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Okay, ich muss es zugeben. Es ist mir ein bisschen peinlich, aber ich habe sie im Internet kennengelernt. Aber alles ist so schnell gegangen. Hier ein kleiner Chat, da ein kleiner Chat und plötzlich hatte ich ein Photo von ihr und ihre Handynummer. Wieder ein kleiner Chat und sie schickte mir ihre Adresse und Festnetznummer. Und ja, auch ich habe meine Handynummer herausgegeben und nicht später als zwei Minuten klingelt mein Handy und eine erotische Stimme weiblichen Kalibers ertönt am Ende der Leitung. „Hiiiiiii, Stier_Macho1980, ich bin es, die Susiiiiiiiiiiii.“ „Ja, äh, hallo. Äh, du hast ja jetzt echt angerufen. Cool, äh?!“ Ich beruhige mich und breche den Kommunikationskokon. „Und sonst? Alles fit im Schritt?“ Oh nein, das habe ich nicht ernsthaft laut ausgesprochen. „Kann nicht klagen. Meine Pusteln sind besser geworden. Das war vielleicht übel. Drei Mal musste ich zum Hautarzt, um das behandeln zu lassen. Wer weiß, woher das kam?“ Da man Menschen aus dem Internet nicht kennt und ich immer von Psychopaten ausgehe, denke ich an eine gewisse Unhygiene oder schlimmer: eine kognitive, psychisch nicht heilbare Unhygiene, die auf cerebralen Bahnen vollkommen in die Leitplanken gerast ist und seitdem stilliegt. „Bist du noch dran, Marv?“ „Mal unter uns, wie oft wäscht du dich?“ „Was? Was geht dich das an?“ „Schoß mir gerade so durch den Kopf.“ „Das ist meine Sache. So gut kennen wir uns noch gar nicht.“ „Und wieso erzählst du mir dann was von Pusteln? Und dein ‚kennen uns noch gar nicht’ hängt genau von dieser Frage ab. Komm schon, ich fang an: ich dusche einmal täglich.“ „Okay, ich dusche zwei Mal täglich.“ Ich lege kurz das Handy zur Seite, falte meine Hände zu einem Gebet und flüstere dankend gen Zimmerdecke: „Ich danke dir, Gott!“ Danach nehme ich sofort das Handy: „Naja, das ist ok.“ „War das gerade irgendetwas mit einem Fetisch? Also so ein Hygienefetisch? Macht dich das geil, wie oft ich am Tag dusche?“ „Was? Nein?“ „Gib’ es doch zu, du Sau. Okay, ich mache dich jetzt richtig geil. Ich dusche drei Mal, nein, vier Mal täglich. Na, macht dich das an, du Duschkopfstecher?“ „Nein!!! Ehrlich nicht. Es ging nur um...“, sage ich weinerlich, werde aber unterbrochen. „Uh-hm-ja, ich drehe den harten, warmen Wasserhahn auf und putze mir gleich die Zähne.“ „Bitte, höre auf. Lass das!“ „Hörst du das Wasser laufen. Ich halte nun mein Telefon zwischen Wange und Schulter und wasche meine Händy, üüööhhhhhmmmmm, ja, mehr Seife, immer mehr Seife. Du müsstest den Schaum sehen. Ooooh Goooott! Macht dich das heiß?“ „Nei-en! Susanne, ich bin nicht so einer. Ehrlich! Wie oft noch. Ich bin ein normaler Kerl, der ganz normal im Internet chatten wollte und dich zufällig kennenlernte.“ „Dann sag doch gleich, dass du Cyber-Sex machen willst. Aber ich mache das nur, wenn du dich auch nackt ausziehst?“ Cyber-Sex? Was wäre lieber mit Telefonsex? ... Nein, nein, ich will das nicht. Ich bin Single und will keinen Cyber-O-N-S oder gar Telefon-O-N-S. Anfangssex zerstört nämlich eine beginnende Beziehung. Das kann ich bestätigen, da ich alle meine Freundinnen mit Sex betörte und nach circa drei Monaten alle wieder verschwanden. Mein Prinzip folgt ganz klar der Induktion. Und mal ein kurzer Exkurs: sie sagt Sex machen. Ich kenne viele, die von Sex haben sprechen oder es dementsprechend nennen. Da man Sex nicht in einer gemischten Tüte kaufen kann..., kurze Überlegung, was aber auch sehr interessant ablaufen könnte: „Schönen guten Tag, ich hätte gerne einmal für 3 Euro Sex-Nr. 2 und für 1, 50 Euro Sex-Nr. 17.“ „Oh, tut uns leid. Nummer 17 ist aus.“ „Ach, dann nehme ich, wie immer, Sex-Nr. 1.“ „Wieder für zehn Euro?“ „Nein, nein, heute nur für fünf. Danke!“
Aber betrachten wir nun den Unterschied zwischen Sex haben und machen. Bei genauerer Untersuchung werden wir bemerken, dass das Verb ‚haben’ passiv und das Verb ‚machen’ aktiv zu bewerten ist. Nehmen wir diese typische Situation im Akt an sich. Ich beginne mit dem männlichen Part, wenn das Handy klingelt. Der Mann wird ohne zu zögern an sein Handy gehen, da es griffbereit neben ihm liegen wird. (Keine Ahnung wieso, aber Forschungen zeigen dies.) „Ja, was los? Habe gerade Sex... Krass ey, BMW???“, posaunt er heraus und vergisst alles um sich herum. Auch leider die Dame auf, unter, neben, vor oder was es noch so alles gibt. Die Frau an sich würde niemals an ihr Handy gehen. (Vielleicht auch aus dem Grund, da es noch in der Handtasche liegt. Ich weiß es nicht.) Aber der Kerl wieder: „Dein Handy klingelt.“ „Ich weiß, mach einfach weiter.“ Nach weiteren zehn Sekunden Klingeln der Mann: „Willst du echt nicht rangehen?“ „Nein“, stöhnt sie konzentriert hervor, „lass es einfach klingeln. Wir machen gerade Sex.“ Aber der Mann an sich, der vollkommen archaische Typ Mann, kann es nicht unterlassen und schnappt sich das Handy: „Ja, was los? Wir haben gerade Sex, Alter! ... Oh... hier, deine Mutter!“ Es scheint, in dieser Studie ersichtlich, dass der Mann schnell abzulenken ist – durch Handies, Fußball, Handyklingeltöne, Autos, Aktienkurse, Job... und auch durch andere Frauen. Sehr bedauerlich! Die Frau ist irgendwie immer konzentrierter, ist in jeglichen Dingen fleißiger und kann bis zu 31481 neue Erinnerungen abspeichern – täglich. (Was uns Männer sehr oft zum Verhängnis wird.)
Um diese Misere abzukürzen, lasse ich mich von ihr überreden, ein Treffen zu vereinbaren. Freitagabend gegen 21 Uhr, um es salopp zu nennen. „Ich werde dich überraschen, wenn du zu mir kommst“, hat sie zum Abschluss gesagt. Na, da sind wir mal alle gespannt.
Freitag, 21 Uhr und ich stehe vor ihrer Haustür. Sie öffnet die Haustür und ich laufe bis in den zweiten Stock hinauf. Die Wohnungstür steht offen, keiner da zur Begrüßung. Langsam und unsicher mit einem „Hallo, jemand hier“ öffne ich die Tür und sehe in einen Flur hinein. Überall stehen Teelichter und der Boden ist mit buntfarbigen Handtüchern ausgelegt. Zwischen allen drei Teelichtern steht zudem immer eine Toilettenpapierrolle. Wo bin ich hier? Ich denke wieder an meine Internet-Psychophaten-Theorie. Vielleicht steht sie irgendwo mit einer Axt versteckt und wartet auf mich hinter einem nicht sehbaren Wandschrank. Und das Toilettenpapier ist für das Blutaufwischen nachher da. Ich bekomme Angst, große Angst. „WO bist du?“, fragt meine Stimme zitternd. „Hier im Wohnzimmer! Nur immer schön geradeaus!“, ruft sie. Ich folge ihrer Wegbeschreibung und erreiche schleichend, noch unsicherer werdend ihr Wohnzimmer. Lasziv liegt sie im hellblauen Spitzennachthemd auf einer Fünfpersonencouch, schaut verrucht und meint mit tropfender, fast greifbaren Erotik in der Stimme zu der Musik von Marvin Gay: „Ich habe auf dich gewartet, mein Machostier!“ Ich bringe nur folgendes hervor: „Papöhtjemöpra-Hääähhhh???“
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