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Als ich über Bildung und Schulleben nachdachte, fielen mir einige Geschichten dazu ein; natürlich auch sofort die Assoziationskette „Pisa – Pisa-Tourismus – Finnland – Skandinavien“. Ach ja, unser Land der Dichter und Denker wurde schon irgendwie gedemütigt. Unter uns, hätten wir Goethe, Schiller, Nietzsche, Karl-Heinz Wegener und wie die Großen alle heißen mögen, nicht im Einzugsgebiet Deutschland gehabt, sondern mehr den Schlag der Denker und Dichter, wie „Anton aus Tirol“ oder von Beginn der Menschheit an „Deutschland sucht den Superstar“ auf großen Obelisken ausstrahlen lassen, könnte man ja mit dem einen oder anderen kleinen, blauen Bildungsveilchen aus dieser Misere herausstolpern. Aber nein, der Fall ist es leider nicht. Es ist die Länderagglomeration, die das Knäckebrot erfand und seit diesem Zeitpunkt bin ich eigentlich ganz stolz, wenn jemand mich darauf hinweist, ich sei intelligent wie Brot. Aber, meine Damen und Herren, Finnland kann uns noch schöner trauriger setzen, denn ich recherchierte weitere Spitzenreiterposition Finnlands. Finnland besitzt die besten Tango-Tänzer. "Der Tango ist der Blues der Finnen", erklärt Aki Kaurismäki, bekanntester Regisseur des Landes. Die Finnen lieben ihre NOKIA-Handys: Von hundert Einwohnern besitzen 65 ein eigenes Mobiltelefon, das sind mehr Handys pro Kopf als in irgendeinem anderen Land der Welt. Von wegen die Finnen seien ein wortkarges Volk: insbesondere die jungen Finnen sind Weltmeister im Flirten – und das per SMS.Okay, eigentlich sind es nur zwei Punkte, die nicht zum Angeben gedacht sind, besitzen aber ein legitimes Existenzrecht. Auch Sinnlosigkeit muss toleriert werden!
Aber ich möchte unbedingt auf die Bildung unserer Rente, verzeihen Sie, der künftigen, ungeschliffenen Diamantbildungsträgerelite zurückkommen. Ich selbst war in den Bereichen Deutsch und Mathematik drei Jahre lang als Nachhilfelehrer tätig und kam mit der einen oder anderen Unwissenheit meiner Schüler in Kontakt. Bis auf die Tatsache, dass ½ + ½ immer und wirklich jedes Mal 2/4 bei jedem Bruchrechnungsproblemkind ein Dogma ergaben, brannte sich doch ein Dialog mit der kleinen, 15-jährigen Susi besonders in mein Gedächtnis. Ich: „Heute Abend gehe mit einer Freundin in das Phantom der Oper!“ Sie schaut mich verständnislos an. Ich versuche aktuelle Bilder bei ihr aufzubauen und meine: „Das ist der Serienkiller aus dem Film SCREAM, aber nur mit der halben Maske im Gesicht.“ Sie reagiert endlich: „Jo, den kenne ich. Der mit dem Riesenmesser!“ Ich: „Nein, der mit der Orgel!“ Sie: „Wie uncool!“
Ja, Kultur war einmal und ich war auch Zeuge eines Einstellungstest, in der folgenden Frage vorkam: Wer schrieb FAUST? Als Alternativantworten existierte folgende Auswahl: Goethe, Schiller, Sartre und Ephraim Lessing. Ein junger Mann stand wirklich auf und fragte, warum man nicht Rocky Balboa als Alternative nannte. Das ist des Bildungs Kern und ist aus den Augen wie aus dem Sinn – und das sagte schon... eben wer? Richtig: Schiller!
A propos Schiller, ein sehr guter Freund meinerseits und Germanist hatten uns an einem wunderlichen Abend einen schönen Werbespot bzgl. Kultur-/ Bildungsförderung ausgedacht. Dieser verläuft folgendermaßen: Es ist Weimar bei Nacht. Ein leicht angetrunkener, junger Mann, maximal 19 Jahre, stolpert an der Statue Goethes vorbei, betrachtet diese prostend und sagt: „Jahaaa, Schiller, mehr als ‚Freude schöner Götterfunken’ hasse ja auch nich hinbekommen!“ Danach eine Ausblende mit dem Subtext: „Mehr als 2 Millionen Abiturienten können Schiller nicht von Goethe unterscheiden.“ Darunter dann die Notrufnummer.
Das liegt aber ganz einfach auch daran, dass die Intentionen der einzelne Werke der großen Dichter einfach missverstanden werden. Nehmen wir ein geschehenes Szenario aus den Zeiten meines Deutsch-LKs. Natürlich ein LK der Frauendomäne – schon interessant. Die Lehrerin schrieb nun mehrere Lektüren an die Tafel und daneben, deren Kernaussage. Beispiel zur Visualisierung und leider wirklich passiert: Faust, links – Streben des Menschen als Kernaussage rechts daneben Woyzeck, links – Determinismus rechts Nathan der Weise – Ringparabel
Danach wurde abgestimmt. Von 30 möglichen Stimmen wurde mit 25 für Nathan den Weisen gestimmt, da die Mädels dachten, es würde sich in diesem Werk um einen romantischen Heiratsantrag handeln.
Wenn ich schon gedanklich bei diesen alten Kamellen lande, möchte ich auch glatt den hohen Grad der Selektion ansprechen. Dies weniger auf die Bildung bezogen, sondern mehr auf unser Schulsystem. Um noch genauer zu werden – den Sportunterricht. Kalle, Georg und ich waren nie die Topsportler. Kalle besaß das Accessoire eines hautfarbenen Brillenglaspflasters und Georg und ich waren schlicht und ergreifend moppelig. Er hatte übrigens den Spitznamen ‚Superfat Buddha’ und ich ‚Mozartkugel’. (Wenn die Kinder diese Kreativität des brutalen Neologismuss einmal ins Lernen umsetzen würden, hätten Georg und ich wahrscheinlich nie so leiden müssen und PISA wäre anders abgelaufen. Gibt es eigentlich eine PISA-Studie für fiese, neue Schimpfwörter?) Dann kam, was immer beim Sportunterricht kommen musste. Fußball spielen und autonom sollten die besten Sportler der Klasse zwei Mannschaften bilden. Und wie löste man dieses Problem? Genau, man entfernte sich ca. drei Meter und näherte sich durch ‚Tiptap’, oder auch Gänsefüßchen oder Entenlauf, indem man den Fuß an den anderen setzte. Derjenige, der ja den Fuß des anderen als erstes unter sich hatte, gewann seinen ersten Mann zur Auswahl. Aber bevor das wiederum geschah, verbog man sich den jeweiligen Fuß bis um 180 Grad dermaßen, dass selbst Orthopäden bist heute ratlos für diesem Tiptap-Spiel und seinen anatomischen Unmöglichkeiten stehen. Gut, Thorsten verlor gegen Armin und Armin durfte seinen ersten Mann wählen. Zum Schluss saßen wir drei auf der kleinen Sportbank und schauten mit Dackelblicken auf Thorsten und Armin. Aber keiner wollte uns. Immer die gleichen, bekannten Dialoge bekamen wir zu hören: „Nee, ey, ich hatte Einauge letzte Mal. Jetzt bist du dran!“ „Okay, aber dafür nimmst du die zwei Dicken!“ Pädagogisch betrachtet, besitze ich bis heute noch psychische Narben, aber Georg traumatisierten diese Sportereignisse so stark, dass er heute ein erfolgreicher Unternehmer und Gründer einer Fitness-Filialenkette geworden ist. Name seines Unternehmens: McMoppel!
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich auf einem musischen Gymnasium war? Ich glaube nicht und auch das muss Erwähnung finden, denn auf meiner früheren Schule könnte man sich sozusagen durch das Abitur tanzen. Was ich sagen möchte ist, dass auf dieser Schule als viertes Abifach das Fach ‚Ballet’ existierte. Nicht unser Orchester zu vergessen. Diese beiden Sparten Musik und Tanz wurden ins Unheimliche und Unermessliche ge-pusht. Wie oft klingelte es zur großen Pause: Mathe in einem Gebäude, Philosophie in dem gegenüber. Die Tänzer stürmten euphorisch auf den Schulhof, fanden ihre Tanzpartner und beflügelten uns Mitschüler mit Hebefiguren aus „Dirty Dancing“ und was weiß ich alles. War das peinlich... denn zusätzlich packten ad hoc auch noch ein paar Orchesterleute ihre Trompeten und Geigen und Trommeln und Triangeln aus und begannen den „Ungarischen Tanz Nr. 5 G-Moll“ von Brahms zu spielen. Als dann noch meine Mutter mich am späteren Tage fragte, ob ich nicht Lust hätte, den Film ‚Grease’ mit ihr zu schauen, beschloss ich, die Schule zu wechseln. Dies stoss auf elterliche Ablehnung, also hatte ich nur eine Chance. Ich musste auch irgendwie Tänzer werden. Wer Mozartkugel heißt, muss auch ein bisschen klassisches Blut in sich haben. Kurz: beim Vortanzen sollte ich plötzlich die Schule wechseln und irgendwie hatte ich mein primäres Ziel wieder erreicht, aber meine Eltern meinten, ich solle auf jeden Fall auf dieser Schule bleiben und anfangen ein Instrument zu spielen. Kurz: beim Vorspielen für unser Schulorchester bekam ich für Marvin Gaye’s ‚Let’s get it on’ auf meiner Maultrommel auch keinen Beifall.
Aber einmal konnte ich mit meinen „künstlerischen“ Fähigkeiten glänzen. Im Religionsunterricht sollten Kalle und ich die Passion Christi referieren. Da wir uns als Rebellen des Schulsystems sahen und auch einige Kontakte zur Waldorfschule pflegten, kam uns sofort nur eine Idee in den Sinn: wir tanzen das Referat. Also Ausdruckstanz, begleitet mit meiner Maultrommel, die „Danke für diesen schönen Morgen“ vibrierte. Wir bekam sogar eine Eins dafür. Der Lehrer nannte es expressionistisch, doch zugleich postmodern und mit dem Touch der leichten Blasphemie, die den Nerv der Zeit treffen würde. Wir nickten dankbar und wussten: Vive la revulotion! Wir waren le Miserable!
(Jetzt kommt hier eine Überleitung, die ich mir selbst nicht ganz erklären kann.)
Transferleistend gedacht, müssen wir zudem einfach die Globalisierung beachten. Die Globalisierung besteht gerade in der Bildung und der Sprache. Ich meine hier unter anderem auch hier die Bildung, im Sinne der Bildung der Syntax und Grammatik. Denn gerade diese mutieren zu einer gewissen Dönermentalitätsrhetorik. Denn: der Grieche bietet Wiener Schnitzel, der Chinese slowakische Spezialitäten, der Türke Pizza und wenn wir einen großen Topf nehmen, alle Nationalitäten mit ihren typischen Gerichten hineinwerfen, gut umrühren, bekommen wir ein Globalisierungseintopf heraus. Beziehen wir dieses nun auch auf die Syntax und Grammatik und behalten den Begriff ‚Dönermentalitätsrhetorik’ im Gedächtnis. Denn wie oft fragt der freundliche libanesische, türkische, italienische oder chinesische Bedienung, gar zumeist der Inhaber der Gastronomie bei der Bestellung des Döners: „Was kommt denn drauf?“ Der Döner ist, bis auf die Pizza, für mich das einzige Gericht, dass man sich wie ein Puzzle a la individuellem Geschmack zusammenbasteln kann. Aber ich möchte nun die Brücke zum vorherigen Thema schlagen. Ein Jungendlicher steht vor und bestellt seinen Döner. Darauf die altbekannte Frage: „Und kommt was drauf?“ Er: „Mit ALLES!“ Darauf schaut der Dönerverkäufer kurz hoch und korrigiert: „Mit ALLEM?“ Ich ziehe mich geistig zurück und denke: „Ja, ich hätte gerne zuerst den Akkusativ, dann ein bissel Dativ, aber nicht so scharf... oh, den Genitiv bitte doppelt!“ „Oh“, sagt der Mann verzeihend, „der ist aus!“ „Macht nichts! Dann hau eben mehr Dativ daruff!“
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