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Marvin & Friends
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Teil 1

Ein weiser Mann hat einmal zu mir gesagt, dass nach einer Nacht alles anders ausschauen würde. Damit hat er recht gehabt, nur vergaß er, dass die Emotionen nach dem schlaftrunkenen Zustand der morgendlichen Stunde nicht vergessen sind – nein, sie bohren sich, bei Lust und Laune, umso mehr in die seelischen Eingeweide meiner Psyche.

Liebe Leser, unter uns, wie kann man innerhalb ein geringer Zeit zwei Jasmins verlieren? Ist das vielleicht schon eine Art von Kunst oder gewolltem Eremiten-Dasein?
Mir ist bewusst, dass ich eigentlich Philantroph bin, ihn wohl zu leben, scheint ein eindeutiges Problem darzustellen.
Soziales Leben, ja, aber...

Riiiiing, Riiiing....

...aber wenn die Definitionen der Gesellschaft meiner abweichen...

Riiiiing, Riiiing....

...dann ist es kein Wunder, dass...

Riiiing, Riiiing.... VERDAMMT!!!!!!!

Ich löse mich von meinem Laptop und funkle bösen Blickes mein Telefon neben mir an.
„VASCANDU... Sie stören mich gerade in einem intimen Meeting mit mir selbst. Falls Sie nichts Wichtiges mitzuteilen haben, bitte ich Sie unverzüglich aufzulegen. Falls Sie mich kennen sollten, und damit meine ich nicht aus Datenbanken oder Freunden oder alten Grundschulfreunden, legen Sie bitte auch auf, sonst reden Sie nach dem relativ sehr human klingendem PIIIIIIEEEEEPPP!!!!!!!!!!!“
„Ja, äh,.. hi... also.... Marv, bist du da?“ Es ist Eva.
„Also, wenn du das nun hören solltest, dann rufe doch mal zurück, weil... äh... bist du echt nicht da? Dein AB hört sich sehr nach dir an, also...“
„Ich habe das gerade auch spontan erfunden, Eva!“, sage ich sauer. Sofort haue ich mir auf den Mund. Denn die Erkenntnis, dass meine spontanen AB-Mitteilungen tatsächlich funktionieren, kommt mir zu spät in den Sinn.
„Ahh, hallo Marv... äh… bist du das jetzt oder noch der AB?”
Ich überlege kurz, um diese Anfrage wirklich auf einen AB hinauslaufen zu lassen, aber heute mag ich einfach Eva und gebe ihr die Ehre mit mir telefonieren zu dürfen.
„Nein, nein, Eva, ich bin mit Fleisch und Blut am Telefon. Hatte nur gerade versucht, etwas zu schreiben.“
„Was für eine neue Lesung? Dein neuer Gig ist ja bald in einem Kino, wie ich weiß.“
Ich erstarre. Kino? War da was?
„Eva, einen Moment bitte, ich MUSS da mal was NACHSCHAUEN!“
Ich springe von meinem Bürostuhl in Richtung Küche und überprüfe meine Termine.
Und... tatsächlich, in zwei Wochen steht die Lesung im Kino an, aber kein Programm zur Hand. Was jetzt? Ich erinnere mich, da ist etwas mit der Kaktusfarm und Cinestar gelaufen und ich soll da nun irgendwie was machen. Hätte ich nur ein besseres Gedächtnis. Egal!
Zurück am Telefon sage ich:
„Ja ja, äh... sicher, neues Programm.“
„Und um was geht es dieses Mal?“
Mann aber auch!
„Ach“, sage ich, „über dies und das und so...“
„Du hast noch gar keinen Plan! Kann das sein, Marvin?“
Ich schaue verschämt auf meine Schreibtischplatte und sage leider Gottes: „Ja, stimmt!“
„Marv, es ist ein Kino. Du hast da einen Saal zu begeistern und du hast kein Programm? Keinen Plan, nichts? Null...?“
„Man kann das auch etwas anders ausdrücken.“
„Und wie, bitte?“
„Nun, die Ruhe vor dem Sturm. Gelassenheit und Ideen sammeln, in sich vereinen, die Ruhe vor dem Sturm...“
„Das hast du nun zwei Mal gesagt. Oh Marv, wie soll das nur weitergehen mit dir. ABER“, betont Eva plötzlich aus heiterem Himmel, „wer kann es dir verübeln, denn im Endeffekt kannst DU ja nichts dafür!“
Ich traue meinen Ohren nicht. Wie war das?
„Eva? Wie war das?“
„Naja, also, du bist eben ein Opfer der Gesellschaft und brauchst einen Kompass, der dich eben durch das stürmische Gesellschaftsmeer steuert.“
„Vielleicht solltest du im Kino die Lesung halten. Große Worte für eine kleine Frau.“
„Nee, lass man, das überlasse ich doch lieber dir. Aber wie gesagt, der Kompass...“
„Eva, entschuldige bitte die Unterbrechung, aber wieso bist du a) so nett zu mir, obwohl ich für einen großen Gig kein Programm habe und b) was bedeutet dieser verfluchte Kompass?“
„Ja, äh... genau, der Kompass. Tom und ich hatten da so eine Idee.“
Oh, oh... ich ahne, aber bleibe bewusst naiv und schließe mein drittes Auge.
„Wir haben da so eine Freundin, die Tom aus einer Vorlesung kennt.“
Drittes Auge, ich hasse dich. Alleine schon das ‚haben da so eine Freundin’ ist dermaßen verräterisch, dass einem die Intention – wer hätte es je gedacht – die Verkupplungsmethode – nicht ins Auge springt, nein, sondern mit Thors Hammer voll in die – Entschuldigung – Fresse fliegt. Also sage ich gelassen:
„Also, du hast da so eine Freundin! Schön für Tom? Wie stehst du eigentlich zu einer offenen Beziehung? Ist doch anfangs bestimmt hart für dich gewesen, oder?“
„Was? Nein! Wir sind monogam. Und Tom hat eben...“
„Jaha, DU bist monogam, Tom wohl nicht. Immerhin ist er wissenschaftlicher Assistent und hält diverse Vorlesungen im Pädagogikbereich und du weißt, wie viele Frauen das Fach studieren.“
„NEIN, Marv, Tom ist mir treu!“, brüllt sie beinahe.
„Naja, aber er hat doch da so ne Freundin kennen gelernt. Eva, wenn ich du wäre, dann aber hallo!“
„Aber... aber...“
„Eva, jeden Tag Erbsensuppe ist eben irgendwann auch langweilig!“
„Nein, Tom und ich sind total glücklich! Es könnte nicht besser laufen!“
Ihre Nervosität springt mir entgegen, also frage ich:
„Wie lange seit ihr nun zusammen?“
„Fast zwei Jahre.“
„Hhhmmm“, sage ich bewusst, „ist eure Liebe wirklich Liebe oder Alltag?“
Buuuuhhhh-jaaahhh!!!!!!!!! Der sitzt, denn Eva überlegt sich ihre Antwort.
Ich gebe zu, dass diese Frage sehr fies ist, aber – hey – man muss eben nur lange genug zusammen sein, damit einen die Frage nicht schockiert, oder man besitzt eine gewisse Lebenserfahrung. Sonst, ja, ist diese Frage sehr fies.
(Für alle lebenden Singles, die es hassen, wenn sich EIN Pärchen auf einer Party voller Singels unbedingt küssen muss bzw. zeigen muss, wie glücklich man doch zu ZWEIT sein kann, ein Tipp: die Frage stellen: „Du, äh, ich kenn’ mich da kaum aus – bin ja Single, aber gehst du in deiner Beziehungen eigentlich Kompromisse ein oder steckst du deine Interessen einfach zurück?“ Glaubt mir, es funktioniert... fies, aber es funktioniert!)

Eva überlegt mir zu lange und um ehrlich zu sein, ich mag die beiden ja wirklich. Sie passen optisch zusammen und sind echt ein nettes, single-freundliches Paar. Außerdem geht es mir durch meine fiesen, doch hoch philosophischen, Fragen zu gut, um Eva in eine Beziehungskrise zu stürzen und frage absichtlich, die Situation erkennend:
„Okay, wie heißt sie denn?“
„Ah so... äh.. dachte über deine Frage nach...“
„Vergiss die Frage, ja?“
„Aber da ist was dran.“
„Nein, ist es nicht!“
„Irgendwie schon.“
„Nein, glaube mir. Ist es nicht.“
„Aber... irgendwie, ich meine...“
„EVA, wie heißt die schöne Maid?“
„Wer jetzt?“
„Toms neue Freun... äh.... meine angehende, neue Freundin?“
„Ach so, ja, sie heißt Tanja.“
Innerlich sacke ich in mir zusammen. Sonst heißen solche Verkupplungsmädels Chantal, Forein oder Rudeyin. Aber Tanja? Voll uncool, aber doch ein kleiner Schimmer des Glücks? Wer weiß, wer weiß?
„Tanja?“, frage ich bestätigend, „na, ist ja was. Und jetzt lasse mein drittes Auge walten: sie hat zufällig am Wochenende Zeit und ich soll am Wochenende auch zufällig Zeit haben, da sie zufällig dann bei euch sein wird, wenn ich zufällig auch bei euch bin. Was für ein Schicksalszufall.“ Ich bedenke meinen ausgesprochenen Satzbau und füge ein: „auch“ noch hinzu.
Muss ja auch alles passen. Bloß nicht das Schema verlassen. Schema verlassen – uhh – das geht gar nicht... das würde ja Anarchie bedeuten... wenn nur jeder so denken würde....
„Marvin? Noch da?“, fragt Eva.
„Sorry, hatte gerade einige Ideen für mein neues Programm.“


Teil 2

Ich öffne eine Flasche und bei den ersten Schlücken vergegenwärtige ich mir immer wieder Evas genannten Blinddatetermin. Wie sollte es anders sein, ein Freitagabend – zum Essen.
Tanja, Tanja, Tanja… es klingelt nichts bei mir. Ich kenne keine Exfreundin namens Tanja oder einen Groupie oder eine Person namens Tanja, die ich unbedingt zurückrufen sollte. Solche Treffen sind meist unangenehm.
Aber wer ist denn Tanja?
Ich resümiere: Toms Studentin. Aha, so eine angehende Sozialpädagogin. Wahrscheinlich wird sie mir ihren Namen vortanzen, dann wirft sie mir einen Ball zu, damit ich mich vorstellen kann und am Ende der Vorstellungsrunde soll ich über meine Gefühle reden, indem ich meine Stärken und Schwächen auf ein in Form zugeschnittenes Papiermännchen malen soll. Rot für Schwächen und blau für meine Stärken versteht sich. Ganz der Pädagogik gewidmet.
Hippa-ya-yeah, das wird ein Bombenabend. Die Stimmung ruft, schreit, platzt – PENG.
Verkupplung hin, Verkupplung her, ich beuge mich meinem Schicksal und sehe wenigstens in diesem Pärchenmenü etwas Schönes.

Freitag, 19 Uhr, ich stehe vor Toms Wohnungstür und klingel.
Die Tür geht auf und Tom erschreckt: „Woh, was du hier oben?“
„Ich habe die Tür unten geknackt. Will aber höflich sein und nicht euer Schloss knacken, also dachte ich, ich klingel lieber.“
Tom schaut weiterhin schockiert.
„Mann, die Haustür stand offen. Bist wohl nicht ganz da heute, oder?“
Tom schaut mich verwirrt an: „Doch, irgendwie…“ Plötzlich brodelt irgendetwas über. „Scheiße, die Kartoffeln… komm endlich rein, Marvin… die Kartoffeln“, flucht Tom noch und verschwindet in der Küche, in der er weiterflucht, da der Backofen nicht auf 180 Grad, sondern auf 200 Grad vorheizt.
Ich schmunzel süffisant und sage laut: „Oh, Gott des Vorheizens, verflucht seiest du. So hatte dir dieser Manne nicht genug Gaben gegeben? Waret er es nicht, der dich immer anbetete? Oh, Herr der…“
„Marv, alles klar?“, fragt Eva, die sich hinterrücks angeschlichen hat.
„WAAAHHHH… MANN, mach das nicht noch einmal!“
„Redest du wieder zu Göttern?“, Eva lächelt charmant.
„Davon mal abgesehen, wieso ist es normal, wenn ich zu Gott rede und alle es als ein Gebet bezeichnen, aber wenn Götter mal zu mir sprechen, ist es eine Psychose? Darüber einmal nachgedacht?“
„Musst du viel Zeit haben!“
„Wieso das denn?“, frage ich schockiert, da ich ernsthaft auf eine Antwort warte.
Eva lacht schon wieder.
„Da gibt es auch nichts zu lachen. Das ist mein Ernst. Wieso? Wiesooo?“, frage ich die Betonung steigernd.
„Marv?“
„Ja?“
„Bier?“
„Öh, gerne!“
„Komm mit!“
„Ok!“
Und so folge ich trottend Eva in das Wohnzimmer und mittlerweile umgebaute Esszimmer für vier Personen.
In einem kleinen Kühlschrank (im Wohnzimmer – eine echt gute Idee, fällt mir auf) holt Eva eine Flasche Bier heraus, öffnet es und reicht es mir.
„Danke“, einen Schluck, Blick zu Eva, „du keins?“
„Nein, danke, ich bleibe heute bei…“
„Wein?“ Ich nehme einen weiteren Schluck.
„Ja, richtig!“
„Pärchen“, sage ich mit schüttelndem Kopf. „Ihr zerstört noch die ganze Bierindustrie. Treu muss man nicht nur in der Beziehung, nein, auch dem Bier sein. Prost!“ Ein erneuter Schluck.
„Kein Wunder, dass du Single bist“, murmelt Eva beim Hinausgehen aus dem Wohn-… äh, ich meine, Esszimmer.
„Das habe ich gehört!“, sage ich laut.
„Solltest du auch“, ruft Eva fröhlich zurück.
„Hmm“, brumme ich.
„Das habe ich auch gehört!“

Ich setze mich an den Esstisch und bewundere die Dekoration. Zu allem Übel liegen auch noch kleine, rote Glasherzchen verstreut. Jeder hat Namenskärtchen vor seinem Teller stehen – Pädagogen eben. Ist ja auch echt schwierig, sich die Namen seiner zwei Freunde plus der neuen, unbekannten Person zu merken. Aber sicher ist sicher. So lese ich laut vor:
„Tom, Eva, Marvin, Tanja.“
Da komme ich spontan auf eine Idee. Da mir gerade eh langweilig ist und ich nichts zu tun habe, gehe ich an Toms Vitrine und hole seine Batman-Figuren heraus.
Tom soll der Pinguin sein, Eva ist nun Catwoman, Tanja stellt den Joker dar und ich bin Batman.
Ich setze mich wieder an meinen Platz und sammle alle Herzen ein, lege sie auf meinen Teller und positioniere Tom, Eva, Tanja und mich – also den Pinguin, Catwoman, den Joker und Batman – in einem Kreis um meinen Teller herum. Let’s play childhood!
„Uh… ahhh… du bist es, der böse Pingiun. Spüre meinen Batwing.“ Ich nehme ein Herz und schmeiße es auf den Pinguin, also Tom. Zu meinem Erstaunen fällt die Figur nicht um.
„Aha, so einer bist du. Du warst schon immer kein leichter Gegner. Nimm ein weiteres Herz aus Glas.“ So bombardiere ich nun Tom bis er umfällt. Genau in dem Moment schreitet Eva, also Catwoman, ein und ich verstelle meine Stimme bis sie weiblich klingt:
„Uhh, Batman, du bist so stark, so dunkel. Lass mir dir helfen. Da… die böse Tanja (gleich Joker).“ Also nutze ich nun meine beiden Hände und bewerfe Tom und Tanja mit den Glasstücken.
„Booom, buuhhhjaaa…. Aaarrrggghhhh…. Pfffiiiiiiiaaauuuu…..kaaarraaacchhhh!!!! IIIiiiiiiooooooaaaaauuuuuu…..!“
Ich versinke vollkommen in dieser Welt. Ich muss das Böse bekämpfen. Nichts hält mich auf. Ich halte den Joker und Catwoman in meinen Händen und knalle sie aneinander und rufe: „So, ja, haha… so ist das… jaaaaa….ts-ts-tssss-päh-wäng!“

„Marvin? Äh, Marv???“
Gebeugt und vollem Enthusiasmus liege ich über meinem Teller und halte die beiden Spielfiguren in meinen Händen und schaue nun die real existierenden Tom, Eva und Tanja mit einem irren Blick an.
Wie peinlich. Ich habe wohl sogar die Türklingel überhört. Ich räuspere mich und sage seriös:
„Äh-hm, ja, also, hm-hrm, ich präge mir gerade die Namen ein.“
Ich schaue auf den Tisch und bemerke, dass der Kampf zwischen Single und Verkupplung mit Batman und Co. der Dekoration einen gewissen Anarchocharm verliehen hat. Die meisten Glasherzen liegen auf dem Boden, die Blumen sind leicht, aber wirklich nur leicht, abgeknickt, die Servietten, die als Schutzschild boten, liegen quer über den ganzen Tisch verteilt und die Namensschildchen wandelte ich als Notrutschen um. Jeder Krieg hat seine Opfer – meine ich jetzt mal.
Tom und Eva erkennen das nicht zu verachtende Chaos, drehen sich um und ich höre nach ein paar Sekunden ein wild schreiendes „Oh Gott!“ aus der Küche. Danach einen Streit über meine Person und Anwesenheit. Marvin happens!

Doch Tanja bleibt im Türrahmen stehen. Sie schaut mich mit glänzenden Augen an.
Derweil räume ich den Tisch auf und lege und falte alles zum Ursprung zurück. Nur die Herzen, die stecke ich mir ein, da sie vollkommen deplaziert sind.
Tanja bewegt sich langsam auf mich zu und streckt ihre Hand in meine Richtung.
Um Tanja zu beschreiben: sie ist kein Modell. Sie besitzt ein gepflegtes Äußeres, ist circa 1,70 Meter groß und hat braunes, schulterlanges Haar. Die Figur – solala…
„Hallo, Tanja heiße ich.“
Ich begrüße sie mit zurückdrückender Hand und sage: „Ja, das habe ich mir gedacht. Hier liegen auch so viele Namenskärtchen herum, da weiß man bald gar nicht mehr, wer wer ist, oder?“
„Ach, dann hat Tom das wirklich getan?“
„Was?“, frage ich.
„Die Kärtchen aufgestellt.“
„Das... das war deine Idee?“
„Ja“, sagt sie freudig. „Das haben wir im ersten Semester gelernt und das funktionierte total gut so. Ich kenne jetzt alle Namen aus meinem Kurs.“
„Warte mal kurz“, sage ich, drehe mich um, nehme einen gewaltigen Schluck aus meiner Bierflasche und drehe mich wieder zu ihr hin.
„Lass mich raten, Kartenleserin, deine Kommilitonen wollen… äh… können deinen Namen noch nicht auswendig und das TROTZ DER KARTEN?!?“
„Ja, schon, aber das kommt schon.“
„Ich denke nicht, glaube mir.“
„Doch, doch! Ich laufe jetzt immer mit einem Namensschild herum, damit mich die Menschen direkt…“
„Mit Namen ansprechen können“, ergänze ich gelangweilt, mittlerweile mit meinem Kinn auf der Handfläche abgestützt. „Schon einmal an eine McDonalds-Karriere gedacht? Da darf man auch Namensschilder tragen.“
Sie lacht, lacht wilder und grunzt plötzlich dabei, was mich aus meiner Lethargie reißt. Hat sie wirklich beim Lachen, oder eher zum Ende des Lachens, laut gegrunzt?
Oh Gott, ich hasse dich.
„Aber wie heißt du denn?“, fragt sie.
Ich halte ihr bewusst Toms Namensschild entgegen.
„Oh, du heißt Tom.“
Ich schaue verwundert auf das Namensschild und dann auf sie.
„Merkst du noch was?“, frage ich.
„Wieso?“
„Heiße ich etwa Tom?“
„Nein, du heißt Marvin.“
„Wenn du es weißt, wieso nennst du mich dann Tom und fragst nicht nach, wieso ich dir Tom gegen die Nase halte?“
„Im zweiten Semester haben wir gelernt, dass man Namen akzeptieren muss. Wenn du für heute Tom heißen willst, nenne ich dich natürlich Tom.“
Es reicht. Das darf nicht wahr sein. Letzter Rettungsanker.
„Du, Tanja, ab und zu spricht Gott zu mir.“
„Ehrlich“, ihre Augen leuchten mehr als zuvor, „mit mir auch!“
„Entschuldige mich bitte kurz, nimm doch Platz, ja? TOOOOOOOMMMMMM!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Toms Blutdruck scheint die Zweihundertgrenze zu überschreiten, denn sein Kopf zeigt mir eine ernstzunehmende, glühend rote Gesichtfarbe und auch seine Rhetorik besteht aus diversen Schimpfwörtern, die ich nicht nennen möchte (falls Kinder dies hier lesen sollten). Schlimmer werden seine Ausdrücke als ich die Küche betrete und ich bin fast begeistert, was für eine Kreativität in Tom steckt, da ich angeblich etwas bin, dass ich in diesen – ich glaube zwanzig Varianten - gar nicht gewusst habe.
„Tom, Tom, komm’ runter. Ich habe alles wieder hergerichtet, wie es war.“
„Auch die Blumen?“
„Ja, ich habe etwas Klebeband gefunden und die Stängel…“
„Oh Marvin, du %&$§!, wie kannst du denn nur Batman und Robin spielen, du §$/&%! Ich saß bestimmt über eine Stunde an der Deko und dann kommst du %$§()/&! und zerstörst alles.“
„Tom, Tom, Tom, es tut mir echt leid. Ehrlich. Aber es kommt doch nicht auf die Deko, sondern mehr auf die Qualität des Essens an. Da musst du mir Recht geben, oder?“
Tom beruhige ich langsam. Und da ich Tom kenne, nutze ich den bekannten ‚Schmeichle-Toms-Kochkünsten’-Trick.
„Ich weiß doch noch deine Donauwelle. Ach Gott, ich könnte steeeerben, wenn ich wieder daran denke.“ In meiner Stimme liegt Pathos.
„Oder letztes Mal, deine Gnocchi in Gorgonzola-Sauce. Apropos, war die selbst gemacht? Ich brauche dieses Rezept. Ehrlich… hammerlecker.“
Tom wird ruhiger und winkt dankend, den Komplimenten nicht ausweichen könnend, ab.
„Hey, danke, Marv. Klar, kann ich dir mal das Rezept geben. Aber“, sagt er mit Strenge in der Stimme, „das war doch gerade sehr, sagen wir, unpassend!“
„Tom, keine Frage. Es tut mir immer noch leid. Ich werde nun ein perfekter Zu-Verkupplungsgast sein. Versprochen!“
„Ich gehe mal mit Marv zu Tanja zurück, ja?“, sagt Eva zu Tom und harkt sich in meinem Arm ein. Schnell flüstert sie in mein Ohr: „Du hast die Situation gerade noch so gekippt.“
„Ich weiß. Sorry noch mal!“

Wir sitzen zu Dritt am Tisch. Da ich versprochen habe, mich gut zu benehmen, stehe ich auf und frage, ob die beiden Damen nicht Wein oder ähnliches verköstigen möchten.
Beide bejahen dies. Es soll doch der Wein sein.
Ich gehe in Toms Revier und frage höflich nach der Vorspeise. Ob er eher an einen Weißen oder Roten denkt. Tom erstaunt über meine Verwandlung, hält mir einen Riesling hin.
Wieder im Esszimmer öffne ich den Wein, schenke beiden Damen nur einen Tropfen zum Probieren ein und warte auf das allbekannte Weinkennernicken, um das Glas dreiviertel zu füllen. Ich verschwinde wieder in der Küche, stelle den Wein ab und gehe zurück in das Esszimmer.
(Wie langweilig…)

Ich aber bleibe bei Bier. Wenn die beiden schon gute Gastgeber sind und extra für mich nordisches Bier besorgt haben, trinke ich es natürlich und sehr gerne. Ich liebe nordisches Bier.
Tanja: „Ach, du trinkst Bier?“
Eva sieht meinen entnervten Blick und schaut mich fordernd an, nach dem Motto: Denke an dein Versprechen.
Ich also: „Ja“, halt meine Flasche gegen das Licht, „wow, tatsächlich, das ist echt Bier.“
Ich schaue zu Eva und bewege wortlos meine Lippen zu dem Wort ‚Sorry’ und ziehe eine verzeihende Grimasse.
„Im ersten Semester haben wir gelernt, dass blau nicht schlau macht. Ist übrigens auch ein sehr gutes Buch mit gleichnamigem Titel. Darüber hat unser Professor seine Vorlesung gehalten. Also ich persönlich trinke ja nur bei speziellen Anlässen…“
„Na“, werfe ich, „die sind bestimmt echt selten bei dir, oder?“
„Marvin“, flüstert mich Eva weisend in meine Schranken ein.
„Wie heißt es so schön“, beginnt Tanja, um auf meinen Spruch einzugehen, aber leider muss ich sie sofort unterbrechen: „Auf Wiedersehen!“
„Nein, das meinte ich nicht. Also, ihr kennt doch den Spruch: Spaß ohne Alkohol.“
„Kennst du auch: Alkohol ohne Spaß? Sehe darin irgendwie heute mein Motto!“
„Oh“, Tanja scheint schockiert, „hast du ein klitzekleines Alkoholproblem?“
„Nach dem Abend? Lass mich überlegen... Vielleicht?“
„Also im zweiten Semester haben wir das als Studie gehabt. Da haben wir Menschen mit Alkoholabusus untersucht.“
„Bitte was? Abubu-was?“, frage ich und kann mein Lachen nicht mehr im Zaun halten. Die Person, wahrscheinlich im vierten Semester, kann der Realität doch gar nicht standhalten. Selbst Eva verdreht bei jedem ‚im x. Semester’ die Augen und ja, ich tue ihr fast leid.
„Abusus“, wiederholt Tanja ernst.
Ich lache weiter: „Sage das drei Mal hintereinander, danach gebe ich dir einen aus.“
„Was ist denn jetzt daran so witzig?“
Eva schaltet sich ein: „Ach nichts!“, auch sie beginnt sich ihre Lachtränen aus den Augen zu wischen, „Marvin hat vielleicht nur ein kleines Abubuproblem und labert nur Müll. Das machen eben Abubukranke!“
„Eva“, flüstere ich sie weisend in ihre Schranken ein.
Eva bewegt wortlos ihre Lippen zu dem Wort ‚Sorry’ und zieht eine verzeihende Grimasse.

Das Essen beginnt. Tom bringt als Vorspeise eine vorzügliche Spargel-Creme-Suppe und ich genieße sein Essen (ohne Flachs) wirklich immer. Tom hat das Kochen einfach raus. Keine Frage.
Danach serviert er uns gebratenen Tintenfisch mit einem herrlich erfrischenden Salat. Aber hier entsteht leider das erste Problem, indem Tanja einen kleinen Fussel probiert und sagt:
„Uh, das schmeckt ja nach Autoreifen!“
YEAH, BABY! Voll ins Schwarze getroffen, denn Tom legt Messer und Gabel ab, schaut Tanja beleidigt in die Augen, nimmt ihren Teller und meint: „Gut, dann kannst du warten bis es das Dessert gibt. Aber vielleicht schmeckt das ja nach Kaninchenstall.“ Und er geht in die Küche, wo man den Mülleimerdeckel auf- und wieder zuschnappen hört.
Tom ist eine wunderschöne Zicke, wenn man sein Essen kritisiert. Herrlich! Davon einmal abgesehen, dass Tom auch ihre Klausur zu seiner Vorlesung korrigieren wird.
Aber Tanja sitzt vergnüglich am Tisch und schaut uns beim Verspeisen des Tintenfisches zu.
„Im zweiten Semester haben wir gelernt, welche Präferenzen zu einer bestimmten Esskultur entstehen. Da hat unser Professor nämlich gesagt…“
„Du, Tom“, unterbreche ich wieder, „wie stehst du eigentlich zu dem Thema Menschenkenntnis in Korrelation zum Verkuppeln deines besten Freundes?“
Tanja schmeißt sich verbal auf den Tisch: „Da haben wir in Toms Vorlesung gelernt…“
„Marvin“, sagt Tom, „es tut mir leid. Aber es war doch ein Versuch wert. Wir beide dachten nur, dass du vielleicht jemanden kennen lernen könntest. Man schaut ja nur vor dem Kopf.“
„Tom, Marvin, redet ihr über mich? Falls ja, dann könnte ich ja sagen, dass…“
„Ach, Tanja“, sagt Eva, die erkennt, dass Tom und ich in Ruhe sprechen wollen, und verstrickt Tanja in ein Gespräch. Natürlich geht es über das Studium und immer wieder hört man diverse Semesterzahlen durch den Raum fliegen.
„Tom“, sage ich, „das mit der Deko tut mir echt leid. Aber bitte, bitte unterlasse dieses Verkuppeln und frage mich doch vorher. Nicht diese spontanen Dinger. Da fühlt man sich immer so überfahren.“
„Ja, an dem Punkt hast du vielleicht sogar Recht. Verkuppeln an sich, schön und gut, aber es ist wie russisches Roulette.“
„Hey, vielleicht solltest du meine neue Lesung schreiben.“
„Nein, das überlasse ich dann doch lieber dir.“
„Hhm, das hat Eva letztens auch gesagt.“
Wir beide lachen uns an und alles klärt sich auf. Der Freundschaftshimmel erstrahlt in einem wonnigen Blau und wo Probleme gewesen sind, schweben elegant Schwalben auf leichten Schwingen.
„Äh, Tom?“
„Ja, Marv?“
„Darf ich nun endlich?“
„Hau rein. Gib alles.“
„Aber wegen der Autoreifen, lasse sie bitte deswegen nicht durchfallen, ja?“
„Wir werden sehen.“
„Tom?“
„Schon gut, schon gut!“
„Ok, the show must go on!”
„Wenn ich die beiden Damen in dieser höchst interessanten Diskussion stören darf, aber wie ich gerade erfuhr, wird der Abend wohl für heute sein Ende gefunden haben.“
„Wie? Jetzt schon? Und das Dessert?“, fragt Tanja traurig.
„Das fällt heute aus“, sagt Tom trotzig.
„Nun,“ meine ich, „für uns beide soll der Abend erst losgehen. Keine Sorge, Hase, wir werden noch einen Laden in der Gegend finden.“
„Na gut“, mit schweren Herzens steht Tanja auf, drückt Eva und Tom kurz. Tom aber, wie eine Salzsäule in ihren Armen, sagt nur: „Bis zur Klausur!“ und schmunzelt mich an.
„Tschüss, ihr beiden! Danke für das Essen!“

So gehen Tanja und ich auf die Strasse und gehen ins NOVA DO.


04 .:. Tom's & Eva's Party <

30 .:. Gesagt, getan - der ESEL >

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