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Teil 1

Mein Gedächtnis funktioniert generell spontan. Das merken zumeist auch meine Freunde, da ich sie spontan anrufe, mich über das letzte Wochenende beschwere, besonders über deren Verhalten. Zumeist wird mir hier von der anderen Seite verdeutlicht, dass man sich schon seit einem halben Jahr gar nicht gesehen habe und man für dieses Verhalten gar nicht zur Verantwortung gezogen werden könne.
Gestern z.B. habe ich Fred angerufen und bedankte mich für den schönen Männerabend.
Er sagte nur: „Marvin, erstens war ich das nicht und zweitens bin ich seit zwei Wochen in Australien!“
Aufgrund dessen rufen Freunde nur noch ad hoc an und laden mich direkt ein.
„Hey, Marv, alles easy bei dir?“
„Klar Janette“, sage ich ins Telefon, „haben schon lange nichts mehr voneinander gehört!“
„Gut, wir waren zwar Mittwoch einen Trinken, aber egal. Ich möchte dich gerne zu unserer Wohnungseinweihungsparty einladen.“
„Du wohnst du schon seit zwei Jahren in dieser WG. Wieso wieder eine Einweihungsparty? Obwohl… warte, die letzte Party war ja eher eine Abrissparty. Ihr habt neu renoviert?“
„Äh, nein“, zögert Janette, „mein Freund und ich sind zusammen gezogen.“
„Ach, hör auf“, sage ich abwinkend und suche nebenbei meinen Spülschwamm, den ich letztendlich unter meinem Bett finde und keine Erklärung für diesen Ort zur Hand habe.
„Ja, du weißt schon. Mit Amir!“
„Amir?“, frage ich erstaunt. „Ah, mir???“, betone ich absichtlich und klopfe mir stolz auf die Schulter, da ich den Witz phonetisch einfach Bombe finde.
Janette aber: „Ja, äh… genau, Amir! Und unterlasse bitte diese Phonetikwitze!“
„Ja, nett, Janette!“
„Ich kann dich auch ganz einfach wieder ausladen.“
„Mir? Ah!“
„Okay, Marv, bringt ja nichts. Hast wohl gerade deinen Idiotentag.“
„Hey, wieso? ‚Mir, ah’ ist maximal der Name Mira. Nur ein Anagramm würde Amir ergeben. Außerdem frage ich mich gerade, wieso mein Spülschwamm unter meinem Bett liegt und das Spülmittel am Ende meiner Matratze. Das macht mir ein bisschen Angst.“
Janette legt auf.
Das stört mich nicht unbedingt, denn ich versuche weiterhin die Rätselkette Schwamm, Bett, Spülmittel zu lösen.
Als mir die Lösung in den Sinn kommt, die nicht näher erläutert werden soll, sende ich eine entschuldigende SMS zu Janette und werde auch direkt für 20 Uhr eingeladen.

Nach meiner Dusche und einem Kaffee kommen mir weitere schlechte Partywitze in den Sinn. Hier einer von vielen.
Ich sitze in einer Runde und sage: „Was ist ein JA-Produkt? Richtig, Janette PLUS Amir GLEICH Kind!“
Alle würden sich köstlich amüsieren und ich stehe als Entertainer in der Mitte. Frauen würden hinter meinem Rücken murmeln, wer denn dieser sympathische Partylöwe sei und sich nach mir verzehren.
Die Erfahrung hat mich aber mit schmerzhaften Witznarben gezeichnet und so verwerfe ich meine JA-Partywitze sofort.

Janette hat gar nicht so Unrecht gehabt, indem sie mich auf den Idiotentag ansprach. Heute bin ich einfach gut drauf und nenne solche Tage der ungebremsten Euphorie selbst gerne ‚Nerdday’.
Ein Nerdday endet nie gut; also gesellschaftlich betrachtet. Man denkt, jeder Spruch würde wie eine Rakete weit nach oben zielen. Leider kracht diese nach hundert Metern auf den Boden.
Interessant ist aber der Nerd-Multiplicator: dieser wird multipliziert anhand der Präsens von weiteren Nerds im Raum. Ergo: Vier Nerds in einem Raum steigern subtil vierfach den Idiotenpegel und somit „being ernest, a nerd“.
Diese Anfangsbuchstaben ergeben wiederum das Wort BEAN und ich persönlich finde diesen wiederum absolut witzig. Da also Mr. Bean …
Ich denke, diese Assoziationskette sprengt den normalen Alltagsverstand… kurz: heute ist tatsächlich Nerdday.


Teil 2

Genauso spontan springen meine Synopsen umgekehrt. Wieso kann ich auch nicht sagen.
Ich mache mich fein. Ein chickes Manga-Shirt, eine schwarze Strickjacke, ein hellblaue, leicht abgewetzte Jeans und zum Schluss, mit dem Stylen meiner unwiderstehlichen Friseur, ein bisschen niveauvolles Eau de Toilette. Perfekt, einen Kuss an mein Spiegelbild und los.

Bei dem glücklichen ‚Wir-sind-zusammen-gezogen`-Pärchen komme ich natürlich zu früh an.
Ich möchte es anders ausdrücken: ich bin nicht unbedingt zu früh, aber die Anwesenheit von vier Personen lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen, denn neben mir ist natürlich unser neues Wohnungspärchen und ein Theologe mit seiner Freundin im Raum.
Auf die Frage, wieso er als angehender Priester überhaupt eine Freundin haben dürfe, wird mir folgendes als Antwort an den Knopf geknallt: „Erstens, mein kleines Schäfchen, ich bin evangelisch und zweitens, ich studiere auf Magister.“
„Ja, ja, diese Lutherböcke“, meine ich darauf, „die machen auch was sie wollen, häh?“ Dabei knipse ich neckisch dem für mich angehenden Pfarrer ein Auge zu.
Dies findet er wiederum überhaupt nicht witzig und der weitere Smalltalk scheint beendet zu sein.
Dies wiederum merkt das Wohnungsweibchen und bietet eine Käseplatte an, die fortan neuen Gesprächstoff liefert. Ich persönlich frage mich, wo aber die ‚Weinplatte’ zur bekannten Käseplatte bleibt.
„Wo ist denn der Wein dazu?“, frage ich.
Alle schauen mich verstohlen an. Ergo: ich gehe zum Kühlschrank und hole mir ein Bier.
Zurück mit dem Bier in der Hand in jener Runde frage ich ganz unwissend, wie man eigentlich eine Bierflasche mit einem Korkenzieher öffnen könne. Denn diese Frage ist durchaus legitim, wenn man überlegt, dass man mit 78% aller Haushaltsgeräten sowie Hilfsgeräten eine Bierflasche öffnen kann.
Dachte, das lockert ein bisschen die stumme, magenschließende Käsestimmung – aber im Gegenteil, mir wird vor den Kopf geworfen, woher ich eigentliche käme und an die Gastgeber wird die Frage gerichtet, wieso man so etwas wie mich einladen könne.

Der Laden – Entschuldigung – die gemeinsame Wohnung voller zukünftiger Hoffnung füllt sich. Auch mit alten, bekannten Gesichtern, die mit neuen, aber bekannten Gesichtern an ihrer Seite erscheinen.
Zu dem Kaktus auf der Fensterbank, meinem neuen sehr sprachlosem Freund, sage ich: „Jaha, das nenne ich mal Beziehnungshopping! Wie doch plötzlich alte Freunde so miteinander ... du weißt schon...“
„Neee, weiss ich nicht!“, antwortet der Kaktus.
Ich bin erstaunt, schaue den Kaktus erneut an und frage: „Wow, du kannst also doch reden?“
„Neeee, Alter, eigentlich nicht, aber du hast innerhalb von einer Stunde sechs Bier getrunken und drei meiner Stachel(n) gegessen, da du dachtest, es seien Paprika-Sticks. Frage doch mal die Schlampe von Lilie neben mir.“
„Ich bin keine Schlampe“, wehrt sich die Lilie vehement. „Du solltest dich nur ein paar Mal rasieren und was ich dir von Anfang sagte, deine Sporen passen nicht zu meinen!“
„Ja, ist klar! Aber dem Christusstern immer schöne Blüten machen, wa?“

„Marv, alles klar?“, fragt mich Zhera herzlich aus dem Hinterhalt und reißt mich aus meiner verstörten Realität.
„Hast du schon einmal einen Kaktus und eine Lilie über Beziehungsprobleme diskutieren gehört?“
Zhera entfernt sich einen Schritt von meiner Person, verzieht ihren Mund, lacht aber dann und meint: „Wie früher, Marv. Manche Sachen ändern sich nie!“
„Nein, Zhera, ernsthaft, die beiden hier haben richtigen Beziehungsstress“, und ich zeige auf die Fensterbank hinter mir.


.: Fortsetzung folgt - zurück zu den Geschichten :.


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