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Wieder ruft mich ein Pärchen an, welches meine Anwesenheit verspüren möchte. Das wundert mich sehr, denn das letzte Pärchen kündigte mir irgendwie die Freundschaft aus folgendem Dialog: „Ja, Marv, wir sind es, Robert und Nasha.“ „Ja, hallo! Wie geht’s?“ „Gut, gut, gut. Du, wir wollen einen DVD-Abend machen und du könntest doch auch mit deiner Freundin vorbeischauen. Wir dachten so an ‚Sleepless in Seatle’ und ‚Shakespeare in love’. Was meinst du?“ „Nun, meine Freundin gibt es nicht mehr?“ „Wie jetzt?“ „Wir haben Schluss gemacht!“ „Ach sooo“, eine bemerkliche Pause, „nun, also, dann ja, äh... also du bist jetzt solo?“ „Jupp!“ „Hm!“ „Ja, und wann soll ich vorbeikommen?“ „Äh, du, also, neee, wenn du ja solo bist und wir dann.....“ Tuuut, tuuut, tuuut.... Verbindung unterbrochen. Natürlich aus unerklärlichen Gründen und aus schicksalhaften Zufällen hat dieses Pärchen auch nie wieder Zeit für mich gefunden. Es ist eben hart Single zu sein. Praktisch ein Hesse’scher Steppenwolf. In diesem Moment kommen mir Ü30-Parties sehr attraktiv vor. Aber komme ich als U30 ( = Unter 30) dort herein. Ich weiß es nicht und dieser Gedanke verschwendet heute nur meine kostbare Zeit. Der Inhalt, der mir verbal von dem Pärchen telefonisch auf einem cerebralen Tablette serviert wird, erhält kaum Beachtung meinerseits und ich antworte mit den Standardantworten: „Ehrlich? ... Nein!?!... Jetzt echt? ... Sag nicht so was!“ Passt immer. Sitz, wackelt und hat Luft. Danach lege ich einfach auf. Okay, natürlich dezimiert sich dadurch mein alter Freundeskreis, aber wer will den andauernd auf angehenden Verlobungs- oder Hochzeitsparties antanzen? Mittlerweile habe ich zwei Verlobungs- und eine Hochzeitspartie erlebt und es kommt immer die gleiche Bitte: „Also, Marv, du bist doch Autor?“ Gezwungen antworte ich, da man sich kennt: „Ja!“ „Könntest du vielleicht eine kleine Rede schreiben?“ Wer nun denkt, man müsste zu jedem Anlass sich etwas Neues einfallen lassen, irrt sich, denn man kann einen bzw. meinen Standardtext nehmen. Hier mein erster Entwurf, der bis jetzt immer ankommt: „Man sagt, dass sich Gegensätze anziehen. Jedoch wären diese Menschen, die wir in diesem wundervollen Moment vor uns sehen, nicht zu dieser heutigen Entscheidung gekommen. Gemeinsamkeit verbindet und bindet den Partner zum Partner. Sie befolgten schon den alten Ratschlag aus Schillers Glocke ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.’“ Die meisten applaudieren begeistert und ich wundere mich immer wieder, was so ein bisschen Literaturkenntnisse ausmachen können. Leider bemerken die Hörenden nie den letzten Satz ‚Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang’. Hey, okay, nicht mein Problem, solange ich beglückwünscht werde. Aber dieses Problems des Schreibens oder des Ausnutzens hört an dieser Stelle ja nicht auf. Nein, im Gegenteil: selbst zu Jahrestagen kommt ein Anruf von einem Freund mit der Frage: „Also, Marv, du bist doch Autor?“ „Okay, was willst du?“ „Ich bin seit circa drei Jahren mit meiner Freundin zusammen.“ „Was heißt denn hier circa?“, frage ich. „Ja, hast ja Recht. Also SIE meint, wir hätten morgen unseren dritten Jahrestag. Und ich glaube ihr das jetzt mal.“ „Solltest du, richtig!“ „Könntest du mir eventuell einen kleinen, emotionalen, romantischen Text für eine Karte schreiben?“ „Ach Gott! Bin ich eine Literaturnutte, oder was?“ „Hey, komm schon. Nur für mich!“ Oh, wie ich das hasse. ‚Nur für mich’, als ob man sonst nie für einen anderen Freund einen Text schreiben würde. Also habe ich auch hierfür einen Standardtext entwickelt: „Lieber Schatz, für die ganze Zeit deiner Liebe zu mir, möchte ich mich bei dir an diesem besonderen Tag bedanken. Selbst wenn es dir nicht so vorkommen sollte, vermisse und liebe ich dich über alles. Ich wünsche mir, dass die nächsten unserer/deiner Jahrestage/Geburtstage auch in unserer Erinnerung bleiben und schenke dir meine Liebe zum xx. Geburtstag/Jahrestag.“ Genau, Geburtstage vereinnahmte ich auch sofort. Wenn schon, denn schon. Call me the fox, people!
Das Feedback der Freunde ist erfreulich, keine Frage und irgendwann komme ich auf die Idee den Spieß umzudrehen und all meine Freunde, Schrägstrich, Pärchen einzuladen. Es soll ein geselliger Abend werden, oder eher ein sozialverpflichtungsvoller Abend, an dem man alle seine Freunde/ Pärchen wiedersehen kann, um danach den Kontakt schludern lassen zu können. Es geht immer nur um die Motivation. Wer nicht kommt, wird immerhin sagen können: „Jaha, aber der Marv hatte uns ja auch mal eingeladen“, sagt er. „Aber ich hasse ihn!“, sagt sie. „Nun, das ist dann nicht mein Problem!“, denke ich.
Aber was will ich noch einmal erzählen? Genau.... Da sitzen wir nun Pärchen an Pärchen plus Single, also meiner Person und die neusten Planungen werden ausgetauscht. Ich meine hier die Daten vom Zusammenziehen oder angeblichen Verlobungsdaten und schlimmer Hochzeitsdaten, die groß heraus posaunt werden. „Hey, drucke doch tausend Flyer mit dem Datum der Hochzeit/ Verlobung/ Jahrestag, damit auch der Rest der Welt eine weitere Hochzeit/ Verlobung/ Jahrestag mitbekommt“, denke ich mir; bleibe aber ruhig und schaue gelassen auf meine Uhr. Denn um 21 Uhr habe ich einen imaginären Termin beim einem Veranstalter, der mich unbedingt und nur heute sprechen kann. Ich erwähne den Termin und natürlich versteht jeder mein Anliegen.
„Also, Eva, der Tom hat mir so eine schöne Karte zu unserem Dreijährigem geschrieben!“ „Ach, Eva“, sagt die andere, „meiner auch. Sowas von romantisch und emotional. Ich lernte eine ganz neue Seite von ihm kennen. Du kennst das ja mit den Männer und deren Gefühlen.“ Ich erhasche das Gespräch und denke mir (noch) nichts dabei. „Also Tom gewann mein Herz erneut, indem er laut Text seine Liebe mir erneut schenken würde.“ „Höh?“, fragt die andere skeptisch. Ich: „Oh oh!“ Nebenan läuft auf einer anderen Schiene ein fast analoges Gespräch: „... gerade auf das Thema der Gemeinsamkeit zu kommen, war einfach ein wunderschöner Gedanke von Marvin. Und das mal so... also nur für unsere Hochzeit.“ „Du, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Zitierte er auch Schillers Glocke?“ „Ja! Wieso?“ „Da solltest du was wissen...“
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