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Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen, suche meine Fernbedienung, die eigentlich immer neben mir liegen sollte. Nach mehreren Tastversuchen und endgültigem Fündigwerden drücke ich auf eine Taste und der Fernseher springt mit einem kleinen, elektronischen Knall an. PFÖK! Ich schaue, wie immer, meine Talkshow. Es ist mal wieder zwölf Uhr und da ich nichts zu tun habe, schaue ich gerne Talkshows. Ich finde sie sehr entspannend und es gibt nichts Besseres als nach dem Aufstehen zerstörte Beziehungen zu sehen. Menschen, die nie mehr den sozialen Aufstieg erleben oder gar schaffen werden und in gestörte Familienverhältnissen leben. Da merke ich immer wieder wie gut es um mich steht und ich bringe meinen ersten Schmunzler am Tag hervor. Einfach herrlich! Besonders genieße ich die dramatischen Lügentests. Mein Herz macht jedes Mal einen Freudensprung, wenn der Gast auf die Frage "Wie geht es nach dem Test weiter?" antwortet: "Und wenner nur einmal lügen tut, dann mach' ich Schluss!" Oh ja, innerlich bebe ich, bin aufgeregt, suche nach Chips und Popcorn, bin ein emotionales Wrack des Voyerismus - Frühstücks-TV für Arbeitslose, genau mein Ding. "Ein bisschen Vertauen zum Partner sollte man doch aber besitzen, oder", fragt die überqualifizierte Moderatorin. Aber Berta lässt das kalt. Sie schüttelt heftig den Kopf, lacht dann (ihre wunderschönen schwarzen Zahnstummel kommen zum Vorschein): "Neee, neee, neee, dat laß mann. Wenner lügen tut, dann is dat aus. Dann kanna sich ne andre suchen tun", und - oh je - sie lacht schon wieder. Mal ehrlich, wahrscheinlich würde er ohne Partnerin (schon bei der geistigen Verbindung des Wortes und Berta läuft mir ein Schauer über den Rücken) wirklich besser im Leben stehen. Denkt man, denn Manfred, der sofort die Moderatorin darauf hinweist, dass er nur Manni genannt werden möchte, da ihn alle seine Freunde Manni nennen, und die Moderatorin ja auch "nen geiles Gerät" sei, könnte Bertas Bruder sein. Ein Fall von Inzest? Wenn man schon keinen Partner findet, dann vielleicht die Schwester? Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Der Gedanke lässt mich wieder erschaudern. Berta lacht wieder über ihren, ach so hübschen, Manni und versucht sofort dazwischen zu schreien: "Eyyyy, Arschloch! Du Penner, Du bist doch dat Letzte. Wenne einmal lügen tust, dann mach' ich Schluss!" Schwarze Zahnstummel mit Drohung. Ich liebe es. Ich liebe es wirklich. Am Besten sollten sie aufeinander stürzen und sich die Zähne herausschlagen. (Obwohl bei Berta, ... egal!) Sowieso finde ich deutsche Talkshows zu zahm. Vergleichen wir mal die Amis und deren Talkshows mit unseren. Mal ernsthaft, unsere Talkshows sind im Vergleich zu denen süße, kleine, scheue Streichelzoos. Anstatt sich zu prügeln, werden die streitenden Parteien sofort getrennt. Anstatt sich anzuspucken, REDEN die Leute miteinander. Ja, wo sind wir denn? Wenn schon Sendungen, wie POPSTARS oder DIE BURG (oder nochmals POPSTARS) ausgestrahlt werden, wo Millionen von Menschen verletzt werden, (ob nun psychisch oder physisch sei dahingestellt, aber ich kenne einen, der bei der Nachricht, dass Big Brother IV nun ein Jahr gehen solle, drogenabhängig geworden ist - Antidepressiva, meine ich - aber das ist wieder eine andere Geschichte, denn als er dann noch erfuhr, dass bald ‚Big Brother - Das Dorf' ... mein alter Freund, ruhe in Frieden. Amen!) dann können sich doch wohl einmal zwei sich liebende Menschen die Köpfe einschlagen - das wäre nur fair. Das mag sich ja nun brutal anhören und manch einer von Ihnen wird nun denken: "Meine Güte, wie kann man nur", aber sehen wir es doch einmal von der positiven Seite. Schlägereien, wütende Menschenmassen, rasende Gewalt bringt einfach Quoten. Nicht den Sex zu vergessen. Das ist eben Tittytainment. Ich habe mir die Idee nicht ausgedacht. Ich bin nur ein Jünger, der das neue TV-Testament verbreiten möchte. Aber zurück zur positiven Seite: mehr Quoten ist gleichzusetzen mit mehreren und besseren Werbeträgern. Durch die Werbeträger und deren fließendes Geld können die Sender ihr Programm gestalten und neue Sendungen produzieren oder auch erkaufen. Um es abzukürzen: durch (auch hier wieder psychische oder physische) Gewalt im Fernsehen erhoffe ich mir ein besseres Programm, denn erstens könnte es ja passieren, dass irgendein Irrer auf die Moderatoren in all den Talkshows losstürmt, da er denkt, der Lügendetektor tut lügen tun, oder so. Der Moderator muss ins Krankenhaus, der Irre wird festgenommen und wieder hat das Entertainment zwei weitere Idioten verloren. Nun, da bei dem Moderator mehrere komplizierte Brüche in seinem Körper festgestellt werden und die Behandlung sich Monate hinzieht, wird der Sender die alten Talkshowfolgen wiederholen. Jedoch kann der Sender nicht alle 20.023.445.567.122.568 Folgen ausstrahlen und ist gezwungen eine neue Sendung aus dem Keller heraufzuzaubern. Diese Kausalkette stelle ich mir so lange vor, bis der Sender - ach, direkt alle Sender - genau das Programm spielt, welches ich mir vorstelle. Ich nenne diese Attitüde gerne Optimismus.
Aber ich bin abgeschweift. Was wollte ich eigentlich noch mal sagen? Ich finde den Gedanken schon irgendwie witzig, dass die Modertoren und Moderatorinnen alle in einem Krankenhaus landen. (Nein, lieber Leser, verstehen Sie das nun nicht gewaltverherrlichend und hinterfragen sie bitte auch nun nicht, wie diese Menschen des Mediums in ein Hospital kamen, ich finde nur den Gedanken an sich lustig. Lassen Sie mich fortfahren...) Ich stelle mir das ungefähr so vor: Britt Reinecke wird ins Krankenhaus eingewiesen. Auf ihrem Zimmer liegen zudem Vera Int-Veen und Oliver Geißen. Nach einer Weile kommt Pfarrer Fliege ins Zimmer, setzt sich an Britts Bett und fragt mit seinem bekannten Dackelblick: "Und wie fühlen Sie sich?" Britt schaut hoch, ist aber zu erschöpft. Worauf Olli, das angebliche Allround-Talent von RTL, in einem "Ich-muss-ja-unbedingt-mit-einem-nordischen-Akzent-sprechen-obwohl-meine-Show-in-Köln-ist"-Akzent sagt: "Joa, des geht ja goa nich. Lass' die doch ma slafen!" Vera wird böse: "Also, ich lasse wirklich alles zu. Aber wenn man nicht miteinander normal reden kann, dann bringt das nichts. Wir sind doch alle erwachsene Menschen und sollten uns auch dementsprechend verhalten. Sonst bitte ich Euch mein Zimmer zu verlassen." "Ey Lütte", wirft Olli ein, "das is auch mein Zimma!" Pfarrer Fliege versucht nun die aufgestandene Vera und den Olli zu beschwichtigen. Doch Vera haut (die) Fliege zur Seite. Der knallt gegen den Meldeknopf und Schwester Angelika Kalwas betritt den Raum und greift Vera fest an den Arm und schreit mit einer resoluten Stimme: "Sowas lasse ich in meinem Krankenhaus nicht zu. Jetzt beruhigen Sie sich wieder. Ich dulde so etwas ganz und gar nicht! Sie müssen es endlich hier und hier begreifen", wobei sie sich die rechte Hand an die Stirn und dann an ihr Herz legt. Die Unruhe lässt noch einige andere Zuschauer hinzukommen, die gespannt auf Stühlen sitzen. "Platz da", ruft Oberärztin Ruth Moschner, die wie immer das kleine Weiße trägt - sehr offenherzig. Auch Pfarrer Fliege und Olli starren sofort auf ihr Stethoskop, was sie um ihren Hals trägt und Olli kann sich nicht zurückhalten: "Meine Fresse, das sind aber Melonen. Junge, Junge", und er schüttelt seine rechte Hand wild auf und ab. Pfarrer Fliege findet seinen Glauben wieder und betet urplötzlich. Just in diesem Moment stürmt Chefarzt Dieter Thomas Heck das Zimmer. Erschrocken erkennt er die Situation, bleibt aber wie Olli am Stethoskop Ruth Moschners hängen und faselt: "Oh, äh, es sind zwei der ganzen Großen, zwei, die schon viel vollbracht haben. Zwei, die ihre steile Karriere durch äh äh... aber, ich will nicht zu viele Worte verschwenden, denn die beiden sprechen für sich. Hier sind sie, die großen, unglaublichen, ..." "Meine Güte, das sind aber auch Melonen", schallt es von Olli herüber. Pfarrer Fliege hält mittlerweile den Rosenkranz in den Händen und murmelt auf Latein: "Deus, te oro, ut mihi consilium des. Deus mihi odest."
Britt versucht zu sprechen; flüsternd entringen sich ihr die Worte: "Vielen Dank, dass Sie wieder eingeschaltet haben", und Britt fällt endgültig ins Koma.
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