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Ich sitze in meinem Arbeitszimmer als auf einmal mein Telefon läutet.
"Hallo, Praxis Dr. Marvin, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?"
"Hallo? Hallooo?", ertönt es fragend und doch laut mit bestimmter Stimme aus dem Hörer.
Meine Mutter!
"Hallo Mutter", sage ich.
"Hallo, Marvin? Hallo?"
"Ja, Mutter, ich bin dran. Was ist denn los?"
"Noch nicht einmal eine Begrüßung? Du wirst mit dem Alter auch immer unhöflicher."
Ich verdrehe die Augen.
"Da brauchst du jetzt gar nicht die Augen zu verdrehen", meint Mutter und ich schaue mich um. Vielleicht sieht sie mich? Obwohl ich im vierten Stock wohne. Mütter, sie kennen einen zu gut.
"Tut mir leid, Mutter. Wieso rufst du denn an?"
"Wieso denn nicht? Brauche ich denn immer einen Grund, um meinen eigenen Sohn zu sprechen?" Dabei betont sie das Wort ‚eigenen' besonders deutlich.
Ich verdrehe - dieses Mal innerlich - die Augen. "Tut mir leid, Mutter. Es hätte ja etwas passiert sein können."
"Ist es aber nicht. Was machst du denn so? Geht es dir gut, mein Jung?"
"Ja, und es gibt nichts Neues."
"Ist ja mal was ganz anderes", murmelt sie verhüllt und vorwurfsvoll in den Hörer und ergänzt mit gleicher leiser Lautstärke: "Wie soll es auch sonst sein?"
"Mutter", sage ich laut, "ich kann dich hören. Du sprichst immerhin ins Telefon. Es ist nicht gut am Telefon laut, oder eher, leise zu denken - ich kann es hören. Ein Nachteil und leider auch Sinn bei einem Telefonat."
"Ja, ja", antwortet sie und schweigt. Ich warte ein paar Sekunden gespannt ab, doch wird unsere zähe Kommunikation nicht weitergeführt.
"Mutter?", frage ich verständnislos.
"Ja, bitte?", fragt sie zurück, als ob nichts passiert sei.
Zwecklos, ich bin der mütterlichen Kriegspsychologie hoffnungslos ausgeliefert.
"Du meintest soeben ‚ja, ja'. Was denn nun?"
"Ach nichts."
"Mutter?", frage ich schon fast zornig.
"Ach, weißt du, nur so."
"M-U-T-T-E-R, jetzt sprich mit mir, wenn du schon anrufst", sage ich fassungslos.
"Ach Marvin, bei dir gibt es nie etwas Neues. Ja bist du denn immer nur zu Hause? Lernst keine neuen Menschen kennen? Und eine Freundin hast du auch schon länger nicht mehr. Dabei wünsche ich mir doch so sehr Enkelkinder."
"Aber, Mutter, ich bin noch zu jung, um eine Familie zu gründen", aber ich werde einfach unterbrochen.
"Wie zu jung?"
"Ich stehe noch nicht einmal richtig im Leben, Mutter. Wie soll ich unter diesen Umständen denn eine Familie gründen können?"
"Eben. Wie alt bist du jetzt?" Ich traue meine Ohren nicht. Doch sie übergeht, wie so oft meine Antwort, die unausgesprochen bleibt, und fährt fort: "Selbst Cassandra ist dir weggelaufen."
"Aber aus ganz anderen Gründen."
"Ich weiß da aber etwas ganz anderes."
Ich verstumme. Wie, sie wüsste da etwas ganz anderes? Was weiß ich denn wieder nicht, was sie weiß? Und überhaupt, wie hat sie es erfahren? Meine Gedanken fahren Achterbahn.
"Wie soll das denn funktionieren? Als ob dich Cassandra angerufen hätte, um sich bei dir auszuweinen."
"Tja", bekomme ich als überlegene Antwort.
"Wie ‚tja'? Das ist keine Antwort, dieses ‚tja'. Jetzt sag' schon, was weißt du?"
"Ach, eben dies und das."
"Mutter", betone ich lauter.
Just in diesem Moment knallt meine Haustür auf und ein halbes Dutzend mit schwarzen Kampfanzügen bekleidete Männer mit Sturmhauben, die ihre Gesichter vollkommen verhüllen, stürmen meine Wohnung. Drei umringen mich sofort, richten ihre Gewehre auf mich und schreien: "S.E.K., AUF DEN BODEN, SOFORT!" Die anderen drei sichern den Rest meiner Wohnung und einer ruft laut: "SICHER!"
Mit einer pantomimischen Bewegung versuche ich den Beamten des S.E.K. verständlich zu machen, dass ich noch ein bisschen Zeit brauche.
"Marvin, hast du Besuch bekommen?", fragt meine Mutter zornig. "Immer wenn wir telefonieren, bekommst du Besuch."
"Äh, Mutter", sage ich vorsichtig und spüre in meinem Nacken die Spitze des Gewehres. Ich halte mit einer Hand die Telefonmuschel zu und schaue einen der Beamten an und sage:
"Ich bin sofort für Sie da. Meine Mutter ist am Apparat."
Die Beamten betrachten sich ratlos und einer zückt sein Funkgerät: "Schneewittchen an Winnie Puh, Wohnung sicher. Person telefoniert mit seiner Mutter. Warte auf weitere Instruktionen. Wurden nicht für die Situation ausgebildet."
Leider erhalten die Beamten keine Instruktionen.
"Marvin? Wer ist denn nun da?"
"Das S.E.K., Mutter."
"Wer?"
"Das S.E.K., Mutter", entkommt es meinem Zwergfell flüsternd.
"Ach, hast du wieder diese Partei gewählt? Siehst du, immer nur Ärger mit denen. Gib mir mal einen. Denen sage ich jetzt mal meine Meinung."
"Mutter", sage ich ängstlich, "es ist keine Partei. Glaube mir!"
"Ach so, dann sind das bestimmt die Zeugen Jehova. Die kannst du mir auch mal geben."
"Nein, Mutter, auch nicht die Zeugen Jehova, es ist das S.E.K. Die haben gerade meine Wohnung gestürmt."
"Was", ertönt es schockiert, "so dreist sind die schon geworden. Schlimm genug, dass die ja schon immer früh morgens kommen und kaum abzuwimmeln sind, aber das die jetzt auch noch die Wohnung stürmen. Marvin, rufe die Polizei, aber sofort."
Ich spüre einen erneuten Stoss des Gewehres in meinem Nacken. "Mutter, sie haben Waffen. Grosse Waffen!"
Jetzt ist meine Mutter außer Rand und Band: "Was, radikale Fundamentalisten sind bei dir eingebrochen? Rufe die Polizei, Marv, jetzt mach schon, ich warte so lange." Leider legt Mutter den Hörer nicht auf.
"Erstens, Mutter, ist das S.E.K. sozusagen die Polizei und zweitens, wie kann ich die Polizei anrufen, wenn du weiterhin am Telefon bleibst."
Der Beamte neben mir tippt mir auf die Schulter: "Wir möchten ehrlich nicht stören, aber wann wären Sie denn soweit? Ich meine für die Verhaftung?" Ich schaue mit ängstlichen Rehaugen zurück. Jedoch bekommt Mutter nur das Wort ‚Verhaftung' mit.
"Verhaftung? Sagte der junge Mann wirklich Verhaftung? Oh Marvin, von wem hast Du das alles nur? Von uns bestimmt nicht. Immer nur Probleme mit Dir."
Mir kommen langsam die Tränen und wimmernd sage ich: "Mutter, schnüff, die sind einfach so gekommen. Ehrlich... ehrlich." Selbst die anderen Beamten sind von meiner Verzweiflung gerührt und senken ihre Gewehre. Einen höre ich sagen: "Der arme Typ!"
"Marvin, gib mir einen von denen mal. Ich richte das. Ich muss ja eh immer alles richten."
"Äh, Mutter?"
"Marvin", und sie zischt den mütterlichen Ton, den man nicht abwehren kann.
Ich reiche dem Beamten neben mir das Telefon: "Meine Mutter möchte Sie gerne sprechen."
Sichtlich verwirrt schaut der Beamte mich und das Telefon abwechselnd an. Nach kurzer Zeit nimmt er das Telefon, stülpt seine Sturmhaube hoch bis sein Mund frei ist und fragt: "Äh, ja bitte?"
Ich bekomme diverse Töne, die wie ein Wasserfall aus dem Telefon rauschen, mit.
"Hhmm... hhmmm... ja... oh, ehrlich?" Dabei schaut mich der Beamte prüfend an.
"Nein?!", höre ich ihn zu meiner Mutter schockiert sagen. "So schlimm? ... Ach Gott!" Er schaut mich wieder an und schüttelt erschüttert den Kopf. "Ja, ich habe zwei Kinder. ... Wem sagen Sie das?", und er lacht.
In der Zwischenzeit überlege ich den anderen fünf eine Wohnungsführung anzubieten oder eine Kleinigkeit zu Trinken, entscheide mich aber, dass die Situation doch unpassend sein könnte.
Plötzlich schaut mich der telefonierende Beamte mit einem strafenden Blick an und sagt fragend: "Noch nicht einmal zum Muttertag?"
Ich zucke mit den Schultern und versuche mich zu verteidigen, aber er hebt nur sein Gewehr und ich verstumme sofort.
Mittlerweile spielen die drei Beamten an meiner Tür Karten und einer ruft: "Mao mao! Gewonnen!" Wie schön, dass die wenigstens Spaß haben.
"Nein, das hat Cassandra gesagt? ... Eindeutig, ... ganz ihrer Meinung. ... Absolut beziehungsgestört."
Jetzt reicht es aber. Ich will auch wissen, was Cassandra gesagt hat, wenn da bloß nicht diese gefährlich aussehende Waffe vor meiner Nase wäre. Mist!
Der S.E.K.-Beamte lacht wieder: "Ja, danke, wünsche ich Ihnen auch. Ja... Danke... Auf Wiederhören... werde ich machen. Auf Wiederhören! ... Hier", sagt der Beamte und streckt mir das Telefon entgegen, "Ihre Mutter möchte Sie noch einmal sprechen. Jungs, wir sind hier falsch. Entschuldigen Sie die Störung. Das passiert kein zweites Mal, versprochen."
Zitternd nehme ich den Hörer entgegen und einige Beamte winken mir noch zu und sagen "Tschüssi!"
"Marvin", höre ich meine Mutter sagen, "das war aber ein netter Mann. Nimm dir mal ein Beispiel an ihm. So, mein Schatz, ich muss auch nun los. War schön, wieder mit dir gesprochen zu haben. Wir sehen uns ja eh Heiligabend."
Und so legt meine Mutter auf und ich halte erstarrt weitere Minuten den Hörer in meinen Händen. Als ich meine Fassung gefunden habe, rast mir eine Frage durch den Kopf:
"Was weiß jetzt Mutter, was ich nicht weiß?"


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