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Marvin & Friends
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Jetzt sitze ich hier, ein Bier neben mir, welches mich traurig anschaut.
Ich schaue gelangweilt auf die Uhr.
"Erst 16:05 Uhr. Na gut, kein Bier vor vier", denke ich mir. Also bin ich gut im Rennen.
Überfüllt schreit mein Aschenbecher: "Leer mich, bitte leer mich. Mehr Last kann ich nicht tragen."
Doch ich überhöre die Hilfeschreie.
Gekonnt zünde ich mir eine Zigarette an, und puste die Rauchwolke, die sich vor meinen Augen bildet, in den Quadranten vor mir.
Dabei wollte ich doch eigentlich schon seit einem Jahr aufhören.
Alles zieht sich und ist öde. Die Sekunden steigen zu Stunden. Jedes Sekundenklicken scheint wie ein Hammerschlag in meinem Kopf.
Was soll ich machen? Was soll ich nur machen?
Ich entscheide mich einfach zum Bäcker zu gehen. Der hat bestimmt noch auf.
Vielleicht gibt es ein "Frühstück für Gelangweilte & Spätaufsteher".
Außerdem arbeitet dort heute die Bäckereifachangestellte Gabriela.
Ach, Gabriela... welch biblischer Name, eben nur weiblich. Aber was soll's.
Das Problem ist nur, dass Gabriela mich nicht mag. Ich weiß wirklich nicht warum.
Ich stampfe gelangweilt in die Bäckerei.
"Guten Mooooorgen, Gabi!"
Sie rührt sich kein bisschen und schaut, gelangweilt an der Kasse sitzend, über mich hinweg.
(Seht ihr? Das macht sie immer! Ist sie nicht goldig?)
Ich suche verzweifelt nach meinen Käsebrötchen. Ich suche immer, wenn ich zu Gabi gehe, verzweifelt nach Käsebrötchen.
Gespielt beginne ich eine Szene, über den Verlust aller Käsebrötchen, zu inszenieren.
"Ach du je, wo sind alle Käsebrötchen hin?"
Gabi rührt sich nicht.
Ich wiederhole es absichtlich etwas lauter: "WO SIND DENN ALLE KÄSEBRÖTCHEN HIN?"
Gabi rührt sich immer noch nicht.
"Das ist Verrat! Verrat! Verrat!" Dabei falle ich dramatisch auf die Knie, schaue nach oben, falte meine Hände, als ob ich beten würde und rufe lauthals: "Gott, WAAAARRRUUUMMM SIE? Nimm andere Brötchen. Aber warum mussten sie verkauft werden?"
Verwirrt schauen mich auch noch übergebliebene Kunden an und wissen nicht, ob sie mir nun helfen oder lieber unbeholfen in die Ecke schauen sollen.
Ich erspähe bei einem kauenden Kunden, dass er ein belegtes Käsebrötchen mit Schinken auf seinem Teller liegen hat. Auf meinen Knien, mittlerweile die Hände vor das Gesicht geschlagen, robbe ich zu diesem Kunden hin und zupfe an seinem Hosenbein: "Bitte, nur einen Bissen. Bitte, nur einen Bissen."
Der Kunde schaut sich panikerfüllt um und sucht Hilfe bei Gabi, die endlich ihren Hintern vom Kassensessel hochschaukelt und mich in den Stand zerrt.
"Oh weiblicher Engel der Brötchen. Offenbare mir das letzte Käsebrötchen! Schaue Dir diesen Sünder an. Hat er dieses verdient? Ich sage nein!"
Gabi bleibt aber vollkommen ruhig und versichert den Kunden, dass ich geistige Störungen inne hätte.
Ich danke Gabi innerlich für diese Überleitung für meine nächste Verhaltensänderung.
Ich knicke meinen Kopf zur Seite, knicke mein rechtes Bein nach außen und rufe ganz laut: "BALL!" Danach renne ich stolpernd aus der Bäckerei.

Für einen langweiligen Tag war das ein ganz guter Anfang. Ich schaue auf die Uhr.
Puh, grad erst zehn Minuten später. Und nun?
Ich gehe wieder nach Hause und schaue gelangweilt auf mein Baywatch-Poster.
TICK TICK TICK.....was soll man machen? Was soll ich machen?
Die Idee: ich gehe zu einem Kiosk (der witzigerweise genau gegenüber von Gabis Bäckerei liegt). Ich kenne zufällig die Besitzerin und mit etwas Glück kann ich mich etwas mit ihr unterhalten. Aber meine Absicht ist satanischer.
Ich komme in den Kiosk und begrüße die Besitzerin freundlich. Dabei krame ich in meiner Hosentasche und werde geldtechnisch fündig - ein ganzer Zehn-Euroschein. Wunderbar. Jetzt muss mein Plan nur noch aufgehen.
Ich halte meinen üblichen So-la-la-Smalltalk und der Kiosk füllt sich immer mehr mit Kunden.
Ich nutze meine Gelegenheit und drängele mich dreist vor.
"Hallo, ach, das hatten wir ja schon. Ich habe hier zehn Euro und hätte gerne eine gemischte Tüte Süßes!" Hinter mir höre ich ein leichtes Seufzen, aber ich vergewissere den Leuten hinter mir natürlich, dass ich wirklich nicht lange brauchen werde; ich sei ja nicht mehr acht Jahre alt und wüßte natürlich, was ich möchte.
Mein diabolischer Plan geht auf!
"Nun gut, ich hätte gerne 2 Mal Nummer 3, 6 Mal Nummer 6, ach wie lustig. 6x6 ist 36. Daraus die Wurzel ist ja wieder 6....wo war ich? Ach ja...4 von Nummer 5. Wie viel habe ich jetzt?"
Die Kioskbesitzerin schaut gezwungen, aber höflich (es sind immerhin noch andere Kunden da) auf ihren Taschenrechner und sagt: "Du hast 2, 40 Euro! Du kannst also noch für 7, 60 Euro etwas kaufen!"
Hinter mir seufzen nun mehrere Kunden und einer verlässt sogar schon den Kiosk.
Ich entschuldige mich und versichere nochmals, dass ich wirklich gleich fertig bin.
"Na, wenn das so ist. Dann 8 Stück von der Nummer 1 und 9 von der Nummer 2."
Geduldig zählt und packt die Dame meine Süßigkeiten ab, immer schön in die weiße Brottüte.
Nun ist es soweit, mein Plan ist am Höhepunkt.
"Ähm, entschuldigung? Sagte ich anfangs ‚4 Mal von der Nummer 5'? Ich mag die eigentlich gar nicht. Könnten Sie die vielleicht wieder herausholen?"
Ein Auge von ihr fängt an zu zucken.
Ich antworte darauf freundlichst: "Das ist aber nett! Ich bin aber auch ein Schussel."
Als sie anfängt meine Nummer 5-Teilchen aus der Tüte zu fischen, gehen weitere Kunden.
Nur der hinter mir, der will nicht gehen. Ein ganz harter Fall. Aber keine Sorge. Was wäre ich ohne einen Ersatzplan?
Ich habe nun mittlerweile etwas für 5, 80 Euro in der Tüte und kaufe noch einen Rotwein und eine Packung Toast. Zu bezahlen habe ich plötzlich, als ob ich das irgendwie nie geahnt hätte (ihr erkennt meinen Plan?), 11, 79 Euro.
Ich schaue meinen Hintermann an und sage: "Ach Du meine Güte, ich habe nur zehn Euro mit. Hast DU vielleicht 1, 79 Euro für mich? Bekommst auch wieder. Warte mal", dabei hole ich mein Handy heraus, "ich brauche nur deine Handynummer, damit ich dir das Geld auch zurückgeben kann! Versprochen!!!"
Der Mann ist so empört, dass nur ein "Unverschämt" und ein "Unglaublich" vom ihm heraus kommt. Damit dreht er sich auf seinen Fersen herum und verlässt den Kiosk.
Plan erfolgreich! Ich bin wieder alleine.
Kurz meine ich zu der Kioskbesitzerin, dass ich ja eh auf Diät sei und sie die Süßigkeiten wieder zurücksortieren könne.
Ich weiß nicht warum, aber seitdem haben wir einen leichten Knacks in unserer Beziehung.
Denn immer wieder, wenn sie mich sieht, fängt ihr rechtes Auge an zu zucken.
Jaja, der Alltagsstress. Wer kennt den nicht?

Mission erfüllt und die Langeweile ist etwas beseitigt. Zufrieden gehe ich wieder nach Hause und freue mich über meinen gelungenen Plan.
Ich klopfe mir selber auf die Schulter und definiere mich als Genie.
Zuhause angekommen schalte ich meinen Fernseher an. Ich zappe herum und merke, dass wirklich nur Mist kommt.
Ich schaue mir mal diese neue Psychologensendung an, wo angeblich KEINE Schauspieler echt total NATÜRLICHE Probleme mit sich bringen und eine Angelina Kawolski in der Mitte versucht, mit den immer selben Sprüchen die Leute zu bearbeiten und, das Schlimmste, ihnen sogar zu helfen.
"Der Streit besteht schon länger, oder?" höre ich von Frau Kawolski aus meinem Fernseher.
"Ich merke einen starren Blick! Ich spreche jetzt für sie: ‚Du hättest nicht einfach mit meiner...' " Ich schalte um - zu blöd das Ganze. ZAP - Sitcom, ZAP - Richtershow, ZAP - Nachrichten....ohh mein Gott - Bildung. Aber sofort - ZAP und AUS!
Ich schaue wieder gelangweilt auf mein Poster und fange an nachzudenken.
Was mache ich jetzt? Was nun? Okay, der Bäcker - das war ganz gut. Dann der Kiosk - ich klopfe mir auf die Schulter und grinse diabolisch.

Da kommt mir der Einfall. Ich rufe meine Ex an. Das wird bestimmt lustig.
Also nehme ich mein Telefon und wähle ihre Nummer. Es tutet....
"Hallo...?"
"Aha, immer noch nicht gelernt sich mit Namen zu melden?" Ich weiß, das gibt die Würze.
"Was? .... Oh, Marvin", kommt es eiskalt zurück.
Übertrieben antworte ich: "Ja sichaaa! Was geht, Bunny?"
"Nenne mich nicht mehr ‚Bunny', ok?"
"Ok, Bunny!"
"Maaaarv!"
"Ist ja gut….wie geht es Dir so?"
"Wieso rufst Du an?"
"Mir ist langweilig...da dachte ich..." tuuut tuuut tuuut...
Schade, ich hatte mir doch etwas mehr Spaß erhofft, also rufe ich erneut an.
Ich verstelle meine Stimme zu einem tiefen Ton.
"Hallo...?" ertönt ihre Stimme.
"Aha, immer noch nicht gelernt sich mit Namen zu melden?" (Dieses Mal eben tief gesprochen.)
"Maaarv, Du bist einfach nur krank..." tuuut tuuut tuuut
Mist. Ich sollte es wirklich lassen. Also wähle ich erneut ihre Nummer.
"Hallo...?"
"Hallo...?"
"Wer ist da?"
"Wer ist da?"
"Marvin????"
"Genauuuu......" Mist, verraten! Tuuut tuuut tuut!

Naja, für heute soll es reichen, denke ich mir und überlege weiter.
Was soll ich machen? Bäckerei - für heute nicht mehr. Kiosk - auch da ist mein Pensum erreicht.
Laut seufze ich vor mich hin. Ich gehe in meinem Zimmer auf und ab. Was jetzt, was jetzt? Geplagt laufe ich schon Muster in meinen Teppichboden.
Ich schaue auf die Uhr? 16: 33 Uhr....die Zeit geht auch nicht um.
Ich überlege, ob die Zeit vielleicht etwas gegen mich hat? Vielleicht mag sie mich nicht. Ich versuche wirklich meine Zeit totzuschlagen und was ist der Dank?
Nichts....nur achtundzwanzig Minuten Zeitvertreib. Die sind zwar schön gewesen, aber wir kennen das alle. Wenn es am Schönsten ist, soll man gehen.
(Was besonders für mich gelten sollte, wenn ICH es am Schönsten finde!)

Ach was soll's.
Ich gehe noch einmal zu Gabi. Um mir selber ein Alibi zu verschaffen, wieder zu meiner Gabriela in den Schoss zu hüpfen (wo ich bis jetzt noch nie war), rede ich mir ein, dass ich heute eh noch nichts gegessen habe. Zumindest nichts Richtiges.
Ein Bier ist zwar flüssiges Brot, im Volksmund, aber ein richtiges Brot könnte nicht schaden. Wer jetzt denkt, ich würde nur normale Brötchen kaufen??? Ich bitte Euch!!!
Bevor ich nun meine Wohnung verlasse, ziehe ich meinen eleganten, grauen Anzug an und gehe locker-flockig die Strasse gen Bäcker entlang.
Natürlich erscheine ich in der Bäckerei nun mit dem Spruch:
"Maaaahhhlzeit, meine Dame. Ich bin auf der Suche nach Schokobrötchen. Besitzen Sie noch welche in ihrem Depot?"
Meistens liegen noch ein paar Schokobrötchen auf der Theke, aber - und jetzt kommt der Clou - vom frühen Morgen noch. Also sind diese nicht mehr frisch, was mich wieder munter stimmt, um eine ganz alltägliche Ich-Bin-Ein-Unzufriedener-Kunde-Szene hinzulegen.
Arrogant frage ich: "Sind das etwa die einzigen Schokobrötchen, die Sie haben?"
Gabi schaut mich an und wieder weg.
Den Spaß lasse ich mir nicht nehmen. Lauter und noch schnippischer frage ich:
"Entschuldigen Sie bitte, haben Sie es nicht nötig mit mir zu sprechen? Ich würde ja gerne hier konsumieren. Da Sie mir gefallen, gebe ich Ihnen noch eine Chance auf meine Frage einzugehen; und wenn es geht, bitte etwas lauter - ich verstand Sie gerade nicht: Sind das etwa die einzigen Schokobrötchen, die Sie haben?"
Kunden an den Tischen schauen Gabi schon mit gerunzelten Stirnen an.
Gabi sagt gelangweilt: "Ja, das sind unseren letzten Schokobrötchen."
"Ach die Dame ist sich wohl zu fein, um mich zu bedienen? Was arbeiten Sie dann bitte hier?"
Kopfschüttelnd gehe ich zu einer älteren Kundin, etwa 70 Jahre alt, und sage: "Die Generation von heute. So unmotiviert. Am Besten nur hier stehen, nicht arbeiten und trotzdem Geld verdienen, oder nicht?" Dabei lege ich einen weisen, nickenden Blick auf und die ältere Dame stimmt mir vollkommen zu: "Sie haben ja so recht. Diese Jugend. Früher, ja früher, da mussten wir für ein paar Groschen schuften und wir waren glücklich!"
Ich nicke zustimmend, lege meine Hand auf ihre Schulter, neige meinen Kopf leicht zur Seite und sage: "Ich kann Sie, meine Dame, sehr gut verstehen. Sie wissen noch, was Arbeiten bedeutet! Und nun schauen Sie sich mal diese Göre an. Zu fein, um ein paar Brötchen zu machen. Würden Sie alte Brötchen essen?"
Die Dame verneint es sofort, ihr Gesicht zieht böse Grimassen vor Wut und sie zeigt wütend und fordernd mit ihrem Gehstock auf Gabi: "Ja nun, jetzt machen Sie mal. Ach, die Jugend von heute!" Ich nicke erneut mit einem Dackelblick à la carte und versinke gespielt weinend in meine Hände mit den Spruch: "Wo soll das alles nur hinführen? Uns geht es doch eh schon so schlecht. Und dann so was! Ich kann es einfach nicht verstehen", wobei ich den letzten Satz Wort für Wort stark betone.

Nachdem ich nun Gabriela (welch wunder-wunderschöner Name) mächtig beansprucht habe, gehe ich wieder nach Hause.
Ich zünde eine Zigarette an und denke wieder nachdenklich nach.
Innerlich ziehe ich meine Bilanz zum heutigen Tag, aber die Uhr zeigt erst 16:46 Uhr an.
Einen Moment, heute ist Donnerstag und ist denn heute nicht die wöchentliche Sitzung des Anti-Chauvinisten e.V.? Aber natürlich. Ja, herrlich!
Ich drücke meine angefangene Zigarette aus - möchte eh aufhören und ziehe mich um: dieses Mal soll nur eine Jeans und ein weißes T-Shirt reichen, dazu ein beiges Hemd (natürlich offen).

Ich gehe zum "Haus der Probleme", wo sich alle möglichen Problem-Randgruppen treffen.
Sinn dieser Gruppen, wie sollte es anders sein, seine Probleme zu bewältigen, aus der Welt zu schaffen und wieder gesellschaftsfähig zu werden.
Das Haus erscheint in weißen Farben vor mir. Über dem Eingang steht in goldenen Buchstaben odi et amo.
Ich steige in den Fahrstuhl und fahre in den ersten Stock.
Mich erwartet ein glänzender, weißer Gang mit an den Seiten angebauten Räumen.
Ich lese in Ruhe die Raumnummernschilder mit ihren Bezeichnungen:
A-1-03 Anti-EU-Denken
A-1-07 Männer haben auch Gefühle
A-1-11 Wir lieben Fußball & stehen weiblich dazu
A-1-16 Anti-Chauvenisten e.V.
Super! Hier will ich hin.
Lautstark höre ich eine sehr verr(a)uchte Stimme aus dem Raum: "Ey hömma, hammse Dir die Eier ausm Sack gebeamt?"
Es ist Otto.
Otto ist um die fünfzig Jahre alt und seine Frau hat ihn vor circa zwei Jahren verlassen.
In der Gruppe hat er erzählt, dass sie meinte, er sei zu beherrschend und könne nicht auf ihre weibliche Seite eingehen.
Um das erfolglose Ziel zu erreichen, seine Frau wiederzubekommen, trat Otto nun in den Anti-Chauvinisten e. V. ein.
Dazu muss man aber auch Ottos Erscheinungsbild erläutern: Otto sitzt immer in einem blauen Jogginganzug auf seinem Stuhl und ab und zu schmücken ein paar Ketchupflecken sein weißes Ripp-Shirt.
Die Sprache Ottos hat man gerade mitbekommen - eben sehr unbeklommen, würde ich sagen.

Ich öffne die Tür und sehe, dass auch Karl-Heinz, Ingo und Valentin da sind.
Wer nicht vergessen werden darf, ist auch der Gruppenleiter (ein diplomierter Sozialpädagoge) Josua Elias Petersen, oder kurz "JEP", wie wir ihn immer nennen.
Ich bemerke, dass die Sitzung schon angefangen hat und ich eigentlich auch nicht störe.
Otto öffnet die Arme und schreit: "Marvin, alte Socke!"
Karl-Heinz schaut verschämt auf den Boden, denn man muss wissen, dass Karl-Heinz ein ganz schüchterner Typ ist. Er sitzt meistens nur da und wenn er mal zu Wort kommen möchte, so wird er von Otto unterbrochen - natürlich gentle-like, wie Otto halt ist.
Josua Elias bittet mich Platz nehmen. Die Stühle sind in einer Kreisform aufgestellt.
Ich nicke noch schnell zur Begrüßung Ingo, Karl-Heinz und Valentin zu und setze mich neben Otto, der mich mit einem harten Schlag auf die Schulter begrüsst. (Aua!)
"So, meine lieben Freunde", sagt JEP, "da wir nun alle vollzählig sind, können wir nun alle zusammen..."
"Hömma Lutscher", wirft Otto charmant ein, "jetzt halt ma den Ball ganz flach, ok?"
Valentin, ein angehender Sozialpädagoge (zur Zeit bei uns im Praktikumsemester), schaut Otto an und versucht JEP zur Seite zu stehen: "Also, Duuu, Ottooo, das ist nun nicht unser angestrebtes Niveau, jaaa???"
Karl-Heinz versucht durch ein einatmendes Wort etwas zu sagen, doch Otto:
"Ey Flachkopp, sei ma froh, dat Du hier überhaupt sitzen kannst, auf Deinem interleckenden Uni-Arsch, ne?"
Valentin wird rot und schaut empört in die Ecke. Ich gebe Otto einen kleinen Klopfer auf die Schulter und flüstere: "Gut so, gibs dem Sozi!" Otto kocht.
JEP greift aber rettend ein: "Otto, was haben wir gelernt? Na? Was?"
Ingo reißt erregt seinen Arm in die Höhe. Ingo ist bei uns der Streber. Er schreibt sich alles immer akribisch genau auf und hält auch immer die Wiederholungen der letzten Sitzungen ab.
JEP nickt Ingo zu. Ingo steht auf: "Wir haben gelernt, Herr Petersen, dass wir alle einen gewissen Respekt vor jedem und allem haben müssen!"
"Streber", murmle ich, was aber JEP mitbekommt und mich sofort dran nimmt:
"Gut Marvin, Du meinst, dass man das alles auf die leichte Schulter nehmen kann" und schaut dabei seinen Valentin an, als ob er ihm nun zeigen möchte, wie eine soziale Erziehungsmaßnahme vonstatten geht, "dann sage mir mal, was wir letzte Stunde als Fazit zogen und gelernt haben!" Dabei grinst JEP hämisch und meint, er hat mich nun in der Falle.
Gut, er hat recht. Was weiß ich, was wir letztens erörtert haben? Ich habe die ganze Zeit mit Otto Mist gebaut, wir haben uns unterhalten und sind danach tüchtig saufen gegangen.
Danach bin ich vollkommen breit ins Bett gefallen und habe eben alle Fazite vergessen.
Ja und? Keine Ahnung... frag doch Ingo, Du Sozi. Ich bin zum Spaß hier. Mir ist nur langweilig.
Aber Otto saß schon auf glühenden Kohlen und sagte: "Jetzt lass ma dat Küken inne Kiste, ne! Is ja nich jeder so interleckend wie er beide, ne!"
"Bitte was", fragte JEP entgeistert.
Ich übersetze für JEP: "Otto meinte: Jetzt lass mal das Huhn in der Legebatterie. Es ist ja nicht jeder so leckend."
"Was?" JEP verstand es wohl immer noch nicht, also erhob Otto erneut das Wort:
"So isset, Marvin spricht mir ausm Pott!" Ich flüstere Otto kurz "Seele, Du meinst Seele" zu.
"Ja, genau, ausm Seele, ne!" Egal.
Valentin will gerade etwas sagen, aber Otto schaut Valentin giftig an und schwingt mit seiner drohenden Faust: "Flachkopp, bloss nich schüppen."
Ich übersetze wieder für alle: "Flachkopp, der den Namen Valentin trägt, halt's Maul. Mit großem Dank, Ihr Otto!"
Valentin wird wieder rot und schaut weg.
Herrn Josua Elias Petersen reicht die Situation.
Geschmeidig und sozial, wie er ist, versucht er die letzten fünf Minuten zu ignorieren und fängt noch einmal von vorne an.
"Da wir nun alle vollzählig sind, können wir uns nun alle zusammen an den Händen fassen und unseren Spruch sagen, den wir ja letzte Sitzung entwickelt haben, um uns immer unser Ziel vor Augen zu halten."
Otto und ich schauen uns an. Denn wir beide wussten, dass wir DIESEN Spruch auf alle Fälle vergessen hatten.
Valentin, Karl-Heinz, JEP und Ingo sagen den Spruch auf, wobei Otto und ich einfach mitmurmeln, so dass man glauben könnte, dass wir irgendwie mitsprechen würden:

"Wir schwören allem ab, was in dieser Welt zu männlich erscheinen kann,
wir schwören dem ab, was Frauen und ihre Gefühle verletzen kann,
so sei es bei Sport und Männerfreuden,
denn Du, Frau, bist unser Ein und Alles,
und was Du verehrest, verehren wir auch."

Otto reißt sich aus der Händekette und springt schreiend auf:
"Ey hömma, hammse Euch die Eier ausm Sack gebeamt?"
Als es mir bei diesem Spruch dämmert, gehen bei Otto die Lichter aus.


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