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"Ich hatte heute Nacht meinen Eisprung", höre ich hinter mir. Na, das ist ja ein schönes Thema, denke ich mir. Mal etwas anderes als dieser übliche Smalltalk. "Nein, ehrlich? Ich auch", antwortet eine begeisterte Stimme - immer noch hinter mir. Danach folgt ein Gekicher der besonderen Art. Keiner kann es definieren, aber es scheint, dass sich die Freundschaft hinter mir, wegen des gleichzeitigen Eisprungs, gefestigt hat. "Alter, ich sage Dir, die macht alles", ertönt es vor mir. "Boah, ey, laber nich", wird geantwortet. "Doch, ich schwör', ey", sagt die erste Stimme. Joa, doch, auch ein nettes Thema. Ich kann mich nicht beschweren. Hinter mir der Eisprung und vor mir eine, die, aus Erzählungen natürlich nur, alles macht. Ich schwör'. Passt ja auch irgendwie. Ich überlege, ob die vier sich vielleicht nicht sogar kennen, denn wenn sie, die den Eisprung gestern gehabt hat, ja alles macht, hat sie den Eisprung vielleicht von ihm. Schwören kann ich das nicht - klingt aber nach Verschwörung. Plötzlich erscheinen aus meinem toten Sehwinkel zwei Damen mittleren Alters. "Ich sagte zu ihm, das ich das nicht mache. Wenn er das von mir verlange, kann er sich jemand anderen suchen." "Und was meinte er dann darauf?", fragt die andere Dame schockiert. "Er schwor, dass es das letzte Mal sei." Bühne auf für freie Gedanken: Hinter-mir-sie hat ihren Eisprung, da sie alles macht - ich schwör'. Der Vor-mir-Typ will sich aber ändern, da sie doch nicht alles macht. Da er sie aber nicht verlieren mag, wird er sich ändern und seine Show das letzte Mal abgezogen haben. Es entsteht eine kleine Geschichte in meinem Kopf. Zwar ist sie aus dem Mund unterschiedlicher Leute um mich herum, aber - hey - was soll's. Ich lasse meine Phantasie einfach einmal Gassi gehen. "Danach gingen wir romantisch essen", erhasche ich nun rechts neben mir. "Ach, und wo ward ihr genau?", fragt es zurück. "In einem kleinen, französischen Restaurant." "Und musstet ihr auch auf französisch bestellen?" Natürlich, in jedem kleinen Restaurant muss man in deren Sprache bestellen. Ich bin einmal in einem kleinen Cina-Imbiss gewesen. Das war vielleicht ein Stress ‚gebratene Nudeln mit Schweinefleisch' auf chinesisch zu bestellen. "Aber natürlich. Du weißt doch, dass ich Französisch in der Schule hatte." Oh! "Und was hast Du bestellt? Also auf französisch." "Ach, das spielt jetzt keine Rolle. Ich hatte zuerst eine Zwiebelsuppe und danach panierte Froschschenkel." Froschschenkel? "Panierte Froschschenkel? Sind die nicht verboten?" Genau. "Nun, es war ja auch ein kleines Restaurant, was kaum bekannt ist", sagt die Stimme erhaben. Na, wenn das so ist. Ich dachte schon, das dürften alle. Das wäre ja vielleicht etwas. Obwohl, Froschschenkel... Ich weiß noch, wie ich in der Schule an die Ischiasnerven zwei Stromleitungen anlegte und die Schenkel wieder zu zucken begannen. Ich habe mich, wie Doktor Frankenstein gefühlt, der die Unterleibshälfte eines Frosches wieder zum Leben erweckt. Aber davon einmal abgesehen. "Aber ich sage Dir, die waren lecker." Da kommt mir eine Idee. Ein schöner Gedanke wäre es ja schon, wenn ein Kellner sich den Spaß machen würde, die Ischiasnerven zu suchen und diese mit elektronischen Chips verklebt. Da die Schenkel paniert sind, kann man die Chips, die den Stromstoß erzeugen, kaum erkennen. Und immer wenn, wenn der Gast ein Stück abschneidet, drückt der gewitzte Kellner auf eine kleine Fernbedienung und die Schenkel würden alle beginnen zu hüpfen. Das wäre doch wenigstens ein Erlebnis, was man nicht allzu schnell vergisst.
Ich schaue an die Decke des Raumes und sehe, dass der Zigarettenrauch von den kleinen Lämpchen angezogen wird und sich wie kleine Spiralen zu einem Hauch von Nichts auflöst. Ich nippe an meinem Kaffee. Lecker, schön schwarz, kein Zucker, keine Milch, eben nur schwarz. Ein Kaffee muss auch schwarz sein, denn meine Oma hat schon immer zu mir gesagt: "Nur schöne Menschen trinken schwarz." Ich nehme mir heute einfach die Arroganz heraus und bezeichne mich deswegen als einen schönen Menschen. Ich bin so schön, dass ich jedes Mal mein Spiegelbild küssen könnte. Aber nur heute - da ich mir das Recht nehme, schön zu sein. Ich bin so schön, dass ich mich mit mir glatt verabreden würde und doch gleichzeitig Angst hätte, einen Korb von mir zu bekommen. So schön bin ich. Ich bin so schön, dass ich ... "Ich habe meinem Freund gestern gesagt, dass ich mit ihm in einen Swingerclub möchte." Ich bin so schön, dass ... wie bitte? Weg vom Egotrip, das ist interessanter - links neben mir. "Wirklich? Dann können wir ja endlich zusammen ins ‚Swing Around' gehen." "Nicht wahr", gluckst es neben mir. "Seine Reaktion war aber etwas kritisch." Kann ich nicht verstehen. ER muss ja stocksteif sein. So etwas macht doch nun wirklich jeder. "Ach, wieso das denn?" Ja, genau. Wir sind alle perplex. Kläre uns bitte auf. "Er meinte, er könnte es nicht ertragen, mich mit anderen Partnern zu sehen." "Es sind ja auch keine Partner. Nur Sexpartner." Genau! "Eben, ich verstehe ihn da auch nicht. Gut, der Hans ist auch dabei, mein Exehemann, aber da soll er sich mal nicht so anstellen." Aber hallo! "Genau", und ich höre einen Klopfer auf den Tisch, "er könnte genauso gut seine Exehefrau einladen. Wir sind doch da ganz offen." Ich klopfe zurück. "Eben." Eben. Swingerclub? Da kommt man bestimmt nur rein, wenn man so schön ist, wie ich und ich wage einen Blick nach links. Nun, schön sind die beiden nicht gerade. Dann will ich auch nicht dahin. Ich will nur zu meinesgleichen - zu schönen Menschen eben. Ich merke, es tut ganz gut, sich als schön zu betiteln. Geht runter wie Öl. Aber ich kann das noch toppen: Ich bin jetzt schön und intelligent. Oh ja, das passt richtig gut zu mir. Ich fühle mich pudelwohl. Überall sitzen hässliche Menschen. Nur ich bin schön und intelligent. Nach einer Weile des eigenen Bauchpinselns wird selbst das zu öde und langweilig und ich fahre einen Gang herunter. War aber eine schöne Zeit, schön und intelligent zu sein. Wie heißt es so schön, wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören. Ach, wie schön!
Mein Kaffee ist mittlerweile kalt geworden und ungenießbar. Kalter Kaffee, pfui Spinne. Nur unschöne Menschen trinken kalten Kaffee. Ich klatsche mir sofort vor die Stirn, da ich doch mit der ‚Schön'-Phase aufhören wollte. Aber es ist wirklich schwer. Ich strecke meinen Zeigefinger in die Luft und sofort erscheint ein Kellner, der mir meine Rechung bringt. Ich bezahle und bedanke mich für das schöne und amüsante Ambiente und verbeuge mich innerlich in die Richtung Norden, Osten, Süden und Westen. Einmal zur Erzählung der Dame, die wirklich alles macht, zu den zuckenden Froschschenkeln, sowie zu dem Eisprung mit einem großen Verbeugen und mit Ovationen dem Swingerclub und seinem Hans. Danke, danke und noch einmal danke. Ich verlasse das Café und gehe nach Hause.
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