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Beziehungen. Lassen wir das Wort doch erst einmal auf uns wirken. Be-zieh-un-gen. Beziehen wir nun etwas? Aber was? Was beziehen wir aus einer Beziehung wirklich? Erfahrungen? Ganz sicher. Pflichtbewusstsein gegenüber dem Partner? Auch das, keine Frage. Verpflichtungen? In gewisser Weise bestimmt. Verständnis? Teils, teils. Liebe? Nur beim erfüllenden Klimax in einer Beziehung. Da beißt sich der Hund wieder in den eigenen Schwanz. Beziehungen sind wichtig. Wichtig für uns als Rudeltiere. Zwar als ein zweisames Rudel, aber lassen wir den Vergleich zuerst unberührt und akzeptieren ihn. Wieso stören uns Beziehungen? Aus Egoismus? Da man im Moment selber keine besitzt. Aus Neid? Da es den anderen aufgrund einer Beziehung besser geht als einem unfreiwilligen Erimiten. Was ist der Sinn einer Beziehung, außer der Fortpflanzung? Nun, ich kann Ihre Einwände, gar Proteste zu dieser Frage verstehen und wollte kurz provokant wirken. Denn diese Geschichte hat kaum etwas mit der Exposition zu tun.
Wieso brauchen wir Liebe? Aus Selbstsucht und Narzissmus, um uns selbst wieder lieben zu können. Wozu brauchen wir einen Menschen neben uns? Aus alltäglicher Langeweile, um uns selbst ertragen zu können, und um dieses Leid endlich teilen zu können. Aus was besteht der Stoff der Liebe? Aus reiner körperlichen Chemie. Nun, ich kann Ihre Einwände, gar Proteste zu dieser Frage erneut verstehen und wollte kurz provokant wirken. Denn diese Geschichte hat kaum etwas mit der Exposition zu tun.
Wann wissen wir, dass es Liebe ist? Der Partner wird es schon irgendwie zeigen und wir werden es intuitiv merken. Wann werden wir es intuitiv merken? Wenn die Zeit reif ist. Wann ist die Zeit reif? Wenn sie reif ist. Hund, lass deinen Schwanz in Ruhe, Herr Gott....
„Marv, was ist mit dir los? Alles fit?“, ruft Fred durch die Tür. „Alter, du reißt mich gerade aus einem sehr philosophischen Kreislauf heraus. Ich war kurz davor, ein Geheimnis der menschlichen Schwäche zu erkennen.“ „Tja“, sagt Fred lächelnd, „so ist der Lauf der Dinge. Kommst jetzt mal wieder zu uns oder sucht Herr Literat wieder neue Ideen auf dem Klo.“ „Das Klo ist eine spirituelle Quelle für mich. Also mach dich nicht lächerlich darüber, ja?“ Ich spüle kurz durch, ziehe meine Hose wieder hoch und wasche mir die Hände. „Nun, es wäre schön, wenn es ab und zu auch mal deine Toilette wäre, Marv!“, sagt Fred überheblich. „Pöh, die meisten Ideen hatte ich doch hier. Also lass mir mein Territorium.“ Ich schließe die Tür auf und Fred steht mit einer frisch geöffneten Flasche Bier vor mir. „Deine alte Flasche war schon abgestanden. Hier hast ein Frisches.“ „Danke, du bist so gut zu mir“, sage ich bedankend. „Ich liebe dich, Marv“, sagt Fred und schwankt leicht hin und her. Ich schmunzle, denn Fred schaut immer süß aus, wenn er einen sitzen hat. „Ich dich, Alter, ich dich auch.“ Arm in Arm gehen wir in sein Wohnzimmer, wo eine Reihe mir unbekannter Menschen sitzen. Fred ist in dieser Beziehung ein Phänomen. Es scheint, als ob Fred täglich neue Leute kennen lernt. Man selbst verläuft sich in Kneipen, in Diskotheken und spricht Leute an, aber Fred ist ein Meister der Kommunikation. Aus einem ‚Weißt du, wo die Klos sind’, entwickelt sich meistens eine gute Bekanntschaft mit Nummernaustausch und mehr. Nicht mein Ding, aber wenn er mag, warum nicht.
Genau null Uhr. Alles verharren und singen ‚Happy Birthday, Fred’. Ich am lautesten, da er mitbekommen soll, wie wichtig mir sein Geburtstag ist. Denn wer am Lautesten singt, dem ist es am meisten wert – so meine Meinung. So gröle ich beinahe ‚Happy Birthday’ und Fred stürmt betrunken zu mir. Er nimmt mich in den Arm und sagt: „Marv, ich weiß, was du gerade emotional mit Jasmin durchmachst, aber ich finde es respektabel, dass du dir nicht die Stimmung davon versauen lässt.“ Nun, aufgrund der vergessenen Erinnerung war es bis grad auch der Fall. Aber er hat Recht. Jasmin wird heiraten – ja und? Wen stört’s? Mich doch nicht. Ich stehe darüber wie ein Mann. Manchmal ist es wirklich hart, einen echten männlichen Indianer ohne Schmerz zu spielen. Egal, heute ist Freds Geburtstag. Alle Sorgen seien nun dahin. Nur für heute. Mein Über-Ich sollte das heute wirklich einmal hinbekommen. Mathematische Definition beendet. Alle stehen auf und kramen ihre Geschenke aus ihren Taschen und Rucksäcken. Manch einer geht sogar auf ‚mein’ Klo, um sein verstecktes Geschenk hervorzuzaubern. Fred bekommt CDs, eine Taschenlampe, ein paar IKEA-Bilder und diverse Gutscheine für Massagen, Kino und Autowäschen, obwohl er nur einen Roller besitzt. Alles gekoppelt mit warmen Umarmungen und freundlichen Lebenswünschen. Doch plötzlich erscheint aus dem Nichts ein Mädel in unserem Alter mit brünetten Haaren und stahlblauen Augen. Sie nimmt Fred in den Arm und übergibt ihm danach einen Bilderrahmen. Fred schaut kurz darauf, bedankt sich und stellt es in die nächste Ecke. Meine Neugier ist geweckt. Bilderrahmen? So groß? Für Fred? Ich gehe in die Ecke und schaue mir das Bild an. Es ist Franz Marc mit der ‚Roten Frau’. Meinem Lieblingsbild. Unauffällig schaue ich mir die Geheimnisvolle und Unbekannte an und mustere sie: schlank, sportlich, hält eine Flasche Bier in der Hand und nippt regelmäßig an dieser. Ihr Gesicht besitzt sanfte, weibliche Züge. Oh mein Gott, sie ist hübsch. Sie hat außerdem Geschmack und kennt dazu noch Franz Marc. Ich bin hin und weg, traue mich aber nicht sie anzusprechen. Wie haut es also am besten hin? Man fragt den Gastgeber nach Namen und Beziehung zu seiner und ihrer Person. „Ähm, Fred, die eine da mit dem Bild von Franz Marc.“ „Wer? Franz? Kenne ich nicht und der ist auch nicht hier“, sagt Fred. Ich verdrehe die Augen und zeige auf das Bild in der Ecke. „Ach so, sag doch gleich, die rote Dingsbums, was auch immer das darstellen soll.“ „Fred, es ist die ‚Rote Frau’. Es ist eine Frau. Aber was anderes. Wer hat dir das... so... geschenkt?“ Fred schaut verschmitzt, erkennt meine Interesse, grinst wie Jim Carry und tippt mir auf die Schulter: „Ich wusste es, ich wusste es. Mann, bin ich gut.“ „Was? Wie jetzt?“ „Nennen wir es einen Gefallen, damit du über Jasmin hinweg kommst.“ „Häh?“ Ich verstehe Fred nur im Ansatz. „Na, Marv, ich kenne doch deinen Typ Frau. Sie heißt Jasmin.“ Ich verschlucke mich an meinem gerade frischen Schluck Bier. „Was?“ „Nenne es Schicksal. Was kann ich dafür? Ich bin nicht das Elternteil, was den Namen bei ihrer Geburt aussuchte. Mensch, Alter, freu dich doch.“ „Ich kann doch nicht einfach meine Gefühle von einem Namen auf den anderen gleichen Namen projizieren.“ „Schlauer Spruch, leider menschlich unmöglich, Marv. Wie gesagt, ich habe ihr den Namen nicht gegeben. Beschwere dich bitte bei ihren Eltern.“ „Scheiße“, erwähne ich nebenbei und sage, „hätte sie dir nicht auch eine CD schenken können wie die anderen? Wieso Franz Marc? Das war doch nur ein Glückstreffer.“ „Wenn du ein Kunstgeschichtestudium als Glückstreffer betitelst, dann hast du bestimmt Recht.“ „Kunstgeschichte?“, frage ich ungläubig. „Jupp!“ „Mist! Also, hat sie wirklich Ahnung?“ „Jupp!“ „Kein Glückstreffer?“ „Nope!“ „Und jetzt?“ „Ran an den Speck. Ich habe sie eigentlich für dich eingeladen.“ „Und wie hast du sie kennengelernt?“ „Ach, das war ganz einfach, ich wollte nur wissen, wo das Klo ist und sie hat...“ „Schon gut“, sage ich abwinkend, „ich kann mir den Rest schon denken. Ist sie Single?“ Fred schaut mich mit einem Blick an, als ob man die Antwort kennen sollte. „Ist ja schon gut. Ok“, sage ich, nehme einen Schluck aus meiner Flasche und gehe in Richtung Jasmin, der Neuen.
Bei ihr angekommen, stehen weitere vier Männer um sie herum. Alle quatschen sie an und zu und wollen den Dreikampf der möglichen Paarung gewinnen. „Also, ich liebe ja den Film ‚Bernard und Bianca’. Wenn Disney etwas Schöneres produzierte, dann diesen Film“, sagt ein großer, schlank gewachsener Kerl. Aha, das Thema Disney, denke ich mir. Da kann ich noch locker mithalten. „Wenn du schon diesen Film erwähnst, dann hast du doch keine Ahnung. Die Musik von ‚Aladdin’ war der Überhammer. Nie habe ich solche Klänge empfunden.“ ‚Solche Klänge empfunden’? Ist das Gockelgehabe dermaßen fortgeschritten, dass die Alltagssprache vergessen wird? „Wusstest ihr eigentlich“, erwähne ich lässig und cool, „dass die Stimme vom Papagei von Stefan Kucholvski war?“ „Aber klar“, sagt der Dritte und der andere nickt zustimmend, als ob dies Allgemeinwissen sei. „Nun, meine Herren, diesen Menschen gibt es gar nicht. Aber schön zu wissen, dass ihr mehr wisst.“ Jasmin lacht und schaut mich mit ihren großen Augen an. Der Blick erhellt mein Innerstes, bloß sagt ein Kerl: „Ey, du Arsch. Willst dich aufspielen, oder was?“ „Nicht mehr, als ihr“, antworte ich, „sind wir nicht hier bei ‚wer kriegt diese Frau am schnellsten’? Sorry, ich dachte, man darf auch ohne Eintrittskarte mitmachen.“ Jasmin versteckt einen lauten Lacher und die Gockel werden bemühter. „Aber, ... wie heißt du gleich?“, fragt einer Jasmin. „Jasmin“, antwortet sie und ihre Stimme bleibt seicht in der Luft hängen. „Also, Jasmin, was hältst du von Shakespeare?“ „Der war nicht übel, der Mann“, antwortet sie frech. „Also beim dem Stück ‚Romeo und Julia’...“, sagt er, das ich sofort ergänze, „was ich auf VOX sah, muss ich dir sagen, dass ich mehr als berührt war, da ich mir die Reclam-Version nicht leisten konnte, abgesehen davon, dass ich diese Sprache eh nicht verstehe und versuche intellektuell dazustehen.“ Sofort greift sein Kumpel, wie es scheint, ein: „Aber ‚Große Erwartungen’ von Charles Dickens...“, ich ergänze wieder, da ich spaßiges Blut geleckt habe, „was ich auch auf DVD sah mit Gwenyth Paltrow und die eigentlich der einzige Grund war, kann ich dir sagen, dass ich zutiefst schockiert war, wie Liebe doch ausgenutzt werden kann.“ „Jungs“, sagt Jasmin plötzlich, „ich muss aufs Klo. Ihr seid der Wahnsinn. Ehrlich. Danke für das Amüsement.“ Da geht sie doch plötzlich und hinter mir spüre ich schon, wie sich drei Kerle hinter mir aufbauen. Das ist nicht gut, dass sie geht, denn es gibt eine große Regel unter Männern. In der Gegenwart einer Frau schlägt man sich nicht. Aber man darf hauen, wenn sie verschwindet. Als gerade ein Typ versucht mich am Arm zu packen, schaut Jasmin kurz am Türrahmen vorbei und ruft: „Hey, Marvin, wo ist die Toilette?“ Ich verabschiede mich mit einem dicken, großen und arroganten Grinsen und sage: „Komme sofort! Sorry, Jungs, man sieht sich immer zwei Mal im Leben!“ „Darauf kannst du wetten, du Arsch!“
Wir stehen im Flur und ich begleite Jasmin zur Toilette. Ich öffne ihr die Tür und sage unnötigerweise: „So, bitte hier!“ „Marvin, das war eine Notlüge, Mensch! Fred hatte recht. Du bist echt neben der Spur.“ „Wieso? Häh? Fred?“ „Meine Güte, hast du dich bis jetzt gefragt, warum ich deinen Namen kenne?“ Ich überlege und lasse die letzten dreißig Sekunden passé laufen. Stimmt, sie hat recht. „Stimmt, woher denn?“ „Fred meinte, er habe mich wegen dir eingeladen. Er meinte, entweder werden wir uns hassen oder lieben!“ Ich werde rot und nehme einen Schluck Bier: „Äh-hm, lieben? Naja, ich bin schon ein Macho. Also ich kann schon ziemlich männlich sein.“ „Wie heißt der Autor von ‚Emma’?“ Ich puste arrogant in die Luft: „Pfft, Jane Austin natürlich. Das weiß doch jeder!“ Jasmin schaut mich prüfend an. „Doch ... nicht ... jeder?“ Sie schüttelt den Kopf. „Nein, nicht jeder. ‚Shakespeare in Love’?“ Ich bin außer Rand und Band: “Oh, mein Lieblingsfilm. Und das Drehbuch ist einfach unglaublich genial. Alleine schon die Rolle von Paltrow, die ganz klar ein ....“ Jasmin schaut mich wieder prüfend und zugleich schmunzelnd an. „So schlimm?“, frage ich. Sie nickt. „Tut mir leid. Das war es wohl mit dem Männlich-Sein“, und ich verabschiede mich höflich. „Spinnst du, Kleiner? Schau dir doch mal die Typen in diesem Raum an. Was siehst du da?“ „Schlanke, kernige Männer, die herumgockeln, um gut dazustehen.“ „Eben. Und was tatest du?“ „Sie ausstechen?“ „Ja!“ „Sie platt machen?“ „Auch!“ „Sie vernichtet mit meiner Intelligenz!“ „Ok, Marvin, es reicht.“ Jasmin lacht süß. „Wir wollen es nicht übertreiben.“
Was soll ich sagen? Jasmin hat sich nicht erleichtern müssen. Im Gegenteil, wir unterhalten uns den ganzen Abend und bis in die Nacht hinein. Mir bleiben die strafende Blicke von den Interessierten natürlich nicht unscheinbar, aber meine Welt ist unsinnigerweise voll und ganz Jasmin, die Zweite. Auf einmal schaut sie auf den Boden und streicht ihren Fuß auf dem Teppichboden hin und her. „Ähm, Marvin?“ „Nenn mich Marv.“ „Ok, ähm, Marv“, sie errötet leicht, „hast du mal Lust mit mir einen Kaffee oder so zu trinken.“ Sie schaut nicht hoch. Jedoch springt mein Herz einen Salto, aber ich bleibe ein Indianer ohne Emotionen: „Klar, warum nicht.“ „Und wie wäre es mit morgen? Ich meine, ich kann verstehen, wenn du etwas Besseres vor hast. Immerhin bist du ja im Geschäft mit Lesungen und so weiter.“ Ich hebe ihr Kinn mit zwei Fingern, damit sie mir in die Augen blicken kann: „Du bist das Bessere. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns morgen wiedersehen.“ Ihre Augen funkeln mich an. Wie ein heller Stern leuchtet mich ihre Augenfarbe an. Dieses Stahlblaue in ihren Augen. Diese Ehrlichkeit und gleichzeitig diese Überwindung mich zu fragen, ob ich nicht Zeit hätte. Wer könnte da schon ‚Nein’ sagen. „Jasmin, bleibe bei mir heute. Du bist das Schönste, das ich je sah“, und ich nehme sie in den Arm. Dabei verspüre ich die Gefühle für ‚meine’ (alte) Jasmin.
Begehe ich einen Fehler? Projiziere ich nun wirklich alles auf ein unschuldiges Wesen? Oder doch nur der Alkohol und der Misstand meiner unerfüllten Gefühle?
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