|
Ich persönlich teile meine Aussehenskriterien nach einem Fußballfeld ein. Gemischt mit der Aufstellung einer Mannschaft auf dem Feld, bekomme ich die perfekte Einteilung über das Aussehen von Menschen. Ein Fußballfeld besteht aus einem Unter-, Mittel- und Oberfeld. Aber es gibt noch die Verteidigung, das Mittelfeld und den Angriff, denn diese sind von unten nach oben definiert. So ist die Verteidigung unten, und der Angriff oben. Nehmen wir, um diese Theorie zu erklären, ein Beispiel: Cameron Diaz. Sie ist z.B. Angriff - Oberfeld. Man kann aber noch Verteidigung, Mittelfeld und Angriff jeweils in Unter-, Mittel- und Oberfeld einteilen. Dementsprechend ist Cameron Diaz ein ganz heißer Feger. Ein weiteres Beispiel ist Rachel Lee Cook. Sie ist Angriff - Unterfeld. (Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber es wird langsam dämmern, was ich hiermit zu erklären versuche.)
Es ist ein Tag mitten in der Woche und ich gehe mit Fred zu Tom und Eva. Sie haben sich zwei Goldfische gekauft, die wir bewundern sollen. Immerhin sind die beiden schon länger zusammen, und da sie den nächsten Schritt wagen wollen, zusammenzuziehen, sind die Goldfische ein erstes Signal und gleichzeitig Probe für die beiden, nach dem Motto: wenn die Fische überleben, schaffen wir auch ein Zusammenleben. Na gut, was soll's. Fred und ich sehen es realistischer, denn die Fische sind in Evas Obhut - ergo in Evas Wohnung. Tom hat zwar ihren Wohnungsschlüssel, muss sich aber nicht um die Fische kümmern; Eva erledigt dieses wiederum, da es ja auch ihre Wohnung ist.
Wie immer kommen wir etwas später. Offiziell sollen wir für zwanzig Uhr bei ihnen sein. Als wir gegen halb zehn ankommen und die Wohnung betreten, erkennen wir, dass mehrere Leute anwesend sind - circa zehn, denn uns überwältigt ein murmelnder Geräuschepegel. "Oh, so viele Leute hier?" Eva schaut entzückt: "Ja, wir möchten so Hanni und Nanni einweihen?" Fred will zum Kontere ansetzen, aber verdrückt es sich - Gott sei Dank. Wir betreten das Wohnzimmer. Stolz und mit geschwollener Brust kommt uns Tom entgegen: "Hallo Jungs! Darf ich Euch unsere neuen Familienmitglieder vorstellen?" Ich schaue spontan nach Pampers und Kinderspielzeug, was wahrlos auf dem Boden herumliegen könnte. "Hier, darf ich vorstellen", dabei zerrt Tom Fred und mich an die Fensterbank, "Hanni und Nanni!" Fred schaut enttäuscht: "Naja, nicht gerade SeaWorld!" "So ein Orkawal schmückt auch keine Wohnung, zu gross", meine ich. "Es sind nur Goldfische", antwortet Fred. "Was hast Du denn verlangt", fragt Tom ärgerlich, "Penguine?" "Da hätte sich der Weg wenigstens gelohnt und die Fütterung wäre auch spaßiger geworden." Tom verlässt wütend den Raum.
In der Zwischenzweit, in der sich Tom abkühlt, suchen wir einen Platz für uns zwei im Wohnzimmer. Plötzlich - wie immer - ein frequenzzerstörender Ruf: "Maaaarviiin, Freeeed, was macht ihr denn hier?" Jenny - Kopf nach unten. Nett und liberal, wie ich bin, antworte ich: "Wir wurden eingeladen!" "Neeeeeiiiin, ehrlich?" Fred verdreht die Augen und sagt spöttisch: "Nein, wir wollen die Fische klauen und sie morgen grillen. Wir sind nämlich auf Diät und Fisch soll eine gute Ernährung sein."
Wir sitzen - denke ich, denn Jenny rennt auf mich zu, reißt mich, von meinem Platz, in ihre Arme und drückt mich dermaßen stark, dass mir die Luft wegbleibt. "Uff", entkommt meiner Lunge, "für was war das denn?" "Ach, ich bin nur so glücklich, dass sich die beiden Haustiere zugelegt haben." "Es sind nur Fische", protestiert Fred, "stinknormale Goldfische. Wenn sie wenigstens Kunststücke, wie ‚Sitz', ‚Platz', oder ‚Hol das Stöckchen', könnten. Aber was können die denn, außer ‚blubb'?" "Ach Freddchen, Du bist immer so miesgrähmig", erwidert Jenny und lacht. Ich blicke zu Fred herüber und blinzele ihm zu: "Was hast Du denn erwartet? Seehunde?" Fred überlegt kurz: "Die können wenigstens Kunststücke, machen nicht ‚blubb' und schwimmen nicht stumpfsinnig im Kreis herum." Ich ahne, was nun kommt - ein aufklärender Fred'scher Vortrag, wie immer, wenn er sich aufregt: "Wusstet ihr eigentlich, dass Goldfische über ein Kurzzeitgedächtnis verfügen? Das heißt, die schwimmen ihre Runde, machen ‚blubb' und drehen ihre zweite Runde. Jedoch hat der Goldfisch wieder vergessen, dass er gerade seine Runde schwamm. Also kommt er am Ausgangspunkt wieder an, macht ‚blubb' und alles wieder von vorne. Das sind doch keine intelligenten Fische. Delphine sind intelligent, aber leider passen die nicht in ein normales Haushaltsaquarium. Schade, dass deren Haltung so kompliziert ist. Man sollte eher Delphine verkaufen, anstatt solche Zierfische. Ich meine schon der Name Zierfische. Was haben die für einen Sinn. Die Wohnung zu ‚zieren'? Ja super, dann kann ich die doch gleich austrocknen lassen und an die Wand nageln. Erstens muss man sich kein Fischzubehör kaufen oder noch schlimmer: füttern und zweitens ist es mal etwas anderes, einen Goldfisch an die Wand zu hängen. Man könnte auch gleich ein Mobilere aus mehreren Goldfischen bauen. Man hängt sie an die Decke und lässt eine Lampe auf die Viecher strahlen - so hat man sogar eine ökologische, bio-abbaubare Diskokugel für den Partykeller." Mittlerweile ist das ganze Wohnzimmer ruhig geworden und alle müssen Freds Vortrag verarbeiten. Selbst die Fische starren Fred verdutzt an. "Ja, was denn? Ist doch so!"
Fred bekommt leider keine einzige Zustimmung von den anderen Gästen. Er tut mir fast schon leid. Ich beuge mich herüber und sage unterstützend: "Ich verstehe Dich ja, aber wir wurden wegen der Fische eingeladen. Das ist der Grund dieses sozialen Anlasses. Reiß Dich also ein bisschen zusammen, ja?" "Dann besorge mir einen Seehund." "Was? Wie bitte? Wie soll ich Dir jetzt einen Seehund besorgen?" "Das ist eben DEIN Problem. Gute Freunde machen das." "Fred, manchmal denke ich, Du hast große Probleme, die Du noch nicht verarbeitet hast."
Der Abend nimmt seinen unendlichen Lauf in die Langeweile. Wir Glücklichen dürfen sogar alle Zeugen der ersten Fütterung werden und Hanni und Nanni schnappen gelangweilt nach dem langsam sinkenden Trockenfutter. Um uns herum glucksen alle vor Freude und immer wieder ertönt es: "Na, jetzt hat Nanni aber Hanni das Essen weggeschnappt." Mal ehrlich, ich kann Hanni von Nanni und Nanni von Hanni kaum unterscheiden. Beide besitzen die gleiche Farbe und Größe. Selbst das ‚blubb' ist identisch. Als ob die Namen da helfen würden. Sehr schön auch: "Hanni, setz Dich durch, sonst wirst Du ja noch verhungern." (Kann ein Goldfisch unsere Sprache verstehen? Kommt diese Motivation zum Kampf auch wirklich an?) Oder "Habt ihr das gesehen? Habt IHR das gesehen? Wie süß?" Dabei fuchteln die Arme freudig in der Luft herum. Tausche man das Aquarium mit einer Kinderwiege (Inhalt: Baby), so hat man den gleichen Effekt. Von hinten höre ich nur eine verzweifelt erregte Stimme: "Es sind nur Fische!"
Ich spiele die Euphorie aller gekonnt mit und schüttele innerlich nur den Kopf. Als nun endlich auch der letzten beiden Fetzen Trockenfutter von Hanni und Nanni verschluckt wird, legt sich die Euphorie und die nächste Stufe des sozialen Anlasses wird erreicht. Sitzplatz: Sofa, Musik: Buena Vista Social Club, Stimmung: gepflegt. Alle sitzen in einem fast perfekten (Party-)Kreis im Wohnzimmer und die Gesprächsthemen umfassen dies und das. Die goldene Regel von sozialen Anlässen ist es das Thema "Partnerwahl" immer wieder in die Runde zu schmeißen, ob man es willigt oder nicht - es schmückt den Tisch. "Ich stehe ja eher auf braune Augen, aber als ich sie traf, passte es einfach und es muss ja nicht immer das Traumbild sein", meint ein Rundenmitglied. "Das sehe ich genauso - diese Einstellung, seinem Ideal hinterzulaufen, ist einfach nur oberflächlich", meint eine andere Person zustimmend. "Das ist nur der Single-Abstufungsfaktor", sage ich. "Der bitte was", fragt Eva verdutzt. "Single-Abstufungsfaktor", wiederholt Fred. Wieder entsteht ein quälende Stille, denn alle wollen es erklärt bekommen - denke ich mir. "Der Single-Abstufungsfaktor, auch von Wissenschaftlern SAF genannt, ist genau der Grund warum man vom Ideal abweicht." Alle starren Fred und mich ungläubig an. "Ideale sind Angriff-Oberfeld. Man erkennt aber, dass man keine Chance haben wird. Also sinkt man seine Ansicht , oder Betrachtung bzw. Erwartungen, auf Angriff-Mittelfeld bis hin zu Angriff-Unterfeld." "Richtig", ergänzt Fred und fährt fort, "denn die Erkenntnis, dass man in diesem Bereich keine Chance haben wird oder vielleicht alle potentiale Partner vergeben sind, veranlasst dazu auf Mittelfeld-Oberfeld zu sinken." Toms Kinnlade klappt herunter: "Ihr wollt mir nicht ernsthaft erzählen, dass ihr die Partnerwahl in ein Fußballfeld einteilt." Ich nicke verständnisvoll zu: "Ja, so ist es am einfachsten. Du sinkst von Feld zu Feld und kannst dich dementsprechend fragen, wie weit Du sinken möchtest oder schon gesunken bist." "Habt ihr zwei nichts anderes zu tun, als über solchen Schwachsinn zu philosophieren", fragt Jenny. "Das ist kein Schwachsinn", sagt Fred verteidigend, "Du kannst nicht mehr sinken als zu Verteidigung-Unterfeld." Eva schüttelt den Kopf: "Wie spitz müsst ihr denn sein, dass ihr Frauen in Felder einteilt" und lacht. "Oh ja, lach Du nur. Jeder kennt den SGF und er kriegt Dich, ob Du es willst oder nicht." "Der SGF", fragt mich mein Nachbar. "Ja, der Single-Geilheitsfaktor. Dieser besteht wiederum aus einer Skala von null bis fünf Punkten. Bei null Punkten existiert dieser Faktor in Dir und breitet sich langsam aus. Wenn Du aber bei fünf ankommst, bist Du am Ende. Dein Leben, Deine Perspektive verschiebt sich vollkommen. Du bist nicht der, der Du früher warst. Der SGF hat die Macht über Dich genommen - und Du bist ihm hilflos ausgeliefert." "Die Reservebank", sage ich respektvoll. Nun sind alle Zuhörer vollkommen verwirrt und - ja, man kann sagen - staunen uns regelrecht an. "Ohhhhh, die Reservebank", erzittert Freds Stimme. "Was ist denn die Reservebank nun wieder", fragt ein Mädel gegenüber. "Du kennst die Reservebank nicht", frage ich ungläubig. "Sie ist das Schlimmste, was Dir als Single je passieren kann. Wenn Du auf der Reservebank sitzt, darfst Du noch nicht einmal auf das Feld. Du gehörst zu denen, die zu den Ausgesetzten gehören. Du darfst nur zuschauen, aber nie mitspielen. Selbst die, die neben Dir auf der Reservebank sitzen, sind nur ein trauriger Schein ihrer Selbst."
Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe das Gefühl, dass die Leute die Gefahr des SAFs und SGFs nicht unbedingt erkannt haben, denn immer wieder entdeckte ich hier und dort ein Kopfschütteln und Tuscheln. Sie werden schon sehen, was sie davon haben - diese Ungläubigen.
|
|
 |