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Es ist 18 Uhr und der Pflichtanruf bei der Freundin ist fällig. Mein Telefon erwartet das Abheben der anderen Seite. „Hallo?“, erklingt fragend eine weibliche Stimme. Ich erkenne die allbekannte Stimme und frage, wie immer, mein Standardprogramm ab: „Ja, Marv, hier. Wie geht’s? Was hast du heute gemacht? Und sonst?“ Sie darauf: „Mir geht es gut. War heute mit einem Freund essen und ich habe Eintrittskarten für das ‚Phantom der Oper’ für uns beide.“ (Für unseren jungen Leser der Pisa-Generation: das Phantom der Oper ist praktisch der Killer aus Scream, bloß, dass die Maske nur zur Hälfte im Gesicht des Killers getragen wird und ohne Messer. Auch zu meinem Bedauern scheint die Waffe nur eine Orgel zu sein. ) „Jupp, schön zu hören. Bis dann. Meld mich morgen, wie immer!“ Gerade als ich den Hörer halbwegs zum Auflegen führe, ertönt es laut: „Äh, Marvin, ich habe Karten für das Phantom der Oper.“ Genervt, dass das Gespräch weitergeführt wird, ohne in irgendeiner Art Sex zu besitzen, ob nun Telefonsex oder Verabredungen zum Sex, frage ich gelangweilt: „Hey, klasse, wann soll denn der Film beginnen?“ Sie scheint schockiert und hustet arrogent: „Also, a-hök, also, ich meine das Musical. Nur wir beide. Das könnte unsere Beziehung doch vertiefen. Wir beide alleine, romantisch im Colloseum in Essen, danach einen Umtrunk und so weiter...“ Vertiefen? Ich erblicke innerlich leuchtende Fluchtschilder vor meinen Augen. „Also, Mäuselchen, wegen des Vertiefens: wie kann ein Musical unsere Beziehung vertiefen? Ich weiß, dass Musicals unter die Haut gehen sollen, aber unsere Beziehung unter Haut, ich weiß nicht“, und so nenne ich die allbekannte Beziehungs-Fluchtfrage, „geht das nicht alles zu schnell?“ Sie wieder schockiert ahnungslos: „Wie meinst du das denn jetzt?“ Ich kann ihre Frage auf meine Antwort verstehen und suche nach einer intelligenten Antwort: „Nun, Hase, stell dir mal vor, ich konditioniere nun die Musik vom ‚Phantom der Oper’ mit unserer Beziehung“, dabei verdrehe ich die Augen, „so wäre ich doch immer unglücklich, wenn wir uns trennen würden. Jedes Mal, wenn ich ein bestimmtes Lied aus diesem Musical hören würde, so würde ich an dich denken... und, mal unter uns, willst du das denn wirklich? Dieses Leiden nach unserer Beziehung? Dieses Denken an ewige Liebe, die wir uns angeblich vorgaukeln?“ „Wie vorgaukeln? Wir sind doch die ewige Liebe? Außerdem sind es VIP-Karten!“ VIP-Karten? Ich war noch im meinen Leben VIP. „VIP?“, frage ich ungläubig. „Ja, VIP. Aber vorgaukeln? Wie meinst du das jetzt?“ Ich war noch nie VIP. Dann gaukele ich doch gerne mal die ewige Liebe vor. „Ach, Schatz, natürlich sind wir die ewige Liebe. Unsere Liebe ist praktisch VIP!" “Schön, dass du das auch so siehst”, sagt sie und nennt mir schnell unseren Treffpunkt und Zeitpunkt am Hauptbahnhof Dortmund. Die Bahnfahrt zieht sich. Sie erzählt mir ihren angeblich wichtigen Alltagsjournalismus und ich schwelge in meiner VIP-Vision. Wie man wohl als VIP behandelt wird? Roter Teppich? Große Warteschlange und ein großer Bodybuilder mit einer Narbe über dem Auge bittet beim Zeigen der Karte mich hinein? Muss das cool sein!
Wir kommen in Essen an. Natürlich kenne ich mich in Essen aus und dirigiere den Weg. Wir kommen vollkommen woanders heraus und ich sage noch schnell zu meiner Rettung: „So, wie du siehst, ist das Karstadt, das schon 1910 seine Wurzeln hier fand, das nur nebenbei und wir müssen nun genau die Strasse gegenüber zum Colloseum.“ Endlich angekommen, checken wir, im wahrsten Sinne des Wortes, ein: „Herr Vascandu, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“ Was? Kein Bodyguard? Kein Türsteher mit Narben im Gesicht? Nur Frauen, die wie Stewardessen ausschauen? Nur ein Checkpoint und das war es dann? Toll, ich komme mir wie bei einer Gepäckabnahme im Flughafen vor. Doch ich täusche mich, denn sofort erscheint ein Kellner mit einem Tablett vor vor mir auf und fragt mich, ob ich nicht etwas probieren mag. „Was ist denn drin?“, frage ich skeptisch. „In den kleinen Pinchen befindet sich Sake von 2001. Ein höchst erfreuliches Gaumenereignis.“ „Sach ma, wirste dafür eigentlich bezahlt so erhaben zu reden?“, frage ich aus Neugier. Er nickt mir kurz zu und ich nehme zwei Pinchen, die wie zwei kleine, hohle Säulen ausschauen, in meine Hand. „Prosit“, sage ich und biete dem Kellner den zweiten an. Leider verneint er den Drink und verschwindet in der Menge. Also sage ich zu meiner Frau: „Du, ich habe hier einen Sake für uns. Zum Einstimmen und Ertagen des Musicals.“ Dabei lächele ich. Leider lächelt sie nicht zurück und schaut ernst: „Ich mag doch keinen Sake!“ „Gut, dann eben einen mehr für mich!“, und so zischen zwei alkoholstarke Sake meinen Rachen herunter. Wir gehen in der Halle auf und ab und ich frage sie, ob wir nicht endlich in das Stück könnten. „Nein, Marvin, das Stück beginnt erst in 30 Minuten.“ „Hoooch mann, so lange noch? Können die uns nicht vorher reinlassen und ein bisschen Werbung zeigen?“ „Wie denn?“, fragt sie sauer. „Es ist ein Musical. Kennst du denn nicht die Verhaltensweisen in einem Theater?“ „Nee, kenne ich nicht“, antworte ich, „ich war bis jetzt nur im Kino. Da zeigen die auch Werbung, um die Menschheit auf den kommenden Film scharf zu machen.“ „Marv“, sagt sie betonend, „es ist ein Musical!“ „Ja, meine Güte, dann lass' sie eben die Werbung singen. Ist mir doch egal. Ich will Action und nicht warten.“ Genau in diesem Moment kommt der bekannte Sake-Kellner vorbei. „Hey, Chef, schieb mal zwei rüber!“ Der Kellner mustert mich und schaut meine Partnerin, die leicht errötet, das ich wirklich nicht verstehen kann. „Du, ich habe hier einen Sake für uns. Zum Einstimmen und Ertagen des Musicals.“ „Oh Marvin“, schreit sie beinahe ärgerlich, „ich mag den immer noch nicht.“ „Bist Du dir ganz sicher?“ „Ja, Marv!“ „Ok, wenn du meinst“, und wieder schütte ich die Pinchen in mein Inneres. Plötzlich packt mich meine momentane Begleitung am Arm und meint: „Ach, schau mal, da gibt es die Bühnenbesetzung. Lass mal dahin!“ „Jetzt tu nicht so, als ob dir die Namen der Schauspieler etwas sagen würde. Da steht nicht Brat Pitt oder George Clooney drauf.“ Sie scheint dies zu überhören und zerrt mich zu einer weiteren Musicalstewardess, die Zettel mit der Besetzung verteilt. „Bitte schön! Einen schönen Abend wünsche ich“, sagt die Dame. „Keine Sorge“, werfe ich ein, „die hat eh keine Ahnung von Kultur. Sie ist eher dieser Actionfilm-Typ, aber was soll man machen.“ Meine ‚Sie’ errötet erneut und verschwindet ganz schnell. Dabei bemerke ich, dass diese Zettelfrau wirklich attraktiv ist. „Und?“, frage ich in Abwesenheit meiner gemussten Begleitung, „öfters hier?“ „Maaaarv“, erhöre ich es im Hintergrund. „Man aber auch. Ich unterhalte mich gerade.“ Ich wende mich an meine Zettelfrau: „Sorry, muss los. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“, und knipse ihr ein Auge zu.
Wir stehen an einem schmalen Flur, wo diverse Türen, die den Eingang zum Musical bedeuten, immer noch geschlossen sind. „Hase“, sage ich euphorisch, „ich habe DIE Idee.“ „Und was?“, fragt sie freundlich. „Lass uns doch einfach den Film ‚Phantom der Oper’ in einer Videothek ausleihen, dann müssen wir nicht mehr warten. So gesehen, ist der Inhalt doch der gleiche.“ Leider bekomme ich keine Antwort und die Türen öffnen sich. Mist! Sofort stürmt sie auf unsere kartengegebene Platzposition. Wo ist der Sake-Mann? Wo ist er? Ich kann doch nicht ohne einen Absacker in dieses Musical? Panikerfüllt schaue ich mich um und suche meinen Sake-Kellner als auf einmal vor mir ein Typ in stereotypischen Kellnerklamotten mich anspricht: „Vielleicht einen kleinen Sake vor der Aufführung?“ Ich schicke ein kurzes Dankesgebet zum Himmel und sage: „Bitte zwei! Meine Begleitung ist gerade auf dem Klo und sie liebt Sake!“ Zack, wieder zwei Schmerzenssäulen verzehrt.
Nun sitzen wir nebeneinander und starren auf eine leere Bühne und ich wünsche mir innerlich wirklich Werbung, die gesungen oder dramatisch gespielt wird. Wenn man schon das Phantom per Musical darstellen kann, dann doch auch vielleicht eine Staubsauger- oder Waschmittelwerbung. Ich stelle mir das ziemlich witzig vor: „Oh, was ist das?“ Das gesungen. „Ich weiß es nicht, sag es mir!“ Dramatisch gesungen. „Es ist Dreck!“ „Dreck?“ „Ja, Dreck!“ Beide versinken in Lethargie, doch dann ein Scheinwerfer auf einen Pappkarton. „So siehe doch, es ist Ariel.“ „Ariel. Ariel. Ariel!“ Als Duett versteht sich. Aber es kommt keine Werbung, nur ewiges Gewarte. Dazu packt sie meine Hand und schaut mir verliebt in die Augen. „Ist das nicht schön? Wir beide hier? Alleine? Ein bisschen Kultur?“ Ich schaue mich um: „Alleine sind wir nicht. Also wenn du jetzt Sex haben willst... ich stehe nicht auf Zuschauer. Und ich weiß nicht, ob öffentlicher Sex mit Kultur gleichzusetzen ist.“ Sie schlägt mir neckisch auf die Schulter und sagt lächelnd: „Du denkst auch immer nur an das eine!“
Das Licht geht aus. Alles verschwindet im Dunkeln. Ich kann nichts erkennen und beschwere mich, dass ich nichts sehen kann, werde aber neben mir darauf hingewiesen, dass man das so eben mache, bevor eine Vorstellung beginne. Da der Kontakt zu meinem Nebenan steht, frage ich: „Haben Sie noch einen von diesen Sake vielleicht?“ Auch hier bekomme ich keine Antwort, nur einen bestürzten Blick. Ein dezenter Lichtstrahl erweckt die Bühne zum Leben und ein paar Menschen sind zu erkennen. Sie reden irgendwas über eine Auktion und innerhalb der nächsten zwei Minuten fängt auch jemand sofort an zu singen. Wie ich singen hasse. Ich bin mir bewusst, dass ich in einem Musical sitze, aber muss man denn wirklich nach zwei Minuten sofort singen? Und dann singen die auch noch über so belanglose Sachen, dass irgendein ‚er’ etwas nun besitze, was ‚er’ immer vermisse. Na, das wird ja was. Wenn das Musical nun 90 Minuten lang läuft und alle zwei Minuten gesungen wird, dann wird ja 45 Mal gesungen. Das werde ich nicht aushalten. Das ist zuviel für mich. Wo ist der Sake?
Doch dann das Lied, das jeder kennt. Das Phantom der Oper stellt sich vor und ich erkenne dieses Lied aus meinem Liederrepertoire. Sofort stehe ich auf und spiele Luftgitarre dazu, da mich der Sound aus den Socken haut. (Übrigens schlechte Idee, denn keiner stand mit mir auf. Stocksteif, sage ich nur, dieses Publikum.) Die Szene ist beendet und um einen Szenenwechsel anzudeuten, läuft stumpf ein Typ mit einer Leiter durch das Bühnenbild. Ich bin dermaßen berührt, gar begeistert. Da habe ich vielleicht geklatscht.
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