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Ich hocke in einer Fahrt in einer pubertär überfüllten Straßenbahn und neben mir wird mein schwierig erworbener Vierersitzplatz von pubertär verwirrten und schwirrenden Hormonen besetzt. Die Straßenbahn mutiert zu einem Hormonzirkus Zwölf- bis Vierzehnjähriger oder eher zu einer riesigen Super-Mega-Bravo-Show: mit dabei der Straßenbahnführer (Geschreie neben und vor mir), Fahrkartenkontrolleure mit ihrem aktuellen Nummer-Eins-Hit ‚Einmal Ihr Fahrticket bitte' (über und unter mir fliegen BHs der Größe 70A und Schlüpfer in den Größen 32 bis 34) und der Topact ist natürlich der unglaublich gutaussehende Teenieschwarm Marvin der Superstar mit seinen Song ‚Take it, baby, shake it, baby' (absolute Ohnmacht). Ja, die Schule hat wieder angefangen und wir Erwachsenen müssen unter dem schreienden Kinderchaos leiden. Ältere Damen und Herren werden ihres Platzes verwiesen, Schlägereien, die die Rangordnung dieser possierlichen, kleinen Geschöpfe regeln sollen, werden auf kurz oder lang ausgefochten in Form von Schreiwettbewerben oder emotionaler Erniedrigung des anderen. Auch ich werde von einem Tornister hart gerammt und ein Mädchen, schätzungsweise um die zwölf bis dreizehn Jahre, setzt sich neben mich und zu ihren Freundinnen, die vor mir sitzen. Auf ihrem Tornister erkenne ich das Adressenzettelchen: Susi Montag. Ich hasse Montage - davon einmal abgesehen. Susi schaut mich an und ich schaue zurück. Sie wendet sich wieder ihren Freundinnen zu und ich bekomme erneut einen Schlag vom ihrem Tornister ab, der entschuldigend mit der Lasche wackelt. "Hast du gesehen, was Noah heute in Mathe gemacht hat? Der ist ja voll doof!", schreit Susi in einer unnützen Lautstärke. Ihre Freundinnen schreien lachend zurück und ich schlage ein Buch auf. "Der ist voll doof", wiederholt Susi. "Geht ihr eigentlich noch zusammen?", fragt eine der beiden Hyänen. "Ach, weißt u, es läuft nicht mehr so gut. Wir stecken voll in einer Beziehungskrise." Ich schaue von meinem Buch auf - ich habe mich bestimmt nur verhört. "Er ist so unreflektiert und end-egoistisch. Immer will er Pokemon schauen. Den ganzen Tag sitzt er vor der Glotze und schaut sich diese doofen Zeichentrickfilme an." Wohl doch kein Hörfehler. Und wie kommt man bitte in diesem Alter auf das Wort ‚unreflektiert'? Aber egal, ich versuche angestrengt mich auf mein Buch zu konzentrieren. "Ach, das kenne ich auch mit meinem", sagt die zweite Hyäne. Ich rutsche mit meinem konzentrierten Blick von der Buchseite ab und lande bei der Seitenzahl. "Wir waren letztens auf einem Geburtstag und er hat sich mit Malzbier abgeschossen. Am Ende musste ich ihn nach Hause bringen und er musste sich sogar zweimal vor meiner Haustür übergeben. Einfach schlimm. Ich glaube, er hat ein Malzbierproblem." Es hat keinen Sinn weiterzulesen. Ich schlage mein Buch laut zu und schaue mir das klagende Beziehungsdreieck an. Gespannt höre ich zu. "Wenn es nur das wäre. Mein Freund kommt bei mir an und trinkt immer den ganzen Kinderpunsch leer. Danach hockt er von der Kohlensäure benebelt auf der Couch und man kann nichts mehr mit ihm anfangen. Er will dann auch nicht mehr Händchenhalten. Das tut wirklich weh", und Susi bezwingt eine kleine Träne. "Wenn das so weiter geht, will ich nicht weiter mit ihm gehen. Ich kann nicht mehr." Was für ein schöner Satz und gleichzeitig meine Chance als Dr. Sommer-Berater einzugreifen. "Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Dr. Marvin und ich bin spezialisiert auf Beziehungskonflikte." Die drei Mädchen schauen mich entgeistert an. Ich schmunzle innerlich und versuche seriös zu bleiben: "Nun, ich kann euch alle gut verstehen. Wie lange läuft denn diese Beziehung schon?" "Seit einer Woche", sagt Susi. "Seit drei Tagen", sagt ihre Freundin. Ich streichle intellektuell mein Kinn und bringe ein denkendes "Hm-hm" hervor. Ich schaue an die Straßenbahndecke, atme tief ein und beginne: "Drei Tage sind wirklich lang. Eine Woche - wow - das ist wie ein halbes Leben. Ich kann gut verstehen, dass dann Probleme entstehen. Ich meine, man sieht sich in der Schule, auf dem Nachhauseweg und dann noch nach der Schule. Es ist absolut verständlich, dass eure Beziehungen zur Routine geworden sind. Liege ich richtig, wenn ich denke, dass auch das Verliebtsein verschwunden ist?" Das junge Dreiergespann schaut mich begeistert an und wird immer zutraulicher. Wie kleine Eichhörnchen beschnuppern sie meine unsinnige Theorie und lassen sich aus meiner pädagogischen Hand füttern. Die kleine Susi möchte gerade antworten, aber ich unterbreche sie sofort, um meinen Spaß fortzuführen: "Fangen wir doch bei dem Beginn der Beziehung an, oder eher: Wie fing alles an? Als Du ihm den Zettel geschrieben hast, ob er mit Dir gehen möchte, welches Kästchen von ‚ja', ‚nein', ‚vielleicht', hatte er angekreuzt?" "Das ‚vielleicht'", antwortet Susi. Ich schaue fragend ihre Freundin an und sie antwortet sofort: "Bei mir war es das ‚ja'." "Nun, ein ‚vielleicht' zeigt seine unsichere Einstellung zu einer Beziehung. Er ist einer solchen Verantwortung vielleicht noch nicht gewachsen (bei dem Wort ‚gewachsen' muss ich mir einen Lacher unterdrücken). Wie oft seht ihr denn euren Freund?" "Wir sehen uns kaum noch", antwortet Susi hastig, "er ist immer mit seinen Freunden unterwegs und dann spielen die den ganzen Tag mit diesen doofen Yugi-Oh!-Karten." Ich spiele ein erschrockenes Kaninchen und frage vollkommen verunsichert: "'Yugi-oh!'?" "Ja!" "Oh!" "Nein, Yugi-Oh!" "Ach so!" Wieder schaue ich väterlich intellektuell und streiche mir durch mein gepflegtes Haar. "Ich denke, dein Freund hat ein Problem. Aber bevor ich meine Analyse vollends erläutere, wie selbständig ist er denn?" Die Frage schlägt sofort an, denn meine kleinen Patienten schauen sich gegenseitig an und schreien: "Das ist das Schlimmste. Er hört immer auf seine Mutter und das mit ganzen dreizehn Jahren!" Ich schüttle verständnislos den Kopf und meine: "Was für ein Muttersöhnchen. In diesem Alter hatte ich schon meine eigene Wohnung. Ich kann euch wirklich gut verstehen. Der Typ hat es überhaupt nicht drauf. Wahrscheinlich spielt er sogar noch mit einem Ball." Kommt meine kleinen, scheuen Rehe, kommt! Der Jäger liegt auf der Lauer und zielt mit seiner gemeinen Psychoflinte.
Plötzlich registriere ich, dass ich zum Mittelpunkt der kindlichen Fahrgäste geworden bin. Es ist wunderbar ruhig in der Bahn und alle - größtenteils - weibliche Eichhörnchen hören mir gespannt mit gespitzten Ohren zu. Ich stehe also auf und alle verfolgen meinen großartigen Auftritt. Ich verstaue eine Hand in meiner Hosentasche und mit der anderen fuchtele ich mit meinem Buch in der Luft herum: "Mein lieber Streichelzoo, äh, meine lieben Kinder, ...äh, meine Damen und Herren, äh..., liebe Zuhörer, ich möchte Euch allen gerne helfen. Leider ist dies der falsche Ort, um gewisse Problematiken lösen zu können. Bitte wendet Euch an folgende und meine Adresse", und so ich nenne eine spontan erfundene Adresse mit der zugehörigen spontan erfundenen Telefonnummer. Alle schreiben fleißig und schnell mit. Für diejenigen, die nicht mitgekommen sind, wiederhole ich nochmals deutlich und langsam die Märchenadresse. Danach verbeuge ich mich und verlasse, mit einem diabolischen Grinsen, die Straßenbahn.
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