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Marvin & Friends
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in Zusammenarbeit mit Achim Grimm

Es ist Wochenende und jedermann (sowie jederfrau) geht in DIE Disco, namens one O'clock.
Fred und ich haben Großes vor.
Wie immer läuft gute Musik und wir trennen uns nach einigen Minuten. Ein bisschen mit den Freunden und Leuten quatschen - ein bisschen hier, ein bisschen dort. Man kennt sich.
Die Stunden liefern sich ein sportliches Wettrennen und rennen an uns vorbei.

Als ich durch den Lounge der one O'clock schlendere, erkenne ich Fred, wie ein Häufchen Elend vor der Kasse sitzen und mich mitleidsarm anblickend.
"Was los, Fred?"
"Ich habe meine Verzehrkarte verloren!"
Mein Atem stockt und ich ringe nach Luft: "Bitte was? Wie kann denn so etwas passieren? "
"Wenn ich das wüsste, würde ich hier nicht sitzen", zischte Fred genervt zurück.
In diesem Moment kommt Mustafa, der beliebteste Türsteher Deutschlands, heran:
"Weisse, Alda, wir hamm unser EC-Dings-Gerät im Safe eingeschlossen und ohne Schlüssel komm ich nich' ran, is klar, oder?"
Man sieht Fred denken und ich überbrücke geschickt und voller Diplomatie die Situation:
"Warte mal, das doch logisch, dass man ohne Schlüssel keinen Safe öffnen kann?"
Mustafa kommt einen Schritt auf mich zu, bau sich auf, erhöhte seine Arme um etwa einen Winkel von dreißig Grad und streckt sich vor: "Wat willst Du denn?"
"Aber so können wir Dich nicht gehen lassen", sagt eine weibliche Stimme hinter der Kasse.
Fred und ich schauen uns verwundert um und suchen die Stimme.
Als wir fündig werden, entdeckten wir eine blonde Frau Mitte Dreißig. Die langen Jahre hinter einer Diskothekenkasse haben sie sichtlich gezeichnet.
"Schließlich wissen wir ja nicht, ob Du wieder kommst. Und sicher ist sicher, ne?"
Ich verstehe die Situation nun überhaupt nicht mehr. Erst Mustafa mit seinem Safe und EC-Dings-Gerät (ich gehe stark davon aus, dass er ein EC-Karten-Lesegerät meint, aber so ganz sicher bin ich mir da auch noch nicht) und dann die Kassendame mit ihren rätselhaften Worten.
Liebevoll frage ich: "Wo genau liegt denn das Problem?"
"Dein Freund hier hat seine Karte verloren..."
"Das weiß ich schon", unterbreche ich.
"...und kann sich nicht ausweisen. Da wir aber in Deutschland eine Ausweispflicht besitzen und er sich nicht ausweisen kann, kann ich ihn auch nicht gehen lassen", fährt sie fort.
Eine ganz Schlaue. Wie eine Anwältin sieht sie nicht gerade aus und ihr Ton tropft voller Stolz nach dem Motto: ich weiß etwas, was Du nicht weißt.
"Hast Du denn das Geld für diesen Verlust der Verzehrkarte", frage ich Fred ruhig.
"Das ist das Problem. Ich wollte ja mit meiner EC-Karte zahlen, aber Mustafa findet den Safeschlüssel nicht. Korrigiere mich Mustafa, wenn etwas nicht stimmt", Freds Augen starren wütend auf Mustafas übergroßen Bizeps.
Ich überlege kurz und suche in meinen Hosentaschen nach Geld, um den Verlust von fünfzig Euro für die Verzehrkarte zu übernehmen. Leider finde ich nur fünf Euro und plötzlich überkommt mich der Gedanke selber auf meine Verzehrkarte zu schauen.
In dem Moment tut sich der Boden unter meinen Füssen auf. Ich habe es geschafft meine Verzehrkarte mit vielen schwarzen Strichen zu verzieren, die sich zu einer löblichen Summe von achtzehn Euro addieren.
Mir ist klar, jetzt muss ich das Geschehen in die Hand nehmen. Ich gehe zu der Kasse, die sich auf einem Podest befindet, so dass mein Kinn gerade den Tresen überragt.
Ich setze meinen charmanten Playboyblick auf und sage mit einer sexy Stimme:
"Puppe, wir haben ein Problem." Dabei verziehen sich ihre Mundwinkel nach unten. Vielleicht ist Puppe der falsche Anfang.
"Lassen Sie es mich so formulieren, es soll ja Tage geben, an denen das Geld auf wundersamer Weise in Schall und Rauch verpuffen kann. So kam es, dass..."
Ihre Mundwinkel schaffen es einen fast perfekten Halbkreis zu formen, ihre Lippen werden immer schmaler und die Farbe Weiß zeichnet sich ab.
"Komm zum Punkt", presst sie zwischen ihren Lippen hervor.
"...so kam es, dass auch ICH zu wenig Geld habe."
Nach diesen Worten spüre ich, wie sich Mustafa hinter mich stellt und in einem Anfall geistiger Erleuchtung realisiert: "Ey, hast Du auch zuwenig Kohle?"
Ich drehe mich langsam und behutsam um (bloß keine schnellen Bewegungen) und betone ganz deutlich und selbst für Türsteher verständlich: "J-A! D-U F-u-c-h-s!"
Fred starrt immer noch ungläubig auf Mustafas Bizeps. (Der ist aber auch riesig, schon fast unmenschlich. Man könnte denken, Mustafa sei aus einem HULK-Comic entflohen.)
Bevor Mustafa etwas erwidern kann, zücke ich meinen Personalausweis und reiche ihn, mit einem zufrieden Lächeln an Mustafas Augen vorbei, der Dame an der Kasse entgegen.
Ihre Mundwinkel bilden darauf eine Gerade. Das Monster scheint besänftigt zu sein, denn sie zieht einen Zettel hervor, auf dem in dicken, schwarzen Buchstaben das Wort Schuldanerkenntnis prangert.
"Ich brauche dann jetzt Deinen Namen und Deine Adresse."
Ich gebe ihr meinen Personalausweis mit dem Spruch: "Und wer lesen kann, ist klar im Vorteil."
Die Kassiererin scheint gar nicht hinzuhören und kritzelt meine Daten auf den Vertrag der Nichtzahlenden.
Nachdem Sie den Ausweis einige Momente lang konzentriert begutachtet, stellt sie fest, dass die Postleitzahl fehlt. "Kennst Du deine Postleitzahl?"
Ich knipse ihr ein Auge zu und meine charmant: "Puppe, meine Telefonnummer kannst Du auch gleich haben", worauf ich den Bizeps von Mustafa deutlich in meinem Rücken spüre.
"Willst Du für deinen Kollegen auch gleich mitbürgen, oder sollen wir ihm lieber einen Streifenwagen rufen?"
Ich schaue zu Fred herüber, der langsam aus seiner Apathie auftaut, und sage:
"Könntet ihr das wirklich machen? Die Idee hört sich prima an."
Die Kassiererin und Mustafa können darüber überhaupt nicht lachen.
Ich schaue alle drei an und sage spielend verdutzt: "Ja was denn? Ich find die Idee wirklich prima. Wer wollte denn nicht schon immer in einem Polizeiauto fahren!?"
An Mustafas Blick kann ich erahnen, dass er dieses Vergnügen schon einmal hinter sich bringen durfte.

Alles schön und gut, denkt man sich. Es entsteht bloß ein weiteres Problem. Ich habe nämlich keine Ahnung, wo ich mich genau in dieser Stadt befinde.
Folgendes Dilemma steht nun an:
Ich könnte jetzt gehen, um das Geld aufzutreiben - ich weiß aber nicht, wo ich zu dieser späten Stunde noch die horrende Summe von 68 Euro organisieren soll (würde mir Mustafa notfalls die Beine brechen?) - Fred weiß das jetzt bestimmt - könnte Fred eigentlich mit mir mitkommen, oder müsste er hier als Pfand bleiben? - Obwohl, eigentlich habe ich ja für ihn gebürgt...
Also fasse ich den Entschluss: "Wir gehen dann mal", packe Fred an seinem Arm und gehe vorsichtig, langsam, bedacht, wachsam und doch zielstrebig dem Ausgang entgegen.
Wir riechen schon den Geruch der Freiheit, doch kurz vor dem entscheidenden Schritt Richtung Erlösung, packt Mustafa Fred auf seine Schulter und spricht die eisigen Worte: "Wiedersehen macht Freude!"
Wir haben eine Mission - Mission Possible.
Agent Marvin, Agent Fred, Sie haben eine Mission.
Ihre Mission ist, falls Sie diese Mission übernehmen wollen, organieseren Sie sie 68 Euro innhalb der nächsten drei Stunden und bringen Sie diese unverzüglich zu Agent Mustafa. Ihr Treffpunkt wird das Lagerhaus one O'clock sein.
Das Team besteht aus Ihnen beiden, da Sie die geeignesten Agenten für diesen Auftrag sind.
Sollten Sie versagen, sreiten wir jegliche Kenntnis von Ihnen und der Mission ab.
Dieses Tonband wird sich innerhalb der nächsten zehn Sekunden selbst zerstören.

Wir beide haben immer noch die eisigen Worte Mustafas in unserer Erinnerung: "Wiedersehen macht Freude!"
Schnell verdrängen wir diese Erinnerung und konzentrieren uns auf unsere Mission.
Ich frage Fred: "Meister des Verlustes, wohin des Weges nun? Redet mit mir, Ihr edler Schuldner!"
"Hütet Eure Zunge, seid Ihr es nicht selbst, der kein Gold mit sich führtet und so knapp dem Hänker entkamet?"
"Wohl an, wohl an. So lasset uns zusammen reisen."
Wir gallopieren, ohne Pferd, unserem Schicksal entgegen.

Wir gehen eine gewisse Zeit schweigend nebeneinander und ich frage Fred etwas schüchtern: "Weißt Du denn, wo wir jetzt hin müssen?"
Fred schaut mich ungläubig an: "Marvin, überleg mal ganz scharf. Was macht man, wenn man kein Geld hat?"
"Zu seiner Oma fahren?"
Fred schüttel skeptisch den Kopf: "... mitten in der Nacht?"
Ich überlege kurz: "stimmt. Vielleicht eine Bank oder eine Tankstelle ausrauben?"
"Du hast es fast gehabt. Laß das Ausrauben weg."
"Aber seit wann bekommt man einer Tankstelle Geld?" Ich überlege laut weiter: "Bank... nein, Tankstelle... nein, ICH HABS: einen Kiosk."
"Wenn Du immer noch an einen Raub denken solltest, so ist bestimmt ein Kiosk einfacher zu überfallen als eine BANK!"
"Fred, manchmal wundere ich über Deine kriminellen Energien."
"BANK!"
"Wie kannst Du jetzt nur an das Hinsetzten denken, obwohl mir Mustafa die Beine brechen wird, wenn wir das Geld nicht auftreiben. Aber Dir kann das ja egal sein, Du hast deine Seele ja nicht an den Teufel verkaufen müssen."
"BANK!"
"Ich verstehe Dich schon. Du möchtest nicht mehr laufen."
"BANK! BANK! BANK! Wir müssen zu einer BANK, um Geld zu holen!"
Mir wird schlagartig klar, was Fred die ganz Zeit eigentlich meint, aber ich bin mir noch ein bisschen unsicher und frage vorsichtig: "Ist klar, aber seit wann haben Parkbänke einen Geldautomaten. Habe ich wieder etwas verpasst? Baut die Stadt etwa wieder um?"
Fred reagiert überhaupt nicht mehr. Also war das wohl auch nicht das Richtige; immerhin ist es nicht mehr die jüngste Zeit.

Nach etlichen Minuten erreichen wir einen Park, den wir durchqueren müssen, um den ersehnten Geldautomaten zu finden.
Auf halber Strecke ertönt es, mit australischem Akzent, aus dem dunklen Gebüsch: "Hasse mal ne Kippe, Dude?" Wir drehen uns suchend, und erblicken die Silhouette eines schmächtigen, braun gebrannten Mannes, der ein überdimensional Cowboyhut auf seinem Kopf trägt. In seiner rechten Hand hält er eine Art Stange, die ihm bis zum Kinn reicht.
Ich sammele meine Gedanken: australischer Akzent, Cowboyhut, überflüssigerweise einen struppigen Hund, der bereits sichtlich Freude an meinem Beim gefunden hat und schließe darauf hin: Stange gleich Didgeridoo.
Dogodile Dundee wiederholt sich: "Hasse mal ne Kippe, Dude?"
Langsam bewegt er sich in unsere Richtung.
Obwohl ich keine Zigarette rauche, muss er gerochen haben, das ich sich Zigaretten in meiner Tasche befinden. Jedoch bin ich von diesem ‚Dude' so sehr angetan, dass ich es nicht daran herum komme, ihn auch ‚Dude' zu nennen: "Rauchen ist tötlich, Dude", und ich betone ich es mit einem perfekten west-australischen Akzent.
"Wenn Du schon über das Sterben nachdenkst, und Du siehst aus, als ob Du rauchen würdest, dann solltest Du auch eines dieser informativen Magazine nehmen", und er reicht mir das genannte Magazin herüber.
"Hey, cool, Fred, das Ding heißt ‚Wachturm'", rufe ich begeistert.
"Marvin, das ist der ‚Wachturm'. Du weißt schon, was der ‚Wachturm' ist, oder?"
"Hat das was mit einem Fantasyroman zu tun? Wow, ich dachte, die gäbe es immer noch als Bücher, aber das es die jetzt auch in Zeitungsformat gibt - wow!" Ich bin absolut beeindruckt.
"Schau mal rein, Marv", sagt Fred und deutet auf ein Bild in dem Magazin, an dem Jesus gerade gekreuzigt wird.
"Och, ist das aber unfair. Um nicht zu sagen, brutal", erwidere ich schockiert.
Fred schüttelt den Kopf.
"Hey Dudes, das sind die Sünden der ganzen Menschheit, die sich gerade in seinen Augen wiederspiegeln."
Fred ist noch nie gläubig gewesen und diese Antwort war wie geschaffen für ihn, denn sofort antwortet er: "Und was ist mit den Leuten, die gar nicht an Gott glauben wollen? Ja, was ist mit denen, häh?"
Dogodile Dundee schien auf diese Antwort auf wundersame Weise vorbeireitet zu sein und sagte: "Gott, liebt alle Menschen! Auch Dich, denn Du hast Deinen Glauben noch nicht gefunden."
Ich habe mit einem halben Ohr ja die diese aufflammende Diskussion mitverfolgt, aber ich kann mich nicht mehr zurückhalten und muss jetzt meine Meinung kund geben:
...


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