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Teil 1 |
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Heute ist ein schöner Tag. Mein Chef hat mir den Tag freigegeben. Okay, vielleicht nicht offiziell freigegeben. Ich soll recherchieren. Ein Thema, das sich nur wieder Cheffe ausdenken kann: Warum MP3-Player keine Schallplatten abspielen können? So nutze ich den sonnigen Tag, um meinen Park einen Besuch abzuhalten. Langsam und genussvoll schlendere ich an einem Teich entlang. Bänke sind von einigen Menschen besetzt, die wie ich den Tag genießen. Leider sind alle Bänke schon besetzt. Nur eine Bank am Teich ist halb besetzt. Ein junger Mann im Kortjacket, hellblauer Jeans und schwarzen Lederschuhen sitzt mit nach hinten ausgebreiteten Armen eingehakt in die Lehne und hält seinen Kopf in Richtung Sonne gestreckt ist. Die schwarze Sonnenbrille verhüllt seine Augenpartie. Auf seinem Schoß erkenne ich ein rotes Notizbuch, in dem ein Kugelschreiber eingeklemmt ist. Ich weiß nicht genau, was mich genau zu ihm treibt, aber ich setze mich neben ihn, obwohl ich mich als Sologenießer bezeichnen würde. „Setz dich, Marvin“, sagt der Unbekannte, lächelt und hebt seinen Arm von der Lehne, „hier ist noch ein Platz frei.“ „Danke.“ Ich überlege kurz. „Kennen wir uns?“ „Sagen wir es so, ich kenne dich. Du mich wohl weniger!“ „Ooookaaay“, sage ich leicht verstört und denke „Psycho! Tzz!“ Die Enten quaken fröhlich und jagen sich, eine kleine, wohlgeformte Wolke verdeckt kurzzeitig die Sonne. „Ich bin ja eher dieser Sologenießer, wenn ich in den Park gehe. Ich denke dann immer über alles nach“, sagt der Unbekannte neben mir nach einer halben Minute Ruhe. Ich schaue ihm in die Sonnebrille, erkenne aber nur mein Spiegelbild und sage freundlich: „Meine Rede. Ich bin auch dieser Typ.“ Und nun gib Ruhe. „Manchmal werde ich richtig pathetisch. Alles scheint sich in diesem einen Moment der Schönheit klar zu werden. Fehlende Puzzelteile setzen sich zu einem Ganzen zusammen.“ „Hast du heute Freigang? Lass uns doch einfach den Tag genießen, ja?“ „Eigentlich wollte ich dich heute treffen und einen kleinen Plausch halten.“ „Aber wieso denn?“, frage ich genervt. „Wir kennen uns doch nicht.“ Der junge Mann öffnet sein Notizblock und kritzelt schnell eine kleine Textpassage in sein Buch. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, die Menschen und alles um uns herum steht still, gefriert und seine Stimme schallt in einem lauten, tiefen, vibrierenden Ton: „Maarvin, ich bin dein Vaater!“ Danach scheint alles wie zuvor. Die Sonne scheint wieder, alles erweckt zu Leben. „Jetzt echt?“, frage ich ängstlich. Sichtlich durch das Passierte eingeschüchtert. „Nein“, sagt der Mann lachend, „aber ich wollte den Spruch schon immer mal sagen.“ „Und das Ding mit dem Wetter gerade?“ „Ich gebe zu, dass war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich besitze einen dezenten Hang zur Dramatik. Wollte dich nicht verängstigen. Tut mir leid!“ „Aber was bist du dann? Ein Gott, ein Dämon, ein Engel, ein Alien? Willst du mich jetzt entführen? OH GOTT... nein!“ „Wow, komm’ runter. Nein, ich bin nichts dergleichen.“ Der junge Mann setzt seine Sonnenbrille ab und steckt sie in seinen T-Shirtkragen. „Was würdest du sagen, wenn ich dich erfunden hätte.“ „Häh?“ „Stelle dir vor, dass Phantasie real wird. Eine ganze Welt entsteht um dich herum. Alles um den kleinen Marvin. Die Häuser, die Freunde, dein erster Friseurbesuch, deine Gedanken über das Schreiben eines Tagebuches, und und und.“ „Truman-Show für Arme, oder was? Du spinnst doch. Ich weiß zwar nicht, wie du das gerade mit dem Wetter oder der Stimme gemacht hast, aber du bist doch ein entlaufener Verrückter. Ich rufe die Polizei!“ „Machst du eh nicht.“ Sofort zückt der Mann sein Notizbuch und schreibt einen Satz hinein. „Dann viel Glück bei der Suche.“ „Aha“, sage ich lauter, „du glaubst mir nicht? Na warte...“. Ich krame in meinen Taschen herum. Finde aber mein Handy nicht. „Nur noch einen Moment, ja? Nicht weglaufen. Du kommst noch schon in deine Zelle zurück.“ Ich werde wahnsinnig. Wo ist mein Handy? Ich bin mir sicher, dass ich es eingesteckt habe. „Ähm Marvin, suchst du das hier?“, und er zeigt mir mein Handy. „Und ein Dieb bist du auch noch. Oh, jetzt reicht es.“ Ich reiße ihm mein Handy aus der Hand und stehe auf. „Bevor du gehst, eine Bitte. Soweit ich weiß, gehst du heute ins Passion zu Sybille. Du hast sie schon lange nicht mehr gesehen und ich werde auch da sein. Sagen wir 20 Uhr dort?“ „Ich weiß noch gar nicht, was ich heute unternehmen werde“, sage ich trotzig. „Was hast du zu verlieren?“, dabei öffnet er sein Buch und sagt: „Na gut. Ich wollte diese Hellseher-ich-weiß-alles-Sache eigentlich unterbinden, aber ich kann dich schon verstehen.“ Und so liest er vor: „Du wirst heute Tom und Fred anrufen, doch sie verbringen den heutigen Abend zu viert. Natürlich bist du willkommen. Doch du wirst auf so einen Abend keine Lust haben und eine Alternative suchen. Dann wird dir einfallen, dass du Sybille eh schon lange nicht mehr gesehen hast und wirst dich für mich und sie entscheiden. Reicht das?“ „Genau, Herr Hellseher. So wird es ablaufen. Bestiiiimmt!“ „DU treibst mich noch in den Wahnsinn. Dann eben noch mehr. Du wirst deinen Postkasten öffnen und es wird folgender Inhalt zu finden sein: zwei große Werbeprospekte, eine Handyrechnung und dir wird eine Spinne entgegen krabbeln.“ „Wie groß?“, frage ich, um alles ins Lächerliche zu ziehen. Der Typ schaut in sein Buch hinein. „Davon steht hier nichts. Bis jetzt ist es nur eine Spinne.“ Er überlegt kurz, schaut in die Luft und sagt schreibend: „Durchmesser von drei Zentimetern, mit brauen und beigen Streifen geschmückt.“ „Und sprechen kann sie auch?“, frage ich lachend. „Wenn du magst“, sagt der angebliche Autor achselzuckend. „Sie kann ja meinen Namen rufen! HAHA! Wie immer du auch heißen magst, ich bin endgültig weg.“ „Ich heiße Marc Wiesollek.“ „Jaja, wie auch immer. Ich wünsche dir noch eine erfolgreiche Therapie.“ „Bis 20 Uhr, Marvin!“
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Teil 2 |
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Zuhause angekommen gehe ich schnurstracks an meinem Postkasten vorbei, schließe meine Wohnungstür auf und denke über diesen Verrückten nach. 20 Uhr heute? Mit dem Irren? Aber mich juckt es schon in den Fingern, den Postkasten zu öffnen. Ich verfluche meine Neugier und Naivität. So gehe ich in den Flur und öffne den Kasten. Ich finde zwei große Werbeprospekte und eine Handyrechnung. Aber keine Spinne. Lachend schüttel ich den Kopf und gehe in meine Küche, in der ich die Post auf meinen Tisch ablege. Beim Öffnen der Handyrechnung und Erkennen des Rechnungsbetrages höre ich meinen Namen rufen. Kaum hörbar. Akustische Halluzinationen? Der Typ hat mich echt geschlaucht, dass ich nun wirklich meinen Namen höre. Ich gehe zum Balkon und suche eine Person, die vielleicht meinen Namen gerufen hat. Vielleicht der Hausverwalter oder ein Nachbar, aber keiner steht dort. Auf dem Rückweg zum Küchentisch läuft mir eine Spinne über den Weg. „Iiihh, bist du fett!“, schreie ich und suche panikerfüllt einen Plastikbecher, um sie einzufangen. Bei genauerer Betrachtung stimmt das Aussehen mit der Beschreibung von diesem Wiesollek überein. Durchmesser von circa drei Zentimetern und ein braun-beiger Chitinpanzer. „Das ist echt gruselig“, denke ich mir und lasse die Spinne auf meinem Balkon frei. Lassen wir uns auf dieses Spielchen ein. Ich rufe Fred an. „Hallo Fred. Was geht heute Abend?“ „Schön, dass du anrufst. Ja, ich bin heute mit...“ Ich schalte mich sofort ein und sage selbstbewusst: „...Mona, Eva und Tom verabredet. Bis jetzt ist es nur ein Viererabend. Natürlich bin ich eingeladen“, und ich muss lachen. „Wieso lachst du denn?“, fragt Fred erstaunt. „Höh? Stimmt das etwa?“ „Aber 100-pro, Alter! Bist zum Hellseher aufgestiegen, oder wie? Du hast bestimmt vorher Tom angerufen und wolltest es nicht glauben und deswegen rufst du mich an.“ „Äh, nein, echt nicht. Da war so ein Typ im Park und der meinte, dass...“ „Klar“, lacht Fred, „genau. Aber wie du es schon erwähnt hattest, du bist herzlich eingeladen.“ „Du weißt, dass ich da nie richtig Lust darauf habe.“ „Dann suche dir eine Alternative. Können uns ja am späteren Abend sehen. Vielleicht im One O’Clock? Wir wollen da gegen 23 Uhr hin. Die Mädels wollen mal wieder tanzen.“ Völlig spontan, ohne nachzudenken, sage ich: „Ach weißt du, ich habe Sybille schon lange...“ PENG, mich trifft es wie ein Schlag und langsam mit irritierten Gedanken beende ich meine Aussage: „... nicht mehr... gesehen... also gehe ich ins... Passion.“ „Ok, Digger, überlege dir das mit dem One O’Clock. Wir sind ja ab 23 Uhr da!“ „Gut...“, ich lege auf, erstaunt über mein Verhalten. Hat dieser Wiesollek Recht? Was ist der genau? Wieso... warum... Ich halte entgeistert den Telefonhörer in meinen Händen und kann die Realität nicht greifen. Was ist real in diesem Moment? Was ist real?
Ich schaue auf die Uhr, 19:30 Uhr. Die Zeit kann schnell vergehen, wenn man sich in einem zeitlichen Gedankenloch befindet. Ich springe schnell unter die Dusche und ziehe mich für meine typische Weise an. Schnell noch Gel an die Haare, darin herumwühlen und fertig. Locker, legere, passt. Pünktlich betrete ich das Passion für 20 Uhr. An der Theke sehe ich Sybille mit diesem Wiesollek fröhlich quatschen und – oh Gott – die beiden flirten. Sybille kichert albern, schaut in einem zehn Sekunden-Rhythmus verschämt auf den Boden und versucht vergeblich seine Augen zu fixieren. Er lächelt charmant, gestikuliert wild und er scheint auch ihr nicht ganz abgeneigt zu sein. „Hallo Sybille, hallo Wiesollek“, sage ich laut und setze mich neben ihn. „Hallo Marvin. Schön, dass du da bist“, sagt er zu mir, „Sybille, bitte zwei Bier für uns.“ „Klar“, kichert Sybille albern und zapft zwei Blonde. Ich weiß gar nicht, wie ich beginnen soll. Die Kommunikation kommt nicht zustande. Wiesollek merkt das und schubst mich an: „Und? Hatte ich recht?“ „Naja, die Spinne hat meinen Namen nicht gerufen.“ „Ich weiß. Als du weg warst, habe ich mich umentschieden. Marvin, mal ehrlich, sprechende Spinnen?“ Er lächelt mich an. „Hier zwei Bier“, sagt Sybille und stellt sie auf den Tresen ab. „Danke, meine Liebe.“ „Ich habe dir auch gleich mal meine Telefonnummer auf den Deckel geschrieben“, dabei errötet Sybille leicht. Wiesollek lächelt zurück: „Danke. Ich rufe dich morgen an.“ „Hey, hey, hey“, werfe ich sauer ein, „wieso habe ich nie deine Telefonnummer bekommen?“ Sybille scheint zu gefrieren. „Ich trenne eben Beruf und Privat!“, sagt sie eiskalt. „Aber er hier gehört doch sozusagen auch zum Job – er ist Kunde!“ Verzweiflung liegt in meiner Stimme. „Marv“, unterbricht mich Wiesollek, „lass uns doch an einen Tisch setzen.“ „Aber... aber... aber...“ Wiesollek zieht mich von meinem Hocker und wir setzen uns an einen Zweiertisch. „Zigarette?“, fragt Wiesollek und bietet mir eine an. „Meine Marke. Danke!“ Wir zünden uns die Zigarette an und nehmen einen Schluck Bier. „Also Marv, ich bin hier, um dich endlich kennenzulernen.“ „Sagt der Erfinder meiner Person“, antworte ich mürrisch und fokussiere Sybilles Telefonnummer auf dem Bierdeckel. „Um ehrlich zu sein, ich habe mir unser Treffen wirklich leichter vorgestellt. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.“ „Wie wäre es mit dem Erfinderquatsch?“ Wiesollek schaut mich an, holt sein Buch heraus und schlägt die erste Seite auf. „Sehr gut. Okay. Schaue einfach in dieses Buch hinein. Vielleicht wird dann einiges klar.“ Er dreht es um 180 Grad und schiebt es mir zu. Ich blättere herum und erkenne diverse Namen, die mit Pfeilen eine Beziehung zu meinem Namen darstellen. Marvin, Pfeil nach unten, Tom, Fred, Sascha, in Klammern daneben ‚Jenny – lachen, schrecklich’, in Großbuchstaben und umkreist der Name Jasmin. „Bist du ein Stoker?“ „Einfach weiterblättern. Nimm dir die Zeit.“ Ich blättere weiter. Skizzenhaft ist das Telefonat mit meiner Mutter beschrieben, als mich plötzlich das S.E.K. überrascht hat. Das kann keiner wissen, da ich es keiner Menschenseele erzählt habe. Auf den nächsten Seiten lese ich ‚Jasmin und Marvin, große Liebe – Verhängnis Melvin, wie lernen sie sich kennen???’ „Jasmin?“ „Äh, ja“, Wiesollek zieht an seiner Zigarette. „Lass mich kurz einhaken. Weißt du, wie du Jasmin eigentlich kennen gelernt hast?“ Ich versetze mich in meine Vergangenheit zurück und antworte: „Sie war plötzlich da als mir ein Dachziegel auf den Kopf gefallen ist.“ „AHA“, triumphiert Wiesollek, „denk nach, denk nach.“ Ich versuche es wirklich, aber ich kann mich nur an diesen einen Moment erinnern. „Na?“, fragt mein Gegenüber, „kleines Erinnerungsloch?“ Ich ignoriere ihn und blättere weiter bis ich zur letzten Seite komme. Ich traue meine Augen nicht als ich folgendes lese: ‚Heute ist ein schöner Tag. Mein Chef hat mir den Tag freigegeben. Okay, vielleicht nicht offiziell freigegeben. ...’ Darunter lese ich ‚Himmel dunkel, Stimme godlike, nach Aussprache des Satzes alles im Normalzustand’ Ich ziehe an meiner Zigarette und bemerke meine zitternde Hand. „Hey, ganz ruhig, Marv, ganz ruhig.“ „Was willst du denn? Mir wird gerade bewusst, dass alles nur“, mir fehlen die Wörter. „Reale Phantasie ist oder phantastische Realität ist?“ „Erfunden! Dein Spielball! Einfach nur erfunden...“ Wiesollek scheint nicht mit meiner Reaktion gerechnet zu haben und erdrückt, peinlich berührt, seine Zigarette im Aschenbecher. „Also, äh, ja und nein. Also Spielball ist jetzt vielleicht ein bisschen zu hart ausgedrückt.“ Meine Gedanken verdrehen sich, aus meiner Angst wird Wut, aus meinem erkannten Nihilismus entsteht ein Überlebenswille. Ich fühle mich vollkommen gebrochen. „Alles so irreal. Irreal“, ich stehe auf und verlasse das Passion. Ich kann meine Verzweiflung über das Geschehene nicht begrenzen. Jeder weitere Gedanke entwickelt eine stärkere Kraft, um aus dem Hirngespinstgefängnis auszubrechen. Vor dem Passion gehe ich auf und ab. Das ist der Film ‚Matrix’, das kann nur dieser Film sein und ein verrückter Traum zugleich. Ich schlage mir ins Gesicht. KLATSCH! „Aua“, schreie ich. Echt blöde Idee, aber alle schlagen sich, wenn man die Überprüfung von Realität und Traum vollzieht. Kenne ich nur aus dem Fernsehen und selbst da funktioniert es nicht. Klischees müssen eben sein. Ich schließe die Augen und sammle meine Gedanken. „Du hast mich erfunden, dann mache dich auf etwas gefasst“, denke ich und betrete wieder das Passion. Wiesollek sitzt am Platz wie zuvor und hat eine neue Zigarette im Mundwinkel. „Okay“, sage ich sauer, „jetzt habe ich ein paar Fragen.“ „Setz dich. Frage mich alles, was du willst. Sybille? ... Marvin, noch ein Bier?“ Ich nicke. „Zwei Bier bitte!“ „Kommt sofort!“ Ich atme tief ein und stelle meine erste Frage: „Wenn du also alles hier erfunden hast, wieso lässt du dir dann eine Telefonnummer von einem aus deiner Phantasie erfundenem Mädel geben? Ist das nicht ein klägliches Armutszeugnis?“ Wiesollek überlegt, dann sagt er: „Hm, gute Frage. Sagen wir es so: alles was du siehst, kennst, wahrnimmst, kommt von dir aus. Stelle dir diese Welt wie eine leere Wohnung vor, in der du dich befindest. Du existierst in diesem Raum, aber ich stelle nur die Möbel hinein, wie zum Beispiel einen Tisch. Was du mit dem Tisch machst, bleibt dir überlassen. Die Dinge sind real, keine Frage. Das heißt, der Tisch existiert wirklich und erfüllt seine Funktion...“ „Blablabla... ein Tisch oder was auch immer hat keine Charakterzüge. DU schaffst sie doch. Und komme endlich auf meine Frage zurück.“ Wiesollek zieht eine Augenbraue hoch. „Ja, äh... guter Einwurf. Kommen wir also direkt zu Sybille.“ „Was ist mit mir?“, fragt sie mit zwei Bieren in den Händen lächelnd. „Hier, dein Wiesollek hat dich nur erfunden. Dich gibt es gar nicht.“ Sybille schüttelt genervt den Kopf und verschwindet wieder. „Sybille war zuerst ein Mittel zum Zweck. Sie entstand, da ich jemanden hinter einer Bar brauchte. Sie war auch zuerst nur eine Person ohne Namen hinter einer Bar bis sie zum ersten Mal etwas sagte, was ich nicht wollte. Sie entwickelte plötzlich eine Eigendynamik.“ „Entschuldige mal, aber das klingt schon ein bisschen schizophren.“ „Marvin, auf diesem Prinzip entstand das alles hier“, und Wiesollek lehnt sich mit ausgebreiteten Armen zurück und deutet die Umgebung an. „Und mal unter uns“, fährt er fort, „das alles ist schon ein Abklatsch von der Stadt Dortmund.“ „Wie kreativ“, sage ich spöttisch. Wiesollek lächelt mich aber nur an. „Um dir dieses Prinzip der Eigendynamik näher zu bringen. Siehst du mich denn jetzt schreiben? Du kennst die letzte Seite aus meinem Buch und diese Unterhaltung ist nicht schriftlich verfasst worden. Deine Fragen, deine Reaktionen kommen aus dir. Ich habe nichts damit zu tun.“ Da hat er recht. Er schreibt nichts mit. Das Buch liegt immer noch vor mir. „Das heißt, wenn du willst, könntest du alles erschaffen. Dann lasse doch Sybille nackt auf dem Tresen tanzen.“ „Och Gott, Marvin“, sagt Wiesollek, „ich werde sie bestimmt nicht nackt tanzen lassen.“ „Dann eben nur tanzen?“ Er schüttelt den Kopf. „Mach irgendetwas. Egal was. Ich will Beweise!“ „Hattest du denn nicht genügend Beweise?“ „Nö!“ Wiesollek atmet genervt aus, nimmt sein Buch und schreibt einen Satz hinein. „Moment“, unterbreche ich, „was Surreales. Nichts Langweiliges. Das schaffst du doch wohl, oder?“ „Okay“, und so schreibt er weiter, dann blättert er eine Seite um und schreibt Stichpunkte auf. „Wieso dauert das so lange?“ Plötzlich hört man aus dem Klo ein weibliches Schreien: „Iiihhh, eine Ratte! Iihhh!“ Er blättert eine Seite zurück, dreht das Buch in meine Richtung und ich lese leise: ‚Plötzlich hört man aus dem Klo ein weibliches Schreien: „Iiihhh, eine Ratte! Iihhh!“’, blättere aber auch die Seite um und lese: „Milch, eine Packung Toast, Margarine, Pizzateig“. Ich schaue hoch: „Ein Einkaufszettel?“ „Klar, ich muss morgen einkaufen. Mein Kühlschrank ist vollkommen leer.“ Die Ratten-Frau erscheint an der Theke, schreit Sybille zusammen und vergewissert, dass sie diesen Laden nie mehr besuchen werde. „Oha“, sage ich, „das ist aber nicht gut für das Geschäft und Surreal auch nicht. Ratten auf dem Klo?“ „Womit wir zu dem Eingreifen in die Eigendynamik kommen. Alles zieht seine logischen Schlussfolgerungen. Wenn wir Pech haben, wird nun genau wegen dieser einen Situation das Passion geschlossen. Sybille arbeitslos, und und und...“ „Aber du kannst doch alles ändern.“ „Manchmal kann ich eingreifen, aber ab und zu kann ich es wiederum nicht. Denken wir an das simple Beispiel der Zeitreisen.“ „In wie vielen Tagen hast du denn diese Welt geschaffen?“ „Werde nicht zynisch, bitte. Alles war ein langer Prozess und nicht in sieben Tagen, wenn du schon auf Gott anspielst.“ Ich bin verwirrt und ganz kann ich das Prinzip dieser Eigendynamik nicht begreifen. „Ich will von dieser Gottesfrage nicht weg. Wenn du eventuell eingreifen kannst, bist du dann ‚mein’ Gott?“ „Um Gotteswillen, nein, ich bin kein Gott, Marvin. Ich bin ich und du bist du! Wenn ich du wäre, wärst du nicht du. Aber du bist du, da...“ „Eigendynamik? Das bringt mich jetzt echt weiter“, sage ich ironisch. „Also, ich bin wie ich bin?“ Wiesollek nickt. „Alles fing mit mir an.“ Er nickt erneut und freut sich über meine Erkenntnis. „Wieso konnte ich dann kein Spacecowboy werden?“ Seine Begeisterung verfliegt sofort. „Ich bin kein Fan von Science Fiction.“ „Oder Herkules. Sohn des Gottes Zeus?“ „Du saßt doch mit diversen Göttern in einer Runde. Das kann nicht jeder von sich behaupten.“ „Ach ja, stimmt, und keiner würde es mir je glauben. Aber wieso habe ich keinen Ferrari?“ Wiesollek schaut mich skeptisch an, sagt aber nichts. „Okay“, werfe ich mildernd ein, „oder nur einen BMW? So einen süßen Z8, oder so? Zur Fortbewegung halt. Mehr doch nicht, Mensch!“ „Brauchst du sowas?“ „Eigentlich nicht.“ Au man, erst denken, dann reden, denn sofort erhalte ich die Antwort: „Siehst du. Deswegen. Du hast doch alles, was du brauchst. Freunde, eine Wohnung, soweit ich weiß, gibst du mittlerweile auch Lesungen und dein Leben ist kaum langweilig.“ „Da sprichst du was an, Wiesollek.“ „Bleiben wir bei Marc, okay?“ „Okay, mein Leben ist nicht langweilig. Aber ab und zu fühle ich mich vom Schicksal auserwählt, nur – ich sage mal – Unschönes zu erleben.“ Ich halte kurz inne. „Moment, DU bist mein Schicksal. Wieso lässt du mich dann so leiden? Bin ich eine Sitcom für dich und bringe Quoten?“ „Nein, die Realität, ob nun in deiner oder meiner Realität oder sogar der Phantasie, existiert auf jeder Ebene. Es gibt immer einen logischen, menschlich interaktiven, roten Faden. Ob du nun im Weltall hängst oder mit Göttern am Tisch hockst, sie alle agieren untereinander. Wir Menschen flechten nur die uns bekannte Realität in jede Ebene ein, um jede Phantasie zu verstehen bezüglich unserer Denkweise natürlich. Selbst bei Star Trek entstehen romantische Liebesgeschichten oder Streitereien, die jedermann nachvollziehen kann. Auch wenn Star Trek vollkommen erfunden ist, besteht eine gewisse uns bekannte Realität. Somit existiert auch wiederum alles, da es real ist und auf unseren gedanklichen Säulen beruht.“ „Das klingt ein bisschen verrückt.“ „Ja“, sagt Marc lachend und schüttelt den Kopf, „stimmt. Besser kann ich es wohl kaum beschreiben. Obwohl warte, stelle dir einen Fächer vor. Ausgeklappt bestehen mehrere Ebenen, klappen wir aber den Fächer zusammen, liegen alle Ebenen genau mit dem bekannten Realitätsbezug sozusagen übereinander und er scheint eine ‚reale Einheit’ darzustellen.“ „Weichst du mir mit Absicht aus oder wieso bekomme ich keine Antwort auf meine Frage?“ „Du hast recht. Ich dachte mir nur, dass ich diese Realitätsfrage auf mehreren Ebenen klären sollte, bevor ich fortfahre. Also, Marvin, ich lasse dich nicht leiden, sondern, was dir passiert ist ein ganz normaler, realer Alltag. Und der Alltag kann skurril und schmerzhaft sein. Glück und Pech, Liebe und Hass liegen eben eng beieinander und das kennen wir alle. Darum leidest du nicht, sondern führst ein Leben wie jeder andere auch. Nur weil wir uns jetzt treffen, kannst du mir nicht vorwerfen, ein Täter zu sein und du das Opfer. Denn wir beide wissen, dass du meistens mit deinem sarkastischen Biss der Täter bist. Und das in jeder gedanklichen Welt.“ „Das heißt, ich bestimme mein Schicksal.“ „Genau! Lieber Gott, er hat es. Er hat es. Danke!“ Die Anspannung entweicht seiner Körperhaltung. „Kennst du den Begriff Schicksalsknoten?“, frage ich. „Was genau meinst du damit?“ „Ich bestimme mein Schicksal, aber kann es sein, dass es immer bestimmte Knotenpunkte gibt? Also wenn man einen dieser Knoten erreicht, wählt man seinen Weg und beschreitet diesen einen Weg bis zum nächsten Knoten mit weiteren Verzweigungen. Aber die Entscheidung liegt alleine bei mir?“ „Wenn man das Leben so betrachtet, würde ich dir nur zustimmen. Ich merke natürlich deine Anspielung, und wenn du mich mit dem Schicksal gleichsetzen möchtest, dann JA, ich setze maximal, und wichtig, wenn überhaupt, die Knoten mit den weiteren Wegmöglichkeiten.“ „Nur für mich, oder? Immerhin bin ich der Star hier“, sage ich schmunzelnd. „Jetzt erinnerst du mich an die Truman-Show für Arme. Nein, das gilt für Tom, Eva, Fred, Mona und alle anderen. Selbst für den Mann am Tresen dort vorne. Alle sind eingebunden.“ „Ach so“, sage ich leicht eingeschnappt. „Was verlangst du denn? Jeder hat sein eigenes Leben.“ „A-hm!“ „Mann, okay, du wirst schon näher fokussiert. Wäre das besser für dich?“ „Ein bisschen.“ Marc lehnt sich zurück. Er blinzelt mich an und fragt: „Wer hat dich eigentlich zu solch einer Zicke gemacht? Ich war das auf jeden Fall nicht.“ „Die Eigendynamik, mein Herr, nur die Eigendynamik.“ Wir beiden lachen und Marc sagt abschließend: „Wenigstens hast du das verstanden. Prost!“
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Teil 3 |
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Nach dieser kleinen Aussprache über die seltsame Eigendynamik und Fächertheorie entsteht doch tatsächlich noch ein lustiger Abend. Sogar Sybille setzt sich zu uns und lauscht den philosophischen Aussagen, die aus uns beiden heraussprudelt. „Jungs, wie lange kennt ihr euch denn schon? Man könnte denken, ihr seid verwandt.“ Wir beide kichern wie kleine Mädchen: „Marvin ist so was wie ein kleiner Bruder für mich“, antwortet Marc. Doch Sybilles Interesse deutet mehr auf Marcs Person hin und ich bin kein bisschen neidisch. „Was machst denn so?“, fragt Sybille Marc. „Im Groben bin ich eine Art Architekt. Nebenbei schreibe ich ein wenig.“ „Oh, wie Marv hier. Dann habt ihr ja schon eine Gemeinsamkeit“, sagt Sybille freudig. Die beiden vertiefen sich in einem Gespräch. Ich nutze die Gelegenheit, um mir das Buch zu schnappen. Mit dem Buch gehe ich an den Tresen, nehme einen Kugelschreiber und schreibe auf der letzten Seite ‚Sybille tanzt auf dem Tisch’. Ich schlage das Buch voller hoffnungsvollen Erwartung zu und warte. Aber nichts passiert. Sybille sitzt weiterhin an unserem Tisch und ich erkenne nicht annähernd eine angehende Tanzbewegung. „So“, höre ich Sybille sagen, „ich muss mal wieder. Bleibt ihr noch ein bisschen?“ „Ich denke schon.“ Ich setze mich an den Tisch zurück. „Kollege, wieso passiert nichts, wenn ich in dein Buch schreibe.“ Marc schaut mich an und sucht sein Buch. „Wo ist es denn?“ „Hier“, ich zeige es ihm in meiner Hand. Marc nimmt das Buch und liest meinen Satz. Auf einmal schmunzelt er. „Du Fuchs“, sagt er, „nett war das ja nicht. Aber ich würde es wahrscheinlich auch ausprobieren. Aber es passiert deswegen nichts, weil es keinen Sinn ergeben würde.“ „Das kapiere ich nicht.“ „Bedenke die Logik, Marv. Warum sollte ein Mensch, der sich normal in einer geselligen Runde unterhält, plötzlich aus heiterem Himmel anfangen zu tanzen?“ „Weil es in diesem Buch steht. Wie sonst sollte dann dein Auftritt heute Nachmittag funktioniert haben? Mit dem Wetter, der Stimme, dem Einfrieren der Personen!“ „Du bist gut, Marv. Echt gut. Also, die Logik spielt natürlich weiterhin eine Rolle. Aber wie hätte ich denn sonst dich dazu bewegen können, mir zu glauben? Ist es nicht wieder logisch, dementsprechend diese dramatische Show einzufädeln?“ „Gibt es keine Ausnahmen?“, frage ich, mit dem Hintergedanken das Buch bei einer Möglichkeit verschwinden zu lassen, um vielleicht nur ein bisschen darin herumzuspielen oder eher zu kritzeln. „Marvin, auf was willst du hinaus? Wir haben über das ganze Prinzip gesprochen und ich dachte, du hättest es verstanden.“ Ich schlage die erste Seite auf und zeige ohne Kommentar auf den Namen ‚Jasmin’. Marc schlägt die Hände über den Kopf zusammen, lehnt sich zurück und schaut mich ernst an. Ich ahne, dass ich wohl irgendetwas gefunden habe, das wohl nicht richtig in seiner Welt gelaufen ist. „Ach Marv, deine Jasmin!“, seufzt er. „Da habe ich mir eine Eigentor geschossen. Das alles entgleiste irgendwie. Obwohl, das muss ich betonen, es zum Leben dazu gehört. Unerfüllte Liebe mit einem Hin und Her der Gefühle.“ „Du sagtest gerade ‚entgleisen’. AHA“, sage ich euphorisch wie ein Inspektor, der den Fall gelöst hat. „Du weißt, dass ich nirgendwo eingreifen werde.“ Ich setze meinen Dackelblick auf. „Marvin, NEIN!“ Ich wimmere pathetisch wie ein kleiner, süßer Welpe. „Hoch man, NEI-EN! Die Show zieht überhaupt nicht bei mir.“ „Nur einmal. Nur ein kleines Mälchen, kaum bedeutend. Du musst doch nur eine Hochzeit verhindern, sie mich lieben lassen, Melvin vollkommen aus dieser Welt ausradieren und...“ „Wie denn? Soll Melvin etwa etwas zustoßen?“ „Also... nun... kann ja auch alles ganz schnell gehen!“ „Marvin, ich bitte dich. Ich appelliere an dein Gewissen!“ Ich weiß, dass Marc recht hat, aber möchte meinen Willen auf eine Art schon gerne durchsetzen. Marc denkt sichtlich nach. Er blättert wild in seinen Notizen herum und hält inne. Ich will es nicht glauben, aber macht mir einen Vorschlag: „Gut, okay... Glücklich bin nicht darüber, aber du sollst von mir die Jasmin-Chance bekommen, um dir zu beweisen, dass es dich nicht erfüllen wird. Nennen wir es gleich eine Lehre.“ „Eine Lehre?“ „Um dir wirklich das Prinzip der Eigendynamik zu beweisen, und du siehst, ich halte meine Hände hoch in die Luft ohne Stift, ohne Block. Du wirst zu mir kommen und alles im ursprünglichen Zustand haben wollen.“ „Ja klar“, sage ich die Spannung kaum aushaltend, „schreib schon, schreib schon.“ „Ich habe eine Bitte, bevor ich anfange. Beantworte mir diese Frage aber erst, wenn du wieder zu mir kommst: willst du fungierte oder reale Liebe?“ „Ich will doch nur...“ „Äh-äh, halte dich zurück. Ich weiß nicht, ob du schon die richtige Antwort sagen wolltest, aber ich lasse mich überraschen.“ „Du kommst echt altklug rüber.“ „Vielleicht daher, da du eine falsche Entscheidung triffst. Aber ich sehe mich jetzt nicht als Moralapostel, da ich dich verstehen kann. Sonst würde ich dir diese Chance nicht geben. Wir alle sind nur Menschen. Lass mich jetzt schreiben.“ So schreibt Marc um die zehn Minuten seitenlang einen Text herunter. Plötzlich klingelt mein Handy. Ich schaue verdutzt Marc an und er nickt mir zu: „Du solltest drangehen.“ Ich hebe ab: „Vascandu?“ „Jo, Fred hier. Du wirst es nicht glauben. Wir sind hier gerade angekommen und Jasmin ist auch hier.“ Marc nickt mir erneut zu. „Ohne Melvin?“, frage ich Fred, Marc im Auge behaltend. „Eben! Das ist ja der Hammer. Sie hat sogar nach dir gefragt.“ „Bin sofort da“, so lege ich auf, „Jasmin ohne Melvin im One O’Clock. Bisschen unkreativ, oder?“ „Hau bloß ab oder ich schreibe alles um“, sagt Marc lachend. „Bleibe übrigens hier im Passion“, dabei knipst er in Sybilles Richtung ein Auge zu, die sofort kichert. „Also, bis gleich, Marvin.“ „Wetten wir nicht?“ „Um was wetten wir?“ „Hm, um einen Schicksalknoten?“ „Alles klar. Wetten wir um einen Schicksalknoten.“ „Du findest übrigens meine Nummer in deinem Handy. Nur für den Notfall!“ Ich weiß nicht warum, aber sein Blick verrät mir, dass ich seine Nummer benutzen werde. Nur Gott weiß warum.
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Teil 4 |
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Jasmin ohne Melvin. Ich bin begeistert. Wie durch Zufall erwische ich jede Bahn, die ich zum Erreichen der Diskothek benötige. Keine Wartezeiten und als der Busfahrer auch noch zufällig genau am One O’Clock hält, sende ich ein kleines Stoßgebet an Marc. Ich bezahle noch nicht einmal Eintritt, da der Türsteher auf einer meiner Lesung und dermaßen begeistert gewesen ist, dass ich mit einem Schulterklopfer hereingedrückt werde. Wie Moses das Meer geteilt hat, teilt sich die Menge bei jedem Schritt vor mir bis die Gasse genau zu Jasmin führt. Wie meinte Marc? Ein dezenter Hang zur Dramatik? Jasmin sitzt alleine mit Eva an einem Tisch und beide unterhalten sich. Jasmins Traurigkeit spüre ich bis zum Ende der Gasse. Was ist wohl passiert? Bei den beiden angekommen, möchte ich gerade Hallo sagen, als plötzlich Jasmin in meinen Arm springt und schluchzt. Es ist ein Wimmern, welches mein Herz zerreißt. „Was denn los?“ „Melvin ist.... Melvin ist....“ Oh nein, Marc hat es nicht wirklich getan, oder? „Tot?“, frage ich schockiert. Jasmin wird kurz ernst, trotz verweinter Augen, krabbelt sich aber wieder in mich hinein: „Melvin ist... fremdgegangen!“ „Bin ich froh“, sage ich. „Was?“ „Nein, nein. Dachte, er hätte einen Unfall gehabt!“ „Nein, er ist mit einer anderen Jasmin fremdgegangen. Keine Ahnung, wer das ist. Fred meinte, er würde sie kennen. So eine Kunststudentin.“ Oh, oh, sie meint meine Jasmin2. Verdammt, das ist fast kreativ. „Ich habe sie heute Nachmittag erwischt. Beide nackt, Arm in Arm. In unserem Bett!“ „Äh, ihr wohnt zusammen?“, denn das habe noch gar nicht gewusst. „Ja, Marv, Mensch, seit einem halben Jahr schon. Wir wollten heiraten, falls du das noch weißt.“ Natürlich kenne ich den Abend, wo diverse Verlobungsglocken läuteten. Immerhin habe ich dort eine unvorbereitete Rede halten müssen. „Okay, ganz ruhig. Pssss“, flüstere ich ihr ins Ohr, „sollen wir verschwinden?“ „Nichts lieber als das, Marv.“ So gehen wir aus dem One O’Clock und spazieren durch die Innenstadt. Alles scheint perfekt. Die Dunkelheit der Nacht, die leuchtenden Laternen und unsere Schatten spiegeln ein verliebtes Pärchen wider. Tauben gurren um uns herum und es scheint, dass sie sogar ‚Kiss her’ von Disneys Arielle, der Meerjungfrau, gurren. (War das auch wieder Marc?) „Wo willst du denn hin?“, frage ich. „Lass uns einfach hier hinsetzen und reden.“ Warum nicht? Ich zünde eine Zigarette an und Jasmin nimmt sich auch sofort eine. Nach einer halben Zigarettenlänge beginnt Jasmin die Konversation. „Wieso habe ich das nicht vorher gewusst. Ich meine, wie kann ich nur bei einem Typen bleiben, der mich vor seinen Eltern versteckt und verleugnet, und nur weil er mir einen Heiratsantrag macht, sage ich sofort ja?“ Wieso ist sie auf einmal realistisch? Sieht die Welt, wie meine? Ich zücke mein Handy. „Warte mal, ich muss kurz was per SMS klären, ja?“ Ich tippe: „Marc, eine Frage: ihre Einsicht, also Eigendynamik oder nur DU?“ Senden und schnell wie der Wind bekomme ich eine Antwort: „Sag ich dir nicht...“ Klasse. Egal. Ich habe meine Jasmin neben mir. Zwar ist sie am Boden zerstört, aber vielleicht kann ich sie aufbauen. „Bin fertig, Jasmin. Kann ich irgendetwas für dich tun?“ „Halte mich, Marvin, halte mich einfach, bitte!“, und sie weint wieder fürchterlich. Es tut weh, unheimlich weh. Ich halte sie, streichle ihren Kopf, versuche sie zu beruhigen, aber jeglicher Akt zum Versuch einer Beruhigung verschlimmert alles nur. Jedes Streicheln führt zu einem weiteren heftigen Schluchzen und Weinen ihrerseits. „Ich kann nicht mehr, Jasmin!“, sage ich mit Tränen in den Augen. „Das wollte ich dir nie antun. Diese Schmerzen. Alles... alles...“ Ich kann meine Tränen nicht mehr verstecken. Jasmin schaut mich schockiert an und nimmt mich nun in den Arm: „Du kannst nichts dafür!“ Wir beide weinen nun. In mir rührt sich eine Falschheit, die ich vorher nie spüren wollte. Wie link ich mich plötzlich fühle. „Wie konnte ich dir das nur antun?“ „Was meinst du denn? Du hast nichts getan, Marv.“ Ich schaue in ihre Augen. Die Tränen lassen ihre Pupille im Schein der Laternen wie Rohdiamanten wirken. „Stelle dir vor, ich wäre an Melvins Fremdgehen Schuld. Was würdest du dann sagen?“ „Aber du hast keine Schuld. Nur er alleine.“ „Die Frage ist für diesen Moment echt unpassend, aber was wäre, wenn ich wirklich der Grund wäre, was ist dann?“ Jasmin kann ihrem Weinen ein Ende setzen und meint: „Dann würde ich dich wahrscheinlich fragen, ob du wirklich daran Schuld hättest.“ „Dann würde ich, rein theoretisch, ja sagen.“ „Ich würde gehen und dich nie wiedersehen wollen.“ „Hhm“, sage ich nachdenkend, „das könnte ich sogar verstehen. Aber so wirklich gar keinen Kontakt mehr?“ „Du wärest für mich gestorben. Die eine Frage, die mich verfolgen würde, wäre: Wieso tust du mir das an? Für was hätte ich solch eine Bestrafung von dir verdient? Wieso ich? Oh, jetzt sind es doch mehrere Fragen geworden.“ Wir beide lächeln endlich wieder. „Aber wieso fragst du?“ „Ich will ehrlich sein. Ich habe mir diesen einen Moment immer vorgestellt, dass du Melvin verlassen wirst. Ich wusste, was ich dir sagen werde, wie ich mich verhalten werde, aber ...“ „Du liebst mich immer noch, oder?“ „NATÜRLICH“, sage ich laut und stehe auf. „Und genau das macht es mir so schwer, dich gehen und gleichzeitig nicht gehen zu lassen. Ich sollte dich gehen lassen und alles wieder zum Nullpunkt bringen. So wie es eben vorher war.“ „Bist du verrückt geworden? Wovon sprichst du überhaupt?“ „Vom Eingreifen in die Eigendynamik!“, rufe ich. Endlich verstehe ich, was Marc mir die ganze Zeit zu erklären versuchte. Alles wird eindeutig. Ich sinke auf die Knie, halte mein Gesicht in meinen Händen. Natürlich versteht Jasmin hingegen kein Wort und mein Verhalten erst recht nicht. „Warum wirst du so dramatisch?“ „Liegt in der Familie, denke ich. Aber eine Frage: warst du mit Melvin glücklich?“ „Ja, er hatte sich wirklich geändert. Unsere Eltern verstehen sich untereinander und ich war wirklich glücklich. Wieso fragst du?“ „Ich muss noch eines wissen, bevor oder als Melvin in unser Leben trat, hast du mich jemals geliebt?“ „Du meinst den Abend im Park? Wir beide?“ „Eher den Kuss auf dem Klo auf der Verlobungsfeier! Du hattest mich geküsst und wolltest wissen, ob ich nicht doch der Richtige bin.“ „Marvin, für wen habe ich mich im Endeffekt entschieden? Trotz des Kusses?“ „Für Melvin?“, frage ich und mein Herz zerreißt. „Lass es mich bitte formulieren. Ich will dich. Ich will dich wirklich. Dein Problem, was mich wieder Mal zu Melvin trieb, war, dass du nicht deine Gefühle mir gegenüber äußern konntest. Bis heute aber.“ „Liebst du Melvin noch?“, frage ich.
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Teil 5 |
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„Ja, aber jetzt bist du da. Und ich erinnere mich an meine Gefühle für dich.“ „Wow, das ging schnell. Ich will kein Ersatz sein.“ Eine schleichende Stille stellt sich ein. Wir beide schauen auf den Boden. Doch nach einer Minute Schweigen gehe ich auf Jasmin zu, küsse sie auf die Stirn und sage: „Werde bitte glücklich mit Melvin.“ „Spinnst du oder was?“, schreit mich Jasmin an. Ich nehme mein Handy und wähle Marcs Nummer. „Hallo... ich bin’s. Ich komme vorbei.“ „Schließe die Augen“, höre ich Marc aus dem Handy sagen und ich schließe meine Augen. „Mit wem telefonierst du denn daaaaaa............“ „Öffne die Augen“, höre ich Marc vor mir sagen und gleichzeitig durch das Telefon. Als ich die Augen öffne, sitze ich im Passion und alles ist wieder eingefroren. „Habe ich die Wette gewonnen?“, fragt er mich. Traurig schaue ich auf den Tisch, da ich schon sitze. Vor mir sogar ein frisches Bier. „Ja, hast du.“ „Was hast du denn gelernt?“, fragt er mich, ohne die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen. „Erstens hatte ich immer den Hintergrundgedanken, dass du alles fungiert hattest und das war kein schönes Gefühl. Woher sollte ich nun wissen, was real und eben du warst.“ Marc nickt. „Zweitens bekam ich einen Schock, dass ICH der Grund an Melvins eventuellem Tod gewesen wäre. Das hätte ich nie verarbeiten können, aber hier ein Kompliment an dich. Sehr dramatisch gelöst mit dem Fremdgehen und ihrem ‚Melvin ist...’. „Marvin, ich war das nicht. Natürlich schrieb ich den Grund ‚fremdgehen’, aber sie selbst hatte so agiert. Daran erkennst du, dass es doch an deinem Gewissen nagte.“ „Schon, stimmt. Aber drittens und am Wichtigsten habe ich gelernt, und das sehr schmerzvoll, dass man das Schicksal nicht verändern kann. Hat man den Weg A gewählt, so führt trotz anderer, manipulierter Veränderungen alles zum Weg A zurück. Als ob eine bestimmte Sache geschehen sollte, egal, wie man es dreht und wendet. Oder hast du alles fungiert? Falls ja, ich will nie mehr fungierte Liebe. Ob von dir oder mir. Dann bleibe ich lieber ein hoffnungsloser Romantiker.“ Alles um uns herum erweckt zum Leben. Gerede neben uns, die Spielautomaten singen ihre Melodie, Sybille fragt „Zwei Bier noch?“ und Marc hebt nur sein Glas Bier hoch und antwortet: „Danke, wir haben noch.“ „Was ist denn jetzt passiert?“, frage ich, die Realität nicht erkennend. Aber was ist schon Realität an diesem heutigen Tag? „Du hast mir die richtige Antwort gegeben. Ach ja, schau einmal auf deine Uhr, Marvin.“ Ich schaue auf meine Uhr und erkenne, dass es gerade 20:30 Uhr ist. „Um deine Frage zu beantworten. Ich habe nichts fungiert. Eben nur den Grund, dass Jasmin in diese Disko kommt und all die ganzen Bus- und Bahn-Geschichten.“ „Und den Türsteher?“ „Ja, okay, den auch. Wollte dir ein bisschen schmeicheln.“ „Wie nett!“ „Hey, unter uns Schriftstellern, kein Problem! Ich weiß doch, wie hart der Job ist.“ Ich schaue mir die Umgebung an und fühle mich pudelwohl. Alles ist, wie es ist. Nichts ist fungiert. Alles normal. Ich bin ich, und ich bin das, was ich sein will. Doch liegt mir ein Tropfen der Bitterkeit im Gedächtnis. Die Wette um einen meiner Schicksalsknoten. „Du, Marc?“ „Ja bitte?“ „Wie hatten doch die Wette.“ „Ist schon geregelt.“ „Oh“, sage ich ängstlich, „dann bin ich mal gespannt.“ „Du wirst auch damit klar kommen. Ich baue da auf dich, Großer! Aber“, Marc streckt seine Glieder in alle Richtungen, „es ist Zeit zu gehen. Ich habe heute noch ein Blinddate aus dem Internet.“ „Wird es schlimm werden? Also mein neues Schicksal?“ „Gehe deinen Weg, Marvin und bleibe so wie du bist. Enttäusche mich nicht. Schlimm könnte das neue Date gleich werden. Wir reden hier immerhin vom Internet.“ So geht Marc aus dem Passion und zwinkert mir noch kurz zu.
Ich nehme einen Schluck Bier und kann die heutige Erfahrung noch gar nicht richtig glauben. Sybille kommt auch mich zu und spricht mich an: „Hey, also, äh, Marv???“ „Was ist denn?“ „Sollen wir uns mal auf einen Kaffee treffen?“ Ich schaue auf den Ausgang, den Marc benutzte, dann auf Sybille und sage stotternd: „Ja... äh... klar... also... ?“ „Ich habe gleich Feierabend und eine neue Hilfskraft kommt gegen 21 Uhr. Ich meine, wir müssen auch keinen Kaffee trinken. Vielleicht ein Bier irgendwo anders?“ „Äh, klar, also, sicher! Sehr gerne, Sybille! Aber du hast doch Marc deine Handynummer gegeben und so...“ „Ja, aber nur, da er einen Veranstalter kennt, der Solosänger auftreten lässt. Ist ein kleiner Laden. Aber die spielen und lieben eben Blues und Jazz.“ „Du singst? Wow, und dann sogar Jazz? Das wusste ich nicht. Aber du meintest doch zu mir, dass du Privat und Beruf trennst?“ „Klar, ich kann doch nicht vor einem Kunden einfach meine Telefonnummer herausgeben!?!“ „Aha... okay. Zu deinem Angebot, immer noch gerne. Klar! Lass doch gleich ein bisschen rumziehen!“ Sybille freut sich und macht die Kasse, dann ruft sich noch: „Eines sollte ich dir von Marc noch ausrichten. Irgendwas über Eigen- und Fremdwahrnehmung bezüglich Flirten. Weiß aber auch nicht genau, was er meinte.“ Darauf muss ich eine Rauchen. Ich habe anfangs ja wirklich geglaubt, dass die beiden miteinander flirten. Soviel zu Eigen- und Fremdwahrnehmung. Ich suche mein Feuerzeug in meinen Jackettaschen und finde anstatt meines Feuerzeuges einen gefalteten Zettel, auf dem folgendes steht: „Wer sagt denn, dass jeder Schicksalknoten schlimm sein sollte? Gruß, Marc - P.S.: Deine Zigaretten habe ich verschwinden lassen. Du wolltest doch eh schon seit einem Jahr aufhören“ und ein Pfeil, gemalt auf diesem Zettel, zeigt direkt auf Sybille. Schnell rufe ich noch Jasmin an. „Hallo?“ „Ja, hallo Jasmin. Marvin hier!“ „Mann, du hast dich ja eine Ewigkeit nicht mehr gemeldet!“ „Ja, das tut mir auch leid. Was machst du so?“ „Du, gerade sind Melvin und ich mit unseren Eltern essen. Aber danach könnten wir uns doch treffen. Melvin ist eh schon müde und will dann in die Koje.“ „Danke für das Angebot“, ich schaue zu Sybille und sie lächelt mich an, „aber ich habe heute schon was vor. Wollte mich nur kurz melden.“ „Ja, okay, dann dir auch einen schönen Abend noch. Tschüssi!“ „Bye...“ Sybille zieht ihre Jacke an und kommt an meinen Tisch. „Wenn du magst, können wir los.“ "Klar, gerne, muss vorher noch schnell Zigaretten holen!"
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Zehnerabstempelkärtchen < Was Frauen eventuell wollen > |
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