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„Wir müssen dir etwas erzählen“, schallt es euphorisch aus der Telefonmuschel. Ich zucke erschreckt zusammen und beruhige Saschas Stimme: „Ganz ruhig, was ist denn so toll, dass du mir das Trommelfell beinahe zerplatzen lässt?“ „Sag’s ihm“, höre ich im Hintergrund Jennys Stimme kreischen. „Will ich ja, also... Marv, Jenny und ich wollen...“ „Jetzt sag’s ihm doch, Schatz“, schreit Jenny förmlich. Ich bekomme das Gefühl, dass Jenny direkt neben mir steht; so klar nehme ich ihre motorsägenhafte Stimme wahr. „Mäuschen, ich versuche es ja, aber du musst mich schon aussprechen lassen. Also Marv...“ „Ich bin sooo glücklich“, fiept es wieder. „Bist du jetzt mal still. Meine Fresse!“ „Ich gehe mal zur Toilette“, sage ich, „oder ich lege einfach auf und du sprichst mir auf den Anrufbeantworter.“ „Du hast doch gar keinen“, bemerkt Sascha. „Eben“, antworte ich. „Also Marv“, wiederholt Sascha zum dritten Mal, „Jenny und ich wollen“, Sascha lässt eine dramatische Pause entstehen, „HEIRATEN! Ist das nicht Wahnsinn?!“ „Wahnsinn ist genau der richtige Ausdruck dafür“, denke ich. Sicherheitshalber überprüfe ich das heutige Datum. Vielleicht ist ja heute der erste April. Also kein übler Scherz? „Was sagst du dazu, Marv?“, fragt Sascha aufgeregt. „Öh, ja, äh, Glückwunsch?“ „Danke!“ „Und? Was sagt Marv dazu?“, fragt Jenny. „Frag ihn doch selber, meine Güte“, und ich nehme einen Hörerwechsel wahr, denn sofort kreischt es aus dem Hörer: „Wir heiraten, wir heiraten. Wir sind verlooooobt! Das ist so schön, nicht wahr, Häschen?“ Ich höre nur ein Grummeln im Hintergrund und etwas wie: „Vielleicht sollte ich mir das noch einmal überlegen“, ganz sicher bin ich mir aber nicht. „Was hast du denn zu Sascha gesagt?“ Ich wiederhole mich: „Öh, ja, äh, Glückwunsch?“ „Danke, danke, danke. Das ist alles so toll und...“ „... überraschend“, ergänze ich den Satz. „Ja, nich? Gestern kam Sascha zu mir an, meinte, wir sollten doch mal essen gehen und so. Dann am späten Abend fragte er mich.“ „Freiwillig?“ „Ja natürlich. Keiner hat ihn gezwungen.“ „Ehrlich? Bist du dir da auch ganz sicher. Wegen Gruppendynamik und so weiter.“ „Nein, Marvin!“ „Vielleicht die Eltern?“ „Nei-en!“ „Vielleicht eine Reportage über Steuervorteile?“ „Marvin, nein, ich denke aus Liebe zu mir.“ Mir wird gleich schlecht, aber ich weiß auch, dass es skurrile Geschmäcker gibt. Einfach akzeptieren. Nicht darüber nachdenken, nur akzeptieren. „Warum wir aber wirklich anrufen, ist folgender Grund. Wir wollen eine Verlobungsparty geben und du sollst eine kleine Rede über uns und die Heirat halten.“ Moment jetzt. Habe ich das richtig verstanden? ICH soll eine Rede über Sascha und Jenny halten? Mir ist bewusst, dass diese Rede positiv gestaltet werden muss, aber ich finde nichts, überhaupt nichts Positives an dieser nervzerreißenden Bindung - eine Bindung für die Ewigkeit auf der irdische Hölle. „Ich? Eine Rede? Sowas kann ich nicht. Neee, neee, neee, das lass mal einen Profi machen. Kann ich euch nicht einfach eine Grußkarte schenken?“ „Aber du bist doch Schriftsteller und unser bester Freund.“ „Da sind doch auch schöne Sprüche drauf“, sage ich panisch, ohne auf Jenny einzugehen. „Oder, nein, ich hab’s, ich bastle euch eine Collage mit Bildern von mir.“ Plötzlich wird Jennys Stimme sanft und ich bin vollkommen irritiert. Engelsgleich sagt sie: „Wir haben dich nie um viel gebeten, aber es ist unser beider Herzenswunsch, ehrlich.“ Meine archaische Lustlosigkeit Jenny und Sascha gegenüber verfliegt sofort und schlimmer – ein schlechtes Gewissen nistet sich ein. Ich werde nachdenklich und muss ihr zustimmen. Sie hat mich nie um viel gebeten. Nichts schlimmes zumindest. Dann diese Stimme, die ich bei ihr nie kennen gelernt hatte. Es muss Jenny wirklich wichtig sein und ein zutiefst ernstes Anliegen. „Ach man, na gut“, denke ich mir, „wieso bin ich immer so sozial?“ „Na, gut“, sage ich, „ich mach’s.“ Jenny kreischt vor Freude und Euphorie, ruft andauernd Saschas Namen, um ihm immer wieder meine Zusage zuzurufen. Ihre übertriebene, aber ehrlich gemeinte Freude wird mir langsam unangenehm und peinlich und so winke ich rhetorisch ab: „Mach’ ich doch gerne – irgendwie.“ „Du machst uns sehr glücklich, Marvin. Wir danken dir von ganzem Herzen.“ „Ist ja gut jetzt. Kein Problem. Wann soll denn die Feier sein?“ „Ja, nächsten Samstag ab 20 Uhr im ‚Unterdeck’.“ Das heißt für mich, dass ich genau neuneinhalb Tage Zeit habe, mir eine Rede aus dem Verlobungsliteraturhut zu zaubern.
Eine Woche kann wie im Flug vergehen und, was keinen wundern sollte, habe ich nicht einmal angefangen eine Rede für Sascha und Jenny zu erstellen. Bewusst wird mir dies erst beim folgenden Anruf. „Hallo, Marv, wie schaut’s mit deiner Rede aus?“, fragt Jenny am Telefon. Schnell, die peinliche Situation erkennend, nehme ich ein Buch neben mir und blättere die Seiten am Telefon durch, damit das Geräusch des Windes erkennbar wird und sage: „Ganz gut, es sind schon“, ich schaue auf mein Buch von 300 Seiten, „ganze, äh... zehn Seiten. Ich denke aber, dass ich diese Rede kürzen werde. Immerhin habe ich ja nicht den ganzen Abend Zeit.“ Jenny lacht: „Super, Marv, danke dir. Soviel Mühe und das für uns, deine besten Freunde.“ „Naja, wir wollen mal nicht übertreiben.“ „Also, nicht vergessen, 20 Uhr im Unterdeck. Bis heute Abend, ja?“ „Aber natürlich. Wie könnte ich das vergessen, wo ich mehr als eine Woche für meine perfekte Rede investiert habe.“ „Super, Marv, einfach super. Bis gleich!“ Wieso bis gleich? Ich schaue auf die Uhr und es ist mittlerweile schon 19 Uhr. Verstört suche ich nach Hochzeits- und Verlobungsreden, -sprüchen, -metaphern in meinem Kopf und finde, durch den zeitlichen Druck bedingt, nicht eine annähernd gute Idee. Nicht verzagen, Fred fragen. Ich wähle seine Nummer. Es tutet. „Fred hier, was kann ich für Sie tun?“ „Ich brauche eine Rede für Sascha und Jenny. Schnell, gib mir eine Idee... schnell!“ „Jau, davon habe ich gehört, Herr Literat.“ „Jetzt fang nicht auch noch DU davon an.“ „Ist doch so. Hast du was von Tucholsky da? Der hat mal was Schönes zu Hochzeiten gesagt.“ „Fred, wie viele Bücher stehen in meiner Wohnung? Nein, ich habe ihn nicht hier. Gib mir mal einen Anstoß.“ „Marv, lass dich einfach von dem kommenden Abend inspirieren. Der Rest kommt dann eh.“ „Du meinst, ich soll Bier trinken.“ „Genau!“ „Hm, gute Theorie.“ „Sag ich doch. Also bis gleich.“ „Bis denne!“ Ich lege auf und gehe Freds Tipp nach. Warum auch nicht. Ich sehe mich heute als Improvisationskünstler. Spontaneität ist eben manchmal mehr – und besonders heute.
20 Uhr und pünktlich im Unterdeck. Natürlich sind Jenny und Sascha schon da und begrüßen mich überschwänglich und vergewissern ihre Freude meiner angehenden Rede gegenüber heftigst. Innerlich schäme ich mich einigermaßen und gehe der Sicherheit halber auf ihre Freude ein. „Natürlich, kein Problem. Immerhin hatte ich eine Woche Zeit, um kreativ zu sein. Es ist ja immerhin ein besonderer und einziger Moment in eurem Leben. Wie kann man da nicht vorbeireitet sein?“ Peinliches und verstelltes Lachen meinerseits. Fred erscheint und sofort, beim Erkennen meiner Person, muss auch der erste Spruch erfolgen: „Oh, der Redner persönlich. Was für eine Ehre, Herr Vascandu.“ Dabei verbeugt er sich tief und erhebt sich mit einem gemeinen Lächeln. „Sehr witzig“, flüstere ich Fred zu, „sehr, sehr witzig.“ „Ich weiß. Und weißt du, was das Beste ist? Ich bin auf deine Rede gespannter als Jenny und Sascha.“ „Hol lieber mal den Saft der Kreativität, damit ich mich nicht ganz blamiere.“ „Alles klar“, sagt Fred und kommt innerhalb kürzester Zeit mit zwei Gläsern Bier zurück. „Hey Marv, das Bier ist sogar umsonst! Cool!“ „Fred, das ist eine Verlobungsparty. Die Vorstufe zu einer Hochzeit. Da muss man nichts zahlen. Was glaubst du denn?“ „Auf den letzten Parties sind wir immer zu Tanken gegangen. Woher sollte ich das denn wissen?“ „Aber... egal jetzt.“ Ich schnappe mir mein Bier und schaue Fred beim ersten Schluck verständnislos an. „Hey Fred, ich habe da eine spontane Idee. Hör mal: die Verlobung hier, die gönn’ ich mir..“ „Und da hol ich glatt ein Bier“, unterbricht mich Fred. „So schlecht?“, frage ich gesichtsverzerrt. „Aber hallo, da hast du Recht. So lass mich gehen zu der Thek´.“ „Nun, aber schnell, vielleicht ist es sonst zu spät.“ Wir lachen und Fred erscheint nach drei Minuten mit zwei weiteren Gläsern Bier.
Das Unterdeck füllt sich. Jennys sowie Saschas Eltern sind eingetroffen, wobei Fred missmutig ein „Wie uncool, Eltern auf einer Party“ loswerden muss und auch Mona, Jasmin, Melvin und diverse Verwandtschaftsanhänge sind dabei wie Cousinen, Onkel, Tanten, Großeltern und diverse weitere unbekannte Freunde, die Fred und ich im Leben noch nie gesehen haben. Der Abend wird feucht und fröhlich. Fred nimmt es sich heute heraus, mich mit einem Bier nach dem anderen zu verwöhnen und meine Kreativität steigt leider um keinen Deut, was mich sehr nervös stimmt. Alle sitzen wir an einem langen Tisch, der mit einer weißen, langen Tischdecke gedeckt worden ist. Das kalte Buffet steht in der Ecke an einer Wand mit kalten Frikadellen, Schnitzeln, Senf, Ketchup und einem halben Schwein. Nicht den Nudel-, sowie Kartoffelsalat zu vergessen. Am Kopfende sitzen Fred und ich – Gott sei Dank – nebeneinander. Die Verwandtschaft ist kaum kommunikationsfähig, denn Familie bleibt unter sich. Jennys Familie mit ihrer und Saschas mit seiner. Auf einmal erscheint Jennys Mutter, Else Belzebub, hinter uns mit einem Glas Rotwein in der Hand. „Jungens, ist das nicht fein? Die beiden so? Also jetzt heiraten?“ „Es ist für uns sehr wunderlich“, antwortet Fred, „wir waren mehr als überrascht. Sehr mutig der Schritt.“ Fred kichert sarkastisch und ich werde angesteckt. „Höhö, also nüchtern betrachtet, hicks, tschuldigung, würde ich mal so sagen“, dabei hole ich mit meinem Arm weit aus, als ob ich Garnelen aus dem Meer fischen wollte, „ist das nen Riesending.“ „Aber warten Sie erst einmal“, sagt Fred, „Marvins Rede ab. Ich habe beinahe geweint als ich die hörte. So ergreifend, so schön, so emotional und doch anspruchsvoll. Er ist wirklich ein Meisterliterat.“ Frau Belzebubs Augen glänzen, beugt sich zu mir herunter, schluckt ihren Hickser herunter und sagt: „Marvin, ich bin wirklich gespannt. Jenny war so glücklich als sie mir erzählte, dass du die Rede halten wirst. Meine Kleine und ich erst sind sehr stolz auf dich.“ Ich will gerade Luft holen, um zu antworten, aber Fred kommt mir zuvor: „Das sind wir alle. Ich besonders! Das können Sie mir glauben, Frau Belzebub.“ Wieso reiten alle auf dieser Rede herum? Reden werden, meiner Meinung nach, vollkommen überbewertet. Diese paar Worte mit Gefühlsduselei. Das kann doch wirklich jeder. Leider bin ich der Erkorene. Mit meinem Gesicht in meinen Händen vergraben, versuche ich meine Gedanken zu sammeln, zu fokussieren – auf das Thema: Hochzeit, Verlobung, Liebe. In der Schule ging das auch immer so einfach. Hatte man die Hausaufgaben zu dem Thema ‚Argumentationen zu Legebatterien’ nicht zur Hand, so spinnt man, mit dem Heft vor sich, irgendwelche unsinnigen Argumente zusammen und tat, als ob man seinen Text vorlesen würde, obwohl die Seite vor einem nur aus selbst gezeichneten Cartoons bestand. Aber so ist mittlerweile nicht mehr. Der Mensch an sich denkt zuviel und spontan fällt mir etwas ein: „Der Mensch an sich, der tut sich nichts, dessen bewusst nur angesichts, egoistisch, zentrisch und allein, muss dies des Menschen Sinnes sein?“ Ganz toll. Werden wir doch philosophisch-depressiv, aber hat leider dies nichts mit einem glücklichen Moment wie Verlobung zu tun. Ich muss etwas anderes finden... und zwar schnell.
Die Zeit vergeht und das Bier fließt, zumindest bei Fred und mir, in Strömen. Dazu kommt Fred auf die Idee seit dem sechsten Bier jedes Mal ein Herrengedeck zu bestellen oder als Pragmatiker selbst eines zu besorgen. Natürlich trinke ich aus Loyalität mit und will auch nicht als Memme dastehen. Als naiver, männlicher Kerl haue ich mir meine Schnäppschen eines nach dem anderem in meinen Verdauungstrakt hinunter. Ich weiß nicht wie, aber plötzlich steht Sascha mit Jenny auf einer kleinen Bühne, die ich vorher nie bemerkt habe, und halten zu zweit ein Mikrophon in den Händen. Die Musik wird heruntergedimmt und mit einem harten Klopfer auf das Mirkophon wird allen verständlich gemacht, dass etwas auf dem Bühnenbusch vorgeht. „Äh, hallo“, klopf, klopf ertönt es knallend, „wir möchten gerne etwas sagen.“ Fred wird schlagartig fröhlich, schlägt mir in die Rippen und sagt: „It’s showtime!“ Ich zähle die leeren Pinchen vor mir und übe geistig ein paar sprachliche Betonungsübungen. Problem ist nur, dass sogar die kognitive Fähigkeit nachlässt. Und wenn diese nachlässt, was ist dann mit der sprachlichen? Ich bekomme eine kleine Panikattacke. „Wie alle den heutigen Anlass erkennen“, sagt Sascha, „wollen wir nun den Antrag, den ich Jenny stellte, noch einmal nachstellen. Wir möchte damit zeigen, wie ernst es ist.“ „Buuuhhhh!“, ruft Fred. Alle verstummen und schauen Fred an. „Äh, was denn? Ich meine, das Vorspiel war doch schon.“ Gewisse Tanten und Onkel schütteln verärgert den Kopf und ich höre eine Stimme aus dem Nichts sagen: „Wer ist denn der Prolet? Freunde haben die ja? Der ist bestimmt nur zum Saufen hier, oder so.“ Sascha kniet sich hin, Jenny kann ihr erneutes und wiederholtes Glück kaum fassen, legt ihr Gesicht in ihre Hände, um die Tränen zu verstecken. „Jenny, meine einzige Liebe, alle sollen es wissen. Ich liebte dich seit dem ersten Augenblick...“ „Da weiß ich aber was ganz anderes“, schreit Fred. Gott sei Dank wird er überhört, denn selbst ich finde es romantisch und muss mit Tränen kämpfen – bestimmt nur der Alkohol. „Du bist für mich mein Ein und Alles. Du bist das, was ich mir immer wünschte.“ „Naja, so ein BMW X5 ist ja auch nicht schlecht“, sagt Fred, wird aber von einem „Psst!“ unterbrochen. „Du hast mich aus meinem schwarzen Loch herausgeholt. Mir die Welt mit neuen Augen gezeigt. Mich wieder spüren lassen, was Liebe und Zweisamkeit bedeutet. Ich habe dir soviel zu verdanken. Ich liebe dich über alles. Willst du mich heiraten?“ Jenny weint, trampelt mit einem Bein auf dem anderen herum, springt Sascha um den Hals und schluchzt nur ein „Ja, ich will! Ich will!!!“ heraus. „Laaaangweeiiiliiig“, ruft Fred dazwischen. Taschentücher werden gezogen, Geschnaube erfüllt den Raum. In diesem Moment schaut mich Jasmin an, mit der ich den ganzen Abend nicht gesprochen habe. Um ehrlich zu sein, ich habe versucht ihr den ganzen Abend aus dem Weg zu gehen. Sie schaut mich weiterhin an, nickt mir kurz zu und als ob es ein Zeichen sei, steht Melvin auf, schlägt mit einem Messer an sein Weinglas und räuspert sich: „Meine Damen und Herren, liebe Freunde und Bekannte, auch ich möchte etwas verkünden.“ Fred verstummt. Auch ich verstumme. Wir schauen uns ratlos an und sind verwirrt. „Meine Jasmin, ich dachte, dies ist ein schöner Anlass, dir etwas zu sagen.“ Mein Magen krampft sich zusammen. Ich zähle eins und eins zusammen und will es gar nicht, aber eine gewisse Intuition macht sich breit. Melvin zieht Jasmin auf die Bühne und auch er kniet sich vor Jasmin hin. „Jasmin, ich habe viel Mist gebaut und weiß, es war nicht einfach mit mir. Aber bitte glaube mir, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich würde mich für dich aufgeben, für dich sterben, ich würde alles für dich tun, um nur deine Augen glänzen zu sehen.“ Kleine Pause, in der Melvin eine kleine, schwarze Schatulle aus seiner Hosentasche zieht und diese öffnet. Ich resümiere nur für mich: Schatulle, auf Knien – das kann dann wohl nur ein Ring sein. Und so ist es auch. Ein Ring funkelt im Bühnenlicht – für Jasmin. „Willst du mich heiraten?“ Alle sind atemlos. Alle warten gespannt auf die Antwort. Mich zerreißt es innerlich und ich bin starr vor der kommenden Antwort. „Ja“, sagt Jasmin. Alle klatschen. Alle klatschen wild. Manche pfeifen sogar vor Begeisterung. Fred schaut mich an und mir läuft eine Träne aus dem rechten Augenwinkel. Alle klatschen. Das Geräusch erdrückt mich beinahe, erstickt mich. Alle klatschen. Nur Fred nicht. Er legt mir bemitleidenswert seinen Arm um die Schulter und sagt mit ernster Stimme: „Es tut mir leid. Ehrlich!“ Ich verstecke aber nur meine Tränen und auch Fred muss kämpfen.
„Aber jetzt wollen wir Marvin Vascandu die Ehre geben für die Rede, die er halten wird. Marvin, die Bühne ist für dich!“ Ich bin mittlerweile Bühnen – mehr oder weniger – durch meine Lesungen gewöhnt, die ich öfters gebe. Aber noch nie war ich dermaßen aus dem Ruder geworfen. Nie war ich dermaßen verzweifelt, konnte meine Gedanken nicht mehr erfassen. Nie war es so... „Marvin, komm’ schon.“ Alle schauen mich erwartend an und klatschen auffordernd. „Geh raus und zeige Gefühle“, sagt Fred und zwinkert mir zu. Ich nicke kurz und Fred nickt mir zu und sagt noch: „Du packst das!“ Auf der Bühne angekommen, übergibt mir Sascha das Mikrophon und überlässt mich der starrenden Wildnis. Ich gehe mir durch meine Haare, räuspere mich und beginne: „Als ich erfuhr, dass meine Freunde, Sascha und Jenny, nun den Bund der ewigen Liebe eingehen werden, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Mein erster Gedanke war es, die beiden als Freunde zu verlieren. Aber so ist es nicht. Alleine, dass ich hier stehen darf und die Ehre habe, eine Rede zu halten, zeigt mir, dass uns ihre ewige Bindung auch ewig binden wird.“ Ich schaue ins Publikum und manche nicken zustimmend. „Was soll ich nun sagen?“ In dem Moment schaue ich Fred an, der mir erneut zunickt und plötzlich sehe ich wie mich Jasmin intensiv, fast traurig anschaut. Ich erwidere Jasmins Blick und schaue sie an. „Liebe Damen und Herren, liebe Freunde und Bekannte, liebe Liebenden, mir fällt spontan ein kleines Gedicht ein: Wer fühlt sich schon zum Singleleben erkoren, keiner ist’s, mit Verlaub, der erste Schritt der Liebe sei das Wohnen, gemeinsam und geborgen. Jeder soll es wissen und hören, wir heiraten und lieben. Jetzt schon? Muss das sein? Du hast JA gesagt und nicht NEIN gemeint? Überleg´s Dir gut, ich mein´ es ernst, nicht dass Du denkst, „sie scherzt“. Ich bin vor Glück verwirrt, Du hast zu ihm ein Wort gesagt, so kurz und doch prägnant, so dass sich mein ganzes Leben wand. Mein Leben? Ach, meine ganze Welt, nur durch dieses JA hast Du mein Glück erhellt. Lass mich Dich unser Leben dichten, aber keine Sorge, nur wahre Geschichten...“ Meine Stimme beginnt zu zittern. Ich muss pausieren. Plötzlich fängt Else Belzebub an zu klatschen, und ja, es gebe es zu, wie in einem schlechten Teeniefilm, fangen auch die anderen Zuhörer an zu klatschen. Eine Welle von Applaus überkommt mich. Die ganze Zeit schaue ich trotz allem Jasmin an, die jetzt ihren Blick von mir abwendet und irgendetwas sagt mir, dass sie innerlich knabbert. Jenny stürmt die Bühne, umarmt mich, küsst mich mit Tränen in den Augen auf die Wange und flüstert mir in ihren Armen haltend in mein Ohr: „Marv, das war wunder-wunderschön. Danke für alles.“ Dann küsst sie mich erneut auf die Wange. Dieses Mal lacht Jenny nicht. Fred steht sogar auf, um stehende Ovationen anzureizen. Leider bleibt er als einziger stehen und geht in der sitzenden Menge unter. Aber ich verstehe seine Geste. Mit abwechselndem Klatschen und ‚Daumen-hoch’-Zeichen gibt er mir zu verstehen, dass es wohl richtig gewesen ist, was ich sagte.
Nach mehrerem Verbeugen verlasse ich die Bühne und bekomme einzelne Klopfer auf meiner Schulter ab. Manche halten mich auf und fragen, ob man dieses Gedicht in meinem Buch nachlesen könne, oder ob ich nicht dieser junge Autor sei, der ja öfter Lesungen gebe. Aber ich habe heute keine Lust für meine Texte oder Lesungen zu werben. Immer wieder schaue ich Jasmin in die Augen, doch sie verwährt mir den Blick. An meinem Platz angekommen, erwartet mich Fred mit einem weiterem Herrengedeck. „Marv, du weißt, dass du für mich ein kleiner Literat bist, aber das Ding grad, war echt der Hammer.“ „Danke, ich habe nur deinen Tipp befolgt.“ „Wofür sind denn gute Freunde da?“ „Naja, arschig warst du schon am Anfang.“ „Und warum? Hättest du das sonst hinbekommen?“ Ich überlege und sage: „Ich weiß es nicht“, trinke meinen Schnapps, „aber ich weiß, dass ich eigentlich schon seit dreißig Minuten schon auf’s Klo wollte.“ So gehe ich auf das Herren-WC. Ich öffne die WC-Tür und will gerade meinen biologischen Wasserhahn aus der Verpackung ziehen, als sich die Tür erneut öffnet. Ich drehe mich um und erkenne Jasmin. „Wieso hast du das getan? Wieso nur?“ „Was denn?“, frage ich. „Mein Gott, Marv, wieso jetzt genau?“ Sie dreht mich zu sich und küsst mich innig. „Jasmin, aber du willst doch Melvin...“ „Marv“, unterbricht sie mich, „ich muss nur wissen, ob du nicht doch der Richtige für mich bist.“ Fortan verlässt sie den Herrenbereich und ist verschwunden.
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