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Ist Küssen ein motorischer Indikator für die schönste Nebensache der Welt, dem Beischlaf, der Kopulation, der Fortpflanzung?
Küssen ist neben der schönsten Nebensache, meiner Meinung nach, auch die sinnloseste. Es besitzt keinen biologischen Hintergrund (obwohl es doch bestimmt einen geben muss) und von ‚schön' kann man auch nicht gerade sprechen, wenn ich mir manche Küssende anschaue. Meistens packt mich eher ein Fluchtreflex oder ein ungewolltes und ungläubiges Anstarren der beiden Zungenakrobaten. Was manche produzieren oder ‚er-küssen', schaut mehr nach einem Autounfall im Gesicht des anderen aus, anstatt dies als Zärtlichkeit zu betiteln.
Küssen sollte alleine schon deswegen in der Öffentlichkeit verboten werden.

Von Spaß kann auch kaum die Rede sein, wenn der oder die zu Küssende zuvor diverse Knoblauch-, mit Zaziki-Spezialitäten verköstigt hat und die vokalbetonte Aufforderung "Kü(hhhh)ss mi(iiihhh)ch!" vor das eigene Riechorgan knallt.
Dann dieser unnütze, im Überfluss vorhandene Speichelaustausch. Pfui! Was sich da alles an Bakterien ansammeln kann, von eventuellen Essensresten ganz zu schweigen. Und diese auch noch dem Körpereigenen zufließen lassen? Freiwillig? Oh Gott!
Küssen, das moderne Fastfood! Was für ein Slogan. Da bekommt der Begriff "Spurenelemente" doch gleich einen ganz anderen Zusammenhang.

Aber abgesehen von der irrelevanten Essenz des Küssens, muss man auch ein Auge auf die verschiedensten Kuß-Typen werfen. Sie sind es, die der Technik des Küssens ihren individuellen Ausdruck verleihen, um nicht von ‚Touch' zu reden, sie sind es, die manchen Erstküssern das absolut Falsche beibringen und sie in vollkommener Selbstsicherheit zurücklassen, gut bis großartig küssen zu können. Sie sind es, die einen bis heute prägen. Keiner wird wahrscheinlich, auch deswegen, seinen ersten Kuss vergessen. Ganz einfach warum: alle taten es schon, bloß man selbst nicht.

Ich werde meinen ersten Kuss bestimmt nicht vergessen, Tamaras Kuss (so heißt sie, wenn sie heute nicht tot ist - dieser Spruch kommt meistens von Germanisten, um auf einen eventuellen Zeitfehler hinzudeuten. Denn ‚sie hieß...' ist Präteritum, aber sie lebt ja noch.).
Wie kleine scheue Meerschweinchen saßen wir stumm auf ihrem Bett, in ihrem kleinen Kinderzimmer und beschnupperten uns vorsichtig. Wir beide wussten, was nun kommen sollte, aber doch traute sich keiner den ersten Schritt zu wagen. Mir war natürlich aus diversen Actionfilmen bewusst, dass der Held zum Schluss als Erster die Frau küsst - er macht den ersten Schritt. (Wie diese Aussage doch einen das ganze Beziehungsleben verfolgt - wer macht den ersten Schritt?)
Nun gut, es war relativ offensichtlich, dass ich kein Bruce Willis, Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger war. Es lag einfach daran, dass die drei schon alle einen Führerschein besaßen und ich von meiner Mutter um 19 Uhr abgeholt werden sollte.
Mittlerweile zeigte die Uhr auch schon viertel nach sechs an. Nur noch 45 Minuten für diesen ersten Kuss. Sie will, ich will irgendwie ja auch, bloß wir beide bekamen es einfach nicht hin.
Plötzlich klopfte es an ihrer Tür. Ich zuckte zusammen und die Mutter war im Türeingang zu erkennen: "Na, ihr beiden? Seid ihr denn auch zufrieden?"
Ich nickte, wie immer, höflich und sagte: "Danke." Tamara hatte die Frage aber leider anders verstanden: "Nee, der macht nix! Der hockt hier nur so rum!"
Tamaras Mutter schaute mich prüfend an und brachte ein für mich fürchterlich peinliches "Hm-hm" hervor. Anstatt aber den Raum zu verlassen, kam sie in Richtung Tamaras Bett (unserer Kindercouch) zugesteuert und setzte sich zwischen Tamara und mir.
"Also, Schatz, Marv, das ist alles ganz natürlich. Ist es Dein erstes Mal, Marv?"
Heute hätte ich aus Spaß den Kopf geschüttelt - leider war ich damals zu jung und nickte.
Meine Gesichtsröte konnte farblich nicht mehr definiert werden.
"Och Marv, da brauchst Du gar nicht rot zu werden. Das ist alles ganz natürlich und normal. Komm, ich zeige Dir das mal. Tamara, schau Dir das jetzt gut an!"
(Lieber Leser, ich bitte Sie! Trauen Sie mir etwa einen derartigen Verlauf dieser Geschichte zu? Also... wo war ich?)

"Och Marv, da brauchst Du gar nicht rot zu werden. Das ist alles ganz natürlich und normal." Sie nahm mütterlich meine Hand und ich konnte einen Blick auf meine Kinderuhr erhaschen. Zwanzig nach sechs. Nur noch 40 Minuten, und ich wußte, dass meine Mutter sehr pünktlich sein würde.
"Den ersten Schritt habt ihr ja schon geschafft. Ihr seid im Bett. Ich denke aber, dass Du Dich nicht traust meine kleine, süße Tamara zu küssen, oder?" War das peinlich. Ich wollte so schnell wie möglich aus diesem Raum.
Tamaras Mutter lachte und meinte: "Für das andere seid ihr zwei ja auch noch viiieeel zu jung." Was meinte sie damit? Etwa... nein! Oder doch? Einmal bis 23 Uhr aufzubleiben?
Tamaras Mutter stand auf und drehte sich zu uns um: "So, ihr kleinen Racker, dann rückt doch einmal näher zusammen." Ihre Handbewegungen erinnerten mich an einen Fluglotsen oder einer Stewardess. "Gut, so, ja, näher, näher, gut", und sie fuchtelte weiter, bis Tamaras Hand meine berührte.
Bei dieser Berührung entfachte sich ein lang angestautes Hormonfeuer in mir. Ich schaute Tamara an und fiel über sie her. Wild küssten wir uns und ihre Mutter gluckste auch noch vor Freude.
(Es tut mir erneut leid, lieber Leser. Reingefallen!)

"Gut, so, ja, näher, näher, gut", und sie fuchtelte weiter, bis Tamaras Hand meine berührte.
"Marvin, nimm ihre Hand", und ich tat es gezwungenermaßen.
"Tamara, schau ihn an. Irgendwie... nein, nicht die Zunge rausstrecken, und... nein, nicht spucken. Tamara, AUS!"
Sie lag (nun wirklich) auf mir und begrabbelte mich wild.
Das ‚AUS' der Mutter befreite mich und ich wusste nicht, was mit mir geschehen war. Nur Tamara lachte mich freudig und endlich zufrieden an.
Ich schaute auf meine Uhr - der ganze Spaß ging nun zehn Minuten, zehn Minuten voller Scham und Peinlichkeit, aber schlimmer, zehn verschwendete Minuten - ohne Kuss.
Dann die Rettung, denn ich hörte einen Türknall außerhalb des Kinderzimmers. Das war dann wohl Tamaras Vater und - ja - ich betete, dass er es war. Meine Gebete wurden erhört, denn Tamaras Mutter verschwand aus unserer gestörten Liebeshöhle.
Da Tamara immer noch voller Zufriedenheit schaute und mich, im wahrsten Sinne des Wortes, anhimmelte, stieß ich vor - Augen zu und durch und dann SCHMATZ!
Schnell, kurz und bündig. Dann stieß sie vor, dieses Mal mit einer Zunge (Huckepack) bewaffnet und ließ den klebrigen, weichen Torpedo in meiner Mundhöhle explodieren.

Womit ich zum ersten Kuß-Typ kommen möchte, die sogenannte ‚Kampfzunge'.
Dieser Typ scheint der Marine [mährien] unter den Küssern zu sein. Die Front stürmen und ausgebildet den Rachen zu zerstören. Im Krieg gibt es immer Unschuldige, man selbst.
Ich stelle mir das irgendwie so vor:
"Rekrut Zunge!"
"Sir, yes, Sir!!!" [ßör, jes, ßör!]
"Zu was wurden Sie ausgebildet?"
"Um vorzustoßen und zu zerstören, Sir!!!"
"Ich kann Sie nicht verstehen, Rekrut Zunge!"
"Siiiiir, UM VORZUSTOßEN UND ZU ZERSTÖREN, Siiiiir!!!!!"
Aber mein Rachenraum ist nicht die Normandie im zweiten Weltkrieg. Mein Rachenraum besitzt keine feindlichen Soldaten, die zerstört und beseitigt werden müssen. Mein Rachenraum will nur Liebe empfangen. Die Zunge ist ein Instrument der Liebe und keine Waffe.
Nun, leider gibt es auch den Kuß-Typen, der die Zunge zu sehr als Instrument der Liebe definiert. Es ist die ‚Schlabberzunge'.
Dieser Typ ist vorsichtig, traut sich nicht ins Ungewisse (vielleicht wegen der Bakterien). Das Problem ist nur die fortlaufende Speichelproduktion bei geöffnetem Mund. (Jeder kennt das beim Zahnarzt und nicht umsonst wird der bekannte Absaugschlauch in den Mundwinkel geklemmt.) Um es kurz zu machen, es wird geschlabbert, was das Zeug hält. Das Kinn wird triefend nass und man wünscht sich innerlich eine kleine Auffangschüssel unter dem Kinn zu haben.


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