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Es gibt nicht viel Neues in meinem Leben, aber da nun Cassandra in mein Leben getreten ist, denke ich mir, dass dies eine nette Neuigkeit sein könnte. Wen aber könnte das mehr als alle anderen interessieren als meine ach so geliebte Mutter. Freudig wähle ich die Telefonnummer meiner Eltern und lasse das Telefon ein paar Male tuten. "Ja bitte?" "Tach Mutter, ich bin's." "Wer ist denn da? Ich lege sofort wieder auf", sagt Mutter verwirrt ins Telefon. "Mutter, Dein Sohn Marvin." "Ach so, sag das doch. Melde Dich doch einmal mit Namen, Jung!" "Ich dachte, Du würdest die Stimme Deines einzigen Sohnes erkennen. Auch egal jetzt. Ich habe eine freudige Nachricht für Euch!" Im Hintergrund höre ich aber Mutter abspülen und kann ihre Dreistigkeit gar nicht fassen. "Spülst Du etwa? Ich fasse es nicht. Ich will Dir einmal etwas Positives erzählen und Du spülst." Keine Reaktion am Ende der Leitung. "Mutter", rufe ich. Mit gehetzter Stimme eröffnet sie mir: "Du rufst auch immer in den ungünstigsten Momenten an." "Ich rufe wirklich selten an." "Wenigstens hast Du das mal erkannt", unterbricht mich Mutter. "Was…? Ja.. äh… also, was ich sagen möchte!" Plötzlich klirrt es im Hintergrund und ich höre eine männliche Stimme, die "Verdammt noch eins" ruft - mein Vater. "Oskar, lass es sein. Marv, Dein Vater versucht gerade zu spülen, weil ich mit Dir hier telefonieren muss… Nein, Oskar, nicht da oben hin,… Du musst das… nein… Marv, wenn Du das sehen könntest." "Willst Du jetzt zuhören oder nicht", frage ich entnervt. "Ja, … Oskar, lass es bitte liegen. Ich mache gleich weiter. Dein Sohn will uns etwas erzählen." "Der soll lieber mal zum Spülen kommen", höre ich ihn sagen. "Hast Du das gehört, Marvin", fragt meine Mutter beherrschend. "Ja, Mutter, habe ich. Also, ich kann Dir stolz erzählen, dass ich eine Freundin habe." "Meinst Du fünf gegen Willy?" Ich traue meinen Ohren nicht. Leider ist es Realität. Sie hat es wirklich gesagt. "Nein, sie ist aus…" "Gummi? Och Marvin, such' Dir doch mal was Ordentliches. Oskar", ruft meine Mutter meinem Vater mitten im Gespräch zu, "kann man Gummipuppen eigentlich waschen?" "MUTTER, sie ist echt. Kein Gummi!" "Oskar, Marv meint, die sei echt." "Also", höre ich meinen Vater im Hintergrund sagen, "wenn die gefühlsecht sind, muss er die in die Reinigung geben. Waschen kann man die nicht!" "Marv", sagt Mutter, "waschen kannst die nicht. Schick Du die mal lieber in die chemische Reinigung. Man weiß ja nie, was da alles so drin ist!" "Mutter", versuche ich mit blanken Nerven zu erklären, "sie ist aus Fleisch und Blut!" "Französische Nutten? Marvin, wieso sucht Du Dir immer solche Frauen aus." "Nein, ach mann, sie ist keine Nutte. Und wieso überhaupt muss eine Prostituierte französisch sein?" "Naja", schnallt mir Mutter entgegen, "irgendwoher muss das ja kommen." "Sie ist Deutsche. Wie Du und ich. Und sie mag mich." Meine Mutter ist unberuhigend ruhig, holt tief Luft: "Also, Schatz, ich weiß, wir haben Dich nie richtig aufgeklärt und ich weiß auch nicht, was die Euch da in der Schule erzählt haben, aber", sie verstummt, holt erneut Luft, "Marv, Nutten werden für Sex bezahlt. Natürlich sagen sie Dir diese lieben Worte." "Mutter", langsam aber sicher merke ich, wie ich der Verzweiflung einen Schritt näher komme, "ich muss für den Sex nicht bezahlen. Wir haben ja noch nicht…" "Die macht das umsonst? Ach Gott, Jung! Hast Du etwa so eine von diesen Kundenkarten. Wie heißen denn alle noch mal." "FUCK-BACK-Card", antworte ich sauer. "Genau. Mit der kann man doch auch bei REWE und so einkaufen und bekommt diese Punkte." Ich höre Mutter überlegen und dann schockiert sagen: "Meine Güte, Marv, wenn die das umsonst macht, wie oft warst Du denn dann schon da?" Plötzlich höre ich erneut meinen Vater im Hintergrund: "Frieda, mache Dir keine Sorgen. Die müssen regelmäßig zum Gesundheitsamt." Ist das peinlich! Wieso kann ich nicht normale Eltern haben. Wieso darf man die sich nicht aussuchen? Manchmal bekomme ich den Eindruck, dass nach meiner Geburt die Eltern vertauscht wurden und nicht umgekehrt. "Liebe Mutter, sie ist keine Nutte, besteht nicht aus gefühlsechtem Gummi. Sie ist eine ganz normale, junge Frau in meinem Alter." "Marv, apropos gefühlsechtem Gummi, wie macht ihr das denn mit der Verhütung?" Ich schaue mir meinen Telefonhörer an und überprüfe sicherheitshalber auf meinem Display die gewählte Nummer - vielleicht habe ich doch eine falsche Nummer gewählt. Zu meinem Bedauern bemerke ich wirklich, dass ‚Eltern' in digitalen Buchstaben auf dem Display angezeigt wird. "Marv", quietscht es auf dem Hörer, "bist Du noch da? Das ist ein ganz alltägliches Thema. Zum Beispiel Dein Vater und ich. Als wir uns kennen gelernt haben, da hat er auch…" Sofort drücke ich in einer Affengeschwindigkeit die Stummtaste meines Telefons, zähle innerlich langsam bis Zehn und drücke wieder auf die Stummtaste, um die mütterliche Stimme wahrzunehmen: "… und da kann sie dann auch schlucken, was und wieviel sie will!" "Genau", höre Vater im Hintergrund lachend sagen, "schlucken oder spucken, das ist hier die Frage!" Ich hoffe inständig, dass sie beide nur die Pille meinen. Ich hoffe es wirklich. Nein, ich bete förmlich, dass sie die Pille meinen. Meine Stimme beginnt zu zittern: "Mutter, ich hoffe, ihr meint die Pille?!" "Natürlich meinen wir die Pille. Hörst Du denn nicht zu?" Man kann sich nicht vorstellen, welche Gebirge, wahrscheinlich all die ganzen Alpengebirge auf der Welt, vom Herzen purzeln. "Doch, doch, ich habe zugehört. Danke für diese kleine Geschichte. Ich bin jetzt wieder ein bisschen verstörter." Das fünfte Gebot besagt, dass man Vater und Mutter ehren solle, auf das man lange lebe in dem Lande, dass der Herr geben werde. (AT, 2. Buch Mose 20: 1 - 17) Für meine Eltern sollte aber ein elftes entwickelt werden: ‚Verstöre nicht Deine Kinder, so sagt es der Herr, Dein Gott'. (NT, Buch Marvin 1: 1 - 5) "Sie heißt übrigens Cassandra. Sie ist eine alte Schulfreundin von Jenny." "Jenny? Ist das nicht die Bekloppte, die immerzu lacht?" "Mutter", sage ich schockiert, "ich bitte Dich." "Ist doch wahr, Marv. Oskar", ruft sie fragend, "kennst Du noch diese Jenny?" "Was", höre ich Vater aufgeregt fragen, "Jenny ist eine französische Nutte? Wer hätte das gedacht? Na ja, hoffen wir, dass sie wenigstens die Pille nimmt!"
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