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Ich liege auf der unbekannten Seite meines Bettes. Mich wundert das sehr, da meine Schlafseite zu neunzig Prozent die Rechte ist. Dann diese bollerndern Kopfschmerzen, die sich ankündigen, absehen von dem schalen Biergeschmack in meinem Mundraum. Mit latentem Schwindelgefühl versuche ich die Realität zu erkennen, doch nur verschwommen erblicke ich meinen Lebens- und Schlafraum. Und was schnarcht eigentlich neben mir? Ich frage mich, ob ich heute mit Ennio, meinem geliehenen Rent-A-Dog-Labrador, dran bin. Aber soweit mein Termingedächtnis funktioniert, müsste Fred den Köter heute besitzen. Ohne mir Gedanken zu machen, stehe ich auf und bemerke, dass noch nicht einmal meine Decke auf meinem Körper liegt. Nach zwanzig Sekunden senkrecht zur Realität kann ich mit Sicherheit behaupten, dass ich meine Decke auch nicht unterbewusst von mir strich. Und was ist dieser Huggel neben mir? Er ist zu groß für Ennio und schnarcht, das muss ich sagen, auch zu leise. Abgesehen davon, dass Ennio es bevorzugt auf mir zu schlafen und nicht neben mir. Meine Darmkontraktionen machen mir aber einen Strich durch die Konzentrationsrechnung und ich stehe auf, um zur Toilette zu gehen. Gerade als ich meine Schlafzimmertürklinke in der Hand halte, stöhnt etwas unter der Bettdecke. Ich zucke zusammen und frage mich, wer oder was da nun liegen könnte. Endlich bemerke ich auch, dass ich dazu vollkommen nackt an der Tür stehe. Wieso nackt? Ich schaue an mir herunter und kann nichts Ungewöhnliches erkennen bis auf einen kleinen Muskelkater, der sich bei bestimmten Beinbewegungen verbreitet. Dabei war ich das letzte Mal vor zwei Wochen im Fitnesstudio und habe nie die Adduktoren benutzt. Ein Kerl benutzt nie Adduktoren - das ist eher etwas für die Frauenwelt. Und Hanteln habe ich nie, wirklich nie mit meinen Beinen gestemmt. Da bin ich mir sicher. Da nun auch mein Darm vollends verstummt und ich neugierig auf diesen unbekannten Huggel bin, begebe ich mich in Richtung neues Gebirge im Bett. Mit einem Ruck ziehe ich die Bettdecke hoch, schreie: "Komm, du Dieb!", springe einen Schritt zurück und nehme eine grobmotorische Kampfhaltung ein. "Hhhmmm, was soll das?", fragt es zärtlich. Oh mein Gott, wer ist das? "Ach, du bist es Marv." Es ist mein Bett. Wer kann hier noch wohnen, außer Ennio und mir? Gott sei Dank habe ich nicht nur Orientierungsschwierigkeiten. "Komm zurück ins Bett", sagt sie und greift nach meinem Arm, der immer noch in Karatestellung in die Höhe ragt. Wer ist das? Ich überlege: wenn diese Person nun schon in meinem Bett liegt, müsste ich sie doch eigentlich kennen. Ich überlege weiter, aber das Gesicht und diese seltsame, pyramidische Figur spricht keinen Deut in mir an. Ich bleibe ratlos. "Jetzt komm schon", sagt sie verschlafen und beugt sich leicht vor, um meine stählerne Faust zu packen. "Aber... ä-hä? Kennen wir uns? Ich meine, Sie liegen hier so und ich ..." Sie erreicht ihr Ziel, zieht mich zu sich und küsst mich. Hier läuft eindeutig etwas falsch. Ich ziehe den letzten, verhüllenden Teil der Bettdecke zu mir und erkenne, dass auch sie nackt darliegt. Dabei lächelt sie mir zufrieden zu, packt mich erneut und küsst mich wilder. Mir wird klar, was jetzt kommt: O-N-S: Oh, nein, Sex! Bei dem Gedanken an O-N-S wird mir intuitiv sofort die zweite Bedeutung klar: O(h)ne-Nicht-Stand oder war es eher One-Night-Stand? Ich konzentriere mich und resümiere meine schwarzen Gedankenlöcher: sie nackt, ich nackt, sie im Bett, ich war im Bett, sie küsst mich, ich kenne sie nicht, zumindest nicht mehr, dank des Alkohols. Ich habe ein sichtlich pyramidisches, großes Problem. Soweit ich das beobachten kann, scheint sie das Dreifache meines Gewichtes zu besitzen, blickt bei Tageslicht wie ein Maulwurf, denn so schauen ihre Augen aus und hat eine riesige Delle in meine Bettmatratze vollbracht. Kurz: welcher Teufel hat mich geritten?
"Die Nacht war der Wahnsinn mit dir", sagt sie schwärmerisch. Ich fühle mich in meiner Männlichkeit geehrt und winke ab. "Wirklich? Das sagst doch nur so." "Nein, nein, ich will mehr von dir." Und so überlege ich ihr ein paar Babyphotos von mir zu zeigen. Moment, was tue ich hier? Ich kenne sie immer noch nicht. Also, den horizontalen Mut fassen und dreist fragen: "Sage mal, wie haben wir uns kennen gelernt?" "Wie jetzt?", fragt sie verständnislos und schaut mich mit diesem Blick an, als ob ich sie nicht ernst nehmen würde. "Nun, ich fand unser Kennenlernen dermaßen schön, dass ich gerne deine Perspektive hören würde." "Ach so, ich dachte schon", sagt sie zufrieden. "Du denkst schon richtig", denke ich, da ich keine Ahnung habe, wie diese Misere zustande gekommen ist. "Ich sah dich im GYPSY und als es einigermaßen leer wurde, kam ich an deinen Tisch." Gott sei Dank, denn ich hätte an meinem Frauengeschmack gezweifelt, wenn SIE mich angesprochen gehabt hätte. So bekommt aber alles seine logische Wendung. "Wirklich?", frage ich interessiert, da jedes Ereignis mir neu zu sein scheint, "und was war deine Motivation mich anzusprechen?" "Ach, es war eine gewisse Anziehungskraft. Ich las in meinem Horoskop, dass ich gestern jemanden kennen lernen sollte - und das warst du!" Psyyyychooooo, denke ich innerlich und der erste Fluchtgedanke bestürmt mich. "Aha", sage ich freundlich, "und das war dann wirklich ICH? Bist du wirklich sicher?" "Ja, als du anfingst von der Goethe'schen Farbenlehre zu reden, hast du mich ganz geil gemacht!" Lieber Gott, ich weiß, ich bin selten in deinem Haus gewesen, aber was habe ich getan für diese weibliche Bestrafung? "Ich habe dich geil durch Farben gemacht?", wiederhole ich skeptisch und frage mich, wie ich sie ganz schnell aus meiner Wohnung bekomme. Nun, mit dem Gewicht kann ich wohl das Hinaustragen vergessen. Mist! "Du bist so belesen, so anders als andere Männer, so sensibel, so kreativ und künstlerisch", stöhnt sie beinahe hervor. Wer mag Komplimente nicht, aber ich kenne immer noch nicht ihren Namen und miteinander zu reden ohne Namen gibt, laut meiner Erfahrung, irgendwann immer Probleme, wenn man nicht gar von Ärger reden will. Also sage ich in meiner besten, romantischen Rhetorik: "Dann sage noch einmal deinen wunderschönen, engelsgleichen Namen, ja?" "Och, du bist so süß, ich", betont sie hauchend, "heiße Roberta." "WOH, neee, ne?", frage ich erstaunt. Was für ein Name. "Gestern warst du noch hin und weg als du meinen Namen gehört hast. Du lachtest, grinstest mich an und fandest den Namen ‚gaaaaanz toooll'!" Dabei scheint sie die letzten beiden Worte zu zitieren. "Hase, schon mal von Ironie gehört?" Denn immerhin weiß ich jetzt, dass das Geschehene nicht auf einer nüchternen Basis geschehen ist. Anstatt aber die Spitze zu verstehen, lacht sie und erfreut sich an meiner Aussage. Innerlich sacke ich zusammen und schüttele den Kopf. "Mann, muss ich voll gewesen sein", sage ich leider laut. "Ja, voller Leidenschaft." Gut gekontert, denke ich. Doch sie fährt fort: "Immerzu hast du Cassandra gestöhnt. Gut, das ist zwar nicht mein Name, aber du hast mich ja auch an dem Abend gefragt, ob du mich anders nennen könntest." Ich schaue sie an und kann ihre Naivität nicht fassen. "Sage mal", fragt sie, " hast du vielleicht einen Kaffee für mich?" Sie reibt ihre kleinen Maulwurfsaugen und es sieht nicht das kleinste bisschen süß aus. "Äh... Kaffee? Wie jetzt?" "Du hast mir ein Frühstück versprochen, weißt du nicht mehr?" "Um ehrlich zu sein, nein! Ich glaube, ich weiß nichts mehr." "Ach so", antwortet sie, "ist auch nicht schlimm. Ich nehme dann einen Kaffee. Aber bitte Hälfte Milch und Hälfte Kaffee, wenn es keine Umstände macht." Genervt gehe ich aus meinem Schlafzimmer und denke, dass sie hoffentlich nicht durch mich in Umstände (kleines Wortspiel!) gekommen ist. Wie ich das hasse, dieses ‚Nach-dem-Sex-Ritual'. Als ob man die Person nun für ihre hormonelle Gefälligkeit vergüten müsste. Wer hat diese Frühstücksregel eigentlich festgelegt? Soweit ich weiß, steht davon nichts im Knigge. In der Küche bereite ich den Kaffee vor. Plötzlich höre ich aus meinem Schlafzimmer: "Und nicht so stark, ja? Den vertrag ich so schlecht!" Noch mehr, meine kleine Pyramide? Vielleicht könnte ich ja auch noch Croissants aus Frankreich einfliegen lassen, damit My Lady glücklich ist. Aus purer Bosheit haue ich für zwei Tassen Kaffee die dreifache Menge Kaffeepulver in die Maschine, streichele sie und flüstere: "Tu dein Werk!" "Hast du auch ein Bad hier?", ertönt es hinter mir und ich erschrecke, da ich mich mit dem Kaffeepulver ertappt fühle, finde aber sofort meine ironische Fassung: "Nein, habe ich nicht. Ich warte immer bis es regnet!" So langsam nervt sie mich wirklich und ich würde mir selber drei Mal in den Arsch treten, wenn ich gelenkiger wäre. "Einmal durch den Flur und die letzte Tür rechts", sage ich aber. "Danke, ich will mich nur frisch machen." "Und fertig für den Abflug, oder?", ergänze ich fragend. "Ach, du bist so witzig", sagt sie lachend und verschwindet hinter der beschriebenen Tür. Wieso witzig? Muss ich noch mehr zum Ekel mutieren? Leider kann ich das nicht. Ironie, ich bin dein Meisterschüler. Sarkasmus wurde mir mit der Muttermilch gegeben, aber ein Ekel ist nicht in meinen genetischen Charakterveranlagungen vorhanden. Und jetzt? Ich glaube, ich haue noch vier Löffel Kaffeepulver in meine Maschine. Ich böser, böser Junge! (Mann, bin ich hart, buhu!)
Wir sitzen uns gegenüber und Roberta, die Gizeh-Pyramide, verputzt einen Toast nach dem anderen. Um genau zu sein, sind es sechszehn Stück und meine frisch gekaufte Toastpackung, die für eine Woche mindestens reichen sollte, ist absolut abgemagert. Im Gegensatz zu Roberta, denn sie fragt mich nach diversen Schokoaufstrichen, wobei ich nur mit einer bekannten Marke glänzen kann. Sie aber ist vollkommen enttäuscht als ich ihr ihre ach so beliebten Schokostreusel verneine, da ich solche nicht besitze. Ob ich denn Salami besitze? Aber natürlich, beantworte ich und gebe ihr von der Marke FDH die Salamischeiben. "Iiihh, die mag ich nicht!" "Oh Wunder", sage ich ironisch. "Die hat ja gar keinen Käserand", sagt sie schnippisch. "Ist das ein Problem für dich?" "Ja, Salami ohne Käserand ist wie Bratkartoffeln ohne Bratöl und Ei und Schinken und Pommes." "Ich habe da noch eine Big-American-Style-Pizza im Gefrierschrank. Magst du die haben?" "Ist die mit Salami?", fragt sie mit einem schockierendem Glänzen in den Augen. "Ja, ist sie. Ich wollte die morgen es..." "Egal, ich will die jetzt!" "Es ist 10 Uhr morgens. Wie kann man da Pizza essen?" "Toast mit Salami ist auch warm. Also macht da Pizza keinen Unterschied. Ist ja wie ein großer Toast mit Salami und Käse eben." "So habe ich das noch nie betrachtet", sage ich ängstlich. So gehe ich an meinen Gefrierschrank und lege mein letztes Mittagessen für morgen in den Ofen. "Die Pizza braucht aber circa zwanzig Minuten", sage ich. "Macht nichts", sagt sie mit vollem Mund, "ich esse so lange deine komische Salami."
Zwanzig Minuten später und weitere acht Minuten und dreiundzwanzig Minuten ist die Pizza verputzt und in ihrem Magen halb verdaut. Ich schaue nur ungläubig zu und sie sagt: "So, jetzt der Kaffee zum Nachspülen!" Nach einem Schluck schüttelt sie sich und meint: "Oh, der ist aber sehr stark!" Innerlich freue ich mich, doch sie zerstört meine kleine Welt, indem sie ergänzt: "Genau, was ich jetzt brauchte!" Kopf nach unten und ein "Ach, mann!" (von mir) Meine Stimmung ist mehr als dahin und ich stelle die endgültige Frage: "Wann hast du eigentlich vor zu gehen?" "Ja, wann kommt denn die Bahn?" Schnell, wie der Wind, schalte ich meinen Computer an, verbinde mich mit dem Internet, hoffe zwischendurch, dass sie nicht anfängt meine Schränke anzuknabbern. Ich finde die Uhrzeit für ihre Bahn zum Hauptbahnhof. Genau in sechs Minuten sollte eine Straßenbahn fahren und freudig verkünde ich genau dieses Internetergebnis. "Was? So schnell jetzt? Du kannst aber ganz schön Stress machen!" "Weißt du, ich finde es zum Heulen, dass du so schnell gehen musst, aber es gibt noch soviel heute zu erledigen." "Und was?", fragt sie dreisterweise. "Nun, seitdem du da warst, würde ich sagen: einkaufen!" "Werde ich dich denn wiedersehen?", fragt sie pathetisch. Mir liegt "ich glaube, wenn Bofrost kommt" eher auf der Zunge, sage aber "Bestiiiiiiimmt!" Das reicht ihr und sie zieht ihre Schuhe an, packt schnell ihre Tasche. Mit einem schnellen Kuss auf meine Lippen im Hausflur sagt sie noch: "Ich habe gar nicht deine Handynummer." "Das soll auch kein Problem für uns sein", und so schlage ich die Wohnungstür zu. Ich gebe zu, dass ein fünfminütiges Türklingeln wirklich stören kann, aber selbst das legt sich nach einiger Zeit. Denn die Bahn fährt Gott sei Dank alle zehn Minuten zum Hauptbahnhof!
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