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Ich zünde eine Zigarette an und puste den Rauch langsam und bedächtig aus meinen Lungenflügeln. Kurz huste ich und merke wieder, dass ich selbstgedrehte Zigaretten wirklich hasse. Unter Rauchern und den momentanen, finanziellen Tabakflügeln schnappe ich immer wieder den Spruch ‚Willst ne Aktive?’ auf. Die Augen des mittellosen Rauchers erweitern sich freudig, als ob er den heiligen Gral gefunden hätte und er wird dankend begrüßt.
Nun, ich versuche gerade eine Passive zu rauchen und es kratzt im Hals und wieder verfluche ich meine konsequente Inkonsequenz, da ich schon vor einem Jahr aufhören wollte.
„Nur noch eine Tabaksteuererhöhung und dann höre ich auf“, belüge ich mich selbstsicher. Nun, es sind mittlerweile drei Erhöhungen an mir vorbei gerauscht und ich hänge nun an passiven do-it-yourself-Lungenbrötchen.
Gelangweilt tigere ich durch meine Wohnung. Die Strassen scheinen tot zu sein und kein Lebewesen ist nur annähernd zu erkennen.
Plötzlich läutet meine Türklingel und ich drücke gespannt auf den Türöffnungsknopf und frage mich, wer das sein könnte. Da erscheinen drei kleine, dicke Kinder in Kostümen: einer als Spiderman, einer als Frankenstein und der letzte in der Runde, der abseits steht und deutlich erkennbare wiederholte strafende Blicke erhält, als Ballerina.
„Süßes oder saures“, rufen mir Spiderman und Frankenstein entgegen.
Der Dritte dreht in diesem Moment eine Pirouette und fuchtelt mit seinem selbstgebastelten Zauberstab, am Ende ein goldener Stern, vor meiner Nase herum.
Ich überlege kurz und sage: „Karneval ist doch erst ab November, ihr kleinen Scheißer!“
„Nee“, sagt Spiderman und nimmt eine heroische Stellung ein, „heute ist Halloween. Selber Scheißer, bäh!“ Zunge raus.
Ich gehe in meine Küche, da dort der Jahreskalender hängt und erkenne am heutigen Datum nur den Verweis ‚Reformationstag’. Was hat also dieser Tag mit Halloween zu tun.
Da ich mir denke, dass das achtjährige Pisa-Studien-Versager-Trio mir nicht den Unterschied zwischen Reformationstag und Halloween erklären wird, versuche ich meine Allgemeinbildung (Pisa-geprüft) aus dem schwarzen Zylinder zu zaubern und da fällt mir glatt ein, dass dieser Tag, also Halloween, eigentlich ursprünglich aus Irland kommt. Also hat dieser Tag nichts mit deutschen Traditionen zu tun. Wieso dann darauf eingehen?
„Süßes oder saures“, schreit nun Frankenstein Jr. beherrschend. Ich schaue die männliche Ballerina an und (sie... äh...) er vollzieht einen Pas de bourée und schaut mir finster ins Gesicht.
„Einen Moment“, sage ich und gehe zu meiner kleinen Bar im Wohnzimmer und finde die halbe Jahr alte Tequilaflasche, die noch zur Hälfte gefüllt ist.
„Süßes oder saures?“, frage ich, „wie wär’s mit ex oder Arschloch?“
Die Ballerina schaut erschrocken und auch Spiderman scheint erstaunt.
Doch Frankenstein fragt neugierig: „Was ist das denn?“
Ich bleibe cool: „Ach, das ist Heilwasser. Seht ihr? Das Wasser stammt aus dem Land Tequila.“
„Cool“, sagen alle drei gleichzeitig und ich genehmige mir einen Schluck, der, ich vergass, unheimlich in der Kehle brennt, sage aber gelassen: „Das geht runter wie Öl. Lecker, so ein Heilwasser. Kennt ihr so was nicht von euren Eltern?“
„Nee, wir bekommen nur Malzbier oder Kindercola.“
Ich verziehe meine Miene und sage: „Ach kommt schon, das müsst ihr einfach probieren.“
Alle zögern.
„Meine Güte, es heißt nicht umsonst Heilwasser!“, sage ich energisch.
Zögerlich greift Spiderman zu der Flasche und zieht gute zwei Pinchen herunter.
„Uhhh, das schmeckt ja gar nicht!“
„Tja“, sage ich, „das ist beim ersten Mal immer so. Nimm noch einen. Der zweite ist immer besser.“
Spiderman setzt erneut an und sagt: „Stimmt, cool! Hey, Leute, ihr müsst das trinken. Total cool, dieses Wasser.“
Nun, 15 Minuten später stehen in meinem Flur vollkommen betrunkene Achtjährige und auch die Pirouette der Ballerina will auch nicht mehr ganz hinhauen.
Frankenstein nimmt mich freundschaftlich in den Arm und lallt: „Hömma, wir jehn ma weider. Weil süßes oder saures, ne?“
„Kein Thema“, antworte ich und rufe noch ein: „Und immer nach tequialischem Heilwasser fragen! Nicht vergessen!“

Scheiß-Halloween. Obwohl mich diese Aktion echt munter stimmt. Und jetzt? Jetzt bin ich gerade dermaßen gut drauf, da kann ich diesen Tag nicht einfach verwahrlosen lassen.
Ich schaue in meinen Kleiderschrank und durchforste ihn nach schwarzen Klamotten. Ich werde sogar fündig: ein Missfits-Shirt, dazu eine schwarze Jeans.
Hatte mir Fred nicht einmal eine Screammaske geschenkt? Doch, da war doch was gewesen.
Ich durchwühle meinen Schrank tiefer und tiefer und finde alte, enge Strings. Die können nicht von mir sein - also hinterm Rücken wegschmeissen.
Handschellen? Seidenschals? Meine Güte, gute, alte Zeit, aber keine Zeit zum Schwärmen, wo ist diese Maske?
Ah, da ist sie. Ich puste den Staub von der Maske und stelle mich vor den Spiegel. Sieht schon ganz gruselig aus.
In vollem Outfit setze ich mich neben meine Flasche Tequila und denke nach. Ich definiere meine Outfit als den modernen Tod. Aber mit 24 Jahren nach ‚Süßem oder Sauren’ fragen, erscheint mir zu albern. Wo kann ich besser ankommen?
Ich drehe mir erneut eine Zigarette und bemerke, dass man durch Gummimasken nicht rauchen kann. Im Gegenteil, ich haue mir gleich eine schwarze, verkokelte Stelle in meine weiße Gummimaske. Auch egal, der Tod trägt viele Narben im Gesicht und bei solch einem Job kann man in Ruhe voraltern.
Da kommt mir plötzlich die Idee: wo ist der Tod bekannter als sonst wo? In einem Altenheim.
Also marschiere ich in Richtung Altenheim und dort angekommen, sehe ich schon mein erstes Opfer in einem Rollstuhl, mit dem Rücken zu mir.
Langsam schleiche ich mich an und beuge mich vorüber: „Schon einmal etwas von der Flurmaut gehört?“
Der arme Rentner schaut mich an, verzieht sein Gesicht à la Herzinfarkt und rast mit einem Affentempo in Richtung Eingangstür, die sich aufgrund der Automatik nicht sofort öffnet und er mit einem großen Wums gegen die Glastür knallt.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so gut ankomme und nutze meinen Auftritt beim Pensionärenabendbrot, das gerade von statten geht.
Locker stelle ich mich mitten in den Essensraum, schnappe mir schnell ein Buttermesser, halte es in Luft und rufe schauderlich: „Zehn von euch haben gestern nicht aufgegessen! Ich bin nun die Rache dieser Verschwendung!“
Ich habe noch nie so viele Menschen dermaßen tüchtig essen gesehen. Leider bekommen, nach meinem Ausruf ‚Fresst oder sterbt!’, diverse Pfleger auf mich zu, die mich mit einigen Tritten und Fausthieben aus dem Altenheim hinausprügeln.

Von Schmerzen und Prellungen geplagt, rufe ich noch ein: „Jaja, der richtige Tod hätte sich das nicht gefallen lassen“ hinterher.
Gepeinigt reibe ich mir den Rücken und humple nach Hause.
Dort angekommen, schalte ich den Fernseher ein und ein Kardinal von kirchlicher Größe gibt ein Statement zu Halloween von sich: „Na, dann erinnern sich die Menschen bei Halloween gleichzeitig an das Christentum.“
Sorry, aber ich habe noch keinen mit einem Jesus-Kostüm herumlaufen gesehen, hinten ein Kreuz aus Styropor auf dem Rücken mit blutspritzenden Händen und Füßen.
(Ich glaube, ich habe gerade eine katholische Marktlücke gefunden!)

Halloween! Was für ein blöder Tag. Makaberes Karneval mit Messern, Waffen und Gummimonstern. Und mein Todkostüm ist auch nicht gerade der Hammer, zwar kam es sehr authentisch beim Seniorenheim an, aber ich bleibe mir lieber treu und ziehe mich um.
Eine blaue Jeans und ein schwarzes Hemd tun es auch.
Da fällt mir spontan was ein: wenn jemand kein Kostüm besitzt, kann man dann durch die eigene Hässlichkeit den Halloween-Faupax ausgleichen?
Um einem Kostüm den gewissen Touch zu geben – warum nicht gleich auch noch einen Finger mit dem Küchenmesser abschlagen, aufbewahren und als Partygäg verwenden. Anstatt Blutflüssigkeit auf die Stirn träufeln zu lassen, das lieber selbst in die Hand nehmen und mal kurz den Bordstein knutschen. Keine weiße Schminke, nein, einfach mal die Mangelernährung probieren.
In weißen, blinkenden Lettern stelle ich mir den Slogan vor: Halloween als Lebenseinstellung, machen Sie es richtig oder seien Sie nur ein Karneval-Jeck.
Oder: Der Tod kann auch lustig sein – an Halloween.

Plötzlich reißt mich mein Telefon aus meinen Gedanken.
Ich nehme das Telefon ab und melde mich.
„Ja, Marv, Fred hier.“ Im Hintergrund höre ich Gejubel diverser Menschen und ab und zu scheint irgendeiner ständig „Ich bin ein Vampir“ ins Telefon zu brüllen.
„Marv, heute Party im One O’Clock?“
“Keine Ahnung”, sage ich, “vielleicht bleibe ich einfach zu Hause. Du weißt, wie ich das Verkleiden hasse.“
„Du musst dich auch nicht verkleiden. Komm einfach mit. Wir haben auch jemanden für dich eingeladen. Ihr Name ist Frauke!“
„Frauke?“, frage ich verständnislos zurück und hoffe auf einen phonetischen Fehler.
„Jupp, Frauke. Wir sind übrigens alle verkleidet und Frauke stellt einen Hasen da. Schaut ganz süß aus. Du musst mal wieder unter die Haube!“
„Wieso muss ich denn unter die Haube?“, frage ich genervt.
Und sowieso, denke ich, wieso müssen sich Pärchenfreunde immer um mein nicht vorhandenes Pärchenleben kümmern. Ich komme mir manchmal wie ein kleines Haustier vor.
Als Single ist man immer wieder der Spielball für ach so glückliche Pärchen. Man wird hin und her geworfen: Zu peinlichen Viererdates eingeladen oder am Besten zu einem ruhigen DVD-Abend mit einem Liebesfilm, der das nebensitzende Pärchen emotional dermaßen mitreißt, dass wild herumgeknutscht wird, und das zu verkuppelnde Singleweibchen mich ständig anstarrt und ihr Blick die Frage stellt: „Sollen wir auch knutschen?“
Da bringt es auch nichts sich tierisch abzuschießen, denn letztes Mal hatte ich meinen Gleichgültigkeitspegel erreicht und zum Film ‚Shakespeare in love’ auch wild rumgeknutscht.
Leider nur mit dem Pärchenweibchen, was das Singleweibchen sehr wunderte. Denn als ich dann erwähnte, dass sie gerne mitmachen könne, wir das alle hier relativ locker sehen würden und ob man sie nicht aufgeklärt hätte, dass wir drei jemanden suchen würden für eine nette Sexrunde, stand sie panikerfüllt auf und ging zur Tür hinaus.
Seitdem habe ich auch keinen Kontakt zu diesem Pärchen mehr.
Oder ein anderes Mal: wieder ein DVD-Abend, wieder mein Gleichgültigkeitspegel und wieder wildes Herumknutschen, aber mit dem für mich gewählten Weibchen. Alles ging glatt. Ich streichelte sie, hielt anständig meine Augen geschlossen und stellte mir Cameron Diaz aus ‚Drei Engel für Charlie’ vor.
Es ging auch eine Zeit lang alles gut. Ich nannte sie meinen ‚blonden Engel’, hielt die Augen geschlossen, bewunderte ihre Figur und kniff die Augen zu, doch irgendwann fragte ich sie, wie Drew Barrymore eigentlich so privat sei.
Das Ende brauche ich wohl nicht zu erwähnen...

Zurück zum Telefonat.
„Also, Marv, sei für 21 Uhr am One O’Clock. Also bis dann...“
„Ok, bis dann.“
Plötzlich schreit Fred schnell ins Telefon: „Marvin, halt noch. Geh vorher doch bitte zum Friseur, ja? Deine Matte sieht echt schlimm aus.“
Anstatt mich aufzuregen, lege ich einfach auf und betrachte mich in meinem Spiegel.
Pöh, zum Friseur, die Matte sehe schlimm aus. Na ja, recht lang sind die Haare ja schon, aber wieso nimmt er sich das Recht heraus, mich zum Friseur zu schicken? Ist wohl wieder so ein Pärchen-Single-Verkupplungsding.

Genervt gehe ich aus meinem Haus und betrete die Straße, um meinen Friseur zu besuchen. Eigentlich kenne ich keinen Friseur und beschließe dementsprechend in die Innenstadt zu fahren und einen Friseur zu suchen.
Am Kiosk kaufe ich mir schnell noch einen Comic und betrete das Bahngleis Richtung Innenstadt.


.: Fortsetzung folgt - zurück zu den Geschichten :.


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