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Um Shakespeare zu zitieren und doch gleich mit dem letzten Wort zu entfremden: „Wahre Liebe gibt es nur unter Talkshows.“ Kommunizieren mit dem Partner ist out. Schlicht und ergreifend wird der Rettungsanker ‚Öffentlichkeit’ gesucht, mit dem selbstgestrickten Versprechen: „Was vor mehreren Millionen Zuschauern gesagt wird, muss Ehrlichkeit, Wahrheit und Seriosität ausstrahlen.“ Richtig, das Verb ‚ausstrahlen’ trifft es ziemlich genau. Wer sich die Paartherapie nicht leisten kann, sucht Hilfe bei dem Medium ‚Talkshow’. Anstatt zu zahlen, wird gezahlt.
Auf einem dreibuchstabigen Sender plus Zahl im Namen schaue ich eine dieser Talkshows. Thema heute: „Schatz, ich brauche Dich und habe einen Fehler begangen. Nimm mich zurück.“ Circa über hundert Zuschauer sitzen im Studio, um sich über die Gladiatoren des schlechten Alltags zu belustigen. Man befindet sich im neuen Rom mit einem technischen Colloseum. Wie war das gleich? Zuckerbrot und Spiele? Oder eher Zuckerbrot und Peitsche? Ach ja, ich erinnere mich. Das Zuckerbrot für die Quoten und die Peitsche für den Zuschauer. Vorher jedoch ein kleiner Trailer für den Zuschauer vor den Störstrahlern, um die komplizierte und nicht sofort erkennende Beziehungskiste zu verstehen.
Das Telefon im Büro des Moderators, Schrägstrich Diplom-Psychologen, klingelt und beim Abheben des Hörers erscheint eine Einrückung zur Hälfte des Bildes mit dem verzweifelten Talkshowgast. „Ja, hallo?“ Wir erahnen die Aktualität des Geschehens. Man wird förmlich dazu gezwungen, da zufälligerweise eine Kamera vom Sender beim Gast zu Hause im Wohnzimmer zu sein scheint. „Ja, äh, hallo? Ich habe ein Problem. Ich will meine Ex zurück. Wie geht das jetzt so?“ „Ja, Thomas...“ Ich stutze ein wenig. Wann hat er seinen Namen gesagt? Egal, neben dem Psychologen wird auch gleich noch der Beruf des Hellsehers gepachtet. Es ist deutsches Hollywood. Einfach akzeptieren, nicht denken, nur akzeptieren. Dann tut es nicht mehr so weh! „Also, Thomas, wie genau kann ich dir dann helfen?“ Och, lieber Moderater. Die Bitte wurde doch schon erwähnt. „Ja, äh, will eben Perle zurück, weil wichtig und so.“ „Aha“, der Moderator rückt seine Brille mit Scheibenglas auf den Nasenrücken intellektuell zurück, „dabei kann ich dir gerne helfen. Komm doch am besten gleich in meine Sendung.“ „Äh, wie jetzt... ich soll das nur sagen, oder? Ich bin noch in Lauchhammer. Wie jetzt? Ich dachte, ich soll erst inna Woche kommen.“ „Ja, Thomas, äh, ich meine, du sollst“, betont wird das, „GLEICH in meine Sendung kommen.“ Thomas kapiert das Stichwort und sagt schnell: „Ha-ha, klar, gleich“, dabei drückt er dem Kameramann eine Auge zu. „Höhö, gleich - verstehe. Bis GLEICH“, sagt er stolz und legt auf, wobei die Einrückung des Bildes von Thomas zu einem harten Schnitt wird und die Talkshow, die natürlich NICHT aufgezeichnet wurde, gerade läuft.
„Somit möchte ich nun Thomas auf die Bühne bitten. Hier kommt Thomas“, und das Publikum beginnt euphorisch zu klatschen. Thomas erscheint mit geduckten Gang auf die Bühne, besitzt den Gang eines Bauern, begrüßt schüchtern das Publikum und sucht orientierungslos den Moderator, der sich in den Zuschauerreihen versteckt. „Höhö, hallo zusammen, höhö!“ „Hallo Thomas, du bist hier, weil du was genau willst?“, fragt die Person mit der Magie des Mirkophons. Das kann nicht wahr sein. Ist das jetzt ein Intelligenztest für die Zuschauer? Oder für das bekannte Rätsel vor den Pausen, für das es tausend Euro zu gewinnen gibt. Dieses Mal mit der Frage: „Warum ist Thomas heute bei mir in der Sendung? A: er will seine Freundin zurück oder B: er will seinen Hamster zurück? Ruft an oder schickt eine SMS an....“ Thomas ergreift das Wort: „Ja, höhö, ich will meine Ische zurück.“ Sofort erkennt man das sozialpädagogische Studium des Moderators, indem gefragt wird: „Ist Perle nicht ein bisschen abwertig? Es ist doch die Frau, die du noch liebst, nicht wahr?“ Thomas scheint sich wieder zu erinnern und sagt: „Klar, Alter, sicha dat. Was ist ein Mann ohne Auto und Frau. Haste ma meine Karre gesehen? Voll geil. VW Golf, getuned, acht Basswürfel. Die hauen dir das Trommelfell raus. Superkrass.“ Doch dann wird Thomas sentimental: „Aber wat is ne geile Karre ohne ne geile Perle. Nichts! Jeder Mann hat doch nen blonden Schlitten neben sich, oder?” „Du meinst, dass jeder starker Mann eine Frau hinter sich hat“, sagt der Moderator geschickt und nicht gelernt. „Wat?“, fragt der VW-Matador verwirrt, „ja, höhö, auch das!“ „Ja, Thomas, was war denn der Grund, dass deine Freundin nun nicht an deiner Seite ist?“ „Joa, ich war so besoffen, dass ich vergessen tat, dass ich ne Perle zu Hause hab. Da hab ich eben die Cordula piiieeep.“ Das Publikum ist schockiert und schreit im Chor ‚Pfuiiii’ und ‚Buuhhh’. Doch Thomas lacht, sucht sich einen Pfui-Schreier heraus und sagt: „Wat denn, du Arsch. Wat denn? Auf Fresse? Komm doch, wenne wat willst!“ Der Moderator geht dazwischen und stellt sich schützend zwischen Offensive und Defensive: „Na, na, na, Thomas. Beleidige nicht meine Zuschauer. Sie habe schon recht, wenn du so etwas sagst.“ Thomas zeigt Reue oder was dieser Blick auch immer zeigen soll. „Lieber Thomas, wir haben deine Ex-Freundin natürlich hier. Sie weiß von nichts. Sie denkt, sie werde überrascht. Was willst du ihr heute sagen?“ Schweigen im Studio und auch ich sitze gebannt vor dem Fernseher, da ich mir überhaupt keinen Reim machen kann. „Ich will’se zurück.“ Jawoll, Knaller, Raketen, Feuerwerk. Wer hätte das gedacht? Ich dachte doch tatsächlich, er möchte, dass ihm seine Freundin den VW-Auspuff zurückgeben solle. Ich bin vollkommen erstaunt, verwundert, begeistert. Mein Gehirn schlägt eine scharfe Linkskurve. Und wieder sind ein paar Gehirnzellen mehr abgestorben. „Nun, lieber Thomas, dann gehe doch noch einmal hinter die Bühne und ich hole zuvor deine Ex-Freundin Fridula herein.“ Thomas versteht die Aufforderung sofort und sucht sichtlich irritiert den Eingang bzw. Ausgang, in den er hineingekommen ist.
Es ist soweit. Fridula besteigt die Bühne aus der rechten Tür. Mit ihren fettigen, blonden Haaren und einem schwangeren Aussehen betört sie mich sofort. Innerlich frage ich mich, wie man ein Geschöpf jener Schönheit nur betrügen kann. Sie streicht sich durch ihr fettiges Haar und wischt die erhaschte Masse am Stuhl, in dem sie sitzt, ab. Mich überkommt Ekel. Wie gut, dass das keiner sieht. Pfuiii! „Hallo Fridula. Wie ich sehe, darf man gratulieren. Welche Monat ist es denn?“ Fridula schaut wunderlich auf ihren Bauch, packt ihn, zieht ihre vorhandene Haut und antwortet: „Wie Monat? Dat is mein Bauch. Wieso jetzt?“ „Du bist nicht schwanger?“ „Nein, wieso dat dann? Wer sachte dat jetzt wieda? Meine piiieeep Schwiegermutter? Oder der bekloppte Prolet Udo, mit dem ich acht Mal schlief ohne Gummi und im Suff!“ Tja, lieber Moderator, da hilft jetzt kein Studium, keine Kommunikationsseminare, einfach nichts. Fernsehen heißt Leiden. Auch für Talkshow-Fachangestellte. Der Moderator behält aber die Fassung – wie langweilig, doch ein Profi, der schon viel gesehen und erlebt hat. „Nun, weißt du, warum du hier bist?“ „Neee, weiß nur, dat ich überrascht werden tun soll. Vielleicht ein Ex-Freund?“ „Da liegst du schon ganz gut“, antwortet der Moderator geschmeidig, „und wer würde dir spontan einfallen?“ Fridula überlegt. ... Sie überlegt weiter. ... Es dauert ein bisschen. ... „Äh, Fridula? Kannst du bitte antworten?“ „Ey, ich überleg noch.“ „Okay“, sagt der Moderator, um das Denken Fridulas zu verkürzen, „wer fällt dir spontan ein? Sagen wir, die letzten Ex-Freunde im letzten halben Jahr.“ Es soll eine Andeutung auf den kommenden Thomas sein. Leider denkt Fridula wirklich nur assoziativ nach. „Na jut, dann würde ich sagen, vielleicht Jürgen, Udo, dem Penner-piiieeep, Gustav, Harry, Detlef, Klaus, Hans, Eduard, Jochen, Ingo – aber dat is nur so ma jetzt, ne?“ Mir fällt die Kinnlade herunter. Wie kann man in einem halben Jahr so viele Ex-Freunde haben. Ich gehe auch stark davon aus, dass eine sexuelle Beziehung vorhanden gewesen ist. Das heißt also, dass Fridula jeden Monat mehr als eineinhalb Männer in ihrer guten Stube beglückt hat. Um genau zu sein: Eins Komma Periode Sechs. Wie macht sie das? Ich sitze seit vier Monaten auf dem Trockenem. Vielleicht bin ich in den falschen Kreisen? Ich werde schon ein bisschen neidisch. Obwohl bei einem genaueren Hingucker nicht wirklich. Das Publikum erstarrt. Keiner hätte mit dieser Anzahl an Namen gerechnet. „Ja, Fridula, kennst du noch einen Thomas?“ Fridula verdreht die Augen. „Der piiieeep? Ja sicha. Der war ja vor Jürgen, Udo, Gustav, Harry, Detlef, Klaus, Hans, Eduard, Jochen, Ingo und so jetzt, ne?“ „Nun, Thomas will dir heute etwas sagen. Thomas, bitte komm herein.“ Ein Liebeslieb wird eingespielt. Soweit ich es erkenne, Police mit ‚Missing you’. Thomas erscheint mit einem großen Blumenstrauß, dazwischen unzählige, rote Rosen. Sofort schreit das Publikum auf Kommando ‚Pfuuiii’ und ‚Buuhh’. Thomas stört das aber nicht. Mit seinen nikotingelben Zähnen grinst er in die Kamera und versucht Fridulas Hand zu nehmen, was sich als schwierig erweist, denn immer wieder schleudert sie seine Hand von ihrer los. „Schatziputzel, ich weiß, ich hab ne Menge Mist getut. Aber die Cordula war nur nen Rutscher.“ Fridula scheint dies egal. Sie dreht sich um und gibt sich unnahbar. „Mausespatz, ich will dich zurück, weil du gut kochen kannst, du gut im Bett bist und nen geilen Auspuff hast. Ich hab nie Frau finden tun, die so nen geilen Auspuff haben tut.“ Was meint nun Thomas mit ‚Auspuff’? „Ich will dich zurück, weil du die Perle an meiner Seite bist. Du bist der 7er BMW für mich, den ich mir nie leisten kann.“ Fridula scheint besänftigt. Sie dreht sich zu Thomas um, schaut ihn beinahe verzeihend an, sagt aber: „Wie kann ich dir denn wieder vertrauen tun?“ „Genau, vertraue mir noch einma, wa?“, sagt Thomas romantisch, soweit er die Romantik beherrscht. „Neee, lass mann. Du nicht mehr.“ Thomas schaut verzweifelt ins Publikum. Da glänzen seine Augen und ihm scheint die Idee in den Sinn zu kommen – die letzte Karte, das Schmückstück, wenn nichts mehr klappt, die einzig betörende Frage: „Schatzimuffelchen, du bist mir wertvoller als mein VW mit den acht Bassboxen und Auspuff und breiten Schlappen und dem verchromten Innenraum – willst du meine Frau werden?“ Fridula kann ihr Glück nicht fassen. Tränen strömen über ihr Gesicht. „Meinst du dat nur so oder is dat ernst?“ „Neee, Haseschnäutzchen, ich will dich als meine Alte. Für immer und ewig!“ Ich gebe zu, dass die Rhetorik nicht ganz mein Geschmack darstellt, aber diese Emotionalität reißt selbst mich mit. Ich zücke ein Taschentuch und wische mir meine Tränen aus dem Gesicht. Welche Art von Tränen sei dahingestellt. Fridula nimmt Thomas’ Hand, zieht ihn zu sich hoch, umarmt ihn und bekleckert ihn mit diversen Tränen gemischt mit schlechter Wimperntusche. „Ja“, hört man schluchzend, „ja, Thomas, Schatz, ich will. Du, mein alter Stecher!“ Das Pfui-und-Buh-Publikum ist gerührt und der anfängliche Hass ist vollkommen verfolgen, denn alle klatschen und jubeln lauthals. Geht es nur mir so oder habe ich etwas verpasst? Ich schalte mit einem Gedanken traurig um: „Armes, armes Deutschland.“
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