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Irgendwann ist es Zeit die Haare kürzen zu lassen. Irgendwann nervt dann doch dieses ewige Geschwinge einer langen Haarmähne. Das ewige Zusammenbinden der Haare, dieses erotische Schütteln des Kopfes.... das möchte ich doch eher den Frauen überlassen. Außerdem war ich es satt, immer schräg von hinten von Kerlen angemacht zu werden, die dann einen (na ja, recht gutaussehenden) Kerl zu Gesicht bekamen. Egal, ich beschließe an diesem Tag: die Matte muss ab. Locker schlendere ich zum Friseurladen und eine sexy Blondine öffnet die Ladentür, schaut mich mit ihren blauen Augen an, wendet sich von mir ab und sagt: "Vielen Dank auch. Bis nächste Woche. Du bist ein Genie, Jorgos!" Langsam aber sicher bekomme ich eine Befürchtung, die lautet: "Oh oh!" Mehr nicht! Die Blondine verschwindet und die Rezeption des Friseurladens bietet sich meinen Augen dar. Dahinter steht schon ein unverschähmt grinsender Jorgos, unser aller Genie. Mit sanft klingender Engelsstimme begrüßt mich Jorgos: "Halloooo, Duuuuu." Ich darauf: "Oh oh!" Sanft drückt er meine Hand: "Was kann ich für Dich denn so tun?" Nun ja, denkt man sich, ein Eis möchte ich mir hier nicht kaufen. Warum geht man wohl zum Friseur? Geduldig antwortet ich: "Guten Tag, ob sie jetzt einen Termin frei hätten. Ich möchte einen neuen Herrenhaarschnitt." Ich sage es jetzt schon im Vorhinein, denkt an mein "oh oh", denn plötzlich springt Jorgos um die Theke herum. Seine Augen glitzern voller Vorfreude. Habe ich das Genie zu einer Idee gebracht? Habe ich es inspiriert? "Aber natürlich", sagt Jorgos und stolziert mit einem unheimlichen Hüftschwung vor mir her mit dem Spruch "Bitte folgen, hahaha!" Er weist mich auf einen Stuhl, vor mir natürlich ein Spiegel. Links und rechts neben mir zwei Damen, die mich suspekt mustern. Langsam, Jorgos im Auge behaltend, setze ich mich hin. Jorgos geht. Schade, dass er geht, aber die Art wie, ist phänomenal.
Vor mir liegen ein paar Zeitschriften Cosmopolitan, Die Bunte, Gala, Brigitte, etc. Keine Männerzeitung. Nun gut, ich bin Mann genug, um eine Frauenzeitschrift zu lesen. Also entscheide ich mich für die Brigitte. Immerhin haben solche Zeitschriften auch gewisse Vorteile. Man bekommt als Mann beigebracht, wie die Frauen angeblich denken und wie sie sich den mehr als perfekten Traummann vorstellen. Beispiel: in einem Artikel geht es darum, dass Frau am Umgang des Mannes mit seinen männlichen Freunden sehen könne, wie man(n) im Bett sei. Typ Eins: gibt die Hand, d.h. schüchtern und lieb zu der Frau. Typ Zwei: umarmt und küsst seinen Freund, d.h. sehr aufgeschlossen und aktiv im Bett. Typ Drei: klopft auf den Rücken oder die Schulter, d.h. stark und weiß, wo es lang geht. Als ich fertig bin, überlege ich mir etwas, um so Frauen zu beeindrucken. Wenn ich demnächst also irgendwo ein nettes Mädel sehe, gehe ich zum nächstbesten Unbekannten, gebe ihm die Hand, umarme ihn, gebe ihm einen Kuss voll auf die Schnüss und verabschiede mich mit einem Klopfen auf seiner Schulter. (Und wenn man dann noch lebt, sollte man schnell weglaufen!)
Zurück zu Jorgos Salon. Neben mir dreht sich eine Dame zu mir um und mustert mich, da ich in die Brigitte vertieft bin. Die Frau trinkt ihren Kaffee und fängt einen unbeholfenen Smalltalk an: "Sollen die Haare ab?" Neee, neeee, ich komme immer hierhin, um Frauenzeitschriften zu lesen. Ich: "Ja, ich hörte schon so viel über Jorgos. Er soll ein wahres Genie sein." Sie: "Oh, wie wahr. Er macht aus jeden einen anderen Menschen. Sehen Sie mich an." Nein, bitte nicht..... bitte nicht die Frauenfrage. "Für wie alt halten Sie mich?" Neeeiiiiinnnn!!!! Immer dieses Lügen. Ich hasse lügen. Nun gut, man ist ja freundlich: "Lassen Sie mich überlegen. Also....nein, ich kann das nicht. Obwohl.... 28?" Gelogen, gelogen, gelogen! Sie voller Stolz: "Ach danke, was für ein Kompliment!" Natürlich, meinst Du vielleicht, ich sage die Wahrheit. Bin doch nicht lebensmüde. "Ich bin, dass kann ich Ihnen ja sagen...", aber natürlich, " ...ich bin 40 Jahre alt." Von mir kam ein unglaublich gut gespieltes unfassbares "Neeeiiinnn, ehrlich? Das hätte ich niiieee gedacht!" Plötzlich kommt eine Frisörin zu mir an: "Hallo, ich bin Katja. Kann ich Dir etwas bringen?" Ja, Ohrenstöpsel. "Ich hätte gerne einen Kaffee, schwarz. Wenn es natürlich keine Umstände macht?" "Aber natürlich nicht. Bin gleich wieder da." Und weg ist sie, auf der Suche nach Kaffee. Meine neue Freundin neben mir holt schon wieder Luft für einen weiteren Smalltalk: "Ach, Sie trinken Kaffee?" Nein, nein, ich lasse ihn immer stehen und schnüffele dran. Ich hätte heulen können. Nach circa drei Minuten kommt Katja mit meinem Kaffee an. "Jorgos kommt gleich. Er muss nur noch kurz fertig färben." Was soll ich sagen? Die nette Dame erzählt mir ihr halbes Leben, was so interessant ist, als ob Haare zu Boden fallen. Endlich kommt Jorgos. Er stellt sich hinter mich, setzt seine Handgelenke auf seiner Hüfte ab und schaut mich und meine Haare per Spiegel an. "Was darf es denn sein?", erklingt es zärtlich, wie der Hauch eines warmen Sommerwindes. "Ja, ich möchte gerne die Haare kurz haben." Jorgos zuckt zusammen und geht schockiert mit einem Schritt zurück und hält sich eine Hand vor den Mund. Etwas nuschelnd aus Jorgos' Mund: "Ehrlich?" Und aufgepasst, jetzt kommen die typischen Friseursprüche: "Das Haar ist aber so schön. Sind Sie sicher?" oder "Ist aber schon recht lang das Haar, ne?" oder "Das steht Ihnen so gut!" Ist ja auch alles schön und gut, aber wie verdient denn nun ein Friseur sein Geld? Richtig, durch das Schneiden von Haaren. Wieso halten sie dann einen immer wieder ab? Lernt man das irgendwo? Wo ist dann bitte der Sinn des Berufes? Nehmen wir ein Beispiel: "Ich möchte gerne einen Kurzhaarschnitt." "Aber Ihre Haare sind so schön." "Stimmt, danke, bis zum nächsten Mal." Hand geben, drücken, küssen, auf die Schulter klopfen und gehen. ...
Zurück zum schockierten Jorgos. Ich gebe ihm eine kreative Pause, die ich ihm gar nicht geben will. Denn plötzlich erzählt er von "...hier ein bisschen stufig...., .... etwas Strähnchen...., ....ja, das ist vollkommen!" Also, ich meine das jetzt nicht böse, aber dürfte ich vielleicht, nur wenn es nicht stört, auch etwas dazu sagen? "Ähm, Herr Jorgos?" Mit einem sanften Klopfer auf die Schulter unterbricht mich Jorgos: "Nenn mich nur Jorgos, ja?" "Ok, ähm Jorgos, ich wollte die Haare nur kurz. Ich will keine Farbe, keine Stufen, Treppen und wie all die Wörter aus dem Fachjargon heißen. Ich möchte doch die Haare nur ganz kurz. Die Matte ab, mehr nicht. Kein Meisterwerk, nur kurz." Ich habe, so glaube ich, Jorgos tief verletzt. Aber Jorgos macht einen zweiten Versuch, indem er meine neue 40-jährige Freundin zum Plan meiner neuen Frisur einspannt: "Was meinen Sie denn so? Würde das nicht viel besser aussehen, wenn man blablablabla....." Sie sofort halb zu mir sprechend: "Aber natürlich, das passt zu seinem Typ. Das stünde ihm viel besser. ......" Ich bekomme plötzlich Angstgefühle. Ok, überzeugt. Dann machen wir es nicht kurz, sondern stachelig nach oben? Nein? Länger? Ok, ja, ähm gut, wenn ihr meint....ja, klasse... aber keine Strähnchen, also stachelig etwas länger. Nicht ganz kurz! Ok, gekauft! Freudig und entzückt nimmt Jorgos sein Meisterwerkzeug und die Dame streichelt mir die Hand mit den beruhigenden Worten: "Vertrauen Sie mir! Er ist ein Genie!" Nun fängt Jorgos an zu erzählen. Dies und das, hier und heute, und dass ja Frau Meier jetzt schwanger ist. Es sei ja ein Wunschkind, aber die Frau Sollemann male gerne Landschaften in Holland und sei sehr gerne dort. Ach ja, alles ist teurer geworden, die Welt ist ja so schlimm, überall Elend. Meiner Meinung nach, ist das ein Trick, um den Kunden abzulenken, damit sie ihm doch einen anderen Haarschnitt verpassen können. Der Kunde konzentriert sich die ganze Zeit auf das hochintellektuelle, weltbewegende Kulturgut, währenddessen der Friseur dieses schamlos in seiner künstlerischen Phase ausnutzt. Danach kommen grundsätzlich Fragen an den Kunden, wenn das Kulturgut ausgeschöpft ist: "Was machst Du denn zur Zeit?" "Ich studiere." "Ohh, haben sie gehört", Jorgos dreht sich zu anderen Kunden mit etwas lauterer Stimme, "der junge Mann studiert. Und was, wenn man fragen darf?" "Nein, ist mir zu unangenehm!" "Ach komm schon, Kleiner!" "Es ist wirklich unwichtig." Doch Jorgos lässt nicht locker. Ich gebe irgendwann erschöpft auf: "Mathematik!" Jorgos hört auf zu schneiden, geht wieder einen Schritt zurück mit den Handgelenken in die Hüfte gestemmt. "Nein, ist das echt wahr?" Auch eine total unnütze Frage. Nein, es ist nicht wahr. Ich bin ein nervenkranker Lügner, der heute frei bekommen hat. "Ja, es ist wahr. Ganz einfach Mathe!" Jorgos langsam näher kommend, die Schere wieder zum Einsatz bringend: "Das ist doch super." Ok, ist auch gut jetzt. Ich möchte nur meine Haare geschnitten bekommen haben. Jorgos ist ein überaus sensibler Mensch, da er spürt, dass ich am Ende bin. Fertig, sense, vorbei. Ich gebe ja offen zu, dass ich grad kein Musterkunde bin. So nimmt dann Jorgos den Dialog an sich, verknüpfte die beiden Enden und formt den Dialog zum Monolog um. Was ich immer wieder faszinierend finde, ist, dass Friseure reden, reden und reden und sich dann immer noch auf ihre Arbeit konzentrieren können. Jorgos ist ein Genie. In jeder Hinsicht.
"Et voila!", schreit Jorgos und ich zucke hoch. Vor Erschöpfung muss ich wohl eingenickt sein. Ich schaue in den Spiegel und kann es nicht fassen. Es ist ein Wunder. Unglaublich. Ich bin sehr erstaunt, denn aus dem ‚etwas länger stachelig nach oben' ist ‚noch länger, leicht toupiert mit einer Locke auf der Stirn' geworden. "Ähm Jorgos, ich habe eine Powerlocke im Gesicht." "Ich weiß, ist das nicht süß?" Dabei gluckst er und zuckt kurz mit den Schultern hoch, wobei sein Gesicht eine Grimasse schneidet, wie wenn man ein Baby zum Lachen bringen möchte. Mir ist aber eher zum Heulen zumute. Ich hätte Mooshammers Sohn sein können. Hilfe! "Sie sehen einfach fantastisch aus. Ganz anders", meint die Dame neben mir. Mit Tränen in den Augen meint ich nur: "Ja, er macht wirklich einen anderen Menschen aus mir!" Gepeinigt gehe ich zur Kasse, wo Katja mit mir abrechnen wird. Ich bezahle einen fairen Preis. Ich öffne die Ladentür, um hinauszugehen und Katja meint zu mir: "Sie sind wirklich ein anderer Typ geworden. Steht Ihnen wirklich gut." Das ist wohl das Abschiedsritual beim Friseur, denn danach würdigt Katja mich keines Blickes mehr. Als ich gerade die Strasse betrete, kommt ein gutaussehender Mann, mittleren Alters in den Friseursalon gestürmt. Er grüßt mich kurz und meint noch hektisch zu mir: "Ist er nicht ein Genie?" Drinnen sehe ich Jorgos und den hektischen Mann sich begrüßen: Handschlag, umarmen, küssen, Schulterklopfen.
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