. "Stimmt das", fragte Sabrinas Mutter ihre Tochter und projizierte nun ihre Strenge auf ihre mittlerweile verstummte Tochter. Oh nein, jetzt war ich schneller und so spielte ich meinen zweiten Heulkrampf: "S-s-s-i-i-i-e-e-e h-h-a-a-t-t sogar gesagt, wenn ich nicht spiele, schlägt sie mmmmiiiiiiiiccccccchhhhhhhhh dunkelblau!" Zornige, blitzige Blicke der Mütter flogen Sabrina zu: "Stimmt das etwa, Sabrina? Sag die Wahrheit!" Jetzt war ich richtig warm: "Jaaaaaaaaaaaa, äääähhhhhh!" Kleines Nasenschluchzen, enger an die Mutter ranziehen und dritter Heulkrampf. Ohh people, we've got a new winner. The Oscar really goes to... Marvin.
So stand es drei zu eins für mich und Sabrina bekam eine Lektion, die sie nie hätte erfahren müssen. Kinder können so grausam sein.
Ja, das war schon eine harte Erfahrung für mich. Jedoch gingen diese Schauderspiele weiter. Immer mehr wurde mir bewusst, dass ich ein lebendiges Spielzeug für Sabrina war, das sie, wenn sie diesem übersättigt war, einfach in die Ecke werfen konnte. So kam es auch, dass ich sehr schnell mit Barbiepuppen in Kontakt kam. Sabrina stellte mir Barbie und Ken und seinen...hohoo...seinen nigel-nagel-neuen, feuerroten Ferrari vor. Jetzt mal ehrlich: als Junge sind Autos schon faszinierend. Das Tolle an Kens Auto war, dass es viel, viel größer als die kleinen Matchbox-Autos war. Einfach Wahnsinn, V12-Zylinder, 255er Puschen, verchromte Auspuffanlage, zwei Subvoower, High-End vorne und hinten, und der Motor schnurrte und heulte, wie geschmiert. Ken hatte alles, was sich ein Mann von heute wünschen würde: eine große Villa, Anzahl an Blondinen, wie man kaufen konnte, Swimmingpool - der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. Ken war schon ein glücklicher Mann. Barbie war immer mit ihren Freundinnen unterwegs oder shoppen. Ken durfte somit im Haus bleiben, dem wilden Ferrari-Pferd auf der Asphaltwiese Auslauf bieten und Barbie kam von ihren täglichen Shopping- und Frauengesprächsexzessen mitten in der Nacht vollkommen betrunken nach Hause. So stellte ich mir Kens glückliches Plastikleben vor. Leider schimpfte Sabrina... äh... Barbie Ken immer aus, er habe dies und das nicht gemacht... blablabla. Eigentlich meckerte Barbie von morgens bis abends, dann ging sie ins Bett - mit Ken natürlich. Ich zog Ken, der deprimierend dreinschaute, sofort seinen Pyjama an und legte ihn neben Barbie. Barbie gab Ken einen zärtlich Kuss, aber Ken drehte sich nur von Barbie weg. Er hatte wohl keine männliche Lust! Er fühlte sich nicht verstanden, ausgenutzt, seine Gefühle wurden nie(mals) respektiert, gar erhört. Man kann sich also vorstellen, wie öde es für mich war, mit Puppen zu spielen. Ich gebe zu, dass ich als Kind zwar mit Puppen gespielt hatte, aber es waren eher die actionlastigen Puppen, wie z.B. Masters Of The Universum oder Space Cowboys oder MASK. Alles mit Action und kein Spiegelbild einer Ehe!
Nun, für mich war die Geschichte mit Barbie und Ken gelaufen, also wandte ich mich wieder dem Ferrari zu und spielte Knight Rider, wobei ich immerzu das berühmte Rauschen des Autos imitierte. "Zoom-Zoom, Zoom-Zoom!" Rote Lichter zogen am Grill von links nach rechts. "Zoom-Zoom, Zoom-Zoom!" Ich fuhr eine einsame Strasse entlang, doch da... ein Baumstamm mitten auf der Strasse. "KITT, Turbo Boost!" Aber es kam, wie es kommen musste. Die erfahrene Sabrina griff mit ihrer Realität sofort ein: "Da sitzt ja gar keiner drin!" Ich: "Das ist ja auch K.I.T.T." "Was ist das denn Blödes?" "Das schnellste und beste Auto der Welt. Es kann auch sprechen", antwortete ich stolz und mit glänzenden Kinderaugen. Darauf kam der Satz der Sabrina, den sie die nächsten Jahre mir gegenüber ständig gebrauchen würde; es waren drei simple Worte, die mich jedes Mal hart trafen. Sie lauteten: "Das ist doof!" - und ZACK!- war K.I.T.T. mir entrissen worden. Ja, ja, Sabrina, mein Kleinkindalptraum.
Die Zeit verging und Jahre rasten an uns vorbei. Ein Umzug ihrer Eltern entriss mir Sabrina für elf Jahre und ich hatte Zeit meine Vergangenheit mit ihr zu bewältigen. Durch einen Zufall habe ich erfahren, dass Sabrina wieder in meine Stadt gezogen sei und ich gebe zu, ich bin doch sehr neugierig geworden bin. Ich stelle mir die Fragen, ob sie immer noch wie früher aussehe oder ob sie immer noch "Schule" und "einkaufen" spielen möchte. Ich beuge mich meiner Neugier und finde ihre neue Telefonnummer heraus. Am gleichen Abend rufe ich sie an und wir verabreden uns zu einem gemütlichen Abend in einem Irish Pub. Dort sollen nun die alten Erinnerungen wach gerufen werden und endlich habe ich einen Wortschatz, mit dem ich ihr alles hätte vorwerfen können. Ich habe gelernt, wie man mit 38 Rhetorikkünsten Recht behält, verfolgte philosophische Runden, las ein Literaturbuch nach dem anderen. Der Toleranzbrief von John Locke, Jean-Jaques Rousseaus Gesellschaftsvertrag, Kant, Sartre - ich kenne sie alle. Oh Sabrina - jetzt bist Du dran.
Ich warte, wie verabredet, im gewählten Irish Pub und plötzlich strahlt mich eine Frau aus der Ferne an, wo ich innerlich nur "Wow!" denke. Sie kommt auf mich zu und je näher sie zu mir kommt, desto mehr erkenne ich Sabrina. Diese kleine Schweinenase, das zu breit gewachsene Gesicht, den Fehlversuch von gezupften Augenbrauen und schlampigen Makeup. Das ist also JETZT Sabrina? Sie trägt eine Schlangenlederjacke, kombiniert mit einer Schlangenlederhose und -schuhen. Darunter ein weißes, kurzes Top. Sie trägt ihre brünetten, schulterlangen Haare offen und schwenkt diese alle zwei Meter mehr oder weniger ver(fehl)führerisch vor sich her. Von ihrem Gang zu schweigen - man hätte denken können, sie würde einen Catwalk mit den ersten Gehversuchen mit Highheels beschreiten. Hm, wie passend, dass heute Halloween ist. Das ist also - immer noch - Sabrina? Dieses früher von der Natur missachtete Geschöpf. Naja, jetzt wohl immer noch. Kann ja nicht jeder Glück haben, wenn die Schönheit verteilt wird. Die Frage, ob sie wie früher aussähe, hat sich sofort bestätigt. Es tat sich nicht allzu viel. Gut, ein bisschen mehr Po, aber sonst wirklich wie früher. Sabrina kommt näher und ihre ganze Ausstrahlung verschlägt mir den Atem - jeder Schritt näher, ein Atemzug weniger. Denk an Sartre, an die 38 Rhetorikkünste, mann! Als Gentleman stehe ich von meinem Stuhl auf und begrüße sie freundlich - so freundlich, wie man sich halt nach elf Jahren Weiterentwicklung begrüßen kann. Wir setzen uns wieder und bestellen etwas zu trinken. Sie einen Cappuccino, ich einen Cider und ein Knoblauchbrot. Da sitzen wir nun. Es hätte genug Themen gegeben, genügend verjährte Vorwürfe, die man dann lachend abwinkt, aber es fällt mir nicht das geringste ein. Diese kleine Zaubermaus ist früher das Monster meiner Träume, meiner Kindheit gewesen und mir fällt nichts ein? "Mensch Marvin, schön Dich wiederzusehen! Wie lange ist es her?" Sie bricht das Eis. Mein Mund steht immer noch offen., was wirklich dämlich ausschaut. Mein Gehirn steht auf Standby und eine Endlosschleife ruft immer wieder: "Da ist sie nun! Da ist sie nun!" "Marvin? Marvin?" Langsam stammele ich: "Da bist du. Endlich...Elf Jahre, glaube ich." Peinliches Lachen. (Hahaha!) Gott sei Dank bringt der Keller in diesem Moment unsere Getränke und das Brot. (Sehr fix, diese Kellner!) "Wie bitte?", fragt sie. Reiß Dich zusammen, Marv, immerhin kennst Du sie seitdem Du vier Jahre alt bist. Sag' was, sag' was endlich, sage irgendetwas über ihr Aussehen: "Also ehrlich, Du hast Dich ja überhaupt nicht geändert!" Ich betrachte sie genauer und bleibe über der Oberlippe hängen. Ich starre und starre. Fasziniert frage ich: "Sag' mal, ist das da ein Damenbart?" Ich schaue entdeckend auf diese Zone und mustere sie. Mein Wissensdurst wird größer. "Bitte was", fragt sie schockiert. "Der war früher aber noch nicht." Ich gebe offen zu, kein allzu guter Smalltalkanfang. Dabei nippt sie an ihrem Cappuccino, leckt ver(fehl)führerisch ihre Oberlippe und fragt lieb, ob sie auch ein bisschen Brot habe dürfe. Ich bejahe das und - mein Gott - jetzt bleibt ein großer Krümel Brot auch noch an dem Schnurrbart hängen. Ich kann einfach nicht wegschauen. Ich starre förmlich hin. Sabrina wird nervös: "Äh, ist was?" Mit dezenten Handbewegungen versuche ich ihr klarzumachen, dass sie diesen immer größer werdenden Brotkrümel bitte wegwischen solle. Aber sie fragt erneut: "Was ist denn?" Dezent antworte ich und zeige auf meine Oberlippe: "Äh, Du hast da was." Sie schaut mich aber nur perplex an, verständnislos: "Ja, was denn?" Ich kann nun kaum antworten: "So stelle ich mir die Oberlippe von einem Blauwal vor, wenn er Plankton sammelt." Ich hätte bestimmt abrupt ein neues Gesprächsthema, bin mir aber sicher, dass dieses Thema nach elf Jahren unpassend aufgenommen werden könnte. Schweigend und nippend, sitzen wir uns gegenüber. Mit der konversationstreibenden Frage versuche ich unserer Kommunikation eine Fortsetzung zu bieten: "Und sonst so? Alles fit?"
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