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Da besucht mich doch eine alte Freundin. In New York ist sie gewesen für ein ganzes Jahr. Wir stehen uns trotz allem immer noch sehr nah, konnten uns jedoch trotz ihrer Ankunft in Dortmund nicht sehen. Zu viele Termine habe sie, alte Freundschaften aufleben lassen, sagt sie zu mir. „Gut“, denkt man sich, „dann war das alles ja nur so, oder wie?“ Aber ich denke diesen Gedanken nur, um sie nicht aus ihrem Jetlag in die Realität zu ziehen. Doch, wer kann es glauben, komme ich sogar an die Reihe und soll mich mit ihr treffen. Es sind zwar nun drei Monate vergangen, aber okay, besser als nie. So mache ich meine Wohnung richtig hübsch (ich gebe zu, dass ich nur meine Wohnung geputzt habe und den Blumen endlich wieder Wasser gab, zugleich Gott anflehte, die Blumen erblühen zu lassen, aber auch Gott konnte einem vertrockneten Christusstern von vor drei Weihnachten nicht zum Leben erwecken) – nur für sie, denn heute ist der große Abend. Ein paar Flaschen Rotwein, denn heute ist der große Abend. Sie und ich, allein. Nach einem Jahr und drei Monaten.
So kommt sie zu mir. In meine Liebesmuschel, in die Höhle von Marvin Gay und seinem ‚Sexual Healing’-Song. Teelichter schmücken meinen Wohnzimmertisch und eine verruchte Rotlichtlampe gibt meiner Wohnung den gewollten Lover-Touch. Ich überlege noch, ob ich meinen Tigerstring - und nur meinen Tigerstring - anziehen soll, um das Ambiente perfektionistisch abzurunden. Es klingelt und ich ziehe doch lieber schnell eine Kordhose über meinen String. Denn wer weiß, was der Abend noch bringen mag. Die Hoffnung stirbt zuletzt und ich kenne kaum Frauen, die MIR in einem TIGERSTRING verstehen können, wenn ich mal die Hose herunter lasse.
Es klingelt, das kann nur sie sein. Und sie ist es auch, meine SIE; sie, die ich für ein Jahr und drei Monate nicht sah. „Uh ja, Baby, heute ist deine Nacht der Nächte – mit Lover Marvin. Zieh dich warm an. Oder eher aus... wieso denke ich das jetzt? Was soll das nun? Und wieso warm anziehen, wenn man ... ach, egal... heute soll’s einfach geschehen. Das spüre ich, ich scharfer Tiger“, denke ich und sprühe mich schnell noch mit Moschus ein. Denn Moschus soll laut Studien unheimlich sexy und erotisch auf Frauen wirken. Lieber Zufall, heute kannst du zu Hause bleiben! Sie betritt meinen Flur und meint: „Wow, Marv, hier stinkt’s ja voll nach Schweiß.“ Studien besagen auch, dass Moschus nach Schweiß riechen kann. (siehe das Hormonextrakt des Ebers) „Mist“, denke ich, sage aber: „Nun, Baby, ich komme gerade vom Training und wie immer stemme ich danach noch 80 Mal meine 40-Kilo-Hanteln für Bizeps und Trizeps. Ich würde es nicht Schweiß nennen, sondern eher pure 80-Kilo-Männlichkeit!“ „Seltsam“, meint sie fragenden Blickes, „seit unserem Treffen hast du dich körperlich aber gar nicht verändert. Wie viel waren es früher? 100 Kilo?“ Ich erröte, fasse mich und sage lässig an meiner Flurwand lehnend: „Sicher, sicher, aber jetzt sind es 80 Kilo Muskeln!“ „Aber dein Bauch hat sich auch nicht verändert. Der steht immer noch hervor.“ „Ja, äh, nein, das sind eben die Bauchmuskeln, die ich trainierte und die wachsen eben nach vorne.“ „Ehrlich? Also besitzt du einen großen Bauchmuskel?“ „Ach, komm, ich hole den Wein“, sage ich aufgebend.
So sitzen wir zusammen und trinken einen guten, nord-spanischen Wein. Die Konversation ist mäßig. Das liegt aber eher an mir, da mich mein String die ganze Zeit zwickt und ich immer wieder an meinem Hintern herumfummeln muss. (Ich möchte mir auch gar nicht vorstellen, wie dieses Bild aus ihrer Sicht ausschaut.) Plötzlich klingelt ihr Handy. Natürlich geht sie heran. „Hi“, flüstert sie hervor. Wieso flüstert sie nun? Ich meine, was soll ich nicht hören, wenn wir uns genau gegenübersitzen. „Äh-hn.... h-hn“, sagt sie mit verliebter Stimme und wieder ein „h-hn....h-hn...“ und kichert. „Ja, ich auch. Ich dich auch. ... Ja, die letzte Nacht war echt toll mit dir!“ Was? Welche Nacht? Vielleicht spielte sie ja Monopoly mit ihrem Bruder, aber irgendwas sagt mir, dass diese Theorie sehr unreif sein wird. „Äh, du“, meine ich, „wer ist denn dran?“ „Warte mal“, sagt sie genervt und schaut mich finster an, „siehst du nicht, dass ich telefoniere?“ „Ja, aber...“ Keine Chance, denn sofort kommt von ihrer Seite das bekannte, verliebte „H-hn, h-hn, h-hn.... hihihihiiiiiii....h-hn.“ Aber es geht noch weiter. Plötzlich werden Gefühle ausgetauscht – und das in meiner Gegenwart. „Nein, ICH habe dich angesprochen, Puffelchen!... Neeeeiiiiin, du standest da so und dann kam ich an.... Ach ja, die Schlampe Regina?“, schreit sie fragend hervor. Das Blatt wendet sich und ich erkenne meine Chance als starke Schulter für den Rest des Abends. „Jetzt komme mir nicht mit dieser Regina.... NEIN, nein, NEIN, sie war nicht der ausschlaggebende Punkt, dass wir nun zusammen sind.“ Da ich erkenne, dass Regina ein Streitpunkt sein könnte, also sage ich nur: „Hey, diese Regina kenne ich auch. Die kennt doch ganz Dortmund!“ Der hat gesessen, denn sofort schreit sie ins Handy: „Marvin kennt das Miststück auch.“ Und dieses Mal kommt ein aggressives „H-hn, ... H-hn, jetzt komm da mal wieder raus. Weißt du was, Marv hat hier mehrere Pullen Wein und die ziehe ich jetzt alleine rein. Da kannst du machen, was du willst.“ Jaaaaaaa, liebe Leute, die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt. Ich rücke meine String zurecht und schaue spielerisch einfühlsam und verständnisvoll in ihre Richtung. Immer, wenn sie sagt „Du Schwein!“ oder „Ich bin mir ab jetzt wirklich unsicher mit unserer Beziehung“, nicke ich bestätigend in ihre Richtung und flüstere: „Gut so, setz dich durch.“ Dann der entscheidende Satz ihrerseits: „Selbst Marvin stimmt mir zu und er kennt dich nichtmals.“ In der Zwischenzeit lege ich von Udo Jürgens ‚Ich war noch niemals in New York’ auf und swinge ein bisschen dazu. Doch dann... was geschieht? Die Wut schwindet. H-hn’s werden seichter und lahmen sich in Verständnis. „Ach so“, sagt sie. „Ja, sag das doch!“ Ja, was denn? Ich will’s auch wissen. Mensch, hier, hier, hier! Vielleicht sollte ich meinen Zeigefinger wie früher in der Schule in die Luft werfen und gekonnt und unerwartungsvoll schütteln.
„Nein, komm du doch vorbei... Ist mir doch egal, dass du gerade in Hamburg bist. Wer will denn wen sehen? Ich dich nicht mehr“, sagt sie schnippisch. Oh, Tiger, heute bist du fällig. „Ehrlich?... Eeehrlich?.... Eeeeeeehrliiich?“, fragt sie bei jedem Wort ein Oktave höher, fast schluchzend, als ob sie ihr hörendes Glück nicht begreifen könnte. „Okay, ich habe dich auch lieb... Nein, ich dich mehr... NEIN, ich dich mehr... Willst du wieder Streit anfangen?“
Meine Damen und Herren, das ist es für mich gewesen. Das Gespräch dauert, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall, als ich morgens aufstand, ist sie morgens nicht mehr anwesend gewesen. Jedoch hing ein Post-It an meinem Kühlschrank mit folgenden Worten: „Hallo Marvin, sorry, dass wir kaum Zeit füreinander hatten. Bin auf dem Weg nach Hamburg. Lass mal wieder treffen, war ein schöner Abend und melde dich mal!“
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