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Pfft pfft", antwortet meine Flasche des Eau de Toilette traurig. Leer ist der Inhalt des betörendes Duftes, den ich sonst an meiner seidigen Haut trage.
Ich sprühe mir alternativ Deo über meine Klamotten und hoffe, dass der Effekt des Wohlriechens der gleiche sein wird, wie sonst auch.

Es ist Nachmittag, circa 16 Uhr und ich entscheide mich in die Stadt zu gehen. Gibt es denn nicht diese große Stadtparfümerie? Ich glaube schon und so laufe ich, ohne das Ziel wissend, auf Geradewohl durch die Innenstadt.
Meine Nüstern entdecken irgendwann den sinnlichen Geruch von Blume, Zimt, Vanille und Makeup. Ich folge dem Geruch und komme tatsächlich bei der Stadtparfümerie an.
Ich betrete den Laden und sofort springt mich eine Parfümeinzelhandelsverkäuferin an und fragt, was mein Begehr sei.
"Ich suche das Eau de Toilette von Chef. Irgendetwas mit Hell Blue. Führen Sie das noch?"
Die Verkäuferin strahlt über das ganze Gesicht und etwas Makeup springt vom ihrem Gesicht.
"Bitte folgen Sie mir, mein Herr," sagt sie und watschelt vor mir her.
Ich watschel hinterher. Alles kein Thema. Immerhin ist sie eine Fachkraft.
Sie verweist auf mein Eau de Toilette und verschwindet sofort wieder. Aber keine Sorge, ihre Makeup-Bröckchen verraten ihren Weg ins Ungewisse.
Als ich mir die diversen Fläschchen betrachte, in allen Größen und Farben (mein Gott, nur ein Produkt und doch so viel Auswahl), klopft mir jemand auf die Schulter.
Ich drehe mich um und erkenne eine weibliche Person - noch undefiniert.
"Hey Marvin", sagt die Stimme hinter meinem Rücken. Ich winke nur ab.
"Willst Du mich mit Absicht ignorieren", fragt es hinterrücks.
Ich drehe mich mit einer Flasche Parfüm um und schaue auf das Gesicht, welches der Stimme entnehmen zu sein scheint. Ich drehe mich wieder zu meinem Regal um und mich trifft es, wie ein Schlag. Die Person sah ja aus - wie meine Exfreundin.
Ich drehe mich vorsichtig um und nun bin ich wirklich sicher, ja, es ist meine Exfreundin Cassandra.
Ich schaue sie an... was nun? Reden? Aber über was? Könnte ein ‚Hallo' reichen? Aber wie betone ich das ‚Hallo'. Vielleicht ein ‚Guten Tag, meine Dame'? Nein, zu seltsam.
Ich atme tief ein und beschließe den coolen Typen heraushängen zu lassen:
"Yo, man, wie schaut's?" Ach mist, das war echt nichts. Aber Cassandra überspielt es geschickt.
"Was machst Du denn hier?"
Ich überlege und frage mich, ob ich nun ‚Hallo' sagen sollte. Aber nein, sie fragt ja, was ich hier mache. Sollte ich ihr wirklich sagen, dass ich für mich allein ein Eau de Toilette kaufen möchte?
"Ich suche etwas für meine Freundin. Sie hat morgen Geburtstag und da dachte ich mir, dass ich ihr einen schönen Duft schenke, der sie an mich immer erinnern soll."
"Ach, das ist ja schön", sagt Cassandra mit einem Gesichtausdruck, der voller Begeisterung strahlt. Sie freut sich wirklich für mich.
"Mein Freund und ich haben morgen unser Halbjähriges. Da dachte ich, dasselbe, wie Du. Wohl immer noch auf einer Wellenlänge, ja ja, wir beide, wie früher, he?"
Wieso wie früher? Wie Halbjähriges? Sind wir denn nicht erst seit einem halben Jahr auseinander? Oder länger? Ich habe die Zeit wohl verdrängt, aber ein gewisser Durst der Neugier erfüllt mich panisch und ich frage, wie aus der Pistole geschossen:
"Wie? Wer? Wo? Wie alt? Ach, jetzt schon?" Erst denken, dann reden. Ja, sehr lustig, das hätte mir bitte vorher in den Sinn kommen können.
"Ach Marv, ich bin so glücklich mit ihm. Wir lernten uns im one o'clock kennen. Ich glaube, er ist es. Aber ich freue mich, dass auch jemanden gefunden hast. Wie heißt sie denn?"
Ach ja, in meiner Hysterie erfand ich eine Freundin, die ich gar nicht habe.
Ich schaue Cassandra hohl an. Vielleicht kann ich die Frage einfach überspringen. Aber leider ein Fehlschlag, denn sie fragt erneut:
"Erde an Marv, wie heißt denn Deine neue Flamme?"
Ich schaue sie weiterhin hohl an und verpacke eine versteckten Seufzer der frisch Verliebten in diesen Blick.
"Ach, ich sehe. Du musst wirklich glücklich sein, wenn Du schon so schaust."
Wenn Du wüsstest. In meinem Kopf suche ich nach weiblichen Namen: Hedwig, Ingeborg, ach mann, Heidi, Claudia, die Spur wird heiß, Gabi, um Gotteswillen, Anna - ja, das ist es, die sie, die es nicht gibt, heißt Anna.
"Anna heißt sie", sage ich schnell und erschöpft, "auch wir feiern unser Halbjähriges." Wieso muss ich mich immer wieder hineinreiten, wenn ich mich gerade gerettet habe? So ein Mist.
"Das ist ja schön. Geburtstag und Halbjähriges in einem. Was für ein Zufall", lacht Cassandra mir entgegen, "wir könnten doch morgen zu viert rausgehen und über die alten Zeiten reden."
"Oh, ja", spiele ich begeistert, "was für eine Idee!" Die kann auch nur von Dir kommen und sie wäre auch gut, wenn ich mir bis morgen eine Freundin anlachen kann. Abgesehen mal davon, dass mich Cassandra auf meinen logischen Fehler unbewusst aufmerksam macht.
"Ja ja, was für ein schöner Zufall, nicht wahr", rette ich mich mit einem peinlichen Lacher.
Innerlich überlege ich, wie ich an eine weibliche Person meines Alters herankomme. Vielleicht über eine Singlebörse (das dauert zu lange), oder über einem Ausgehdienst (zu teuer), oder ich quatsche die Verkäuferin einfach an (einfachste, aber sehr gewagte Variante).
"Na klar", bestätige ich unnötigerweise, obwohl mir keine Frage gestellt wird.
"Super, ich rufe Dich dann morgen, wegen morgen an, ok?" Dabei kichert sie glücklich.
"Morgen ist perfekt, Hase!"
"Maaaarv?"
"Tut mir leid, Macht der Gewohnheit!"
"Also bis morgen", und Cassandra verschwindet in einer anderen Eau de Toilette-Ecke.

Gott sei Dank hatten wir nicht diese peinliche Stille nach der Begrüßung , ganz der Art ‚Nun, und jetzt?' gekoppelt mit Schweigen. Ach, wie gerne hätte ich mir nun dieses schöne, peinliche Schweigen gewünscht, denn ich habe ein großes Problem: meine imaginäre Freundin. Wie schafft man es eine imaginäre Person in der Realität erwachen zu lassen?
Gibt es dazu vielleicht eine Anleitung? Bitte...
Ich schaue auf den Boden und sehe die Makeup-Bröcken. Vielleicht ist die Idee, die Verkäferin zu verführen doch nicht allzu schlecht. Zwar gewagt, aber nicht schlecht.
In einem geschmeidigen Gang folge ich den Bröckchen und entdecke meine neue Flamme beim Einräumen diverser Artikel für Hautprodukte. In meiner Not lasse ich mir den erstbesten Machospruch einfallen:
"Hey Sie, Sie haben mir dermaßen geholfen, dass ich Sie gerne morgen zum Essen einladen möchte. Was meinen Sie?"
Sie dreht sich um und kann ihr Glück wohl kaum fassen. Mit Lippenstift beschmierten Zähnen lacht sie mich an und sagt: "Ja gerne! Mein Name ist Anna van Hoeden."
Ich bin schockiert und fasziniert, dass erstens solche platten Sprüche wirklich noch funktionieren, aber - und zweitens - noch mehr fasziniert bin ich vom Schicksal, das mir wohl gesonnen scheint.
Nun, was soll's. Gleichmäßig verteilter Lippenstift auf den Vorderzähen - es scheint mir ein Kaminrot zu sein - passt zu den Lippen. Immerhin hat sie einen Geschmack für Farbkombinationen. Immer das Positive aus schrecklichen Situationen ziehen und das Glück nicht herausfordern.
Wir tauschen unsere Nummern aus und ich verschwinde, so schnell wie möglich, aus der Stadtparfümerie.
Was habe ich mir angetan, ich Masochist.

Zuhause angekommen (ohne Hell Blue) lasse ich mich auf meine Couch fallen.
Anstatt mir aber über Cassandras neues Beziehungsglück Gedanken zu machen und den Eifersuchtszyklus durchzuspielen, frage ich mich immer wieder: "Wie soll das klappen? Wie soll das klappen?"
Wenn es wenigtens nur eine Zwickmühle wäre, aber Cassandra kennt Anna nicht und das ist das einzig Gute an der zukünftigen Situtation, denn Cassandra denkt, ich würde meine NEUE Freundin Anna zum Essen mitbringen. Ich kenne Anna noch nicht einmal. Es ist keine Zwickmühle, nein, es ist eine Stahlpresse.
Vielleicht sollte ich mir für morgen die volle Kante geben und betrunken zum Zu-Viert-Essen auftauchen. Obwohl lieber nicht, man sagt nicht umsonst, dass Betrunkene die Wahrheit sprechen. Das wäre das Letzte, was an diesem Abend passieren darf.
Bessere Idee, ich gebe mir jetzt die Kante und lasse mich von einem LKW überfahren. Alkohol betäubt die Schmerzen.

Mit jedem weiteren Bier schwinden auch meine Selbstmordpläne. Und wenn ich ehrlich sein soll, bin ich auch zu feige, um so etwas in die Tat umzusetzen. Ich bleibe lieber ein Theoretiker. Die Praxis war noch nie mein Fach. Wahrscheinlich würde ich den Selbstmord verpatzen und im Endeffekt im Rollstuhl sitzen oder mit Maschinen künstlich am Leben bleiben.
Nein, heute und morgen ist kein guter Tag zum Lebensablass. Ich will auch gar nicht sterben, ich will nur da durch. Irgendwie, aber wie? (Noch ein Bier!)

Ist Bier die Lösung? Man kann mit Bier zwar viel lösen, aber auch Probleme?
Ich muss einen klaren Kopf bewahren und einen Plan für morgen schmieden. Ich muss das alleine schaffen. Also... wer könnte mir da helfen?
Die Idee kommt im Nu: ich rufe Sybille im GYPSY an.
"GYPSY, guten Abend."
"Marv, hier! Gut, dass Du da bist, ich komme mal vorbei. Habe ein paar Fragen. Bis gleich..."
"Marv, Marv, warte, bevor Du kommst, erzähle mir bitte zuerst, was Du genau wissen willst."
"Also gut", und ich erzähle den heutigen Tag in der Parfümerie. Als ich fertig bin, sagt Sybille kein Wort mehr. (Wieso reden kaum Menschen mit mir am Telefon?)
"Das ist nicht Dein Ernst? Du machst Scherze. Bitte, sag' mir, dass Du scherzst."
Dieses Mal bin ich ruhig.
"Oh Maarv", schallt es mitleidsseelig aus dem Hörer und schweren Herzens höre ich Sybille sagen: "Na gut, komm' vorbei! Mal schauen, wie ich Dir da helfen kann."
"Bis gleich!"
"Ja, bis gleich, Marv", sagt Sybille abschliessend genervt.

Mit meinem angefangen Bier laufe ich Richtung GYPSY und komme nach einer guten Viertelstunde dort an.
Bevor ich die Eingangstür aufdrücke, stelle ich meine Bierfalsche an der Ecke ab und betrete den Laden. Sofort sehe ich Sybille hinter dem Tresen stehen: "Hey-ho!" und ich winke wild.
"Hey-ho", zitiert mich Sybille genervt und stellt mir ein eisgekühltes Grolsch auf den Tresen.
Mit Daumenkraft öffne ich den böshaften Verschluß des Grolsch und nehme mein ersten Schluck.
"Marv, wie lange kennen wir uns schon", fängt Sybille die Konversation fragend an.
"Keine Ahnung. Ein Weilchen schon. Warum?"
"Wie bekommt man es eigentlich immer wieder hin Mist zu bauen? Denkst Du nie vorher nach?"
"Doch, schon, aber heute war mein Sprachzentrum schneller als der Verstand."
"Daran solltest Du arbeiten, ehrlich."
"Sehe ich auch so", und hole meine Zigaretten aus meiner Jackentasche.
"Dir scheint das irgendwie egal zu sein. ICH kann doch nicht DEINE Probleme lösen, in die Du Dich reinreitest!"
"Wieso denn nicht? Dafür sind doch gute Freunde da, oder?"
Sybille mustert mich irritert: "Das kann nicht Dein Ernst sein. Du kannst doch nicht verlangen, dass..."
"Ja ja ja, was ist nun? Standpauke oder Hilfe? Ich kann auch wieder gehen!"
"Tust Du doch eh nicht!"
"Stimmt. Also?"
"Warte mal", und Sybille verschwindet in der Küche. Nach wenigen Sekunden kehrt sie zurück und hält ein Kartenspiel in der Hand.
"Super Idee, lass' Black Jack spielen. Du bist die Bank."
Sybilles Blick wird zornig: "Das ist kein Kartenspiel, das sind TAROT-Karten", dabei spircht sie das Wort ‚Tarot' ehrfürchtig aus.
"Kann man damit nicht Black Jack spielen?"
Sybille verdreht die Augen und öffnet vorsichtig die Kartenpackung und drückt mir die Karten in die Hand.
Ich schaue mir die einzelnen Karten an: ein Sensemann, ein weisser Ritter, ein Zauberer, und viele andere bunte Bildchen.
"Stimmt. Black Jack ist schlecht damit. Wir könnten ein Kartenhaus bauen. Stabil sind die ja!"
"Jetzt mische die Karten, Herr Gott", faucht mich Sybille an. Also mische ich die Karte.
"Vorsichtig", und Sybille hastet mit ihren Händen zu den Karten hin.
Also mische ich vorsichtig die Karten.
"So, hier, fertig mit mischen. Und jetzt", frage ich ahnungslos.
Sybille legt die ersten Karten hin und ich traue mich gar nicht hinzuschauen. Erstens interessieren mich diese Übersinnlichkeitssperenzchen nicht wirklich und zweitens bin ich doch zu abergläubisch. Eigentlich soll Sybille mit mir sprechen und nicht diese Karten sprechen lassen. Aber so ist Sybille eben, immer für Spirituelles zu haben.
"Du wirst morgen ein Treffen der besonderen Art haben; das sehe ich hier."
Ich kann es kaum glauben: "Du Genie", sage ich verzweifelt, "und dafür brauchst Du Karten? Das habe ich Dir gerade am Telefon erzählt."
Sybille scheint von den Karten in ihren Bann gezogen worden zu sein, denn sie brabbelt weiter: "Du wirst auf jemanden treffen, den Du kennst. Nein, warte, ich sehe, ihr zwei hattet eine tiefere Beziehung. Ward ihr mal ein Paar", fragt mich Sybille ernst.
Ich spiele jetzt einfach mit und frage voller Erstaunen: "Ja, ... äh genau. Woher weisst Du das?"
"Das steht alles in den Karten, Marv. Alles in den Karten."
"Wow, tolle Dinger." Ich werde etwas lauter und sage: "Wie gut, dass ich Dir das nicht gerade am Telefon erzählt habe."
"Moment", Sybille hält inne und hält mir eine Hand vor mein Gesicht, "ich sehe, ich sehe, ... ach, doch nicht." Toll, Sybille, Du bist ein geborenes Medium.
Sie legt eine weitere Karte auf und plötzlich zuckt sie zusammen, schaut mir in die Augen und fragt mich: "Ähm, Marv, vielleicht noch ein Bier?"
Wer könnte da schon nein sagen, also antworte ich: "Ja klar, gerne." Sybille bückt sich zum Kühlschrank und meint gleichzeitig: "Das wirst Du auch jetzt brauchen."
Ich öffne erneut mein (zweites) Grolsch.
"Das ist die Karte der Gegenwart", also zucke ich auch zusammen, suche aber eigentlich nur meine verschwundenen Zigaretten in meiner Jackentasche, die - ich vergesse schnell - mittlerweile auf dem Tresen liegen.
Mit einer neuen Zigarette in der Hand frage ich: "Und? Was heisst das jetzt?"
"Alles, was ich Dir gerade erzählte habe, das ist nicht auf morgen, sondern auf heute bezogen."
"Wie jetzt", frage ich verständnislos, "das besondere Treffen, das mit der tieferen Beziehung, das soll sich auf heute beziehen?"
Sybille nickt nur.
Jetzt bin ich mir sicher, dass solche Tarot-Karten nur Mist erzählen. Immerhin sitze ich hier, mit Sybille vor bzw. sie hinter dem Tresen. Ich schüttele den Kopf.
Just in diesem Moment klingelt mein Handy und ich spüre einen kalten Windhauch in meinem Nacken. Ich schaue auf mein Hady und erkenne, dass Cassandra mich anruft, schaue in den Eingangsbereich und sehe Jasmin mit Melvin hereinkommen.
"Hallo", beantworte ich fragend mein Handy und sage "Hallo" zu Jasmin und Melvin, stark mit der Situation überfordert.
Jasmin und Melvin setzen sich neben mich und begrüssen Sybille, sowie meine Person.
"Hallo Marv, ich rufe jetzt schon, da ich Dir mitteilen wollte, dass wir uns morgen um 19 Uhr bei mir zum Essen treffen. Also kein Restaurant oder ähnliches. Ich vergass ganz zu fragen, das macht Dir auch nichts aus mich mit Alexander zu sehen? Du hast ja jetzt auch eine neue Freundin."
Neben mir höre ich Jasmin Sybille fragen, mit wem ich telefoniere. Sybille sagt leider nur die Wahrheit: "Mit Cassandra." Jasmin dreht sich zu mir um und schaut mich verständnislos an und fragt mich: "Du und Cassandra? Wieder... zusammen?" Ich bemerke das natürlich und beantworte Jasmins Frage: "Nein, nicht so!"
"Was? Aber Du hast mir doch erzählt, dass Du so glücklich bist", fragt Cassandra spektisch.
"Ja, wie dann bitte", fragt Jasmin.
Anstatt endlich mein Handy von dieser Dreierkonferenz zu trennen, sage ich allen beantwortend: "Sie heisst doch Anna, habe ich das nicht erwähnt?"
"Ach, Anna", bestätigt Cassandra entzückt.
"Anna", fragt Jasmin laut.
"Ja, Anna, ganz einfach nur Anna. A-N-N-A. Hat da irgendjemand ein Problem damit", frage ich verzweifelt zurück.
"Ich verstehe jetzt gar nichts mehr", meint Jasmin und Melvin scheint die ganze Situation sowieso gleichgültig zu sein. Er schaut unberührt auf sein Handy und liest eine SMS.
"Jetzt sei nicht so ruppig. Ich habe nur gefragt", höre ich Cassandra sagen.
Ich springe von meinem Hocker und renne nach draussen, wo ich mich in aller Form bei Cassandra entschuldige und den Termin zum Essen bei ihr bestätige.
"Freue mich auf Dich. Es gibt viel zu bereden. Bin auf Eure Kennenlerngeschichte gespannt. Bis dahin, Marv, ... ja, Alex, bin ja jetzt fertig..., also, Marv, bis morgen 19 Uhr."
"Ja ja, bis morgen", sage ich hastend und gehe schnurstracks ins GYPSY zurück.

In der Zwischenzeit haben sich Jasmin und Sybille über meine Situation unterhalten und ich komme zum rechten Erzählzeitpunkt zurück, denn ich erhasche von Sybille: "... sah er Cassandra und sie erzählte ihm, dass sie seit einem halben Jahr nun..."
"Seit einem halben Jahr nun mich vermissen würde", springe ich rhetorisch dazwischen, "und so werden wir morgen schön essen und schauen, was uns der Abend bringen wird."
"Marv", fügt Sybille hinzu, aber ich bringe ein schnelles "Pss" hinzu und Sybille versteht die Botschaft. Sie ist plötzlich in der Küche beschäftigt und verschwindet dementsprechend. Jedoch bringt sie noch einen Spruch in meine Richtung:
"Du musst daran arbeiten, Marv, ehrlich."

"Also, Du und Cassandra. Wer hätte das gedacht", fragt Jasmin. Doch höre ich eine gewisse Unzufriedenheit in ihrer Stimme.
"Naja", sage ich, "erst einmal abwarten."
"Schatz", sagt Melvin plötzlich (und unerwartet, er kann also doch sprechen), "ich muss los. Sorry, ich liebe Dich aber. Weißt Du ja. Bye!" Ein Kuss auf Jasmins Wange und verschwunden ist er.
Jasmin bekommt noch ein: "Aber Melvin, wohi..." heraus, doch da ist Melvn schon aus der Tür.
"Wow, das läuft ja wieder richtig gut zwischen Euch beiden. Gute Entscheidung, zu ihm zurückgekehrt zu sein", meine ich hähmisch.
Jasmin ist den Tränen nahe und schreit mich fast an: "Halt Dein Maul, Du unsensibles Arschloch!" Auch sie verlässt die Lokalität in einem rasanten Tempo.

Sybille kommt aus der Küche und stellt sich hinter den Tresen.
"Wieder zu schnelles Sprachzentrum, oder warum sind alle weg?"
"Eindeutig", sage ich missmutig.
"Marv, Du musst..."
"...daran arbeiten. Ich weiß, ich weiß." Ich klopfe auf den Tresen und verabschiede mich von Sybillle.
"Danke für die Grolschs."
"Kein Thema, sind alle auf Deinem Deckel."


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